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Gesellschaft

Die neuen Vandalen: Wenn Terror zum Alltag wird

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die neuen Vandalen -  Wenn Terror zum Alltag wirdDie neuen Vandalen -  Wenn Terror zum Alltag wird

Sie stammen aus allen sozialen Schichten und richten immer krassere Schäden an. Die Kosten allein in Deutschland: jährlich rund eine Milliarde Euro! Doch die jungen Vandalen wissen nicht, was sie tun – über ihre Motive können sie selbst meist nichts sagen. Umso intensiver erforschen Wissenschaftler jetzt die Ursachen sinnloser Zerstörungslust.

Das Kunstwerk »Sonnenturm« stand gerade mal einen Mo-nat im Münchner Stadtteil Pasing. Dann war es demoliert. Zwei Acrylscheiben wurden eingeschlagen, mehrere Sonnenräder verbogen und zahlreiche Kabel abgerissen. Schaden: mehrere tausend Euro. Das Motiv: so unbekannt wie die Täter. Teurer wurde es für ein Autohaus in Leipzig, das über Nacht verwüstet wurde. Pflastersteine flogen durch die Schaufensterfront, sieben Neuwagen wurden beschädigt, mehrere Fahrzeuge waren zerkratzt oder standen mit zertrümmerten Scheiben da. Schaden: 50000 Euro. Zehn Millionen Euro kostet es Hamburg jährlich, die Vandalismusschäden in öffentlichen Verkehrsmitteln zu reparieren, 50 Millionen Euro gibt Berlin dafür aus, zwei Millionen Euro München. Zuwachsrate zwischen 2000 und 2004: 66 Prozent. Insgesamt kostet Vandalismus in Deutschland fast eine Milliarde Euro pro Jahr.

Sozialforscher behaupten, dass Vandalismus zum Volkssport geworden ist. Vor allem Jugendliche zeigen Aggressionen gegen Dinge, die ihnen nicht gehören. In einer vertraulichen Befragung von Schülern in Nürnberg gaben 95 Prozent zu, schon einmal etwas vorsätzlich beschädigt zu haben. 70 Prozent gestanden sogar schwere Sachbeschädigung. Motive dafür konnten sie kaum nennen. Das können die wenigsten der Täter. Der 14-jährige René wurde in Frankfurt beim »Ripping« (Zerschneiden von Sitzen) in einem Zugabteil erwischt. Er sagte: »Also, mein Kumpel hat auf einmal das Butterfly rausgeholt und einen Triangel rausgeschnitten, dann hat er mir das Messer gegeben, und ich hab ein Kreuz reingemacht. Warum? Einfach bloß so.«

Psychologen und Soziologen allerdings genügt eine solche Aussage nicht, seit etwa einem halben Jahrhundert untersuchen sie systematisch, welche Ursachen der zunehmende Vandalismus hat. Begonnen hat das Phänomen aber schon viel früher. Der Begriff Vandalismus führt auf den ostgermanischen Volksstamm der Vandalen zurück, der an der unteren Weichsel (im heutigen Polen) lebte und vor genau 1600 Jahren von den Hunnen vertrieben wurde. Die Vandalen flohen quer durch Europa bis nach Nordafrika und hinterließen dabei eine Spur der Zerstörung, die schon damals Aufsehen erregte. Als sie aber im Jahr 455 Rom überfielen und 14 Tage lang plünderten, war ihr Ruf endgültig ruiniert. Die Römer behaupteten, der berüchtigte germanische Stamm habe nicht nur alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war, sondern darüber hinaus sinnlos Tempel und Paläste zerstört.

Diese Behauptung war ein bisschen übertrieben. In Wahrheit hatten sich die Vandalen in Rom für damalige Verhältnisse geradezu gesittet benommen und die Stadt nur ausgeraubt und kaum verwüstet. Trotzdem fiel dem französischen Bischof Henri Grégoire 1794 als Erstes ihr Name ein, als er die vorsätzliche Zerstörung unersetzbarer Kunstwerke während der Französischen Revolution (1789 – 1799) beschreiben wollte. Seitdem ist der Begriff »Vandalismus« das Synonym für sinnlose Verwüstungen.

