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Evolution & Zeitgeist

Die neue Lust am Gehen

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die neue Lust am GehenDie neue Lust am Gehen

Mehrere hunderttausend Kilometer geht der Mensch im Zuge seines Lebens. Ob auf Pilgerreisen, Extremtouren oder einfachen Spaziergängen: Gehen liegt im Trend. Über Millionen Jahre hat es sich tief in unsere Gene eingeprägt.

Das Mädchen war 16 Jahre alt, eine hübsche Blonde mit schmalem Gesicht und wilden Locken, als es 1983 in Schottland aufbrach, um als erste Frau zu Fuß um die Welt zu wandern. Ffyona Campbell ging 32 000 Kilometer und war elf Jahre unterwegs.
Der Finanzmanager war Spezialist für feindliche Übernahmen, als er 2007 seinen hoch bezahlten Job im Frankfurter Bankenviertel hinschmiss und zu Fuß durch die Alpen ging. Rudolf Wötzel wanderte 1800 Kilometer in vier Monaten, bestieg 129 Gipfel, darunter Matterhorn und Montblanc, und tat dabei von Salzburg bis Nizza fünf Millionen Schritte.

Der Strafgefangene saß in einer Einzelzelle in Berlin-Spandau, als er beschloss, nach Heidelberg zu wandern. Er hatte dort schöne Schuljahre verbracht, die Entfernung betrug 620 Kilometer. Der Häftling maß im Gefängnishof mit Schritten einen 270-Meter-Rundkurs aus, beim täglichen Hofgang marschierte er von September 1954 bis März 1955 insgesamt 2296 Runden, dann war Albert Speer an seinem imaginären Ziel. Als Nächstes wanderte Speer im Geist nach München, von dort weiter bis Istanbul und hinein nach Asien — Hitlers einstiger Chefarchitekt und Rüstungsminister hatte bis zu seiner Haftentlassung 1966 noch Zeit für viele, viele Runden.

Der Mensch geht viel und gern zu Fuß: Dafür gibt es auch im Zeitalter von Pkw, ICE und globalen Flugverbindungen eine Fülle von Beispielen. Exzentrische und »normale« Beispiele, literarische, spirituelle, sportliche, auch betrügerische. Warum ist das so? Früher stellte sich die Frage gar nicht: Es »ging« nicht anders, ganz wörtlich, als zu Fuß, wenn der Mensch von A nach B kommen wollte. Aber heute? Warum geht der Mensch, auch wenn er fahren könnte? Freiwillig, unnötig und oft unfassbar weit?

Als Zweibeiner sind wir eigentlich schlecht fürs Gehen geeignet. Alle anderen Säugetiere sind Vierfüßler; wenn sie auf zwei Beinen stehen und gehen, dann nur kurzzeitig. Nur der Mensch tut das immer — Homo erectus. Physiologisch-mechanisch ist unser aufrechter Gang aus zwei Gründen eher unsinnig. Zum einen ist die Abnutzung von Hüft- und Kniegelenken, von Füßen und Rückgrat beim Zweibeiner enorm. Wären wir noch auf allen vieren, blieben uns millionenfach Schmerzen und einschlägige OPs erspart. Der zweite Nachteil ist die schlechtere Balance. Ein Fehltritt auf zwei Beinen führt naturgemäß schneller zum Knöchelbruch als auf allen vieren. Das neugeborene Kälbchen steht, wenn auch wacklig, schon nach einer Stunde; das Menschenkind braucht ein ganzes Jahr bis zum freien Stand.

Wie schwierig der Balanceakt auf zwei Beinen ist, das ermessen wissenschaftlich am genauesten die Konstrukteure von Robotern. Einen Vierfuß-Roboter zu schaffen war nicht sehr problematisch, der erste wackelte schon 1968 durch ein Labor an der University of South Carolina/USA. Aber dann begann weltweit ein Wettlauf der besten Robotiker und Mechatroniker: Wer konstruiert den ersten mechanischen Zweifüßler? Der aufrechte menschliche Gang war unerwartet schwer zu simulieren. Unzählig die Umfaller, die »Beinbrüche« und Totalschäden an den experimentellen Humanoiden, manche Stürze waren sehr komisch anzusehen, alle waren frustrierend für die Forscher.

