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Primatenforschung
Die Angst des Menschen vor den Affen
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Weiß er, was ich weiß? Dieser Frage gehen Wissenschaftler seit dem ersten Zusammentreffen mit Primaten nach. Die Antworten darauf sind so unterschiedlich wie die Epochen, in denen sie gegeben wurden.
Die Begegnung von Mensch und Menschenaffe ist von seltener Tragik: In rund hundert Jahren trieb der Homo sapiens seinen nächsten Verwandten an den Rand der Ausrottung. So weit wäre es nicht gekommen, hätten wir sie wie einst Hanno aus Karthago als nahe Verwandte betrachtet.
Hanno, ein hoher Beamter in der reichen Handelsstadt an der nordafrikanischen Küste, sollte um 500 v. Chr. im Auftrag seiner Regierung Handelsniederlassungen entlang der afrikanischen Küste gründen. Nahe dem »Horn des Südens«, wahrscheinlich das heutige Gabun, traf Hanno auf eine »unbekannte Menschenrasse«. »Die meisten waren weiblich und behaart«, schrieb er. »Unsere Dolmetscher nannten sie ›Gorillai‹.« Weil sich die Gorillai nicht lebend fangen ließen, sahen die Karthager keine andere Möglichkeit, als sie zu töten. Sie zogen ihnen das Fell über die Ohren und kehrten mit den Häuten zurück nach Karthago.
Bis zur Zerstörung Karthagos 146 v. Chr. waren die Häute im Tempel der Göttin Tanit zu bewundern. Hannos Reisebericht, ursprünglich in karthagischer Sprache verfasst, hat in einer griechischen Übersetzung die Jahrtausende überdauert. Interessant ist der Bericht heute aus zwei Gründen: Erstens ist er das älteste bekannte schriftliche Zeugnis der Existenz von Menschenaffen. Zweitens macht die Geschichte deutlich, dass damals die Gorillai als Mitmenschen eingeordnet wurden. Die Frage »Was ist ein Mensch?« hätten sie ganz anders beantwortet als wir heute.
Nicht nur sie. Auch Plinius, immerhin ein Gelehrter der römischen Oberklasse, berichtete von einer wilden Menschenrasse aus Indien, die er als »Satyrn« bezeichnete – in Anlehnung an die wollüstigen Gestalten, die dem griechischen Gott Dionysos zugeordnet werden. Gesehen hatte Plinius vermutlich Orang-Utans. Der Römer beschrieb außerdem »bellende Menschen mit Hundsköpfen« – vielleicht Paviane. Auch Naturvölker, die im gleichen Gebiet wie die Primaten lebten, sahen diese offensichtlich nicht als Tiere an: Das Bété-Volk an der Elfenbeinküste nannte die Schimpansen »Menschen, die in den Wald zurückgekehrt sind«. In der malayischen Sprache bedeutet »Orang-Utan« »Waldmensch«, und in der Mendesprache im afrikanischen Nordguinea werden Schimpansen »Numu gbahamisia« genannt: »andere Personen«. Die Mende behaupten sogar, dass sie selber und die »anderen Personen« demselben Stamm entsprungen sind.
Bis die meisten Europäer zum ersten Mal von den Menschenaffen erfuhren, vergingen – gerechnet ab Hannos Afrikareise – noch mehr als 2000 Jahre. 1598 erschien ein Bericht über einen portugiesischen Matrosen namens Eduard Lopez, der in Zentralafrika auf Affen gestoßen sei, die sich wie Menschen verhielten – vermutlich waren Schimpansen gemeint. Wenige Jahre später wurde in England eine Geschichte über die Abenteuer des Matrosen Andrew Battell veröffentlicht. Danach hatte der aus portugiesischer Gefangenschaft in Angola geflüchtete Mann neun Monate lang bei den Eingeborenen gelebt und in dieser Zeit zwei Arten von menschenähnlichen Tieren kennengelernt, die er »Pongos« und »Engecos« nannte. Die starken und gefährlichen Pongos verhielten sich angeblich wie Menschen, konnten aber nicht reden; manchmal saßen sie um ein von Menschen verlassenes Lagerfeuer; und sie begruben ihre Toten unter Zweigen. Die kleineren Engecos sollen in ihrem Gehabe viel lebendiger gewesen sein. Heute steht fest: Battell hatte Gorillas und Schimpansen beschrieben.
