Den meisten Lärm machen die Demokraten, wenn sie auf ihr Recht pochen.
Die geheimen Supersinne des Internets
Sind alle Menschen von Natur aus Egoisten?
Die fliegende Sternwarte
Ausgabe
02/2012
Ausgabe
02/2012
Ausgabe
01/2011
Ausgabe
04/2011
Ausgabe
02/2012
Vorsicht, Ansteckungsgefahr!
Charismatische Persönlichkeiten
Biografie eines Cafés
Grand Café Odeon Zürich
Ausgabe
04/2011
Ausgabe
01/2012
Ausgabe
02/2012
Ausgabe
01/2012
Ausgabe
01/2012
98 qualitativ hochwertige Sudokus – für Anfänger, Fortgeschrittene, Experten und Champions
Zu gewinnen: drei iPods nano!
Ausgabe
01/2011
Noch mehr Rätselspaß:
P.M. Logicals bringt Ihre grauen Zellen auf Hochtouren. Mit 45 anspruchsvollen Logik-Puzzles
Ausgabe
01/2011
Internet
Die Intelligenz-Explosion!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Tag für Tag wächst die Zahl der Anwendungen im Internet – und viele von ihnen ziehen blitzschnell Millionen Nutzer an. Die Entwicklung verläuft so rasant, dass manche Wissenschaftler bald einen Umschlag zu etwas völlig Neuem erwarten: Das Internet wird intelligenter als wir Menschen! Was kommt da auf uns zu?
Die bedeutendste Revolution der menschlichen Geschichte war zugleich die unscheinbarste – denn nicht einmal die Beteiligten merkten, welchen Stein sie ins Rollen brachten. Nichts weiter geschah 1448, als dass der Goldschmied Johannes Gutenberg eine Technik erfand, Bücher nicht mehr handschriftlich zu kopieren, sondern sie mit beweglichen Bleilettern auf Papier zu drucken. Keine königliche Armee erschien, um die Revolution im Keim zu ersticken, kein päpstliches Dekret löschte den Funken, der einen Flächenbrand verursachen sollte. Nie hätte einer der Zeitgenossen sich träumen lassen, dass in einer Erfinderstube in Mainz die Grundlagen gelegt würden für neue Religionen, den Sturz von Königreichen und die Gründung von Nationen. Gutenberg selbst hätte wohl an seinem Verstand gezweifelt, hätte er gewusst, dass gut fünfhundert Jahre später amerikanische Journalisten ihn zum bedeutendsten Menschen des zweiten Jahrtausends wählen würden.
Doch der von ihm entscheidend verbesserte Buchdruck wälzte die menschliche Gesellschaft um wie keine andere Erfindung zuvor. Schon wenige Jahre nach Gutenbergs Bibel spuckten die Druckmaschinen ganz anderes Material aus: Flugblätter, auf denen die Thesen des bis dahin unbekannten Theologieprofessors Martin Luther über ganz Deutschland verbreitet wurden. Mit seiner Kritik an den Exzessen der Kirche sprach er den Menschen aus dem Herzen. Bald nutzten auch theologische Laien das neue Medium und verbreiteten ihre eigenen Standpunkte; andere Laien fühlten sich als Leser angesprochen und für urteilsfähig erklärt. Die Menschen begannen, selbst zu denken. Die evangelische Kirche spaltete sich ab, Religionskriege erschütterten das Land.
Aber diese Umwälzungen waren nur ein Vorgeplänkel, verglichen mit dem, was kommen sollte: Tiefer und tiefer griff die neue Medientechnik in das Bewusstsein der Menschen ein. Durch die überall verbreiteten Druckwerke begannen sie in immer größeren Gebieten einheitlich zu sprechen, Dialekte ebneten sich ein, eine Zusammengehörigkeit über die Heimatregion hinaus wurde spürbar. Nationalstaaten entwickelten sich.
