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Kirchengeschichte
Der Zölibat
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Vor rund 1000 Jahren wurden die katholischen Geistlichen vom Papst in Rom zur Ehelosigkeit verdonnert. Die Priester wehrten sich – und schreckten auch vor Gewalt nicht zurück.
Zum Stephansfest im Jahr 1074 bestieg Bischof Altmann von Passau die Kanzel der Domkirche und hielt eine Predigt, die ihn fast das Leben gekostet hätte. Statt Erbauliches über den Heiligen zu berichten, sorgte er für einen Eklat, als er seine im Dom versammelten Brüder ins Gebet nahm. Jetzt sei Schluss mit Priesterehe, Kindersegen, Konkubinen und Sodomie. Der sittenstrenge neue Papst Gregor VII. habe ihn beauftragt, im Namen des Herrn den Kampf um den Zölibat mit aller Härte zu führen.
Ab sofort gelte »um des Himmelreichs willen« Folgendes: 1. Die Priesterehe ist bei Strafe verboten; 2. bestehende Ehen werden annulliert; 3. Frauen und eventuelle Kinder müssen raus aus dem Pfarrhaus; 4. wer sich weigert, erhält Berufsverbot und darf keine Messe mehr lesen.
Die ganz normalen Gemeindemitglieder in der Kirche warnte der Bischof vor Pfarrern, die sich nicht an die neuen verschärften Regeln hielten. Es sei künftig strengstens untersagt, den Gottesdienst eines solchen Geistlichen zu besuchen oder sich gar von ihm die Sakramente spenden zu lassen. Verstöße gegen diese Anordnung hätten schlimme Folgen: Jeder Segen eines unzüchtigen Priesters verwandle sich in einen Fluch, jedes Gebet in eine Sünde.
Zunächst herrschte ungläubiges Schweigen im Gotteshaus. Dann aber brach – man muss es so sagen – die Hölle los. »Äußerst erbittert«, heißt es in einem Bericht, hätten die versammelten Priester reagiert, und wenn nicht die anwesenden Honoratioren der Stadt den Bischof geschützt hätten, wäre er »in Stücke zerrissen« worden.
So war es überall im deutschen Reich. In Erfurt geriet der Mainzer Erzbischof Siegfried in Bedrängnis, als er seinen Mitbrüdern auf einer Versammlung im Oktober 1074 ohne viel diplomatisches Geschick mitteilte, jetzt müssten sie sich entscheiden: Weib oder Amt. Die Priester stimmten mit den Füßen ab und verließen mehrheitlich das Treffen. Einige rotteten sich vor der Kirche zusammen und schmiedeten in der ersten Erregung Mordpläne gegen den Bischof. Das neue Gesetz sei gegen Gott und die Natur und würde nichts als Unheil und Zwietracht säen. Schließlich trollten sie sich in Anbetracht der Leibwache des Erzbischofs aber doch und gingen nach Hause – zu ihren Familien.
In Frankreich wurde der Erzbischof von Rouen, Johann, von seinen Priestern mit Steinwürfen aus der Kirche gejagt, als er die neuen Zölibatsgesetze verkündete. Der Abt von Pont de l’Isère wurde bespuckt, und in Cambrai wurde ein Mönch verbrannt, der sich für den Zölibat und gegen Priesterehen ausgesprochen hatte.
Das alles war ziemlich überraschend, denn der Zölibat (die Pflicht zur Keuschheit und/oder Ehelosigkeit) ist gar kein religiöses Kernthema. Er gilt als »Charisma«, als Gabe Gottes für einige Auserwählte, die sich in radikaler Nachfolge des unverheirateten Jesus auf eine exklusive Liebe zu Gott reduzieren wollen. Dass dies eine sehr große Aufgabe ist, an der selbst gefestigte Christen scheitern konnten, war klar. Deshalb war der Zölibat in der Urzeit des Christentums stets freiwillig. Jesus selbst hatte ihn zwar empfohlen, aber laut Matthäus einschränkend gesagt: »Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreichs willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.« Von Pflichtzölibat ist da nichts zu finden. Deshalb wurden die Zölibatsregeln auch tausend Jahre lang äußerst lax gehandhabt.
