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Modellbau

Die kleinste Welt der Welt

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Seit drei Jahren wächst in der Hamburger Speicherstadt eine fantastische Modelleisenbahn auf schon jetzt 500 Quadratmetern heran. Wie von Geisterhand gesteuert fahren ICEs, Güterzüge und Autos durch Städte und Landschaften, die fast naturgetreu nachgebaut wurden – von Hamburg bis zu den Alpen und zum Grand Canyon. Bevölkert wird dieses Wunderland von Tausenden von Mini-Menschen – wie du und ich.

Zwei große Kinder haben das Wunderland in die Welt gesetzt. Zehn Jahre lang führten die Brüder Frederik und Gerrit Braun erfolgreich Hamburgs größte Disco »Voilà« – doch mit 32 »kamen wir aus dem Alter, wo man jede Nacht feiern will«, sagt Gerrit Braun, der Ältere. Sein kleiner Bruder Frederik entdeckte im Urlaub eine öffentliche Modelleisenbahn und war begeistert von der Idee, selber eine zu bauen. Gerrit erklärte ihn für verrückt: »So alt sind wir nun auch noch nicht, dass wir schon wieder anfangen zu spielen.« Und außerdem wäre damit sowieso kein Geld zu verdienen, meinte er. Ein Riesen-Irrtum.

Der kleine Bruder, der Optimist, konnte den großen, den Pessimisten, überzeugen. Und seit nunmehr drei Jahren brummt der Laden. Täglich besuchen über 1200 Zuschauer die Modelleisenbahn auf der Fläche einer mittelgroßen Turnhalle. 550 Züge fahren computergesteuert über 7,5 Kilometer Gleise. Es surrt an allen Ecken und Enden. 600 Loks ziehen insgesamt 7400 Waggons durch Tunnel und auf Berge, über Talbrücken, in Bahnhöfe. 600 Signale und 1300 Weichen sorgen dafür, dass der Verkehr reibungslos verläuft. Der längste Zug misst 13,5 Meter. 70 Waggons schleppen unermüdlich Schotter durch die Weltgeschichte. Die Ladung ist zwar nur aus Pappmaché, trotzdem werden fünf Spielzeugloks gebraucht. Nur eine weniger, und der 25 Kilogramm schwere Zug könnte nicht fahren. Hier fährt keine Lok nur zur Show, hier leis-tet das Spielzeug ehrliche Arbeit.

Ebenso wie die 1,5 Zentimeter hohen Feuerwehrmänner, die den Brand im Dachgeschoss des Hamburger Finanzamts löschen. Zehn Löschfahrzeuge und 80 Mann bekämpfen die Feuersbrunst. Blaulichter blinken, Polizisten sperren neugierige Fotografen aus, und am benachbarten S-Bahnhof verpassen die feixenden Zuschauer ihren Zug vor lauter Schadenfreude. Man sieht schließlich nicht alle Tage die unbeliebte Behörde in Flammen.

Irgendwo brennt es immer in der Miniaturwelt, insgesamt an zehn Orten. Besonders eindrucksvoll sind die Feuerwehrfahrzeuge, die wie von Geisterhand gesteuert mit Blaulicht zum Einsatzort eilen – und auch wieder zurück. Solch ein Car-System ist einmalig in der Welt. Bislang fahren 130 Löschzüge, Autos, Busse und LKW durch die kleine Welt, alles handelsübliche Spielzeugautos; jedes einzelne hat der Tüftler Gerrit Braun eigenhändig frisiert. Bis zu 80 Stunden dauert der fummelige Umbau bei den kleinsten Autos.

Vorn unter der Achse befindet sich ein kleiner Magnet, der sich an einem unsichtbar in der Straßenmitte eingelassenen Kupferdraht orientiert. Als Antrieb dienen Akkus. Bevor der Saft alle ist, fährt der Wagen automatisch zur Ladestation hinter den Kulissen. Der gesamte Straßenverkehr ist computergesteuert, jedes Auto kann vom Leitstand aus gelenkt werden. Zufallsgeneratoren sorgen dafür, dass einige der Autos »am nächsten Tag« eine andere Route nehmen.

Keine Sorge: Wer das beobachten will, muss nicht bis morgen warten. Im Wunderland dauert der Tag nur 15 Minuten, einschließlich Morgen- und Abenddämmerung und dunkler Nacht. Und die Sonne wandert sogar korrekt von Ost nach West durch die drei hintereinander liegenden Hallen – allerdings befinden sich Hamburg und Amerika in derselben Zeitzone. Aber daran stört sich hier keiner. Es heißt ja auch Miniatur-Wunder-Land, nicht Miniatur-Wirklichkeits-Land.

