Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Psychologie & Gesundheit
Die »Traumbank«. Was zahlt man da ein?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Neue Erkenntnisse über die Parallelwelt in unserem Kopf.
Weltweit ist das Sammelfieber ausgebrochen: Über 20 000 Träume hat die »Dreambank« der Universität Santa Cruz bereits auf ihrem Konto. Ähnlich hohe Datenmengen verwaltet das »Dream and Nightmare Laboratory« des Sacré-Coeur-Hospitals in Montreal. Forscher erhoffen sich von diesem »Kapital« neue Erkenntnisse zu einer alten Frage: Warum und was träumen wir?
Jeden Tag und jede Nacht wabern Milliarden von Traumfetzen durch die Köpfe der Menschheit. Die meisten verpuffen im Nichts, manche werden einem Freund, einem Tagebuch oder einem Therapeuten anvertraut, bevor auch sie in Vergessenheit geraten. Nur die wenigsten bleiben dem Träumer fürs Leben im Gedächtnis oder machen, wie der Traum des ägyptischen Pharao von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen, sogar Geschichte. Doch so flüchtig das nächtlich gesponnene Material auch sein mag – die Menschen hat es schon immer fasziniert.
Um dem Geheimnis unseres nächtlichen Parallellebens noch besser auf die Spur kommen, haben sich Traumforscher darangemacht, Internetbanken für Träume aus aller Welt aufzubauen. 22000 Träume stellt die psychologische Fakultät der Universität von Santa Cruz Wissenschaftlern online zu Verfügung (www.dreambank.net); das Schlaflabor des Sacré-Coeur-Hospitals von Montreal hat eine ähnlich reiche Sammlung aufgebaut. Daneben gibt es im Internet auch weitere, zum Teil private Traumbanken. Ein fantastisches Kapital – für Laien und für Forscher.
Welche Träume werden am häufigsten geträumt?
1181 Träumer(innen) wurden von kanadischen Forschern in Montreal nach ihren häufigsten Erlebnissen in der nächtlichen Parallelwelt befragt, die Ergebnisse mit Traumsammlungen anderer Forschungseinrichtungen verglichen. Die Spitzenreiter waren: Verfolgungsträume (80 Prozent träumen regelmäßig, dass Bösewichter hinter ihnen her sind); sexuelle Träume (76 Prozent) und so genannte Flug / Fallträume (73 Prozent). Auch stark vertreten: Gewaltträume, Verhinderungsträume (z. B. Züge oder Flugzeuge werden verpasst), Prüfungsträume und Träume vom Tod nahe stehender Menschen.
Erstaunlicherweise, so Professor Tore Nielsen, Chefarzt des »Dream and Nightmare Laboratory« in Montreal, entsprechen diese Ergebnisse einer ähnlich breit angelegten Untersuchung, die 1956 in Japan stattgefunden hat. Träumen die Menschen also weltweit und zu allen Zeiten ähnlich? Die Vermutung liegt nahe. Auch die Dominanz sexueller Träume, so Professor Tore Nielsen, kann kaum eine Folge unserer übersexualisierten westlichen Kultur sein. Dass wir im Traum so häufig verfolgt werden, betrachtet er als ein Erbe aus Ur-zeiten. Einiges spricht dafür, dass auch Tiere von Verfolgung, einer existenziellen Urerfahrung, träumen.
Warum träumen wir vom Fliegen?
Wir rudern hektisch in der Luft oder segeln befreit wie ein Vogel und stürzen schließlich doch ab. In der Angst-Lust-Mischung, welche diese Träume meistens begleitet, sah der moderne »Traumdeuter« und Nervenarzt Sigmund Freud eine seelische Spur, die in der frühesten Kindheit gelegt wurde: Weltweit lassen Eltern ihre Babys in die Luft fliegen und fangen sie wieder auf.
Andere Forscher haben spekuliert, der Mensch trage in sich die gesamte Geschichte der Evolution. An einem frühen Punkt in der Entwicklung standen Lebewesen vor der Alternative, auf dem Boden zu bleiben oder in die Luft zu gehen. Als Echo dieser fernsten Vergangenheit geistere dieses Potenzial noch durch unsere Träume. Mystiker wiederum sehen im Flugtraum ein kollektives Symbol für die Seele, in vielen Kulturen wird sie als Vogel dargestellt. Egal was stimmt: Flugträume gehören zu den rätselhaftesten Produkten der Nacht. Im »Dream and Nightmare Laboratory« von Montreal zeigte sich, dass sie – anders als beispielsweise Albträume – nicht künstlich ausgelöst werden können.
Gibt es »rechte« und »linke« Träume?
Einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen politischer Gesinnung und Trauminhalten entdeckte der Psychiater und Theologe Kelly Bulkeley, Leiter des »Dream Study Program« an der John F. Kennedy Universität. Nachdem er Hunderte von Träumen analysiert hatte, führte er eine eigene Befragung mit Studenten an seiner Universität durch.