Ein relativ gelungener Versuch war »Biper«, den Ingenieure der Universität Tokio 1984 konstruierten. Allerdings, auf Füßen im menschlichen Maßstab — viel zu klein im Verhältnis zum Körper — konnte auch Biper die Balance nicht halten: Er »ging«, kleiner Schönheitsfehler, auf einer Art Skiern. Erst 1997 schafften die Robotiker von Honda in Japan den Durchbruch mit ihrem »P2«, dem ersten ganz unabhängig operierenden, sicher gehenden Zweifuß-Roboter. Weitere Millionen investierte Honda, bis P2-Nachfolger »Asimo« 2002 endlich eine Grundfertigkeit jedes größeren Kindes beherrschte: Treppen steigen. Hinauf und hinunter. Ohne Einhalten am Geländer, ohne Mamas Hand.

Wenn der Bipedalismus, das Gehen auf zwei Beinen, also dermaßen unpraktisch ist, warum hat uns die Evolution dann nicht Vierfüßler sein lassen wie alle anderen Säugetiere? Wieso hat sich der Mensch entwickelt wie auf jener altbekannten Illustration? Am linken Bildrand kriecht ein amphibisches Tier aus dem Wasser. Zur Mitte hin wird das Wesen mehr und mehr affengleich. Es geht immer aufrechter. Und schreitet schließlich als Homo erectus nach rechts aus dem Bild. Die Gründe für den aufrechten Gang sind unter Anthropologen bis heute umstritten. Es gibt zahlreiche Hypothesen, mehr oder weniger gut belegt durch paläontologische Funde.

➔ Savannen-Theorie: Eine urzeitliche Öko-Katastrophe entwaldete den Lebensraum, in dem unsere Vorfahren sich von Baum zu Baum schwangen; im offenen Savannengelände erhoben sich die Hominiden, unter anderem wegen der besseren Übersicht, auf die hinteren Gliedmaßen.

➔ Energetische Hypothese: Ein Schimpanse im typischen Gang auf Füßen und Fingerknöcheln braucht nach manchen Berechnungen viermal so viel Energie wie ein aufrechter Mensch; die Evolution bevorzugt Effizienz.

➔ Soziale Interpretation: Als Hominiden-Männchen für ihre Familien Versorgerinstinkte entwickelten, mussten sie zum Heim-schaffen von Beute und Vorrat ihre Arme benutzen.

➔ Werkzeug-Theorie: Beginnend vor etwa zwei Millionen Jahren lernte der Urmensch, Faustkeile herzustellen, mit dem Speer zu jagen, einfache Hütten zu bauen, das Feuer zu nutzen. Wenn er auf zwei Beinen stand, hatte er die Hände frei für diese arttypischen Verrichtungen.

Vermutlich war es eine Kombination vieler Entwicklungslinien, die evolutionär zum Homo erectus und später Homo sapiens führte. In Millionen Jahren hat sich das Gehen jedenfalls tief in die menschliche Matrix geprägt. Ungeborene beginnen mit Gehbewegungen im Mutterleib schon im fünften Monat. Sechs Wochen alte Babys in passenden Stützgestellen können sich gehend fortbewegen, wie der deutsche Kinderarzt Albrecht Peiper 1928 durch eindrucksvolles Film- und Fotomaterial belegt hat.

In seinem 2008 erschienenen Sachbuch »The Lost Art of Walking« zitiert der englische Autor Geoff Nicholson Experimente mit Katzen um 1930 in Oxford, die nach Entfernung ihres Gehirns noch beträchtliche Zeit ganz normal gehen konnten. Auch geköpfte Hühner laufen bekanntlich noch herum. Enthauptet rettete Seeräuber Klaus Störtebeker 1401 auf dem Richtplatz in Hamburg der Legende nach elf seiner Gefährten: 70 sollten mit ihm hingerichtet werden, sein letzter Wunsch war es gewesen, all die zu verschonen, an denen er nach seiner Enthauptung aufrecht vorbeizugehen noch in der Lage war. Beim zwölften Mann stellte ihm allerdings der Henker ein Bein.

