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Glaube
Die Macht des Gebets
Mehr denn je wird auf der Welt gebetet. Fromme Gläubige aller Religionen haben schon immer Hilfe im Zwiegespräch mit dem Allerhöchsten gefunden. Nun gibt es Fürbitten per Internet, Chirurgen beten vor der Operation, und Naturwissenschaftler weisen nach: Gebete stärken das Immunsystem. Wie weit lässt sich Gottes Güte erforschen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Als seine Frau Angelika mit einer schweren Infektion im Koma lag, fand der Berliner Charité-Chef Jürgen Bier zum Gebet. »In meiner Verzweiflung las ich in der Bibel und kam mit Gott ins Gespräch«, berichtet der 61-jährige Chirurg. Seine Frau wurde wieder gesund. Seitdem liegt in jedem Charité-Krankenzimmer eine Bibel – als Angebot. Und als Anstiftung zum Beten.
Im Frühjahr 2004 wurde das argentinische Fußball-Idol Diego Maradona wegen einer lebensgefährlichen Herzerkrankung ins Hospital eingeliefert und auf der Intensivstation künstlich beatmet. Als sich der Zustand des 42-Jährigen dramatisch verschlechterte, beschlossen seine Vertrauten, den Himmel mit einer Massen-Petition unter Druck zu setzen: Per E-Mail forderten sie 20000 Maradona-Fans auf, für den Volkshelden an höchster Stelle ein Wort einzulegen. Diego Maradona kam wundersam wieder zu Atem und ließ seine andächtigen Anhänger wissen: »Gott hat euch erhört.«
Auch der Hamburger Rocksänger Achim Reichel ist überzeugt, dass er dank einer gemeinschaftlichen Fürbitte überlebt hat: »Als ich 2004 schwer erkrankte, haben Freunde für mich gebetet. Die Aktion hat mir geholfen.«
Der Klinikchef, der Ballkünstler und der Popmusiker: drei von Milliarden Menschen, die an die Macht des Gebets glauben.
Gott müssen die Ohren klingen. Allüberall wird gen Himmel gedankt, geklagt, gepriesen, geseufzt und gebettelt. Ob im Gotteshaus, im stillen Kämmerlein oder unter freiem Himmel, ob im New Yorker Wallstreet-Archipel, in einer Bambushütte oder im Lichterglanz einer Kathedrale: So viel Beten war noch nie. In den Vereinigten Staaten gibt es bereits etliche World Prayer Center, in denen täglich Tausende Fürbitten per Internet rund um den Globus geschickt werden. Die Welt betet. Die Halbwelt auch. So besitzt beispielsweise jedes größere brasilianische Bordell mittlerweile eine Hauskapelle, in der reuige oder feurige Freier den Allmächtigen um Lendenkraft, Schutz vor einschlägigen Krankheiten oder Absolution angehen können.
Eine UN-Studie schätzt, dass sich über vier Milliarden Menschen – etwa zwei Drittel der Erdbevölkerung – gelegentlich oder täglich um Kontakt mit dem Unendlichen bemühen. Beim Zwiegespräch mit dem Schöpfer hat der Mensch freilich nicht nur den Weltfrieden oder die Genesung seines kranken Nachbarn im Sinn, sondern auch Wohltaten für sich selbst. Ein Sechser im Lotto oder eine göttliche Eingebung bei der nächsten Mathearbeit zählen noch zu den genügsamen Wünschen.
Beten ist in. Vor allem bei der so genannten Spaß-Generation. »Wir sind gekommen, um IHN anzubeten«, lautete das Motto des Weltjugendtags 2005. Über 800000 bekennende Christen pilgerten im Juni letzten Jahres aus allen Himmelsrichtungen nach Köln, um im Schatten des Doms mit Gott ins Gespräch zu kommen. Die französische Tageszeitung »Le Monde« nahm das Kölner Massenbeten als Indiz für einen »weltweiten religiösen Aufschwung«; zur gleichen Zeit prophezeite der ZDF-Moderator und studierte Theologe Peter Hahne im deutschen Nachrichtenmagazin »Focus« eine »geistig-moralische Wende«: »Die braucht man nicht herbeizusehnen, die rollt auf uns zu.« Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, frohlockte, es gebe »kaum einen kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich«, in dem man nicht »eine Wiederkehr des Religiösen beobachten« könne.
So war es schon immer: Not lehrt beten. In Zeiten großer Kriege, spektakulärer Naturkatastrophen, verheerender Epidemien oder folgenreicher Umbrüche setzen mehr Menschen als sonst auf himmlische Hilfe. Heute ist es die Globalisierung, die für eine weltweite Hochkonjunktur der Gebete sorgt. Die dichte Vernetzung der Märkte und Informationen, der reißende Geldfluss, die zunehmende Ohnmacht der armen Länder: »Die Welt befindet sich an einem Wendepunkt«, kommentiert mit besorgtem Lächeln der Dalai Lama. Vage Hoffnungen und diffuse Ängs-te treiben die globale Psyche um. Milliarden von Menschen suchen Trost und Schutz in der Religion. Selbst die »Global Player« der Politik wollen Gott zum Kombattanten. So übernehmen in vielen islamischen Regionen religiöse Fundamentalisten sukzessive die Macht; und in den Vereinigten Staaten posiert US-Präsident George W. Bush als Vorbeter der Nation.
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