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Schriftforschung & Esoterik

Die neue Magie der Runen

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Runenstein mit Ornament
Anna-Lena Ramm / pixelio.de

Nicht mehr nur Wissenschaftler interessieren sich heute für die geheimnisvollen Zeichen und ihre Botschaften. Die Runen sind zwar längst entziffert, stecken aber voll ungelöster Fragen. Was sind ihre Wurzeln? Wer hat die Runen erfunden? Haben sie vielleicht eine verborgene Bedeutung?

Zuerst fiel Ingwaz, die Rune der Fruchtbarkeit, dann Naudiz, die Rune der Schmerzen, und am Ende Dagaz, die Rune des Durchbruchs. Dem amerikanischen Anthropologen Ralph Blum, der die Orakelsteine mit den eingeritzten Runen geworfen hatte, war die Botschaft völlig klar: Der Zeitpunkt ist günstig, der Weg wird schwer, aber am Ende winkt der Erfolg. Und genauso kam es auch: Das »Book of Runes« des umstrittenen Autors, der sich heute ganz der Erforschung von Orakeln verschrieben hat, löste 1982 einen internationalen Runenboom aus, der bis heute unvermindert anhält.

Egal, ob Sprachwissenschaftler über geheimnisvollen Inschriften brüten, neuheidnische Esoteriker die Weisheit der Runen befragen oder auf der schwedischen Insel Adelsö moderne »Runenritzer« an Repliken von Runensteinen basteln – die spitzigen Zeichen besitzen eine magische Aura, die nicht nur zu seriöser Erforschung motiviert, sondern auch Spekulationen Tür und Tor öffnet.

Schon im 17. Jahrhundert, als Wissenschaftler sich erstmals mit den nordischen Buchstaben beschäftigten, begann das schwärmerische Munkeln. Man deutete die Schrift als die älteste der Welt, entstanden noch vor der Sintflut und vollgepackt mit dem Wissen prähistorischer Magier. Düstere Überheblichkeits- und Erlösungs-Fantasien verbanden ab dem 19. Jahrhundert Okkultisten und in ihrem Gefolge Nazi-Ideologen mit den Buchstaben – die fatale Überfrachtung zeigt bis heute ihre Wirkung.

Und als der britische Schriftsteller J. R. R. Tolkien (1892–1973) die »Hobbits« und andere Fabelwesen in runenartigen Schriften kommunizieren ließ, setzte er unbeabsichtigt einen Geheimschriften-Kult in Gang, der noch immer durchs Internet wabert. Doch welches sind die Gründe für die Verklärung einer Buchstabenreihe, die über lange Zeit nicht geschrieben, sondern in Metall und Stein, auf Knochen oder Holz eingeritzt wurde? Stecken in den aus Stäben, Haken und Zweigen bestehenden Zeichen tatsächlich verborgene Botschaften? Und wenn ja – welche?

Einer der anerkanntesten Runologen Europas, der Göttinger Philologe Klaus Düwel, sieht eine erste Erklärung schon im Wort selbst: Rune kommt aus dem Gotischen und bedeutet »Geheimnis« (die alte Bedeutung klingt auch noch in unserem Verb »raunen« nach). Von Anfang an haftet der Buchstabenreihe also der Ruch des Mysteriums an. Sicher drückten die ersten Schreiber damit ihren großen Respekt für die Schrift aus. Aber vielleicht ist der Name auch ein Hinweis darauf, dass mit diesen Zeichen geheimnisvolle Dinge getrieben wurden, von denen noch die Rede sein wird.

Überraschend viele Kulturen führen ihre Schriftzeichen auf die Götter zurück. Für die alten Ägypter beispielsweise waren die »heiligen Vertiefungen« (wörtliche Bedeutung von »Hieroglyphen«) eine Schöpfung von Thot, dem Gott der Weisheit und der Medizin. Auch nach germanischem Weltverständnis stand ein Gott am Anfang der Schrift: Odin, der Herr der Ekstase und des heiligen Zorns. In der Liedersammlung der »Edda«, deren erste Niederschriften vermutlich im 9. Jahrhundert entstanden sind, heißt es: Der ungestüme Gott habe sich mit seinem Speer aufgeschlitzt, habe dann neun Tage und Nächte an der Weltesche, dem Symbol der Schöpfung, zwischen Tod und Leben gehangen und am Ende die Runen erkannt, die heilige Schrift.

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