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Die Jagd auf den Roten Thunfisch
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Mit gigantischen Netzen durchpflügt eine »Frankenstein-Flotte« das Mittelmeer und fischt doppelt so viel Roten Thun, wie sie darf – subventioniert mit EU-Geld. Wilderer, die unter Alibi-Flaggen laufen, dezimieren die Bestände zusätzlich. 2010 wird zum Schicksalsjahr des Roten Thun, der vor allem in Japan als Sushi auf dem Teller landet.
Es ist ein Skandal«, sagt Sergi Tudela, Leiter des WWF-Mittelmeerprogramms, »dass mit perversen EU-Subventionen eine Frankenstein-Flotte aufgebaut werden konnte, die aggressiv Jagd auf eine aussterbende Spezies macht.« Der spanische Meeresbiologe spricht vom Blauflossen-Thunfisch – auch Roter Thun genannt – und von jenen 33,5 Millionen Euro Steuergeldern, die zwischen 2000 und 2008 als Zuschuss für Neubau und Modernisierung europäischer Fischereischiffe geflossen sind.
Im Frühsommer durchpflügte wieder jener Teil der »Frankenstein-Flotte« das Mittelmeer, der für 80 Prozent aller Blauflossen-Thunfisch-Fänge verantwortlich ist – die sogenannten Ringwadennetzschlepper. Eine im Verbund arbeitende Gruppe von dreien dieser Schiffe kann mit einem Riesennetz – standardmäßig 1500 Meter lang und 265 Meter tief – ganze Fischschulen auf einmal ausheben. Tudela bezeichnet diese Fangtechnik, die wesentlich zur Überfischung des Bestandes beigetragen hat, als die »mit Abstand zerstörerischste«.
Zumal die mit Radar, Echolot und Satelliten-Telemetrie hochgerüsteten Hightech-Schiffe mit tödlicher Sicherheit jeden Schwarm aufspüren, der aus dem kalten Atlantik kommend seine Laichgebiete bei den Balearen, im Tyrrhenischen Meer, südlich von Malta, vor der libyschen Küste, in der südlichen Ägäis oder im Levantinischen Meer ansteuert, wo die Gewässer zwar wärmer, das Schwimmen für die Roten Thune aber eben lebensgefährlich ist.
Was es eigentlich nicht mehr sein sollte, denn »Wissenschaftler empfehlen seit Jahren«, so Tudela, »die Ringwadenfischerei in den Laichmonaten Mai, Juni und Juli ganz zu verbieten.« Doch dem folgt die Internationale Kommission zum Schutz des Atlantischen Thunfisches (ICCAT) nicht, öffnet den Fängern stattdessen das Zeitfenster vom 15. Mai bis zum 15. Juni und legt die zulässige Gesamtfangmenge in Mittelmeer und Ostatlantik für 2010 auf 13 500 Tonnen fest. Bei einem durchschnittlichen Fanggewicht von 60 Kilogramm entspricht das fast einer Viertelmillion Blauflossen-Thunfischen. Viel zu viel, findet Tudela: »Selbst bei einer Quote von 8000 Tonnen liegt die Chance, dass sich der Bestand erholt, nur bestenfalls bei fünfzig Prozent.«
Eines allerdings begrüßt der WWF-Experte ausdrücklich – dass die gesamte italienische Flotte, 49 Ringwadenfänger, in diesem Jahr nicht nur nicht ausläuft, sondern mehrheitlich verschrottet werden soll. »Entsetzt« zeigt man sich beim WWF allerdings über die »üppigen Subventionen, die ausgezahlt werden, um Schiffseigner dafür zu entschädigen, dass sie nicht fischen gehen«. So sollen vier Euro fließen für jedes Kilogramm der italienischen Fangquote – fast 2000 Tonnen –, das nicht genutzt wird. Fünf Millionen Euro sind vorgesehen für die Crews, die im Hafen bleiben, und weitere fünf Millionen für die Verschrottung von 35 und den Umbau von fünf Schiffen zu anderen, nicht der Fischerei dienenden Zwecken. Branchenkenner erwarten sogar, dass Italien mittelfristig bis zu 40 Millionen Euro an Abwrackprämien, Abfindungen und Entschädigungen wird aufbringen müssen.
Dass die aktive EU-Fangflotte – laut WWF insgesamt 28 Ringwadennetzschlepper – diesmal kleiner ausfällt als in den Jahren zuvor, wird den Blauflossen-Thunfischen dennoch wenig nützen, denn weit mehr als hundert Schiffe aus Nicht-EU-Staaten machen ebenfalls Jagd auf sie. In dieser Armada der Schlächter und Fänger stellen nordafrikanische Länder wie Tunesien, Algerien und Libyen die meisten Schiffe – zumindest nach Flaggen. Stark vertreten sind zudem Kroatien und die Türkei. Ein Schlepper kommt eigens aus Korea.