In Europa traf der erste lebende Primat 1630 ein. Nikolaus Tulp, Bürgermeister von Amsterdam und Mediziner, studierte das unbekannte Geschöpf aus Angola und schrieb, es ähnele dem Menschen »wie ein Ei dem anderen«. In Anlehnung an die »Satyrn« des Römers Plinius gab er der geheimnisvollen Kreatur, die in Wirklichkeit ein Schimpanse war, den Namen »Satyrus indicus«.
Um die gleiche Zeit veröffentlichte der niederländische Arzt Jacobus Bontius einen Bericht über Orang-Utans auf Java – auch sie waren in Europa bisher kein Begriff. Bontius erzählte ebenfalls, dass sich diese exotischen Wesen von Menschen kaum unterschieden, außer dass sie nicht redeten. Eingeborene hätten ihn jedoch aufgeklärt, dass der Orang-Utan nur nicht rede, weil er sonst arbeiten müsse, und dafür sei er zu faul.
Auch der Schwede Carl von Linné, Erfinder der systematischen Klassifizierung von Lebewesen, reihte Mitte des 18. Jahrhunderts den Orang-Utan unter die Menschenarten ein. Er bezeichnete ihn als »Homo nocturnus«, »Nachtmensch«. Der deutsche Philosoph Johann Gottfried Herder sprach dem Menschenaffen »Denkenkraft« zu, die »dicht am Rande der Vernunft« läge. Sein Kollege Jean-Jacques Rousseau mutmaßte: »Vielleicht wird man nach eingehenden Recherchen herausfinden, dass sie Menschen sind.« Er war überzeugt, dass die Satyrn, Faune und Sylphen der antiken Mythologie in Wirklichkeit alle Orang-Utans waren. Das Erstaunliche: Während die Gelehrten Menschenaffen eher als Mitmenschen betrachteten, hielten andere die Naturvölker Afrikas und Amerikas für »Unmenschen« oder »Untermenschen« und beuteten sie als Sklaven aus.
Die Konfusion über Menschenaffen dauerte bis ins 19. Jahrhundert an. Grund: Man kannte Schimpansen und Orang-Utans kaum aus eigener Anschauung. Viele überlebten den Transport nach Europa nicht oder starben bald nach ihrer Ankunft an fal scher Ernährung. Völlig unbekannt waren für Europäer bis dahin Gorillas. 1847 stieß der amerikanische Missionar Thomas Savage in Gabun im Haus seines Kollegen Reverend Wilson auf einen großen Menschenaffenschädel. Savage, ein Hobby-Anthropologe, hatte ein derartiges Geschöpf noch nie gesehen. Er taufte es »Gorilla«, nach dem mysteriösen Geschöpf aus dem Bericht des Hanno. Darüber hinaus mutmaßte Savage, es könnte sich um den Pongo handeln, den einst der Engländer Battell gesichtet hatte.
Seine erste Begegnung mit einem lebenden Gorilla kurz darauf beschrieb Reverend Wilson dramatisch: »Eine brutale Wildheit mit riesigem Maul, aus dem mächtige Zähne blicken. Eines der erschreckendsten Tiere der Welt.« In Europa und in Amerika galt der Gorilla bald als Ungeheuer. Ein »Kenner« behauptete, dass ein Jäger nur eine einzige Chance habe: Er müsse diesen brutalen Riesen erlegen. Schieße er daneben, werde der Gorilla die Waffe des Jägers ergreifen, den Lauf mit bloßen Zähnen durchbeißen und den Jäger grausam zermalmen.
