Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Die Google Bibliothek
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Alle Bücher dieser Welt in der Hosentasche tragen – dieser Traum von der »Weltbibliothek auf dem iPod« wird jetzt wahr. Denn Google & Co. scannen Millionen Schriften – als kostenlose Online-Literatur.
»Googeln Sie sich einen Goethe runter!« Flapsiger als mit dieser Schlagzeile kann man einen Menschheitstraum nicht umschreiben: die virtuelle Weltbibliothek. Sie macht das gesamte Menschheitsgedächtnis online verfügbar; der »größte Kulturbruch aller Zeiten«, wie Medien-Philosophen meinen.
Dabei klingt die Idee erst mal recht simpel: Alles, was jemals zwischen zwei Buchdeckel gepresst worden ist, soll elektronisch eingelesen und eingesehen werden können – unter books.google.de. Ein Stichwort genügt – und schon erscheinen alle Bücher mit diesem Begriff auf dem Schirm!
Ein simpler Mausklick – möchte man meinen. Doch die Online-Innovation spaltet die Buchwelt in zwei Lager! Chris Anderson, Boss des amerikanischen Trendmagazins »Wired«, schwärmt vom »grenzenlosen Content des digitalen Bücherregals« (»shelf space«). Jean-Noël Jeanneney, Präsident der französischen Nationalbibliothek, wettert gegen die »gefährliche Entwicklung einer Vorherrschaft Googles auf dem digitalen Wissensmarkt«.
Worum geht es? Um ein beispielloses Bibliotheksprojekt. Um den Traum, online durch die berühmtesten Bibliotheken dieser Welt zu wandeln und in jahrhundertealten Büchern stöbern zu können. »An einem einzigen Ort«, so der US-amerikanische Internet-Vordenker und Buchautor Kevin Kelly, »alles Wissen der Vergangenheit wie der Gegenwart beisammen zu haben – alle Bücher, alle Dokumente, alle Werke in allen Sprachen.«
So futuristisch das klingen mag – die Vision ist alt: Die erste globale Bibliothek wurde um 300 v. Chr. errichtet: die große Bibliothek von Alexandria. Doch nachdem das Archiv – nach jahrhundertelangen Wirren – ruiniert war, starb auch die Weltbibliothek. Überlebt hat sie lange Zeit nur als fiktive Universalbibliothek – die Gesamtheit aller möglichen Bücher – in der Erzählung »Die Bibliothek von Babel« des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges als Metapher für das Universum. Jetzt steigt sie wie der Phönix aus der Asche.
»Das ist unsere Gelegenheit, die Griechen zu übertrumpfen!«, tönt US-Netzguru Brewster Kahle. »Wir können allen Menschen sämtliche Werke der Menschheit zugänglich machen. Das ist eine Leistung wie die, einen Mann auf den Mond zu schicken.«
Die digitale »Weltbibliothek und ihre ›Bücher‹ werden anders als jede Bibliothek und jedes Buch sein, die wir bisher gekannt haben«, erklärt Kelly. Sie wird »das Wesen dessen verändern, was wir heute Buch und Bibliothek nennen«. Denn anders als das reine Scannen von Büchern ermöglicht heute die Technik der Suchmaschine, jedes Buch zu finden und zu lesen, das je geschrieben wurde.
Und nicht nur jedes Buch! Theoretisch kann man auch jeden entsprechenden Artikel finden, der je erschienen ist: in Zeitungen und Magazinen. Und man kann Filme und Musikstücke sowie Milliarden aktive und tote Websites und Zigmillionen stillgelegte Blogs in die Suche mit einbeziehen. Und das alles könnte eines Tages sogar auf einem iPod Platz finden – dank der fortschreitenden »Schrumpfungstechnik« der Nanotechnologie.