Sinnlos erscheint Vandalismus aber nur Außenstehenden. Auch wenn die Täter selbst oft nicht ausdrücken können, warum sie randalierend durch die Städte ziehen, Autos zerkratzen, Straßenlampen zerstören, Wartehäuschen demolieren, Gartentore aus der Verankerung reißen und Fahrräder umwerfen – die Fachleute haben nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von Erklärungen für dieses kriminelle Verhalten.

Ihnen ist aufgefallen, dass die meisten Vandalenakte von männlichen Heranwachsenden begangen werden, wenn sie mit Kumpels unterwegs sind. Die Forscher nennen diese Gruppen »Peer Groups«. Offenbar, so sagen sie, finden in diesen Gruppen soziale Prozesse statt, die zu gewalttätigen Handlungen gegen Dinge und Menschen führen können. »Jugendliche«, erklärt der Schweizer Kriminologie-Professor Martin Killias, »leben in westlichen Kulturen zunehmend nach dem Motto: cooler, krasser, riskanter, um dem vermeintlich öden Alltag zu entgehen.« Ihnen fehlen in der modernen Gesellschaft verbindliche Werte und die kontrollierenden Einflüsse der Eltern und der Schulen. Stattdessen orientieren sie sich an den anscheinend coolen, riskanten und gefährlichen Aktionen von TV-Sendungen wie »Jackass« auf MTV, wo Stuntmen ohne Rücksicht auf Verluste Gegenstände beschädigen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Killias: »Nicht krimineller Geist steckt hinter vielen zerstörerischen Vergehen, sondern der Wunsch nach Unterhaltung und das Gefühl, megacool zu sein.«

Der Kriminalpsychologe Uwe Füllgrabe hat untersucht, was der Auslöser für Vandalismus sein kann. Dabei fand er heraus, dass viele der Täter Vandalismus als psychologische Taktik einsetzen, um das eigene Selbstwertgefühl zu erhöhen. Sie leben häufig in monotonen Wohnlandschaften (Beton-Hochhäuser, Plattenbauten), gehen einer monotonen Arbeit (Fließband) nach oder sind arbeitslos und haben Statusprobleme – das heißt, sie fühlen sich nicht anerkannt. Der Mangel an Anerkennung bedrückt aber nicht nur Personen aus der sozialen Unterschicht, sondern häufig auch Jugendliche aus »besseren Kreisen«, die trotz besserer materieller Bedingungen oft unter Zukunftsängsten und Selbstwertproblemen leiden.

Beiden Gruppen ist gemeinsam, dass sie Lösungen suchen, um sich aus ihrer inneren Leere und ihrem Gefühl von Bedeutungslosigkeit zu befreien. Dazu geeignet ist jede Form von Spannung, die man seinem Leben geben kann. Die einen suchen ihren Adrenalin-Kick beim Bungee-Springen, beim Wildwasserfahren oder bei einem anderen Extremsport. Manche suchen das Abenteuer im sexuellen Bereich. Aber viele finden den »Thrill« in vandalistischen Handlungen.

Dazu zählen Wandschmierereien (»Spraying«), das Zerkratzen von Scheiben (»Scratching«), das Zerschneiden von Sitzen (»Ripping«), aber auch schwere Sachbeschädigung, brutale Prügelangriffe von Hooligans bei Fußballspielen, Tierquälerei und das Verschicken von Viren oder Würmern, die fremde Computer lahm legen. In jedem dieser Fälle führt die Tat beim Täter zu einem Gefühl der Lust, der Befriedigung und der eigenen Bedeutsamkeit in einer zunehmend anonymen Gesellschaft, in welcher der Einzelne glaubt, ohne extreme Taten überhaupt keine Aufmerksamkeit erringen zu können.