Danach haben Republikaner und deren Sympathisanten häufiger Albträume, in denen sie Opfer von Aggression und Gewalt werden; »demokratische« Träume wiederum sind häufiger »bizarr«, »unlogisch« und »surrealistisch«. Weiteres Detail: Frauen, die mit der Rechten sympathisieren, träumen häufiger davon, ungewollt schwanger zu werden.
Träumen Frauen generell anders als Männer?
Die Unterschiede in der Traumaktivität von Männern und Frauen sind so groß, dass manche Wissenschaftler sie schon als »sekundäres Geschlechtsmerkmal« bezeichnet haben. Männer träumen zum Beispiel deutlich häufiger von Gewaltszenarien als Frauen. Verblüffend dazu eine Erkenntnis des kanadischen Experten Tore Nielsen, als er 342 Trauminterviews auswertete, die seine Kollegen Ernest Hartmann und Robert Basile in den Tagen vor und nach dem 11. September 2001 geführt hatten: Danach stieg die Frequenz der Albträume nach dem ominösen Datum ausschließlich bei Männern an. Warum das so ist – darauf weiß bisher niemand eine Antwort.
Einen verblüffend konstanten Geschlechtsunterschied beim Träumen konstatierten deutsche Schlafforscher (vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie, Allensbach) bei der Auswertung mehrerer Tausend Interviews aus der Zeit von 1956 bis 2000. Danach träumen Frauen Anfang des 21. Jahrhunderts immer noch genau so selten vom Berufsleben wie ihre Mütter in den 1950er-Jahren. Außerdem haben Frauen deutlich häufiger als Männer traurige Träume. Hier noch ein typisch »weiblicher« Traum: die Katastrophen-Hochzeit! Entweder die Träumerin ist in der falschen Kirche gelandet, hat das falsche Kleid an oder steht mit dem falschen Mann vor dem Altar und will nur noch weg. Haben Frauen unbewusst mehr Angst davor, an den Falschen zu geraten? Darüber lässt sich nur spekulieren.
Welches ist der schlimmste Albtraum?
Schon das Wort Albtraum enthält einen Hinweis auf einen Traumtypus, der zu den unheimlichsten zählt. »Alb« ist ein altes deutsches Wort für Elf, ein Fabelwesen, das in früheren Zeiten nicht nur als freundlich, sondern auch als dämonisch empfunden wurde. Beim klassischen Albtraum (früher auch Albdruck genannt) träumt der Schläfer, dass ein böser Geist oder eine negative Macht auf seiner Brust sitzt und ihm die Luft abschnürt. Besonders unheimlich an diesem Traum: Wenn der Schläfer hochschreckt, spürt er noch für mehrere Sekunden oder sogar länger deutlich den Druck und die Unfähigkeit sich zu bewegen.
Der kanadische Traumforscher Allan Cheyne von der Universität Waterloo hat aus Traumbanken, historischen und ethnologischen Forschungen insgesamt 28000 »Nachtmahre« dieser Art gesammelt. Er hält den Albdruck für universell und einen der ältesten Träume der Menschheit. Die physiologische Erklärung für diesen Traumtyp: Der Albdruck entsteht als Folge der so genannten Schlafstarre – der fast vollständigen Bewegungsunfähigkeit in bestimmten Schlafphasen. Diese natürliche »Lähmung« hindert uns daran, im Traum erlebte Bewegungen wirklich auszuführen. (Sie ist auch der Grund für jene quälenden Träume, in denen wir versuchen wegzulaufen, aber nicht vom Fleck kommen.)
Normalerweise löst sich die Schlafstarre sofort beim Aufwachen auf, aber nicht immer. Sie kann im halbwachen Zustand noch Sekunden bis zu einer Minute andauern: Man spürt eine entsetzliche Lähmung, der Körper schaltet auf Angst, das Gehirn meldet Gefahr und konstruiert die Vorstellung einer unheimlichen Präsenz. Laut Tore Nielsens Auswertungen des Datenmaterials aus »Traumbanken«: Frauen haben diesen Albtraum häufiger als Männer. Außerdem kommt er gehäuft bei politisch Verfolgten und Schwarzamerikanern vor.
Träumen Kinder noch anders als Erwachsene?
Die frühesten Schilderungen kennt man von Kindern zwischen drei und fünf Jahren, rund 15 Prozent der Kleinen dieser Altersklasse können schon Träume behalten und erzählen. Bei den Fünf- bis Sechsjährigen ist es ein Drittel. Die Erforschung der Traumwelt kleiner Kinder ist schwierig, da sie Traum und real Erlebtes noch nicht deutlich unterscheiden und ihre Erfahrungen nur begrenzt sprachlich ausdrücken können.