Edgar Rice Burroughs, dessen Roman »Tarzan bei den Affen« 1912 erschien, vertiefte die Vorurteile. Seine blutrünstigen Gorillas, die Menschen aus reiner Lust am Töten umbrachten, hatten mit der Wirklichkeit nichts gemein. 1933 strömten Massen von Amerikanern ins Kino, um sich von »King Kong« erschrecken zu lassen – jenem Wesen, das irgendwie wie ein Mensch wirkte, aber gleichzeitig verwildert. Es war des Menschen böses Spiegelbild.
Filme wie diese machten deutlich, dass die Evolutionstheorie nun auch abseits der Gelehrten an Bedeutung gewann. Hatte Charles Darwin 1859 in seinem »Ursprung der Arten« noch einen großen Bogen um die Frage der menschlichen Evolution gemacht, sprach es der Biologe Thomas Huxley, bekannt als »Darwins Bulldogge«, in seinem 1863 erschienenen Buch »Hinweise über die Stellung des Menschen in der Natur« schonungslos aus: Der Mensch stammt vom Affen ab. Darwin folgte nach: In »Die Abstammung der Menschen« (1871) stellte er fest, dass gewisse Qualitäten, die wir bisher nur den Menschen zugeschrieben hatten – etwa Schönheitssinn, Moral, Selbstlosigkeit –, auch bei Tieren zu finden seien, vor allem bei Hunden und Affen.
Auf diese Theorie einlassen konnten sich die Menschen erst, als sie um 1900 Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas in den zoologischen Gärten Europas und Amerikas zu Gesicht bekamen. Das menschenähnliche Verhalten der Tiere faszinierte: Als am 29. Juli 1898 ein Orang-Utan in Wien aus seinem Käfig ausgebrochen war, pilgerten die Wiener massenhaft in den Tierpark, nur um zu sehen, wie der Affe in der Baumkrone einer hohen Plantane in seinem selbst gebauten Nest saß. »Fast wie ein Mensch«, flüsterten sie.
1908 kam der junge Schimpanse »Peter« per Schiff aus England nach New York. Das Ehepaar McArdle hatte ihn »bestellt«, um ihn für die Bühne zu dressieren. Während der Reise durfte er frei an Deck herumlaufen, doch weil er viel Schabernack anstellte, wurden ihm Rollschuhe angelegt – sie hinderten ihn daran, überall herumzuklettern. Nach zwei Tagen hatte sich Peter zu einem talentierten Skater gemausert, bald rollte er auch auf den Bühnen New Yorks. Der Psychologe Lightner Witner prüfte die Intelligenz des Tieres und stellte mit Erstaunen fest, dass Peter vieles konnte, was man bisher nur Menschen zugetraut hatte: Streichhölzer anzünden, Fotos mit einer Plattenkamera machen und Buchstaben zu Papier bringen. Außerdem konnte er Rad fahren, einen Faden einfädeln und mit Hammer und Schraubenzieher umgehen. Gab man ihm mehrere Schlüssel, wählte er mühelos den richtigen aus, um ein Schloss zu öffen.
Kein Wunder, dass Menschenaffen bald zu Studienobjekten wurden. In den 1920er Jahren gründete der US-Psychologe Robert Yerkes eigens zu diesem Zweck ein Primatenforschungszentrum in Florida. Dort borgte sich 1931 sein junger Kollege Winthrop Kellogg das sieben Monate alte Schimpansenmädchen Gua aus. Er wollte das Tier gemeinsam mit seinem neun Monate alten Sohn Donald erziehen – um zu sehen, ob sich der Affe vermenschlichen ließe. Dies ist ihm auch teilweise gelungen. Gua lernte, mit Besteck zu essen, aus der Tasse zu trinken, sie trug Schuhe, erledigte Aufgaben fast wie ein Menschenkind. Kellogg brach das Experiment dennoch ab: Er merkte, dass sein Sohn im Gegenzug immer mehr vertierte. Donald hörte auf zu sprechen, er grunzte oder bellte nur noch, um seine Bedürfnisse auszudrücken. Außerdem transportierte er Gegenstände im Mund, wie Tiere es tun.