Wenn jeder Mensch Zugriff auf alles jemals Geschriebene hat, dann ist das Buch keine »Insel« mehr, sagt Vordenker Kelly. Denn in einem solchen Universum ist jedes Wort jedes Buches über Links vernetzt, mit anderen gebündelt und neu zusammengesetzt. Nutzer könnten Wörter, Sätze oder Bücher explizit miteinander verbinden, indem auch sie so genannte »tags« anbringen – was im Web immer beliebter wird.
Ein »tag« ist ein öffentlicher Kommentar, eine Anmerkung. Das kann ein Stichwort sein oder die Zuordnung zu einer Kategorie. Ein »tag« wird einer Datei, einer Seite, einem Bild oder Song angehängt. So kann dann jeder danach suchen.
»Der Link und das ›tag‹ dürften zwei der wichtigsten Erfindungen der letzten fünfzig Jahre sein«, urteilt Kelly. Denn sobald ein Buch durch solche Verbindungen in die neue digitale Bibliothek integriert wurde, ist sein Text nicht mehr getrennt von dem anderer Bücher. »Verlinkt« und »vertaggt«, könnten alle Gegenstände, Ereignisse oder Orte »wissen«, was in jeglichem Buch jeglicher Sprache und jeglicher Epoche geschrieben wurde; z. B über die Kathedrale Notre-Dame. Noch hat das Google-Projekt zu wenig Bücher. Zwar können Surfer über die neue Google-Suchfunktion »Bücher mit Vollansicht« bereits digitalisierte Werke kostenlos im PDF-Format auf ihren Rechner laden und ausdrucken. Doch wer z. B. »Goethe Werke« eingibt, bekommt nur einen Treffer angezeigt: »Goethes Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand von 1830«. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Kinderkrankheiten behoben sind – bis zu 5000 Bücher am Tag sollen in den nächsten Jahren digitalisiert werden.
Sicher: Noch sind Hürden zu überwinden. So haben der US-Verleger- und der größte US-Schriftstellerverband sowie jüngst der französische Verlegerverband (SNE) Klage gegen Google eingereicht. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Urheberrecht. Denn Google scannt nicht nur Tausende von Buchseiten, deren Urheberrecht abgelaufen ist, sondern auch Werke jüngeren Datums. Doch allen Protesten zum Trotz: Die Digitalisierung ist nicht zu stoppen.
Google arbeitet mit immer mehr amerikanischen und europäischen Bibliotheken zusammen. Und auch die Konkurrenz schläft nicht. Yahoo und Microsoft rüsten ebenfalls auf. Sie arbeiten, wie bereits Google Books, mit Buchverlagen zusammen. Auch Freelance-Autoren wittern eine Geschäftschance. Sie möchten mit Online-Gratisdown-loads den Verkauf der gedruckten Werke ankurbeln. »Nachdem ich meine erste Novelle ins Netz gestellt hatte, stieg der Verkauf der Printversion dramatisch an«, freut sich Cory Doctorow, ein kanadischer Sciencefiction-Autor: »Innerhalb von drei Jahren wurden 650000 Exemplare verkauft.«
Ganz offensichtlich ist der Mensch so »gestrickt«, dass er Bücher doch am liebsten in Papierform konsumiert. Darauf setzen auch die Erfinder der »Espresso Bookmachine«. Damit kann man Bücher online bestellen – auf dem Bildschirm ansehen – und in fünf Minuten gebunden ausdrucken: für etwa einen Cent pro Seite. Wenn erst mal in jedem Supermarkt so ein vernetzter Speed-Drucker steht – dann wird wirklich ein Menschheitstraum wahr: Dann kann jeder Mensch zu jedem Stichwort, alles, was je dazu publiziert, gefilmt oder vertont wurde, auf dem Schirm begutachten und alles, was dazu jemals zu Papier gebracht wurde, auch sofort »ordentlich« ausdrucken. Dann hätte jeder, der jemals kreativ war, mehr Chancen als je zuvor, entdeckt zu werden – vielleicht ein »neuer Goethe« ...
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