Dass selbst Studenten gegen diesen psychologischen Mechanismus nicht gefeit sind, bewies ein so genanntes »Smash In«-Experiment des Psychologen Philip Zimbardo an der amerikanischen Elite-Universität Stanford. Der Professor hatte seinen Studenten ein Auto und einen Vorschlaghammer zur Verfügung gestellt und erteilte ihnen die Erlaubnis, das Fahrzeug zu zerstören. Die ersten Schläge waren noch etwas zögerlich, aber dann kamen die Studenten in Fahrt und wurden von einem »erheiternden, berauschenden Gefühl des physischen Zerstörens mitgerissen«, wie der deutsche Vandalismus-Forscher Mark Schneider beschreibt. Einer der Studenten trampelte auf dem Dach des Autos herum, zwei versuchten die Türen aus der Karosserie herauszuhebeln, und ein weiterer nahm sich alle Scheiben vor. Sie verwandelten das Auto nicht nur in kürzester Zeit in einen Schrotthaufen, sondern zündeten es auch noch an. Und dann geriet die Situation völlig außer Kontrolle. Als die Feuerwehr eintraf, um den Brand zu löschen, versuchten die Studenten dies zu unterbinden. Schließlich sah sich Zimbardo gezwungen, die Polizei zu rufen, um weitere Zerstörungen zu verhindern.

Das Experiment belegt, wie schnell das Gehirn außer Kontrolle gerät – egal, aus welchem gesellschaftlichen Umfeld die betroffene Person stammt. Im ältesten Teil des Gehirns, dem Gehirnstamm, sind hoch aggressive Verhaltensmuster aus der Saurierzeit verankert, die normalerweise von der evolutionsgeschichtlich modernen Hirnrinde in Schach gehalten werden. Wie sie das zu bewerkstelligen hat, muss die Hirnrinde allerdings erst lernen. Bei Kleinkindern ist die Kontrollfunktion noch gering ausgeprägt, deshalb haben diese überhaupt keine Hemmungen, bei einer Auseinandersetzung im Sandkasten dem Kontrahenten ihr Schäufelchen auf den Kopf zu hauen. Erst nach Ende der Pubertät ist dieser Lernprozess weitgehend abgeschlossen. Aber darauf verlassen kann man sich nicht.

Der amerikanische Sozialpsychologe Leonard Berkowitz hat erforscht, wie auch bei Erwachsenen ein kleiner Auslöser genügt, um die assoziativen Netzwerke im Gehirn (die Gefühle, physiologische Prozesse, motorische Reaktionen, Gedanken und Erinnerungen miteinander verknüpfen) geradezu zum Heißlaufen zu bringen. Er nennt das »Priming«. Dabei verliert die Hirnrinde ihre ethische und moralische Kontrollfunktion, und die Menschen verhalten sich plötzlich wie die Saurier vor 60 Millionen Jahren: erst mal zuschlagen. Der Auslöser kann eine unangenehme Erinnerung sein oder aber – wie im »Smash In« der Studenten – das beglückende und befreiende Gefühl, etwas Verbotenes tun zu können.

Auch ein anderes Feldexperiment von Zimbardo gab interessante Hinweise auf den Auslöser für vandalistische Randale. Zimbardo ließ zwei gut erhaltene Gebrauchtwagen ohne Nummernschilder mit geöffneter Motor- und Kofferraumhaube auf der Straße abstellen. Das eine Auto stand im damals ziemlich verwahrlosten New Yorker Stadtteil Bronx, das andere in der wohlhabenden Gegend nahe der Stanford-Universität in Palo Alto/Kalifornien. Versteckte Beobachter protokollierten, was dann geschah. In New York dauerte es nur zehn Minuten, bis die ersten Plünderer sich über das Auto hermachten: ein Ehepaar mit seinem jungen Sohn. Die Frau stand Schmiere, während Vater und Sohn den Kofferraum und das Handschuhfach leerten, den Kühler heraussägten und die Batterie herausrissen. Kaum war die Familie weg, bockte ein vorbeikommender Fahrer das Auto mit dem Wagenheber hoch und stahl die besten Räder. Bis zum Abend waren alle brauchbaren Autoteile komplett entfernt. Danach ging’s dem Auto richtig an den Kragen. Jugendliche und Kinder warfen die Fenster ein und verbeulten die Karosserie mit Fußtritten. Eine Passant pinkelte gegen den Kotflügel, ein anderer schlitzte die verbliebenen Reifen auf. Nach drei Tagen und 23 vandalistischen Aktionen war das Auto vollständig zerstört.

In Palo Alto dagegen stand das Auto eine ganze Woche lang herum, ohne dass sich jemand darum kümmerte. Dann kam ein Fußgänger vorbei und schloss sogar die Kühlerhaube, um zu verhindern, dass der Motor im einsetzenden Regen nass wurde.

