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Serie Gesellschaft im Wandel: Teil 2

Die neue Arbeit

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die neue ArbeitDie neue Arbeit

Eine Angst geht um: Die Jobs werden uns bald »ausgehen«, nur noch 20 Prozent der Menschen finden dann »Lohn und Brot«. Doch viele Experten sagen etwas anderes voraus: die Bildung einer neuen »Kreativ-Klasse«, eine radikal neue Einstellung zur Arbeit, noch mehr Stress, aber auch – viel mehr Freiheit.

Beim Stamm der Baraboig in Tansania: Junge Männer üben im Morgengrauen das Kopfstehen. Dann praktizieren sie den Speerwurf, lange und ausdauernd, bis das Licht des Tages die Hitze unerträglich werden lässt. Am nächsten Morgen machen sie sich im Morgengrauen auf den Weg. Drei, vier Tage wandern sie durch die Savanne, auf der Suche nach einem einzelgängerischen Elefanten. Wenn sie ihn nach endlosen Fußmärschen eingeholt und getötet haben, bringen sie das Fleisch zurück ins Dorf. Die zwei Männer, die den Elefanten tatsächlich erlegt haben, werden von den jungen Frauen mit einem Gürtel aus geflochtenen Affenbrotbaumzweigen geschmückt.

So war Arbeit über viele hunderttausend Jahre organisiert. Überwiegend Männer gingen auf die Jagd und brachten die Beute, wofür sie erotisch und durch Statusaufwertung belohnt wurden. Die »weibliche« Arbeit spielte sich eher daheim ab (obwohl wir heute wissen, dass es in archaischen Gesellschaften weitaus mehr Jägerinnen gab als früher angenommen). Auch die agrarische Produktionsweise, die bei der Sesshaftwerdung vor etwa 9000 Jahren den ersten Zivilisationssprung erzeugte, änderte wenig. Für die Bauern blieb Arbeit unmittelbarer Akt der Aneignung und des Überlebens – rund um die Uhr und abhängig von den Jahreszeiten.

In den antiken Hochkulturen wurde Arbeit dann durch Sklavenwirtschaft aus dem Leben ausgegrenzt und abgewertet. Im kaiserlichen Rom war mit dem Wort »labor« eine in »höriger Knechtschaft, mit körperlicher Pein verbundene Plage« gemeint. Das altgermanische »arbejo« bedeutete sinngemäß: verwaist und zur Sklavenarbeit verdammt. Aber egal, wer die Arbeit ausübte, sie blieb in ihrem Wesen lange Zeit universalistisch. »Auf Einzelhöfen und in kleinen entlegenen Dörfern«, schrieb Adam Smith, »muss jeder Bauer zugleich sein eigener Metzger, Bäcker sein.«

Aber dann begann das Zeitalter der Maschinen. Als sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Nordamerika die Massenproduktion und damit Lohnarbeit durchzusetzen begannen, schlossen sich die Handwerker zur ersten großen Gewerkschaft Amerikas zusammen. Das Ziel der »Knights of Labour« war die Abschaffung der Lohnarbeit, die als neue Form der Sklaverei empfunden wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten die »Ludditen«, die sich überwiegend aus Heimarbeitern rekrutierten, in England die mechanischen Webstühle. »Dark Satanic Mills« (dunkle satanische Mühlen) nannte der englische Romantiker Edward Blake die ersten mechanischen Manufakturen. In den Pionierstaaten des Industrialismus, England und Deutschland, betrug der Anteil der Lohnarbeiter im Jahr 1800 unter 20 Prozent. In Deutschland schuf erst die napoleonische Besetzung die rechtlichen Grundlagen der Lohnarbeit. Um 1900, im Zenith des industriellen Aufschwungs, waren es knapp 40 Prozent der Erwerbsfähigen, die »Lohn und Brot« fanden.

Von den finsteren Stollen und satanischen Mühlen der frühindustriellen Zeit bis zu den hellen Werkshallen unserer Tage war es ein langer, verlustreicher Weg durch Wirtschaftskrisen und Weltkriege. Und dann schien alles endlich gut: In der westlichen Welt liefen die Konjunkturmotoren, und Kaskaden von Konsumgütern beglückten die staunenden Menschen. Die kurze Phase zwischen 1960 und 1975 wurde zur Sehnsuchts-Blaupause in Millionen von Hirnen, zu einem Mythos, der von der ganzen Welt Besitz ergriff. Vollbeschäftigung! Jeder hat einen Arbeitsplatz – lebenslang, mit wachsender Freizeit und garantiert steigendem Salär! Lebenslange Einbettung in einen festen, berechenbaren Vertrag. Abhängigkeit gegen Sicherheit. Doch was war der Preis? Darüber haben wir lange nicht wirklich nachgedacht.