Gleichzeitig speicherten Bücher das gesamte bekannte Wissen und machten es für alle verfügbar. Der Einzelne konnte als Buchautor in den Vordergrund treten und über das früher vorstellbare Maß hinaus wirksam werden. Die technisch-wissenschaftliche Revolution, die Industrialisierung, die Massen-Demokratie – alle diese kommenden Entwicklungen bauten notwendig auf dem Buchdruck auf. Ohne billige und schnelle Drucktechnik würde sich unser Horizont noch heute nur bis zum Dorfrand erstrecken.
Am Beginn eines ähnlichen Umsturzes stehen wir jetzt. Nur dass es diesmal schneller gehen wird. Und dass es unsere Lebensbereiche noch gründlicher durcheinander wirbeln wird. Vielleicht müssen wir uns sogar von den tiefsten Überzeugungen verabschieden, was ein Mensch ist.
Man muss sich einmal vor Augen halten, was zurzeit geschieht: Gerade einmal 50 Jahre ist es her, dass der erste Computer auf Transistorbasis gebaut wurde, nicht mehr als 25 Jahre sind seit der Erfindung des PCs verstrichen, und nur 15 Jahre zurück liegt die Erfindung des World Wide Web (»WWW«), des Internet-Dienstes, den heute fast jeder nutzt. Seitdem vergeht kein Jahr, in dem nicht irgendeine internetbasierte Anwendung erfunden wird, die das Potenzial hat, unser Leben grundlegend zu verändern. Für jeden, der die technische Möglichkeit dazu hat, ist das Internet inzwischen Nachschlagewerk, Nachrichtenzentrum und Unterhaltungslieferant – und ständig kommen weitere Funktionen hinzu.
Ähnlich wie die Gutenberg’sche Revolution nahm die explosionsartige Ausbreitung des World Wide Web ihren Ursprung in einer kleinen technischen Veränderung. Bis 1991 war nämlich das Internet ein eher langsam wachsendes Netzwerk für Spezialisten. Vor allem Wissenschaftler nutzten den weltweiten Computerzusammenschluss, um darüber Daten, Messergebnisse und E-Mails auszutauschen. Zur Vereinfachung der Kommunikation führte schließlich der CERN-Angestellte Tim Berners-Lee den Hyperlink ein – und veränderte so das Leben von Milliarden Menschen.
Der technische Fortschritt hinter dem Hyperlink war eher unscheinbar: Fortan enthielten Internet-Dokumente nicht nur Text, Bilder und Daten, sondern auch Verweise auf andere Dokumente. Das ersparte dem Benutzer, die Adresse einer gesuchten Seite von Hand einzugeben. Stattdessen klickte er nun einfach auf den Verweis (»Link«) im Dokument, und der Computer erledigte den Rest. Nichts konnte man mit der neuen Technik tun, was man nicht vorher hätte auch tun können. Nur die Hürde wurde kleiner: Das Wechseln von Seite zu Seite im Internet vereinfachte sich – und diese Vereinfachung löste die Lawine aus.
Plötzlich tummelten sich nicht nur Spezialisten im Netz, sondern auch ganz normale Menschen. Die Zahl der Internet-Benutzer stieg exponentiell an. 2005 lag sie erstmals über der Schwelle von einer Milliarde – bis 2011 rechnen die Forscher mit einer Verdopplung. Mehr als 100 Millionen Domain-Adressen (wie »www.pm-magazin.de«) bildeten Ende 2006 das World Wide Web, und hinter jeder können sich tausende oder gar Millionen einzelne Dokumente verbergen.
Aus der Seitenverknüpfungs-Mechanik entstanden völlig neue Anwendungen: Käufer und Verkäufer aus der ganzen Welt versammelten sich auf einem riesigen Marktplatz, eine neue Art von Kaufhäusern etablierte sich, und Millionen von »Usern« begannen, sich auf ihrer eigenen Homepage einer weltweiten Betrachtergemeinde vorzustellen. Problemlos fanden Menschen mit den seltsamsten Interessen zusammen: Sammler russischer Fellmützen ebenso wie Fans gelbblättriger Orchideen oder Liebhaber bizzarer Sexspiele. Dass dies die indirekte Folge des Hyperlink-Standards sein würde, hätte sich Web-Erfinder Berners-Lee nie träumen lassen.