Damit bestätigte sich die »Filtering Down«-Theorie der Psychologen, die besagt, dass das Sozialverhalten der Menschen sich mit dem Zustand ihrer Umgebung verschlechtert: Fängt ein Stadtteil erst einmal an zu verlottern, »verwahrlost« auch zunehmend das Verhalten der Menschen in diesem Stadtteil. Es entsteht eine Spirale der Zerstörungslust, die sich immer schneller dreht. In intakten Wohngebieten dagegen gibt es kaum Anreize für vandalistische Handlungen.

Ausgeschlossen sind sie allerdings auch dort nicht. Vandalismus kann nämlich durch viele Faktoren ausgelöst werden. Einer davon ist Neid. Deshalb war es bei Jugendlichen jahrelang Mode, Mercedes-Sterne von teuren Limousinen abzubrechen. Ein anderer Auslöser hat eher eine »ästhetische« Qualität. Wenn ein Gegenstand sich bei der Zerstörung besonders »attraktiv« verhält, ist er ein beliebtes Zielobjekt bei Vandalen. Große Fensterscheiben, die mit einem lauten Geräusch bersten, sind für die Täter interessanter als kleine Glasflächen, die mit einem schlaffen Klirren brechen. Deshalb sind auch Brandanschläge so beliebt; Flammen üben eine ganz besondere Faszination aus.

Ganz unbeliebt bei diesen Tätern dagegen sind Dinge, die nicht kaputtgehen wollen: Federnde Plastikscheiben, unverwüstliche Edelstahlgeländer oder Graffiti-resistente Wände verderben ihnen den Spaß an der Zerstörung. Wenn man ein Dutzend Mal mit dem Baseballschläger auf eine Straßenlampe einprügelt und nichts passiert, macht sich jeder Vandale in der Peer Group lächerlich, anstatt Respekt und Bewunderung zu ernten und damit sein Selbstbewusstsein zu stärken.

Auf der anderen Seite finden die Jugendlichen immer neue Möglichkeiten, ihre Aggressionen vandalistisch zu demonstrieren. Die neueste, extrem brutale Mode nennt sich »Happy Slapping« und kommt aus England. Statt Gegenstände zu demolieren, prügeln die britischen Vandalen jetzt auf harmlose Passagiere von U- und S-Bahnen oder Nahverkehrsbussen ein. Einer der Täter filmt den Überfall mit seinem Foto-Handy und verbreitet das Mini-Video unverzüglich an alle Freunde.

»Manche Jugendliche«, sagt der britische Kulturforscher Graham Barnfield von der University of East London, »sehen Happy Slapping als eine Abkürzung zum schnellen Ruhm in ihrer Gang. Sie wollen nicht ihr Leben lang auf Prominenz warten, wenn das – ihrer Meinung nach – auch mit einem 15-Sekunden-Filmchen gelingen kann. Happy Slapping ist eine Reaktion auf eine Gesellschaft, die immer exhibitionistischer und voyeuristischer wird. Die Einstellung zu Privatsphäre und Intimität hat sich total geändert. Es gibt einfach keinen Respekt mehr vor dem Gegenüber, keine Empathie, keine Solidarität. Wir sehen Menschen, die sich bei Big Brother einsperren lassen, um vor laufender Kamera Sex zu haben. Wir sehen Saddam Hussein in Unterhosen. Und wir sehen Jugendliche, die andere schlagen und das filmen.«

Die bisherigen kriminellen Höhepunkte von Happy Slapping: Zwei Jugendliche zünden einen Betrunkenen an und filmen, wie er brennt. Und drei 14-Jährige vergewaltigen eine Elfjährige. Die Bilder davon senden sie an alle Mitschüler.