Seit Lohnarbeit unsere soziale Existenz dominiert, existiert auch die panische Angst, sie könnte eines Tages »ausgehen«. Ganze Heerscharen von Theoretikern und publizistischen Schwarzsehern haben schon prophezeit, dass die Arbeit in den nächsten Jahren endgültig nach Fernost auswandern wird und in wenigen Jahren sämtliche Produktionsjobs von nur 20 Prozent der Menschen erledigt werden. Der große Rest: überflüssig!

In der Tat sind schon heute die meisten Fabriken in hochindustriellen Ländern nahezu menschenlos; auch ein Resultat des Rationalisierungsdrucks durch die globale Konkurrenz. Verpackungsstraßen laufen ohne menschliches Zutun, riesige Lagerhäuser werden nur noch von robotergesteuerten Wagen durcheilt, Chemiefabriken operieren wie von Geisterhand. Aber was dabei selten bedacht wird: Gerade dieser Entleerungsprozess erzeugt eine riesige Nachfrage nach weiterer Arbeit.

Die menschenleere Fabrik benötigt nicht nur Putzfrauen oder mehr Sicherungsdienste; sie verlangt nach einer ausgefuchsten Logistik: Techniker, Prozess-Ingenieure, Software-Leute, Service-Provider. Die Zuliefersysteme müssen von Logistikern betrieben werden, die für ihre Lieferkaskaden ständig neue Leistungen einfordern (Transportleistungen, Versicherungsleistungen, intelligente Flottensteuerung). Und wenn die Produktion auf Hochtouren läuft, braucht es eine wachsende Zahl von Marketing-Spezialisten und Symbolanalytikern, die mit immer raffinierteren Konzepten die individuellen Wünsche der Kunden frühzeitig erkennen.

In Fabriken und Büros arbeiten also immer gebildetere, spezialisiertere – und gestresstere! – Wissens-Arbeiter. Diese Hoch-Spezialisten, die das Herz der Maschinerie am Laufen halten, werden nun aber ihrerseits zu Arbeitgebern. Sie benötigen jede Menge Dienstleistungen, die sie zu ihren Jobs überhaupt befähigen. Den Großteil dieser täglichen Unterstützungsarbeit erledigten früher die Ehefrauen. Aber weil die Frauen ihrerseits unaufhörlich in die neue Arbeitswelt einrücken, muss jeder nun Profis kaufen, die den Müll wegtragen, sich um die alten Eltern kümmern oder den Garten pflegen.

Robert Reich, Ex-Arbeitsminister der Vereinigten Staaten, nennt diesen Effekt »gekaufte Zuwendungen«. Dieser Sektor umfasst, erklärt er, in aufsteigender Komplexitäts-Reihenfolge die »Fünf C«: Computing, Caring, Catering, Consulting, Coaching. Am Ende steht eine ökonomische Welt, in der sich die Wertschöpfungen immer mehr um das Individuum ranken: Alles wird zu »Ich-Märkten«. Schon heute gibt es Dienstleister, die uns dabei helfen, gut auszusehen, unsere Wohnungen einzurichten, komfortabel von Platz A nach Platz B zu kommen oder souverän in eine Kamera zu schauen. Es gibt Menschen, die Duft-Design anbieten. Uns vorsingen. Gegen Bezahlung Ordnung auf dem Schreibtisch machen. Wellness, dieses wohlklingende Marketing-Wort, ist der Name einer ausgedehnten Mega-Branche geworden, in der heute Hunderttausende, wenn nicht Millionen ihr Geld verdienen.

Dieser Prozess funktioniert – theoretisch – so lange, wie Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht bleiben. Er setzt den ständigen Nachschub von hoch qualifizierten Spezialisten – sprich: ein dynamisches und lebenslanges Bildungssystem – voraus. Aber er braucht auch Menschen, die motiviert sind, einfache Tätigkeiten zu moderaten Löhnen auszuüben (weil sie sich davon einen sozialen Aufstieg versprechen). In den Gesellschaften, wo die Vollbeschäftigung heute noch weitgehend funktioniert, existiert beides: ein erfolgreiches (Hoch-)Bildungssystem und eine massive Aufwärts-Mobilität von Menschen, die aus anderen Ländern kommen und sich durch Einsatz ihrer ganzen Arbeitskraft – notfalls rund um die Uhr – einen sozialen Aufstieg versprechen.

