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Ozean

Die Reise in den Inner Space beginnt

Kein Mensch weiß, was sich in dem geheimnisvollen Ozean alles verbirgt. Bestseller-Autor Frank Schätzing (»Der Schwarm«) schreibt über den Aufbruch »nach unten«. In diesem Teil: Die Revolution der Meeresforschung steht bevor.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Reise in den Inner Space beginntDie Reise in den Inner Space beginnt

Die Tiefen der Meere sind weniger bekannt als die Rückseite des Mondes; kein Mensch weiß, was sich in diesem geheimnisvollen Unterwasser-Universum alles verbirgt. Doch immer energischer suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten, in die Welt der Ozeane einzudringen. Bestseller-Autor Frank Schätzing (»Der Schwarm«) schreibt in der neuen vierteiligen P.M.-Serie über den Aufbruch »nach unten«. In diesem Teil: Die Revolution der Meeresforschung steht bevor.

Wussten wir’s doch! Es gibt ihn, den Riesenkalmar. Jahrelang mussten wir uns mit seinen schäbigen Hinterlassenschaften begnügen, abgerissenen Tentakeln und wenig appetitlichen Körperfragmenten, die an Stränden fliegenreich vor sich hingammelten. Jetzt endlich haben die Japaner einen lebenden Verwandten des mythischen Untiers fotografiert. In einer Futterfalle war er hängen geblieben, 900 Meter unter dem Meeresspiegel. Nach vierstündigem Versuch, sich zu befreien, trennte sich der verhakte Vielfraß notgedrungen von einer seiner Extremitäten, und die Forschung war um eine Trophäe reicher.

Warum bloß hat es so lange gedauert, den Meister im achtfachen Armdrücken – Nummer neun und zehn sind keine Arme, sondern zwei peitschenartige Tentakel – vor die Linse zu bekommen? Weil er so selten ist? Fast getroffen. Der Hauptgrund ist verzwickter und offenbart ein ewiges Dilemma der Aquanautik. Wären die ozeanischen Tiefen nicht in biblische Finsternis getaucht, könnten wir wohl allerhand Erstaunliches entdecken, aber leider sehen wir spätestens in 100 Meter Tiefe gar nichts mehr. Also rücken wir dem Unbekannten mit blubbernden und brummenden Tauchbooten zu Leibe, entflammen starke Halogenscheinwerfer, die vielleicht ein Umfeld von 20 bis 30 Metern erhellen, aber selten unseren Horizont. Bewohner ozeanischer Abgründe verfügen über einen feinen Sinnesapparat, wozu auch gehört, die Druckwelle eines Tauchboots zu spüren, lange bevor es eintrifft. In ewiger Nacht haben die meisten Organismen zudem Augen entwickelt, die noch den schwächsten Lichtschimmer wahrnehmen.

Da hängen sie nun im Nichts, die Forscher, ohne den Kalmar zu sehen, der sie seinerseits sehr wohl sieht, nur dass er sich nicht muckst. Gallig hat es ein amerikanischer Forscher auf den Punkt gebracht: »Da unten gibt es jede Menge Leben! Das Problem ist, dass es jedes Mal auf die Seite geht, wenn wir kommen.«

Nicht nur die Tiefenstürmer starren ins Leere. Auch knapp unter der Oberfläche spielt sich ein frustrierendes Haschmich ab. Zwar entwickeln Meerestiere für schwimmende Strukturen beträchtliche Neugierde, allerdings nicht, wenn diese sich mit dem Feingefühl eines Elefanten nähern. Tauchkonstruktionen machen nun mal Lärm, vollführen unnatürliche Bewegungen und müssen, wenn’s richtig spannend wird, wieder nach oben, damit es den Insassen nicht auf ewig den Atem verschlägt. Roboter können länger und tiefer, das Vertrauen von Kalmar und Co. wecken sie darum noch lange nicht. Was einem blüht, der sich mit unbekannten Tauchobjekten einlässt, davon kann man nach Verlust eines Tentakels ein Lied singen – wenn man denn singen könnte.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.2 (5 Bewertungen)
Autor/in: Frank Schätzing


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