Barnfiel hat wenig Hoffnung, dass diese Taten nicht noch übertroffen werden können: »Happy Slapping ist ein Phanömen der Zeit – wenn auch ein sehr krankes –, und solche erledigen sich gewöhnlich von selbst. Die Straßengewalt wird allerdings nicht enden, sie wird sich eine neue Form suchen. Davon müssen wir leider ausgehen.«

Eine Möglichkeit, den Vandalismus einzudämmen, ist die »Zero Tolerance«-Politik, die von der New Yorker Polizei angewandt wird. Sie beruht auf der »Broken Window«-Theorie des amerikanischen Politikwissenschaftlers James Q. Wilson und des Kriminologen George L. Kelling, die 1982 erstmals veröffentlicht wurde und zu ähnlichen Aussagen kommt wie die »Filtering Down«-Theorie. Wilson und Kelling: »Eine stabile Nachbarschaft von Familien, die für ihre Häuser sorgen, gegenseitig auf die Kinder achtgeben und selbstbewusst ungewollte Eindringlinge missbilligen, kann sich innerhalb einiger Jahre oder auch Monate in einen unwirtlichen und Angst einflößenden Dschungel verwandeln. Ein Grundstück ist verlassen, das Unkraut wächst, und eine Scheibe wird eingeschlagen. Erwachsene schelten lärmende Kinder nicht mehr; die Kinder werden rebellischer. Familien ziehen aus, ungebundene Erwachsene ziehen ein. Jugendliche treffen sich vor dem Laden an der Ecke. Der Ladenbesitzer fordert sie auf wegzugehen, sie weigern sich. Es kommt zu Auseinandersetzungen. Abfall häuft sich. Die Leute beginnen vor dem Laden zu trinken; und dann stürzt ein Betrunkener auf dem Bürgersteig, darf liegen bleiben und seinen Rausch ausschlafen.«

Die Folgen: »Viele Einwohner glauben, dass die Kriminalität sich erhöht, insbesondere Gewaltverbrechen ansteigen. Sie werden ihr Verhalten daraufhin entsprechend ändern. So gehen sie weniger oft auf die Straße und begegnen ihren Mitbürgern mit mehr Distanz; sie werden sich mit abgewandten Augen, verschlossenen Lippen und schnellen Schritten fortbewegen – nach dem Motto: sich bloß nicht verwickeln lassen.«

So verändert sich das ganze soziale Gefüge der betroffenen Gegend. Der »Filtering Down«-Effekt setzt mit brachialer Gewalt ein. Die »anständigen« Bürger verschanzen sich in ihren Wohnungen oder ziehen weg. Die bisher übliche soziale
Kontrolle wird schwächer. Die Straße fällt in die Hand der Vandalen ...

Dagegen setzt die New Yorker Polizei seit 1993 ihre »Null Toleranz«-Strategie. Schon kleine Verstöße gegen die Ordnung, wie zum Beispiel Schwarzfahren, Schlafen in Hauseingängen, Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit oder Betteln, werden hart bestraft. Anscheinend mit Erfolg: Innerhalb von drei Jahren sank die Kriminalität um 35 Prozent, Mord und Totschlag reduzierten sich sogar um die Hälfte.

Dennoch gibt es harsche Kritik an dieser Strategie, weil sie nur die Symptome bekämpft, aber nicht die Ursachen. Die Aggressionen der potenziellen Täter werden unterdrückt, aber nicht aufgelöst. Dazu kommt, dass selbst harmlose Ordnungswidrigkeiten wie Betteln oder das Herumlungern von Jugendlichen an Stra-ßenkreuzungen auf diese Weise kriminalisiert wurden. Die deutschen Behörden wählen deshalb mehrheitlich einen anderen Ansatz, der die Vorbeugung in den Vordergrund stellt. Dazu gehört, ungünstige soziale Strukturen zu verändern, Armut zu bekämpfen und den Jugendlichen eine Chance zu geben, ihr Selbstbewusstsein auf sozial anerkannte Weise zu stärken. Sprayer werden zum Beispiel eingeladen, statt illegal Eisenbahnwaggons ganz legal die Wände öffentlicher Gebäude zu verzieren. Stadtplaner und Architekten arbeiten da-ran, Stadtteile wohnlicher zu machen, und in Gelsenkirchen schaffte es das Fan-Projekt »Mit uns nicht – Spieler und Fans gegen Zerstörung«, die Verwüstung in Straßenbahnen und Bussen nach Schalke-Spielen nahezu auf Null zu bringen.

Wie? Indem prominente Kicker des Vereins Patenschaften für die Fahrzeuge übernahmen.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4 (1 Bewertung)
Autor/in: Hannes Relssienk


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