Experimente, die darauf zielten, Affen zu vermenschlichen, wurden immer häufiger. Die wohlhabende Amerikanerin Maria Hoyt adoptierte 1932 ein Gorillababy. Toto war ein kluges und putziges Gorillamädchen. Es lernte sehr schnell, konnte Pullover und Söckchen selbstständig an- und ausziehen, es war stubenrein, aß mit Besteck und spielte gern. Die Probleme begannen mit der Pubertät. Auf einmal setzte sich die Tiernatur des Gorillas durch: Toto kämpfte um seinen Rang. Als auch der Stock nichts half, kam Toto in einen Zirkus.
1947 begann das amerikanische Ehepaar Cathy und Keith Hayes, das neugeborene Schimpansenbaby Viki wie ein Menschenkind zu erziehen. Mit großem Erfolg: Das Tier konnte die Lampe einschalten und mit Gabel, Löffel und Tasse umgehen. Es konnte sogar schreiben – allerdings nur Sinnloses – und »Mama«, »Papa« und »Tasse« auf Englisch sagen. Auch Viki wurde als Heranwachsende aufmüpfig. Als sie einmal ihre Ziehmutter gebissen hatte, biss Herrchen spontan zurück. Damit war Ruhe.
Die 1960er Jahre waren das Zeitalter der »sprechenden« Affen. Das Psychologenehepaar Allen und Beatrice Gardner wollte einem Schimpansen die Zeichensprache der Taubstummen beibringen. Wieder geschah Erstaunliches: Der Affe Washoe war nach zwei Jahren in der Lage, Hunderte von Begriffen durch Zeichen zu artikulieren. Er konnte auch kurze Sätze bauen. Meistens ging es um einfache Bedürfnisse wie: Ich will ..., gib mir ..., essen, trinken, spazieren fahren, Keks oder Apfel.
1971 begann die amerikanische Psychologin Francine Patterson, das Gorillamädchen Koko zum »Sprechen« zu bringen. Über die Jahre hat Koko, die immer noch am Leben ist, 1000 Handzeichen erlernt, 2000 englische Wörter kann sie verstehen. Patterson ist überzeugt, dass ihr zentnerschwerer Schützling einen IQ von etwa 75 bis 90 hat, knapp unterhalb dem IQ 100 des Durchschnittsmenschen.
Für den amerikanischen Psychologieprofessor Douglas Candland handelt es sich dabei jedoch nur um einen »bedingten Reflex«: Feinfühlige Tiere spüren die Signale des Trainers und liefern das, was von ihnen erwartet wird. Sie reden also nicht, sondern sind vielmehr geschickt dressiert. Fest steht aber: Menschenaffen sind wie wir zur Selbsterkenntnis fähig, sie erkennen sich im Spiegel.
Trotz dieses Wissens endeten unzählige Menschenaffen im Versuchslabor. Gefährdet sind sie aber vor allem, weil sie immer weniger Raum zum Leben haben. »Sollte es kein baldiges Umdenken geben, scheint die Zukunft der Menschenaffen alles andere als rosig zu sein!«, warnt Dr. Katerina Harvati vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Schon einmal hätte der Homo sapiens zum Aussterben eines nahen Verwandten, des Neandertalers, geführt. Im Wettstreit um Ressourcen seien unsere Vorfahren im Vorteil gewesen: Sie verfügten über die effizientere Jagdtechnik und über bessere Behausung und Kleidung. Zudem sei ihre Sozialstruktur geeigneter für schwierige Zeiten gewesen.
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