Doch die Entwicklung bleibt nicht stehen. Die Speicherkapazitäten wachsen unaufhörlich, immer mehr Computer werden über immer leistungsfähigere Leitungen zusammengeschlossen, statt Texten und Messdaten rasen inzwischen meist Bilder, Musik und Filme hin und her. Und anders als die alten Medien Rundfunk und Fernsehen, die einen einzelnen Sender mit vielen Empfängern verbinden, verbindet das neue Medium jeden mit jedem.
Direkte Folge davon: das soziale Netz, das »Web 2.0«. Das neue Medium vermittelt nicht länger nur Informationen zwischen den Menschen, sondern es wird zu einem geistigen und sozialen »Raum«, in dem sich die Menschen bewegen – fast als wäre es ein realer Raum. »Das Web gehört uns«, fasst der Internet-Philosoph Steven Weinberger den Paradigmenwechsel zusammen. Und tatsächlich nutzen die Menschen das Web inzwischen auf ganz neue Weise: Auf einer Fülle von Internet-Seiten treffen sie sich, um sich gegenseitig kennen zu lernen, miteinander zu flirten oder Fotos, Videos und Meinungen auszutauschen – kurz: miteinander Spaß zu haben. Mehr als sechs Millionen Nutzer versammeln sich auf YouTube.com, um Videoschnipsel auszutauschen: Banales, Alltägliches – und erstaunlich Anspruchsvolles. Täglich fügen die Nutzer etwa 60000 neue Videos hinzu, und wer heutzutage an einen ihm unbekannten Urlaubsort reisen will, kann sich dort via YouTube oft schon vorher umschauen.
Auf flickr.com haben vier Millionen Teilnehmer 180 Millionen Fotos zusammengetragen. Der gigantische Bilderberg bleibt überschaubar, weil die Fotofreunde Stichwörter und Bewertungen zu jedem Foto beifügen. Gruppen von Gleichgesinnten beflügeln sich gegenseitig, produzieren manches Komische und gelegentlich sogar echte Kunst, die auf anderem Wege nie hätte entstehen können.
Auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia lebt vom Prinzip, dass jeder mit jedem verbunden ist. Jeder darf an den Artikeln mitwirken, jeder darf die fertigen Artikel kostenlos abrufen. Mit dieser simplen Regel wurde das digitale Nachschlagewerk zum Sensationserfolg und zur Widerlegung aller Betriebswirte und Misanthropen: Menschen arbeiten tatsächlich unbezahlt, um anderen helfen zu können, und – nein – der Mensch ist nicht im Kern schlecht; Vandalismus ist kein übermäßiges Problem von Wikipedia. Inzwischen hat das Online-Lexikon die klassischen Nachschlagewerke an Umfang deutlich überholt und muss auch in Qualitätsfragen den Vergleich nicht scheuen.
Aber die Entwicklung stürmt weiter voran. Niemand nimmt an, dass unsere Enkel noch YouTube-Videos schauen werden. Die nächste Version des Internet steht vor der Tür: das semantische Web – das Web, das versteht, was es sendet. Motor hinter dieser nächsten Entwicklungsstufe ist wieder WWW-Erfinder Tim Berners-Lee. Ihn treibt die Vision eines Netzes, in dem Computer die Bedeutung der Information begreifen, mit der sie umgehen. So soll das Netz in die Lage versetzt werden, dem Menschen genau jenes Wissen zukommen zu lassen, das er im Moment gerade braucht. Bisher haben Computer keinen Schimmer, was die Bits bedeuten, die sie anzeigen, sortieren oder weiterleiten: Computer sind unvorstellbar dumm. Dass sie manchmal intelligent wirken, liegt an der Intelligenz der Menschen, die die Programme geschrieben haben.