Experten sehen in dieser sich radikal verändernden Arbeitswelt auch das Entstehen einer neuen »Klasse« voraus. In seinem Buch »A Whole New Mind« schreibt der Sozioökonom Daniel Pink: »Wir sind von einer Gesellschaft der Bauern zu einer Gesellschaft der Fabrikarbeiter und schließlich zu einer Gesellschaft der Wissensarbeiter geworden, und nun geht es weiter voran – zu einer Gesellschaft der Kreativen, der Muster-Erkenner, der Meinungsmacher, der Empathieproduzenten.«

Auch der amerikanische Soziologe Richard Florida prophezeit das stetige Wachsen einer »Kreativ-Klasse«. Im Vorwort seines Buches »The Creative Class« erklärt er: Heute arbeiten in den hoch entwickelten Industrienationen bereits zwischen 25 und 30 Prozent aller Werktätigen im Kreativsektor – das heißt in Wissenschaft und Technik, Forschung und Entwicklung, in technologiebasierten Industriezweigen, in Kunst, Musik, Kultur, Ästhetik und Design sowie in den wissensbasierten Berufen der Be-reiche Medizin, Finanzwesen und Recht.

In den USA kommt die Arbeiterklasse schon heute auf nur noch knapp 25 Prozent, und in Deutschland ist der Anteil der Fabrikarbeiter noch niedriger – zwischen 17 und 18 Prozent.

Doch wer gehört eigentlich zu dieser neuen »Kreativ-Klasse«? Entscheidend ist die Einstellung: Kreative fühlen sich in erster Linie als Selbstständige – auch wenn sie sich immer mal wieder für ein paar Jahre anstellen lassen.

Hier ein kleiner Test:
1. Verdienen Sie Ihr Geld überwiegend mit unterschiedlichen Leistungen, statt im Wesentlichen immer dasselbe zu tun?
2. Haben Sie in ihrem Leben schon mehrere Berufe ausgeübt?
3. Variiert Ihr Einkommen um mehr als 30 Prozent im Jahr – beziehungsweise wird es in den nächsten Jahren um diese Schwankungsbreite variieren?
4. Beträgt der zeitliche Aufwand, den Sie zum Üben, Trainieren und Weiterentwickeln Ihrer Fähigkeiten aufwenden, mehr als 50 Prozent der Zeit, in der Sie tatsächlich aktiv Geld verdienen?

Wer nur eine dieser vier Fragen mit einem Ja beantwortet hat, gehört zumindest zum Umfeld des kreativen Milieus.

Kreativität wird aber in Zukunft keineswegs nur die Klasse der Kreativen bestimmen – ihr Prinzip springt vielmehr auf immer mehr Berufe über. Schon heute gibt es Bauern, die ihre Produkte signieren – zum Beispiel die Eier von ihren frei laufenden Hühnern. Diese Individualisierung ist ein typisches Merkmal des Wechsels von der Industrie- zur Kreativ-Ökonomie. Ein industrielles Produkt lebt durch seine Normierung, es unterscheidet sich vom handwerklichen Unikat durch Kopierbarkeit und geringen Preis. Kreative Leistungen sind hingegen immer Unikate, an Personen gebunden. Das könnte neue Märkte mit Produkten erzeugen, für die Menschen durchaus wieder bereit sind, teures Geld zu zahlen – im Gegensatz zur Flut der genormten Massenprodukte, in denen laut Reich das Prinzip »Geiz ist geil« regiert. So kann der Wandel zur Kreativ-Ökonomie auch als Befreiung wirken. Für die Märkte. Aber auch für die Arbeit selbst, in der wir nun Eigenschaften zurückerobern, die in der industriellen Arbeitsteilung oft verloren gegangen sind: Stolz und »Autorenschaft«. Und dennoch scheint der Wandel zur Kreativ- und Wissensökonomie für viele Menschen heute weder erstrebenswert noch eine positive Perspektive. Warum?