Dass der Zölibat im Mittelalter plötzlich zu einem zentralen Thema wurde und zum Auslöser von Mord und Totschlag, hat also nichts mit seiner theologischen Bedeutung zu tun, sondern damit, dass er politisch instrumentalisiert wurde.
Mit seiner Hilfe sollten die Machtverhältnisse zwischen den Herrschern der Welt und des Himmels endlich und endgültig geklärt werden. Die Päpste sahen sich als Stellvertreter Christi und damit als oberste Instanz auf Erden. Die Könige allerdings auch. Nach ihrer Meinung war die Krone von Gott verliehen und der König nur seinem Gericht unterworfen.
Im 11. Jahrhundert eskalierte dieser Streit, als in Rom der machtbewusste Mönch Hildebrand (1020–1085) im Jahr 1073 als Gregor VII. den Heiligen Stuhl bestieg und in Deutschland der nicht minder machtbewusste König Heinrich IV. (1050–1106) den Thron übernahm.
Systematisch hatte Hildebrand den Kampf um die absolute Macht vorbereitet. Ihm ging es um eine komplette Umgestaltung der politischen Landschaft in Europa. Dafür war er mit Papst Leo IX. nach Rom gekommen und hatte sich zunächst als Erzdiakon den Job des päpstlichen Geldverwalters unter den Nagel gerissen. Damit saß er nicht nur in der Schaltzentrale der Macht, sondern auch auf einem der größten Vermögen der damaligen Welt. Die katholische Kirche war unermesslich reich
und Rom das Finanzzentrum des Abendlandes.
1059 erreichte Hildebrand, dass der Kaiser bei der Papstwahl nichts mehr zu sagen hatte. 1073 erklärte er sich selbst zum Papst und eröffnete unverzüglich den sogenannten Investiturstreit mit dem deutschen König, indem er ihm unter Androhung des Kirchenbannes (zu damaliger Zeit eine schreckliche Strafe) untersagte, weiterhin Bischöfe einzusetzen.
Das empfand Heinrich IV. zu Recht als einen Frontalangriff auf die Reichskirchenordnung als Machtgrundlage seiner Herrschaft. Bisher hatte er nämlich die Äbte und Bischöfe eingesetzt, die er für richtig hielt, und sie mit Land und Macht (Gerichtsbarkeit, Münzprägung, Zoll) ausgestattet. Gelegentlich ernannte er auch Laien ohne jede theologische Ausbildung zum Bischof, vorausgesetzt, sie waren bereit, dafür viel Geld zu zahlen. Die Bischöfe wiederum konnten ihre Pfarrstellen an den Meistbietenden verkaufen oder diejenigen Priester einsetzen, die ihnen genehm waren.
So hatte sich ein System des Postenschacherns und der Korruption etabliert, das Simonie genannt wurde. Dem König gefiel es, weil er es kontrollierte, dem Papst aber nicht. Wenn er das System der Simonie knacken konnte, hatte er gewonnen.
Der Bevölkerung allerdings war es ziemlich egal, wer die Priester und Bischöfe ernannte. Sie trauten weder dem König noch dem Papst. Beide wollten nur ihr Geld und ihre Freiheit. Der Investiturstreit kam den Menschen im deutschen Reich ziemlich akademisch und – wie heutige Marketing-Experten es nennen würden – »unsexy« vor.
Es musste ein Thema her, das massentauglich ist. Und da kam dem neuen Papst der Zölibat gerade recht. Unzucht, Sodomie, Kindsmissbrauch, Prostitution, Orgien – die Menschen trauten den Priestern ohnehin alles zu. Abscheulich und faszinierend zugleich waren die Gerüchte, die man sich auf den Marktplätzen von den Vorgängen hinter Klostermauern und in den Bischofspalästen zuraunte. Kein freier Mann ließ seine Frau gern allein, wenn der Priester zur Beichte kam.
