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Jakobus

Der vergessene Jesus-Bruder

Christus hatte nicht nur Jünger, sondern auch Brüder. Einer von ihnen, Jakobus, trat aus seinem Schatten und einte nach seinem Tod die erste christliche Gemeinde – der Beginn eines folgenschweren Konflikts.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Kirche schweigt ihn tot - bis heute. Doch ohne Jakobus sähe das Christentum vielleicht ganz anders ausDie Kirche schweigt ihn tot - bis heute. Doch ohne Jakobus sähe das Christentum vielleicht ganz anders aus
Die Kirche schweigt ihn tot - bis heute. Doch ohne Jakobus sähe das Christentum vielleicht ganz anders aus
iStockphoto

Er ist wieder da! Wie ein Lauffeuer hat es sich herumgesprochen. Schnell füllt sich das Haus mit Menschen, die den jungen, mitreißenden Redner endlich einmal selbst erleben wollen. Seine engsten Vertrauten, sie nennen sich Jünger, wollten gerade
etwas essen – aber in dem Gewühl und Gedränge ist daran nicht zu denken.

Wer jetzt noch kommt, hat keine Chance mehr, zu Jesus vorzudringen. Nicht einmal seine engsten Angehörigen. Auch die haben erfahren, dass er hier ist.
Sie wollen ihn holen, wohl um zu verhindern, dass er durch den Trubel um seine Person »abhebt«. »Er ist von Sinnen«, sagen sie, und deshalb soll er nach Hause kommen, wo er ihrer Ansicht nach hingehört. Als man Jesus mitteilt, »deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen«, antwortet er: »Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.« Der – und nicht meine eigentliche Familie, soll das heißen.

Moment. Familie? Jesus hatte eine Mutter und einen Vater, Maria und Josef. Aber hatte er denn auch Geschwister?

Tatsächlich ist von ihnen in der Bibel mehrfach die Rede. Vor allem ein Name fällt dort und in anderen Quellen häufig: Jakobus. Er spielte im frühen Christentum eine große Rolle, und wenn er sich noch mehr durchgesetzt hätte, wäre die europäische Religionsgeschichte ganz anders verlaufen – und hätte uns vermutlich sogar die Verbrechen des Holocaust erspart. Die christlichen Kirchen erwähnen Jakobus heute in ihren Predigten und Bibelstunden allerdings kaum noch. Aus einem Grund, der mit der Bewältigung ihrer eigenen Vergangenheit zu tun hat.

Doch wie war es überhaupt möglich, dass Jesus diesen Bruder hatte? War der Heiland nicht durch eine mysteriöse Jungfrauengeburt auf die Welt gekommen? Da wird seine Mutter wohl kaum weiteren Kindern auf diese Weise das Leben geschenkt haben. Hat sie auch nicht, sagt die katholische Kirche. Für Maria gilt nach ihrer Auffassung: einmal Jungfrau, immer Jungfrau. Weshalb die in der Bibel mehrfach genannten Jesus-Brüder von einer anderen Frau als Maria stammen müssten, aus einer früheren Beziehung Josefs. Demnach hätte Jesus ältere Halbbrüder gehabt.

Eine andere Auslegung erlaubt die Bibel bei Matthäus (1,25); hier liest man über Josef und seine Frau: »Er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar.« Anschließend aber schon? Sodass er dann mit ihr weitere Kinder zeugte? In diesem Fall wäre Jesus der Älteste, dem mehrere Geschwister folgten. Katholisch orientierte Experten schütteln erneut den Kopf: Hinter dem Begriff »Brüder« würden sich in Wahrheit Cousins verbergen.

Dem widerspricht der Experte Richard Bauckham, schottischer Professor für neutestamentliche Studien: »Wären die Brüder tatsächlich Vettern gewesen, dann könnte man erwarten, dass dies bei mehreren Gelegenheiten näher definiert worden wäre.« Der Schreiber Hegesippus, er gilt als erster Kirchenhistoriker, bezeichnet etwa im Jahr 150 Jakobus und Judas (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Verräter) als Brüder Jesu. Er erwähnt aber auch einen »Vetter des Herrn« mit dem Namen Simeon. Eine klare Unterscheidung: hier Brüder, dort ein Vetter. Bauckham: »Wir können sicher sein, dass die Brüder von Jesus mit ihm zum Familienhaushalt von Josef und Maria in Nazareth gehörten.« Jesus, so die Auffassung vieler evangelischer und einiger katholischer Wissenschaftler, war der älteste von mehreren leiblichen Söhnen Marias und Josefs.

Das Neue Testament der Bibel erwähnt Jesus-Brüder an sieben verschiedenen Stellen. Beispiel: Als Jesus wieder einmal die Menschen um sich versammelt hat, fragen sich die Zuhörer erstaunt, woher er seine Weisheit habe und seine Fähigkeit, Wunder zu vollbringen. Denn schließlich kommt er aus einem ganz normalen Elternhaus: »Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn Marias, der Bruder des Jakobus, Joses, Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns?«

Anders als Jakobus kommen die übrigen Brüder in der Bibel namentlich kein zweites Mal vor, und von Schwestern ist überhaupt nicht mehr die Rede. Jakobus aber gehört zu den wenigen biblischen Personen, die auch von einem nicht-christlichen Schriftsteller erwähnt werden: Der jüdische Historiker Flavius Josephus beschreibt seine Hinrichtung im Jahr 62.

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