Geht man von insgesamt 150 aktiven Ringwadenfängern aus, von denen jeder – nach Angaben der Industrie – im Durchschnitt mindestens 150 Tonnen Roten Thun fischen muss, um in die Gewinnzone zu fahren, kommt man auf eine Fangmenge von 22 500 Tonnen – fast das Doppelte der erlaubten Quote. Und was folgt daraus? »Solange kein effektives Überwachungssystem eingerichtet ist«, antwortet Arata Izawa, Chef des Amita Institute for Sustainable Economies (AISE) in Kyoto, »lädt im Grunde jede Quote dazu ein, illegal zu fischen und Fänge nicht zu dokumentieren.«
Obwohl die legale Gesamtfangmenge 2007 mit 30 000 Tonnen erheblich höher lag als heute, sind damals weitere 31 000 Tonnen, so schätzen Experten, illegal gefischt worden. Für Maria Jose Cornax, Biologin bei der Meeresschutzorganisation Oceana, »eindeutig ein Zeichen für das Missmanagement der ICCAT«, die zusammen mit ihren Vertragsstaaten die Einhaltung des Bewirtschaftungsplans für Blauflossen-Thunfische hätte durchsetzen müssen, stattdessen aber »sogar illegale Fischerei toleriert hat«.
Im Juni 2008, so Cornax weiter, hätten Oceana-Aktivisten selbst einen Fall von illegaler Fischerei südlich von Malta dokumentiert. Beteiligt gewesen seien der ita‑
lienische Ringwadenfänger »Luigi Padre«, dessen Neubau dem Transparenzportal www.fishsubsidy.org zufolge mit fast einer Million Euro gefördert worden ist, sowie das türkische Unterstützungsschiff »Serter Ahmet 1« und die unter libyscher Flagge fahrende »Abr Alhibar 2«. Im Verbund hätten die drei Schiffe auch dann noch weitergefischt, als die EU-Kommission den Thunfisch-Ringwadenfang vorzeitig für beendet erklärt, also verboten hatte. »Jetzt, zwei Jahre später, untersucht die ICCAT den Fall immer noch«, sagt Cornax. »Ein weiterer Beleg für deren Ineffizienz.«
Wie verbreitet die illegale, unregulierte und ungemeldete Fischerei (IUU) im Mittelmeer noch immer ist, zeigt ein vertraulicher Bericht der französischen Marine, der dem britischen »Guardian« im September 2009 zugespielt wurde. Demzufolge hat das Patrouillenboot »Arago« im Mai vergangenen Jahres zwei Dutzend Schiffe aus der Türkei, Spanien, Italien, Griechenland und Zypern kontrolliert, die beim Ringwadenfang von Blauflossen-Thunfischen im östlichen Mittelmeer unterwegs waren. Mehr als zwanzig Verstöße gegen ICCAT-Bestimmungen registrierten die Beamten – Fischen ohne Lizenz, keine oder mangelhafte Fangdeklaration, Entnahme von zu jungen Thunfischen. Aber besonders übel stieß den Fahndern auf, dass die türkischen Fischer nur ein Zehntel ihres tatsächlichen Fangs angegeben hatten, wie Taucher der »Arago« feststellten, als sie die riesigen Transportkäfige kontrollierten.
In solchen Netzkäfigen landen heutzutage »über 80 Prozent aller Thune«, schätzt Jean-Marc Fromentin, Meeresbiologe beim französischen Institut für Meeresnutzung (IFREMER), bevor sie zu Mastfarmen weitergeschleppt werden, wo sie monatelang mit Sardinen, Sardellen, Heringen, Makrelen und Tintentisch hochgepäppelt werden, bis ihr Fleisch genau jenen Fettgehalt hat, den die Japaner an ihren Rohfischdelikatessen Sushi und Sashimi so schätzen. Denn es sind Importeure aus Nippon, die regelmäßig fast die gesamte Jahresproduktion an Rotem Thun aufkaufen.
Die Wertschöpfung innerhalb dieser »Produktionskette« ist enorm. Bekommt der Fänger von den Farmen rund fünf Euro pro Kilogramm, erhalten die Mäster von den Importeuren bereits 13 Euro, die wiederum die Fische in Japan für 30 bis 35 Euro weiterverkaufen. Ausbrecher nach oben sind dabei durchaus drin, wie das niederländische Marktforschungsunternehmen Ecorys herausgefunden hat: So erzielte ein einziger 200 Kilo schwerer Blauflossen-Thunfisch im Januar 2009 auf dem Tokioter Tsukiji-Fischmarkt die Rekordsumme von umgerechnet 122 000 Euro – 600 Euro pro Kilo.
Wo es um viel Geld geht, gibt es Grauzonen und Schwarzmärkte. »Etliche EU-Firmen fischen unter fremder Flagge – beispielsweise der libyschen«, weiß Meeresbiologin Cornax. Was bedeute, dass die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo für sie nicht mehr zuständig sei – sondern die ICCAT und deren Nicht-EU-Vertragsstaaten wie etwa Libyen, die oftmals nur »mangelhaft kontrollieren«.