Ohne Kopf auf zwei Beinen: Ist Gehen womöglich eine hirnlose Tätigkeit? Die Schlussfolgerung wäre voreilig, auch wenn es manchmal danach aussieht. Albert Speer — der Mann, der im Spandauer Gefängnishof über Heidelberg und München nach Istanbul ging — fragte sich in seinem Hafttagebuch selbst, ob bei ihm wohl »eine Schraube locker« sei. Fast 21 Jahre war Hitlers Kriegshandlanger eingesperrt. Nachdem Speer 1954 auf die Idee mit den »Wanderungen« gekommen war, führte er akribisch Buch über seine Runden. Er nahm sich vor, an jedem Tag mit Hofgang sieben Kilometer zu gehen. Er zählte, addierte, maß die täglich und insgesamt gegangene Strecke und verglich auf der Landkarte, wie weit er — im Geiste — schon war. Als er Österreich durchquert hatte, beunruhigte ihn, dass er Richtung Istanbul nun durch mehrere der verabscheuten kommunistischen Länder wandern musste. War bei Speer eine Schraube locker? Wohl eher im Gegenteil. Die körperliche Disziplin hielt den Dauerhäftling physisch fit, die geistige, mit der er sein Gehen registrierte und reflektierte, hielt ihn bei Verstand.

Als die 16-jährige Engländerin Ffyona Campbell im August 1983 zu ihrer Fußwanderung rund um die Welt aufbrach, schien — verglichen mit Speers extrem eingegrenztem »Weitwandern« im Gefängnishof — schrankenlose Freiheit vor der jungen Frau zu liegen. Doch die Geschichte ihrer Elf-Jahre-Tour zeigt, dass die inneren Grenzen immer mitkommen, so lang und weit der Mensch auch gehen mag. Ffyona war die Tochter eines britischen Marinesoldaten. Während ihrer Kindheit zog die Familie 24-mal um, Ffyona wechselte 15-mal die Schule — eine wurzellose Jugend, ein strenger, gefühlskalter Vater. Am Ende der Schulzeit hatte das Mädchen, hungrig nach Zuwendung und Anerkennung, die Idee: Sie trug Sweatshirts mit der Aufschrift »Sponsor me«, fand Unterstützer und ging los, zunächst von John o’Groats an der Nordspitze Schottlands bis Land’s End im Südwesten Cornwalls, 1500 Kilometer weit. Als sie aus Land’s End stolz ihren Vater anrief, sagte der: »Wann hörst du auf, den Schwan zu spielen, und suchst dir einen Job?«

Ffyona ging weiter. 4000 Kilometer durch Amerika von New York nach Los Angeles. 5100 Kilometer durch Australien von Sydney nach Perth (in nur 95 Tagen, schneller als je ein Mann). 16.000 Kilometer durch Afrika von Kapstadt bis Tanger. In Südspanien begann die letzte Etappe dieser epischen Wanderung, immer nordwärts durch Europa, bis die junge Miss Campbell am 14. Oktober 1994 wieder am Ausgangspunkt war, in John o’Groats ganz oben in Schottland. An einem typischen Tag ihrer Weltumrundung war die Fußgängerin 50 Kilometer weit gegangen, meist auf dem Seitenstreifen irgendeiner Autostraße, dreimal hatte dabei ein Versorgungsfahrzeug auf sie gewartet. Sie hatte Sponsorentermine wahrgenommen, die Medien bedient, Geld für wohltätige Zwecke gesammelt und während längerer Wanderpausen zwei Bücher über ihre Erlebnisse veröffentlicht.