Wundervoll ist übrigens Las Vegas nach Sonnenuntergang, wenn 60000 Leuchtdioden in allen Farben und Blinkrhythmen die Nacht in der Wüste Nevada zum Tag machen. Hinter jedem Fenster der unzähligen Glasfassaden leuchtet ein Lämpchen. Pro Jahr fließen 500000 kW Strom durch die 1500 Kilometer Kabel. »Jedes Licht ist vom Computer aus einzeln schaltbar«, erzählt Gerrit mit Augen, die strahlen wie die Fackel der Freiheitsstatue bei Nacht.

Wovon Ingenieure immer noch nur träumen, hier ist es längst passiert: Der Atlantik wurde kurzerhand mit zwei Eisenbahnröhren untertunnelt. Erst bei näherem Hinsehen merkt der Besucher, dass der Streifen im Fußboden das Plexiglasdach des eingelassenen Eurotunnels ist.

Der Zuschauer kann viele bekannte Gebäude entdecken, die allerdings oft nicht originalgetreu nachgebaut sind und fast nie am richtigen Ort stehen: Die Hamburger AOL-Arena z. B. wurde mitsamt ihren12500 Miniaturfans realitätswidrig ans Elbufer verschoben. Das Wunderland erlaubt sich einen großzügigen Umgang mit der globalen Geografie. Ganz aus den Fugen gerät die Mini-Erde wohl, wenn ab Herbst 2005 die Alpen erweitert werden. Die imposante Bergwelt wird sich über zwei Stockwerke erstrecken.

Die Väter der Miniatur-Welt sind die Brüder Gerrit und Frederik Braun, aber ohne den unermüdlichen Einsatz der 64 engagierten Mitarbeiter – darunter ein Intarsienschreiner und ein waschechter Brückenbauingenieur – wären all die schönen Pläne nicht zu realisieren. Das Erfolgsrezept: Jeder kann machen, was er will. Erlaubt ist, was gefällt. »Unsere Leute tanzen uns auf der Nase herum«, sagt Gerrit grinsend und fügt ernst hinzu: »Das sollen sie auch, denn nur wer frei arbeitet, ist kreativ«.

Einer von ihnen – Erhardt, genannt die »Drecksau« – ist der Spezialist dafür, die Züge oder Gebäude alt aussehen zu lassen, indem er sie mit Staub beklebt. Besonders austoben konnte er sich bei der stillgelegten Zeche. Davor findet übrigens momentan eine Demo gegen die drohende Schließung statt, während finstere Gestalten ein Loch in den hinteren Zaun geschnitten haben und Kohlen klauen.

Die unendliche Fülle an fantasievollen Details ist das Salz in der Suppe der weltweit größten Eisenbahnanlage ihrer Art. Genaues Hinschauen lohnt sich. Bei einem hektischen Durchlauf übersieht man die Knast-Ausbrecher, die eilig den steilen Berg hochkraxeln, obwohl sie längst von der Polizei gesichtet wurden. Oder den freihändig fahrenden Radrennfahrer beim Berganstieg. Vor all den schwitzenden Profis auf ihren Hightech-Maschinen führt übrigens ein gemütlicher Tourist das Rennen an – auf Opas Drahtesel mit Gepäckträger und Rücklicht.

Natürlich gibt es auch für eingefleischte Eisenbahnfans jede Menge erstaunliche Details zu entdecken. In den Alpen windet sich ein Zug mit Original-Panoramawaggon die Gotthard-Strecke hoch. Viermal erscheint und verschwindet er wieder im Tunnel, eher er die nötige Höhe erreicht hat, um den Pass zu überqueren. 60000 Plastikfiguren haben die Mitarbeiter bisher auf der Anlage platziert, 2300 Häuser und Brücken und 3000 Autos. 125000 Arbeitsstunden und rund vier Millionen Euro stecken in dem Gesamtkunstwerk, das bis 2008 etwa auf die dreifache Größe anwachsen soll.

Jeder Künstler braucht für sein Schaffen den Applaus wie die Luft zum Atmen. Im Miniatur-Wunderland mischen sich die Mitarbeiter einfach unter das Publikum – die begeisterten Gespräche, die man überall belauschen kann, sind Treibstoff für weitere witzige Einfälle. Denn kaum ein Besucher, der hier nicht wieder zum Kind wird. Vor allem Frauen ergötzen sich an den lebensnahen Kleinigkeiten wie dem Fernseher, der in einem Bus flimmert – er ist kaum größer als die 12 auf einer Damenarmbanduhr. Und im Wirtshaus, wo es gerade eine handfeste Keilerei gibt, erkennt nur der Aufmerksame die klitzekleinen Kaffeetassen auf dem Gartentisch.