Um das besser zu verstehen, stellen wir uns vor, was passiert, wenn die kreative Klasse sich in der Ökonomie der Zukunft tatsächlich als dominante Klasse durchsetzt; wenn ihr Werdegang dem der Bourgoisie ähnelt, die zu Beginn auch nur eine belächelte und befehdete Minderheit war, bevor sie zur Kernschicht des Kapitalismus aufstieg. Das Prinzip der Kreativität demontiert das Zeitmaß abhängiger Arbeit. Wie lange einer in der Firma sitzt, das macht keine Aussage mehr über seine Produktivität (im Gegenteil: oft eine negative). Kreative Zeit ist »verrückte« Zeit – wie bei Alice im Wunderland, wenn der Hase die Zeit rückwärts und vorwärts laufen lässt und alle Uhren gleichzeitig schlagen. Ein einziger schneller Gedanke – ein Claim, ein Patent, eine Formel, eine Headline, eine Melodie – kann gewaltige Geldmengen bewegen.

Hier steckt womöglich das verborgene Motiv, warum viele das Aufkommen der Wissens- und Kreativ-Ökonomie verneinen oder fürchten: Wir ahnen, dass es da keine Nischen mehr geben wird. Keine gemütlichen Schreibtische, hinter deren Gummibäumen und Sachzwängen man sich verstecken kann. Keine ausgedehnten Kaffeepausen. Wissensökonomie ist pure »Meritokratie«; Leistung wird jederzeit am (kreativen) Output messbar. Alles, was die Industriekultur ja auch so komfortabel gemacht hat – das Gleichmaß, die Unschärfe, die Fehlertoleranz, die komfortable Inhaberschaft von Posten, auch die saubere Trennung zwischen »Arbeit und Freizeit« – geht zu Ende. »Work becomes Home, Home becomes Work«, formulierte eine amerikanische Soziologin einmal. Die Arbeit wird zum »Lebens- und Spielraum«, und das kann richtig anstrengend sein!

»Die meisten Menschen sind bei der Arbeit zufriedener als bei der Freizeit«, schreibt Norbert Bolz (in seinem Buch »Blindflug mit Zuschauer«).»Arbeit fordert die Ausstellung der eigenen Geschicklichkeit, während Freizeit – wie prototypisch das Fernsehen – kaum Geschick erfordert und deshalb rasch frustriert ... Der Arbeitsplatz ist überschaubarer als das moderne Leben – deshalb bleiben immer mehr Leute im Büro.«

Wenn Arbeit kreativ, originell, eigenverantwortlich wird, wird sie aber auch fiebrig. Sie will uns nicht nur acht Stunden, sondern ganz, mit Haut und Haaren. Sie verfolgt uns bis tief ins Familienleben. »Die neue Selbstständigkeit ist anfangs eine Aneinanderreihung von Qualen, gefolgt von einer langen Kette ekstatischer Zu-stände«, schreibt Harriett Rubin in »Soloing« – der Bibel für den Neu-Kreativen.

Eine durch Kreativ-Arbeit geprägte Arbeitswelt sähe so aus: Der Selbstständigenanteil in den Wohlstandsnationen wächst in den nächsten Jahrzehnten um mehr als das Doppelte. Knapp 20 Prozent aller Erwerbstätigen, in manchen Ländern 25 Prozent, werden dann Selbstständige, Einzelunternehmer, »Ich-AGs« sein. Weitere 40 Prozent der Erwerbstätigen haben so genannte »prekäre Arbeitsverträge«. Dies sind entweder Werksverträge ohne zeitliche Angaben (produktorientiert) oder befristete Arbeitsverträge. Viele dieser Verträge versuchen beides zu kombinieren, Angestelltentum und Selbstständigkeit (»angestellte Freelancer«).

Jeder Arbeitsvertrag wird individuell ausgehandelt, es gibt keine Normverträge mehr. Man kann, je nach familiärer oder biografischer Situation, mit verschiedenen, transferierbaren Zeitkonten operieren, auf denen man Lebens-Arbeitszeit verschiebt, ansammelt, handelt und in Altersversorgung umwertet. Gehälter werden mehr und mehr in Erfolgstantiemen umgemünzt. Ein »Grundlohn«, von dem man gerade die Miete bezahlen kann, wird durch Erfolgsbeteiligungen ergänzt.

Diese neue, verwirrende Welt wird aber auch ihre störrischen Helden hervorbringen – und eine neue Tugend. Als Ottmar Hitzfeld, der sieben Jahre lang Bayern München von einem zum nächsten Triumph trainiert hatte, im Sommer 2004 gefragt wurde, ob er Nationaltrainer Deutschlands werden wollte, sagte er einfach: »Die Batterie ist leer!« Und das wird eine Kern-Qualifikation der neuen Arbeitswelt sein: Nein sagen können. Neu anfangen können. Das eigene Maß finden.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4 (1 Bewertung)
Autor/in: Matthias Horx


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