Prominentestes Beispiel solcher Pseudointelligenz ist die Suchmaschine Google. Ihre treffgenauen Resultate verdankt sie einem statistischen Auswerteverfahren, das die
Anzahl der Links, die auf eine Seite verweisen, als Indikator für die Wichtigkeit dieser Seite nutzt. Google »erntet« so die Intelligenz der Webseitenprogrammierer und erreicht damit seine legendären Suchergebnisse.
Wer sich überzeugen will, dass Suchmaschinen wirklich dumm sind, kann ja mal eine Frage eingeben: »Welche Farbe hat mein blaues Auto?« Die Antwort ist nicht etwa: »Blau« (oder gar: »Willst du mich auf den Arm nehmen?«), sondern eine ellenlange Liste von Fundstellen, die die Wörter »welche«, »Farbe«, »hat« usw. enthalten. Die Maschine hat nicht einmal bemerkt, dass es sich um eine Frage handelt.
Damit Computern zumindest eine Simulation von Verstehen möglich wird, sollen nach der Vision von Berners-Lee an alle Informationen im Netz Bedeutungsmarken angeheftet werden: so genannte »Tags« (gesprochen »tägs«; engl. tag = Etikett). Dem Wort »Bank« wäre dann die Information beigeordnet, ob es sich um eine Sitzgelegenheit oder ein Geldinstitut handelt. Sind sehr viele Dokumente auf diese Weise mit Schlagworten versehen, könnten Computerprogramme das Netz ganz neu auswerten. Sie wären dann zum Beispiel in der Lage, Tagesdaten mit den zugehörigen Wetterdaten zu verknüpfen und diese wiederum mit Begriffen wie »sonnig«, »bewölkt« oder »regnerisch« – so ließen sich etwa Fotos finden, die an sonnigen Freitagen aufgenommen wurden.
Einen anderen Weg zum semantischen Web beschreiten die Forscher an der FU Berlin im Projekt »K-Space«. Sie versuchen Computern beizubringen, wie man Nachrichtensendungen versteht. Dazu trennen sie den Ton ab, zerteilen diesen in Sprache, Musik und Geräusche und versuchen anschließend, die Sprache in gedruckten Text umzusetzen. Dabei bedienen sie sich des Vokabulars, das zeitgleich auf den Zeitungsseiten im Netz erscheint. Personen soll der Computer anhand der gelegentlich eingeblendeten Namenszeilen erkennen lernen. Suchmaschinen der Zukunft könnten dann auch Nachrichten aus dem Fernsehen auflisten.
An einem noch ehrgeizigeren Zugang zum semantischen Web arbeiten die Forscher der Firma Cycorp, einer Ausgründung der Universität von Austin/Texas. Seit über 25 Jahren bringen die Wissenschaftler dort das Alltagswissen der Menschheit in maschinenlesbare Form. Mehr als drei Millionen Fakten haben sie ihrem Computersystem bisher zugänglich gemacht: zum Beispiel, dass Kühlschränke Haushaltsgegenstände sind, dass Lebewesen sterben müssen, dass Musiker Menschen sind und dass Menschen zu den Lebewesen gehören. Zusätzlich haben sie über 15000 Regeln aufgespürt, mit denen man aus der Masse der Einzelfakten Schlüsse ziehen kann. So reicht diesem Computer die Information, dass Bruce Springsteen Musiker ist, um zu wissen, dass er irgendwann sterben wird – im Gegensatz zu seinem Kühlschrank. Eine Kleinigkeit für einen Menschen, aber unerreichbar für normale Computer.
