Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Thesen
Die erfundenen Jahrhunderte
Der Kunsthistoriker Heribert Illig behauptet, drei Jahrhunderte unserer Geschichte seien frei erfunden, und Kaiser Karl den Großen habe es nicht gegeben. Hier sein Beitrag zu diesem Thema.
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Seit nun 200 Jahren vertiefte sich das Wissen um das Mittelalter, doch was brachte die zugehörige Wissenschaft ans Licht? Alte Urkunden, Moder und Staub – und einige Prachthandschriften. Die Archäologen fanden wenig Alltagsgegenstände und ein paar alte Fundamente unter jüngeren Kirchen und Burgen. Deshalb erregte gerade das frühe Mittelalter, also das halbe Jahrtausend vor dem Jahr 1000, wenig Interesse, wenn man einmal vom Stammvater Europas, von Karl dem Großen absieht, der den halben Kontinent von 768 bis 814 beherrscht und »auf Vordermann« gebracht haben soll.
Da geriet ab 1995 eine scheinbar aberwitzige Idee in die Diskussion: Im frühen Mittelalter gibt es erfundene Zeit, eine Phantomzeit, die niemals verstrichen ist, sondern nur als Vorstellung in alten Folianten und modernen Lehrbüchern steht; eine Zeit, die zwar geschichtliche Daten enthält, aber gleichwohl nur ein Schemen ist; sie umfasst die Jahre von 614 bis 911; was in diesen Jahrhunderten stattgefunden hat, ist entweder erfunden oder verdoppelnd hineinprojiziert; was ihr an Gegenständen zugeordnet wird, ist falsch datiert, weil erfundene Zeit keine Spuren im Boden hinterlassen haben kann.
Wenn diese These stimmt, müsste Karl der Große die Geschichte verlassen, genauso wie sein Großvater Karl Martell, sein Schwager Tassilo III., sein islamischer Gegenspieler Harun ar-Raschid in Bagdad, dazu viele Päpste und byzantinische Kaiser. Das wäre ein Albtraum für Mediävisten, die durch diesen »Kahlschlag« ihre Forschungsobjekte verlieren würden, ein Ärgernis für alle damit befassten Forscher, weil sie offenbar nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden konnten.
Dementsprechend waren die Reaktionen auf diese ketzerischen Thesen: aufgebracht, stark erregt, verhöhnend, verleumdend, beleidigend – erst dann auch argumentativ. Da war eine Fakultät massiv getroffen – und sie wusste, warum: Allenfalls unsere heutige Zeit übertrifft das Mittelalter als Epoche der Fälschungen. Buchstäblich alles ist damals gefälscht worden, was überhaupt auf eine Kuhhaut, sprich auf Pergament geht: Chroniken, Urkunden, Rechtsordnungen, ganze Konzilsakten – alles. Darunter gab es auch Fälschungen, die ihre Wirkung erst viele Jahrhunderte nach ihrer Erstellung erzielt haben sollen. Zum Beispiel die »Konstantinische Schenkung«, die – nach klassischer Lehrmeinung zwischen 750 und 850 entstanden – die Basis für den Kirchenstaat bildet. (Dieser Urkunde zufolge soll Kaiser Konstantin der Große dem damaligen Papst Silvester I. und damit der katholischen Kirche im 4. Jahrhundert die geistliche und praktisch in weiten Teilen auch politische Herrschaft über Rom und das Weströmische Reich »geschenkt« haben; d. Red.)
Wie konnte ein Schreiber seine Fälschung so verfassen, dass sie mehrere Jahrhunderte später die große Politik verändern würde? Auf diese Frage eines Freundes fiel mir – es war August 1990 – eine andere Erklärung ein: Sofern überhaupt die Zeitpunkte richtig bestimmt waren, konnten doch zwischen Erstellung und Wirkung der Fälschungen mehrere künstliche Jahrhunderte eingeschoben worden sein – ein Gedanke, der von der ägyptischen Geschichte herrührt (siehe Kasten auf Seite 57). Im Gegensatz zur Ägyptologie ließ sich die scheinbar abwegige Idee leicht nachprüfen, da unser Kalender antike Wurzeln hat.
Der römische Staatsmann Gaius Julius Caesar hat ihn 45 v. Chr. eingeführt. Um dem Sonnenjahr mit seinen »krummen« 365,2422 Tagen zu entsprechen, ließ er binnen 400 Jahren 100 Schalttage einfügen; doch das waren im Vergleich zum Gang der Sonne drei Tage zu viel! Das korrigierte Papst Gregor XIII. im Jahr 1582: Seitdem enthält unser Kalender innerhalb von 400 Jahren nur noch 97 Schalttage.
Wenn aber die Kalenderzählung innerhalb von 400 Jahren um drei Tage nachhinkt, dann fällt beim Abstand von rund 1600 Jahren zwischen Caesar und Gregor die Zählung schon 12 Tage zurück (exakt gerechnet 12,7 Tage). Deshalb ließ der Papst die Uhr vordrehen: Auf den 4. Oktober folgte sofort der 15. Oktober 1582. Er ließ also nur 10, nicht 12 oder 13 Tage überspringen, die Frühlingstagundnachtgleiche fiel wieder auf den 21. März und, für den Papst viel wichtiger, das Osterfest konnte wieder zum richtigen Zeitpunkt gefeiert werden. Kann ein Papst mit einer falschen Korrektur zum richtigen Ergebnis kommen?
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