Koryphäe auf dem Gebiet von Kinderträumen ist David Foulkes, inzwischen emeritierter Professor für Psychologie am »Georgia Mental Health Institute« in Atlanta. Tausende von Kinderträumen hat er gesammelt und analysiert. Sein Fazit: Anders als oft angenommen, haben kleine Kinder nicht deutlich mehr Albträume als Erwachsene. In ihren Träumen verhalten sie sich auffällig passiv, mehr beobachtend als aktiv, erst im Schulalter werden sie zur Handlungsperson ihrer Träume.
Auch bei den Kindern gibt es Geschlechtsunterschiede: Kleine Jungen träumen häufig vom Ballspielen, kleine Mädchen berichten oft von Gesprächen, die sie mit Freundinnen im Traum führen. Doch ein Spitzenthema ist beiden Geschlechtern gemeinsam: Egal ob Junge oder Mädchen – besonders häufig träumen Kinder von Tieren.
Haben die Menschen im Mittelalter anders geträumt als wir heute?
Spezialist für diese Frage ist der kanadische Literaturprofessor Christian Vandendorpe von der Uni Ottawa, er hat selbst eine Dreambank im Internet aufgebaut (www.reves.ca) mit zurzeit knapp 1500 überlieferten Träumen, Schilderungen aus Homers Odyssee ebenso wie Träume aus Albrecht Dürers Tagebuch oder von Jean Paul Sartre beschriebene Träume. Vandendorpe ist überzeugt, dass es zeitunabhängige Trauminhalte gibt, in denen sich menschliche Basisgefühle und Urerfahrungen ausdrücken. Doch Träume, meint er, haben auch eine kulturelle und historische Qualität. Im europäischen Mittelalter beispielsweise, so Vandendorpe, träumten die Menschen auffallend häufig von (wilden) Tieren. Interessanterweise vor allem von Löwen und Leoparden, Tieren also, die kaum jemand damals live gesehen hatte. Auch Weltuntergangs- und biblische Szenarien kommen in mittelalterlichen Träumen häufig vor.
Was ist das Geheimnis der luziden Träume?
Das Besondere an luziden Träumen (oder Klarträumen): Während der Schlafende noch träumt, wird ihm bewusst, dass alles »nur« ein Traum ist. Wer häufiger luzide träumt, fängt meist früher oder später damit an, das Traumgeschehen willentlich zu lenken. Obwohl schon bei Untersuchungen im letzten Jahrhundert bis zu 80 Prozent der Befragten angaben, Klarträume zu kennen, war das Phänomen lange Zeit als »esoterisch« verschrien und galt als »wissenschaftlich nicht haltbar«.
Der russische Mystiker George Gurdjieff empfahl seinen Schülern das Training des luziden Träumens ebenso wie Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie oder der Schamane Don Juan, bei dem Kultautor Carlos Castaneda angeblich jahrelang in die Lehre ging. Nachdem aber die Realität des luziden Träumens an der Stanford University in den 1980er-Jahren nachgewiesen wurde, hat das Phänomen seinen okkulten Beigeschmack verloren. In den »Traumbanken« gibt es gesonderte »Konten« für Erfahrungen mit Klarträumen.
Psychologen wie Brigitte Holzinger, Leiterin des Wiener Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung, haben das Potenzial der Klarträume erkannt: Im willentlich gesteuerten Traum lassen sich kreative Lösungen für Probleme finden, Albträume und die damit möglicherweise verlinkten seelischen Verletzungen positiv beeinflussen, sportliche Bewegungsabläufe optimieren und sogar das im wirklichen Leben vielleicht streng verbotene Glas Wein genießen. Luzides Träumen kann man trainieren, der Weg dahin erfordert aber viel Geduld. Eine der Methoden lautet: Hinterfragen Sie sich über lange Zeit regelmäßig mehrmals täglich, ob Sie träumen oder wachen. So kann sich die Frage so weit automatisieren, dass man sie sich auch im Traum stellt und luzide wird.
Absurd? Kein bisschen. Nicht erst seit es Traumbanken oder Schlaflabors gibt, stellen sich Menschen die Frage, ob nicht das ganze Leben vielleicht ein Traum ist. Berühmt geworden ist der »Schmetterlingstraum« des chinesischen Weisen Chuang Tsu (um 300 v. Chr.): »Ich träumte einmal, ich sei ein Schmetterling, der hierhin und dahin flatterte, in jeder Beziehung und Hinsicht ein Schmetterling. Ich war mir nur über mein Schmetterlingsdasein bewusst und nicht über meine menschliche Existenz. Plötzlich erwachte ich und lag nun da, wiederum als das gewohnte Ich. Ich weiß jetzt aber nicht, ob ich ein Mensch war, der träumte, er sei ein Schmetterling, oder ob ich ein Schmetterling bin, der träumt, er sei ein Mensch.«

