Die Vision der Forscher: Sobald ihre Maschine über eine genügend große Grundmenge an Wissen verfügt, soll sie sich neues Wissen selbstständig aus dem Internet erschließen – ähnlich wie ein Mensch, der durch Lesen alleine weiterlernen kann, sobald er eine Fremdsprache gut genug beherrscht. Die Forscher bräuchten dann nicht länger mühsam Alltagsweisheiten zu kodieren, sondern könnten ihrer Maschine entspannt beim Lernen zuschauen. Ist dieses Vorhaben nur ein kurioser Irrweg in den Randbereichen der Forschung? Mitnichten! Denn wenn es gelingt, wird es unser aller Leben grundlegend verändern. Im Internet-Zeitalter hat das Werk eines Einzelnen Folgen für die ganze Menschheit. Und was wäre folgenreicher, als wenn wir mit Computern plötzlich auf menschliche Weise reden könnten, wenn Suchmaschinen auf die Frage »Ist der Eiffelturm höher als das Ulmer Münster?« eine vernünftige Antwort geben können. Diese kleine technische Veränderung wäre Auslöser einer weiteren Revolution. WWW-Erfinder Berners-Lee formuliert es so: »Das Faszinierendste am semantischen Web sind nicht die Anwendungen, die wir uns vorstellen können, sondern die, die wir uns noch nicht vorstellen können.«
Doch noch ehe das semantische Web verwirklicht ist, haben die Wissenschaftler schon den übernächsten Schritt im Visier. Nach Ansicht des amerikanischen Erfinders und Computer-Pioniers Ray Kurzweil steht uns Gewaltiges bevor: eine »Singularität«, eine »Diskontinuität in der menschlichen Entwicklung«, ein Sprung in der Evolution. Zum ersten Mal werden Maschinen eine menschliche Kerneigenschaft übernehmen: Sie werden intelligent. Explosionsartig. Und unwiderruflich.
Überall laufen Entwicklungen ab, die diesen Weg vorzeichnen: Seit über vierzig Jahren verdoppelt die Industrie alle 18 Monate die Rechnerleistung. Biologen dringen immer schneller in die Geheimnisse der DNA ein, Speicherkapazitäten verdoppeln sich im Jahrestakt, mechanische Bauteile werden jedes Jahr kleiner. Aus den vielen getrennten Beschleunigungen, so folgert der Forscher, wird sich eine gemeinsame Superbeschleunigung entwickeln und die Intelligenzexplosion hervorbringen. Fieberhaft arbeiten weltweit die Experten – als wollten alle Kurzweils Vision voranbringen:
- Techniker werkeln an einem neuen komplexen System von Internetadressen (»IPv6«), mit dem man theoretisch jedem Bakterium auf der Erde einen eigenen Anschluss legen könnte.
- Überall werden riesige Übertragungsbandbreiten installiert; kommende Netzverbindungen sollen einen kompletten Spielfilm in einer Drittelsekunde übertragen.
- Forscher arbeiten daran, die Dinge unserer Umwelt in die Computerwelt einzubinden. Nach ihren Plänen soll jeder Schalter, jede Milchtüte, jede Straßenlaterne mit einem Funkchip ausgestattet sein und so in der virtuellen Welt sichtbar werden.
- Andere Wissenschaftler konzentrieren sich auf die Erkennung von Sprache und Musik. Bald soll Software jedes Musikstück finden können – nur anhand eines zehnsekündigen Ausschnitts.
- Die automatische Spracherkennung macht rasante Fortschritte. Heutige Systeme verstehen bis zu 100000 Wörter. Langsam gerät der automatische Dolmetscher in Sicht – eingebaut in unser Handy?
- Auch die Bilderkennung steht vor der Markteinführung. Die erste Software, die Personen in privaten Bildersammlungen identifiziert, soll demnächst in die Läden kommen. Was für eine Erleichterung beim Durchsuchen der Fotoberge auf privaten Festplatten! Googles Pressesprecher Stefan Keuchel schätzt, dass diese Technik in zwei Jahren auch via Internet angeboten wird: Dann lassen sich anhand eines Passfotos alle Bilder, auf denen diese Person zu sehen ist, aus dem Netz fischen.