Bischof Ratherius von Verona wurde regelmäßig zitiert, der schon im 9. Jahrhundert über seine Mitbrüder geklagt hatte: »Oh, wie verworfen ist die ganze Schar der Kopfgeschorenen, da es unter ihnen keinen gibt, der nicht ein Ehebrecher ist oder ein Sodomit.«
Besonders aber ereiferte sich der Benediktinermönch Petrus Damian (1006–1072) gegen den Sittenverfall der Kleriker. In seinem »Buch von Gomorrha« (Liber Gomorrhianus) beschrieb er das Schandleben der Priester so drastisch, dass der Papst das Werk zunächst auf den Index setzte. Von widernatürlicher Unzucht mit Männern, Tieren und Beichtkindern war da ausführlich die Rede, aber am meisten regte sich Damian über die Frauen der Priester auf. Um sie zu kennzeichnen, wurde er geradezu überschwänglich kreativ. »Lockspeise des Satans, Auswurf des Paradieses, Gift der Geister, Quelle der Sünden, Anlass des Verderbens« nannte er sie unter anderem und warnte seine Mitbrüder davor, von ihnen verschlungen zu werden.
Kritische Anmerkungen gegen den Zölibat, wie zum Beispiel den Hinweis darauf, dass alle Apostel verheiratet waren, schmetterte der wortgewaltige Mönch mit dem Satz ab: »Petrus hat den Schmutz der Ehe mit dem Blut seines Martertodes abgewaschen.«
So einen wie Damian brauchte der Papst, um das Volk zu mobilisieren. In seinem Generalstabsplan zur Eroberung der Weltherrschaft hatte er für sich die Rolle des geistigen Führers vorgesehen. Er wollte die Eliten ansprechen. Damian und seine Männer waren für den »schmutzigen« Teil der Kampagne zuständig. Sie sollten die Massen mobilisieren.
Gregor VII. versuchte zunächst mit Geld und drohenden Worten, möglichst viele Bischöfe und Fürsten auf seine Seite zu ziehen. Einige, wie beispielsweise den Herzog von Lothringen, konnte er damit gewinnen. Bei den Bischöfen in Deutschland und Frankreich blitzte er ab, die entschieden sich (mit wenigen Ausnahmen) für ihren jeweiligen König und gegen den Zölibat. Der Status quo kam ihnen bequem und berechenbar vor. Außerdem wussten sie, dass die meisten Priester in ihren Diözesen den Zölibat ablehnten.
Mal abgesehen davon, dass die Pfarrer nicht auf ihre Familien verzichten wollten, konnten sich die meisten die Ehelosigkeit kaum leisten. Viele Priester wurden so armselig bezahlt, dass sie selbst das Land bebauen mussten, welches ihnen die regionalen weltlichen Herrscher zur Verfügung gestellt hatten, um nicht zu verhungern. Mägde und Knechte waren zu teuer, also musste eine Ehefrau her (und möglichst auch eine große Kinderschar), um die Arbeit zu bewältigen.
Weil es auf die diplomatische Tour nicht so richtig klappte, wurde sehr bald der noch vom unterdessen verstorbenen Damian entwickelte Plan B durchgeführt. Dabei handelte es sich im Wesentlichen um einen Propagandafeldzug, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht erlebt hatte.
Zunächst aber musste Gregor eine Art Task-Force für die Kampagne einrichten. Dazu engagierte er die Mönche von Cluny und die mit ihnen verbundenen Benediktiner aus dem deutschen Reform-Kloster Hirsau im Schwarzwald. Schon seit über hundert Jahren kämpften vor allem die Brüder aus dem burgundischen Kloster Cluny um eine Reform der Kirche. Sie waren gegen Luxus, Prasserei und sexuelle Ausschweifungen, wie sie in der Kirche des Mittelalters gang und gäbe waren. Den Kampf gegen Simonie und Priesterehe empfanden sie als ureigene Aufgabe.
Die Mönche schwärmten zunächst in alle Klöster aus und wiegelten ihre Brüder gegen deren Obere auf: Äbten und Vorstehern, die nicht im Zölibat lebten, seien sie nun keinen Gehorsam mehr schuldig.