Die Besucher können den Modellbauern permanent über die Schulter schauen. Selbst beim »Kit-Bashing« ist Zuschauen erlaubt. Keine Sorge, dabei fliegen nicht die Fetzen. »Bausätze-Verprügeln« ist der Fachausdruck, wenn acht oder gar zwölf identische Modellbausätze scheinbar brutal zersägt werden, um daraus ein wirklich großes Gebäude zu bauen, zum Beispiel den Hamburger Hauptbahnhof mit 20 Gleisen, die Brücke über das Alpental oder das Hotel New York in Las Vegas. Normale Bausätze reichen oft nicht, denn was in einer Keller-Modellbahn groß herauskommt, würde auf einer der größten Modellbaulandschaften der Welt oft einfach lächerlich aussehen.

Viele Stammgäste besuchen in regelmäßigen Abständen das Miniatur-Wunderland, um den Fortschritt zu begutachten. Der treueste Fan stammt aus Kiew. Jeden dritten Monat reist der Ukrainer für drei Tage in die fantastische Welt der Hamburger Speicherstadt – natürlich mit der Eisenbahn. Mit den Männern im Leitstand ist er bereits per Du.

Deren Arbeitsplatz, ebenfalls öffentlich, erinnert an Bilder aus der NASA-Zentrale: Eine Wand aus 36 Monitoren, im Halbkreis angeordnet, ist ihr Reich. 28 Computer herrschen über Stop oder Go aller Züge und Autos und über jedes einzelne der 120000 Lichter der gigantischen Anlage. Würde das alles analog betrieben, müssten sich permanent 40 Leute um den Lauf der Dinge kümmern.

140 Videokameras senden die Überwachungsbilder in den Leitstand. So lassen sich die Entgleisungen der Züge lokalisieren, die der Computer meldet, und auch mögliche »Entgleisungen« von Kinderhänden, die nach einer Miniaturfigur greifen. Je witziger die gestellte Szene, desto größer ihr Souvenir-Wert. Absoluter Renner ist der freizügige Liebesakt auf der Alm mit dem »Spanner« hinter dem Busch, ausgerechnet ein Pfarrer. Vor lauter Aufregung vergisst der fromme Mann seine Pflicht: Er hindert einen Jungen nicht daran, dem Paar die Kleider zu stehlen.

Ein Feind der Mini-Menschen ist der Staubsauger, der jeden Morgen die Anlage reinigt. Es ist kaum zu vermeiden, dass er regelmäßig Figuren schluckt. Die anderen winzig kleinen Staubsauger fallen nur den Profis auf: In jedem Güterzug fährt ein echter Schienenreinigungswagen mit, der ununterbrochen die Gleise absaugt. Denn der natürliche Feind der feinmechanischen Züge ist der Staub. Aus diesem Grund werden die »Brände« durch flackernde Lichter hinter den Scheiben simuliert. Natürlich könnte Tüftler Gerrit Braun einen Weg finden, echte Flammen zu entfachen, aber der Ruß würde die gesamte Anlage in kürzester Zeit stilllegen – für immer.

In der Abteilung »Skandinavien« will Gerrit Braun eine neue technische Spielerei umsetzen: Zum ersten Mal in einer Publikums-Modelleisenbahn werden 20 ferngesteuerte Echtwasserschiffe durch die Seen und Fjorde Nordeuropas schippern. Im März 2005 wird der Bauabschnitt eröffnet. Und dann will sich Gerrit den Traum vom Fliegen erfüllen. Am liebsten mit Modellflugzeugen, die frei über die Köpfe der Zuschauer gleiten. Technisch angeblich kein Problem, aber zu gefährlich. Also ein Netz spannen? Sieht zu blöde aus. Die Flieger an Drähten festhalten ist noch dämlicher. Nein, da muss eine realistische Lösung her. »In spätestens vier Jahren werden die Besucher sie sehen.«

Inzwischen ist nämlich auch der große Bruder Gerrit vom grenzenlosen Optimismus seines kleinen Bruders Frederik infiziert. Vielleicht liegt es an dem geringen Altersunterschied von nur fünf Minuten, der die Zwillinge trennt. So konnte Gerrit nie ganz die Rolle des »Vernünftigen« spielen und dem »Kleinen« die Begeisterung ausreden. Ein Glück! Denn sonst wäre diese wunderbare Traumwelt nie in der Realität angekommen.

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Autor/in: Hans Wille


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