Auch die türkische Flotte habe ein großes Problem mit IUU-Fischerei. »Selbst wenn die CFCA also effizient arbeitet, reicht das nicht aus, um die illegale Fischerei zu beenden.« Zumal durch »Flag Hopping« – insbesondere in Verbindung mit regelmäßigem Wechsel des Schiffsnamens – die Strafverfolgung erschwert, Sanktionen fast unmöglich werden.
Wie viele Tonnen Thun während der diesjährigen Fangsaison tatsächlich widerrechtlich abgefischt werden, lässt sich nur annähernd schätzen. Denn zusätzlich zu den Schiffen, die bei ICCAT registriert sind und womöglich ihre Fangquoten überschreiten, jagen auch »Wilderer«, wie Paul Watson sie nennt, in den Laichgründen des Roten Thunfischs. Watson, bekannt dafür, dass er mit seiner Umweltorganisation Sea Shepherd die etwas härtere Gangart wählt, wenn es um den Schutz diverser Meeresbewohner geht, vermutet, dass das Dreifache der zulässigen Gesamtfangmenge – das wären unglaubliche 40.000 Tonnen – in die Hände von Wilderern fällt oder zumindest fallen könnte, wenn niemand eingreift.
Doch genau das hat der 59-jährige Kanadier vor. Mit seiner martialisch wirkenden »Steve Irwin«, einem 59 Meter langen Motorschiff, ganz in Schwarz gestrichen, Piratenflagge am Bug, weißer Totenkopf unterm Steuerstand, lauern Captain und Crew im westlichen Mittelmeer – bereit, loszuschlagen, sobald ihre Feldagenten vor Ort Fälle dokumentiert und Wilderer identifiziert haben. Ein besonders wachsames Auge werfen die Fahnder dabei auf Schiffe, die unter Billigflaggen wie Panama, Mauritius oder Togo fahren.
Zum ersten Mal schickt auch die EU ein eigenes Inspektionsschiff ins Mittelmeer: Vierzig Tage lang kreuzt die »Jean Charcot«, ein 1965 gebautes, 74 Meter langes Motorschiff, in den bevorzugten Fanggründen – gechartert von der CFCA, die auch den Einsatz der 29 Patrouillenboote und neun Flugzeuge koordiniert, die für die diesjährige Überwachungsaktion direkt von den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt werden. Angesichts dieser massiven Präsenz von EU-Inspektoren – haben Wilderer da überhaupt eine Chance, zum Fang zu kommen? »In libyschen und türkischen Gewässern mit Sicherheit«, glaubt Watson. »Und wie es scheint, auch in maltesischen.«
Besonders tragisch an der Jagd auf die Thune ist, dass immer mehr junge Fische – keine vier Jahre alt, weniger als dreißig Kilo schwer, noch nicht geschlechtsreif – in die schwimmenden Mastkäfige vor den Küsten Maltas, Italiens, Spaniens, Zyperns, Tunesiens, Kroatiens oder der Türkei eingeliefert werden. In diesen marinen Pferchen mit einem Durchmesser und einer Tiefe von nur fünfzig Metern können sie weder ihre Höchstgeschwindigkeit von über 80 km/h ausschwimmen, noch – weitaus tragischer – pflanzen sie sich darin fort, bevor sie geschlachtet werden.
Die Farmen beschleunigen so den drohenden Kollaps des gesamten Bestandes. Und weil die Population der älteren Thune, die bis zu dreißig Jahre alt, drei Meter lang und 700 Kilogramm schwer werden können, inzwischen so gut wie ausgestorben ist, fehlen die potenten Giganten, die für Nachwuchs sorgen könnten – insbesondere alte Weibchen,
die erheblich mehr Eier produzieren als junge.
Sollte aber 2010 für den König der Meere tatsächlich ein ähnliches Schicksalsjahr werden wie 1963, als dessen Bestand im Europäischen Nordmeer, Skagerrak, Kattegat und in der Nordsee kollabierte, hätte das dramatische Folgen für die mediterrane Flora und Fauna.
Denn als wahrer Allesfresser vertilgt er in freier Wildbahn eben nicht nur Delikatessen wie Sardinen und Makrelen, sondern auch Tintenfische und – Quallen. Und diese glibberigen Beutetiere profitieren erheblich davon, wenn der mächtige Raubfisch an der Spitze der Nahrungskette eines Tages ausgestorben sein sollte. Sie besetzen die neue ökologische Nische, verschlingen dabei Myriaden von Jungfischen und vermehren sich vehement: Riesige Schwärme von Feuerquallen an der Côte d’Azur oder von hochgiftigen Portugiesischen Galeeren vor Mallorca und Ibiza – was noch vor wenigen Jahren ein eher seltenes Phänomen war, kehrt dann in nahezu jeder Sommersaison wieder.
»Die marinen Nahrungsnetze sind viel zu komplex«, erläutert der spanische Greenpeace-Berater Sebastian Losada, »als dass man genau wüsste, was noch passiert, wenn ein dominanter Räuber wie der Blauflossen-Thunfisch verschwindet. Aber die Auswirkungen könnten katastrophal sein.«
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