Dann gingen sie als Wanderprediger auf die Straße und sprachen die Bevölkerung direkt an. Während die Priester von der Kanzel gegen den verbrecherischen Papst im fernen Rom wetterten, der ihnen Frauen und Kinder wegnehmen wolle (leider auf Lateinisch, was kaum einer verstand), verlasen die Mönche auf den Plätzen der Dörfer und Städte Papst Gregors Sendschreiben »an alle Getreuen im deutschen Reich, die den Christenglauben verteidigen«, in deutscher Sprache. Demagogisch hetzten sie gegen unkeusche, geldgeile Priester, gegen die Äbte, die Bischöfe und sogar gegen den König. Und wenn die Menschen nicht begreifen wollten, dass aus ihnen Gott sprach, überzeugten sie sie durch Wunder.
Der Sonnenuntergang wurde zu einer Erscheinung der Jungfrau Maria im Strahlenkranz, die Wundmale des Gekreuzigten begannen zu bluten, Blinde konnten plötzlich wieder sehen, Lahme gehen, und auch der überraschende Tod des Bischofs von Utrecht war natürlich ein Zeichen Gottes. Der Bischof hatte nämlich den Papst verflucht. Dass danach auch noch der Blitz in seine Kirche einschlug, sollte selbst die größten Skeptiker überzeugen.
Im reichen Mailand eskalierte der Machtkampf zwischen Krone und Heiligem Stuhl. Dort verbündeten sich die Mönche mit dem Lumpenproletariat, das sich seit 1055 unter dem Namen Pataria zu einer Art Revolutions-Gang zusammengerottet hatte. Das Abendmahl der unkeuschen Priester sei Hundemist, hetzten die Mönche, die Kirchen seien Viehställe, die Paläste Bordelle und der Reichtum der Pfaffen dem Volke abgepresst. Das wirkte. Der Mob störte die Gottesdienste, plünderte die Häuser der Priester, verjagte deren Frauen und misshandelte die Geistlichen. Der papstkritische Bischof von Mailand wurde in seiner eigenen Kirche überfallen und schwer verletzt.
Schließlich kapitulierte der Klerus vor dem Druck der Straße, und Mailand, die bis dahin mächtigste Stadt der zu Deutschland gehörenden Lombardei, war Papstland. Ein herber Verlust für den deutschen König.
Aber der schlug zurück. Eine Bischofsversammlung in Worms erklärte den Papst für abgesetzt, der revanchierte sich, indem er Heinrich IV. bannte und die Fürsten von ihrem Lehens-Eid befreite. Deutsche Priester lehnten sich gegen papsttreue Bischöfe auf. Die Lage wurde immer verworrener.
Heinrich IV. unterwarf sich in Canossa dem Papst und erreichte damit die Aufhebung des Bannes. Schließlich hatte der König aber die Faxen dicke, besetzte mit seinen Truppen Rom und belagerte den Papst in der Engelsburg. Der Papst rief normannische und muslimische Söldnertruppen zur Hilfe, die ihn zwar befreiten, dann aber die heilige Stadt plünderten und auch den Papst mitnahmen. Ein Jahr später starb Gregor VII.; Heinrich IV. ernannte einen Gegenpapst, der ihn zum Kaiser weihte.
Am Schluss gab es Tausende von Toten und unendlich viel Leid, aber keinen Sieger. Im Wormser Konkordat 1122 wurde geregelt, dass Bischöfe künftig sowohl vom König als auch vom Papst eingesetzt werden. Der Zölibat wurde ab 1095 brutal durchgesetzt. Verheiratete Priester kamen ins Gefängnis, ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei. Das Geld dafür kassierte die Kirche. Beim Konzil 1139 wurde der Zölibat offiziell ins Kirchenrecht übernommen.
Danach hielt sich wieder einmal kaum jemand daran. Als der Bischof von Basel 1238 starb, hinterließ er 20 Kinder, sein Kollege Bischof Heinrich von Lüttich kam ein paar Jahre später auf 61 Nachkommen. Der Bischof von Konstanz wurde im 15. Jahrhundert reich, weil er seine Priester Bußgelder für ihre Konkubinen zahlen ließ. Selbst die Päpste wollten nicht päpstlicher als der Papst sein. Innozenz VIII. (der von 1484 bis 1492 Papst war) hatte 16 Töchter und Söhne, die er selbst taufte, traute und mit einträglichen Posten im Kirchenstaat versorgte.
Das Charisma des Zölibats – es wird offenkundig nur wenigen Menschen zuteil.
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