«Intelligenz«, meint der amerikanische Internet-Pionier Daniel Hillis, »ist eine Masse kleiner Dinge, tausende davon. Und mit jedem kleinen Schritt werden die Maschinen uns ähnlicher. Das ist es, was gerade geschieht.« Ray Kurzweil nennt sogar Zahlen: Wenn die bisherige Geschwindigkeit sich in der Zukunft fortsetzt, werden im Jahr 2013 Supercomputer dieselbe Verarbeitungsfähigkeit erreicht haben wie ein menschliches Gehirn. 2020 wird auch der normale PC so weit sein. Fünf Jahre später sollen Supercomputer in der Lage sein, das Funktionieren aller Nervenzellen eines menschlichen Gehirns gleichzeitig simulieren zu können.
Einige Jahre später, glaubt der Forscher, kommt der prinzipielle Umschlag. Wenn die Menschen so viel Verarbeitungskapazität in Form von Computern hergestellt haben werden, dass sie die Kapazität aller Menschengehirne zusammen um das Tausend- oder Millionenfache übertrifft – dann tritt die Evolution in eine neue Phase: Intelligenz steigert sich nicht mehr nur auf biologischem Weg, sondern durch das Zusammenspiel von biologischen und künstlichen Faktoren. Die Menschen werden die erste Maschine geschaffen haben, die ihnen in zentralen Fähigkeiten überlegen ist – und die sie nie mehr abschalten können.
Ist diese Vision überspannt? Wahrscheinlich nicht. Gestützt wird sie u. a. durch die Bündel-Theorie des menschlichen Geistes. Nach dieser Theorie bezieht das Gehirn seine Leistungsfähigkeit daraus, dass es verschiedene Einzelbereiche, die jeder für sich eine Spezialaufgabe erfüllen, zu einem großen Ganzen zusammenbindet.
Ein medizinisches Wunder, das sich 2003 in Arkansas/USA zugetragen hat, liefert weitere Hinweise in diese Richtung. Nach 19 Jahren im Koma wachte der Patient Terry Wallis unverhofft auf. Die Ärzte fanden dafür eine bemerkenswerte Erklärung: Bei dem schweren Unfall, den der Patient als junger Mann erlitten hatte, wurden langreichende Nervenverbindungen im Gehirn zerrissen. Die einzelnen Areale funktionierten für sich weiter, waren aber nicht mehr miteinander verbunden. Im Lauf der Jahre wuchsen langreichende Nervenfasern nach, durch Aufnahmen dokumentiert. Und als sich genügend neue Verbindungen gebildet hatten, geschah das Unerwartete: Das Gehirn erwachte zu neuem Bewusstsein – wie eine Glühbirne, die plötzlich angeht.
Sollte Ähnliches mit dem Web passieren, wäre das eine Singularität, eine Diskontinuität in der menschlichen Geschichte! Wir werden unser Bewusstsein ändern. Die Frage »Was ist menschlich?« wird neu gestellt. Wir werden erkennen, dass die Intelligenz, auf die wir uns so viel zu Gute hielten, nur ein Werkzeug ist und nichts, was den Menschen zum Menschen macht. Mit Intelligenz kann man auch ein KZ betreiben, Menschlichkeit ist etwas anderes.
Im Gutenberg-Zeitalter mussten die Menschen von der Überzeugung Abschied nehmen, die Erde stehe im Mittelpunkt des Universums. Später wurde der Glaube zerstört, wir seien die Krone der Schöpfung. Beide Kränkungen hat die Menschheit erstaunlich gut verkraftet – und sich sogar in vielen Bereichen zu höherer Menschlichkeit weiterentwickelt. Nichts spricht dagegen, dass sie nicht auch an der Erkenntnis wachsen könnte, dass Intelligenz noch auf anderem Wege entstehen kann als in menschlichen Köpfen.
- Internet
- Kultur & Gesellschaft
- Connect
