Doch die strahlende Fassade dieser schönen Geh-Karrieristin hatte eine dunkle Kehrseite. 1996 enthüllte Campbell in ihrem dritten Buch: Schon auf der USA-Etappe, mit 18, war sie von einem ihrer Begleiter schwanger geworden. Geschwächt und demoralisiert war sie etwa 1600 Kilometer der Strecke im Versorgungsauto gefahren, nur morgens und abends vor Zuschauern ging sie zu Fuß. Sie ließ abtreiben, kam wieder zu Kräften und hat danach, wie sie sagt, nie wieder gelogen. Aber je weiter sie ging, desto schwieriger wurde sie als Person. Egoistisch, anmaßend, schikanös. Begleitteams kündigten, in die Bewunderung mischten sich Zweifel. Ihr Betrug war geringfügig angesichts der gewaltigen Gesamtleistung, doch die Schuld verfolgte sie. Nach der Rückkehr wurde Ffyona depressiv und nahm Heroin. Heute lebt sie zurückgezogen in der englischen Provinz. Die entgangene Vaterliebe hat sie nicht gefunden, so weit auch ihre Füße trugen.

Zu Fuß rund um den Globus zu gehen ist aber noch nicht die extremste Form des Weitwanderns. Die »längste Wanderung der Welt« hat laut Guinness-Buch der Rekorde der 69-jährige Amerikaner Arthur Blessitt zurückgelegt: Er ging in den Jahren 1971 bis 2008 mehr als 60 000 Kilometer weit im Zickzackkurs durch insgesamt 315 Länder und Territorien auf allen Kontinenten einschließlich der Antarktis — und trug dabei überall ein dreieinhalb Meter langes, 20 Kilogramm schweres Kreuz mit sich. Blessitt sah die Verbreitung der christlichen Friedensbotschaft als seine Aufgabe, wanderte gezielt in Kriegsgebiete und ging hohe Risiken ein.

Sein Unternehmen ist eine Mischung aus Demonstrationsmarsch und Wallfahrt, spirituelles Gehen mit langer Tradition, das durch Zehntausende von Wanderern auf dem Jakobsweg in den letzten Jahren wieder Mode wurde. Die einschlägigen Bücher prominenter Jakobs-Pilger füllen Regale und drehen sich meist mehr ums eigene, fußkranke Ich als um religiöse Transzendenz. Uneitle Pilgerfrömmigkeit ist eher im östlichen Teil der Erde zu finden, etwa in Tibet, wo gläubige Nomaden monatelang zu Fuß zu ihren heiligen Stätten gehen — ohne Fotoapparat und Tagebuch.

Gehen, wandern, spazieren. Schlendern, schreiten, marschieren. Bummeln, trotten, taumeln. Hetzen, watscheln, sich schleppen, flanieren, stolzieren — für diese eine, elementare menschliche Tätigkeit gibt es bezeichnend viele Synonyme, und nicht nur in der deutschen Sprache. Das Italienische kennt den anschaulichen Ausdruck »cammellare«, bucklig trotten wie ein Kamel; im Holländischen beschreibt das Verb »ijsberen« (von Ijsbeer — Eisbär) das ruhelose Hin-und-Her wie von Raubtieren.

Der Mensch, so scheint es, ist zum Gehen geschaffen, nicht zum Autofahren. Oft setzt er seinem Gehen spektakuläre Ziele: gigantische Entfernungen oder exzentrische Rekorde. Zur Kunst des weiten Gehens gehört immer Stoizismus, manchmal »geht es« nicht ohne Masochismus. Die Motive sind so vielfältig wie das menschliche Wesen: Neugier, Bewegungsdrang, Selbstbestätigung, Selbstdarstellung; gehen kann sportlich, therapeutisch, künstlerisch, spirituell oder, wie bei den alljährlichen Friedensmärschen, politisch motiviert sein. Es muss keine großartigen Ziele haben — mancher einfache Spaziergang durch vertraute Umgebung tut mehr fürs innere Gleichgewicht als ein Gewaltmarsch.

Mit Gehen fing die menschliche Mobilität vor Urzeiten an. Und für Millionen Menschen in armen Weltregionen ist es noch immer die selbstverständliche, die naturgegebene, die einzig erschwingliche Möglichkeit, von A nach B zu kommen.

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