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Möbel der Macht

Der Thron

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Der ThronDer Thron

Statussymbole dieser Art gehören in die Monarchie oder die Diktatur? Von wegen! In Parlament und Büro spielen sie noch immer eine große Rolle.

Wer braucht heute noch einen Thron? So gut wie niemand – außer der Königin von England vielleicht. Es wäre ja auch fast lächerlich, wenn sich die Bundeskanzlerin auf einem riesigen chinesischen Drachenthron niederließe, wie er erst im Oktober letzten Jahres für elf Millionen Dollar bei Sotheby’s in Hongkong versteigert wurde. Nein: Ein Thron ist heute nur noch ein Sammlerstück. Oder ein Objekt der Belustigung – wie im Karneval, wo Prinzenpaare mit viel Trara auf den Thron gehoben werden. Ein Thron gehört zur Monarchie, und wir haben eine Demokratie.
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Ein paar irritierende Beobachtungen gibt es: So findet man auf der aktuellen Internetseite des Deutschen Bundestages beim virtuellen Rundgang im Plenarsaal folgenden Hinweis: »Rechts vom Präsidium sitzen die Mitglieder der amtierenden Bundesregierung auf der sogenannten Regierungsbank. Auf dem Stuhl mit der erhöhten Lehne nimmt der Bundeskanzler Platz.« Ob Helmut Schmidt oder Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Angela Merkel: Immer haben sie ihren Platz als Regierungschef auf einem Stuhl mit einer herausragend hohen Lehne eingenommen. Und mehr noch: Selbst wenn der Regierungschef nicht da ist, darf niemand anders auf seinem Sessel sitzen. Ist der Kanzlerstuhl also der Thron der Demokratie?

Weitere Beobachtungen verstärken die Irritation: So gibt es einen Management-Ratgeber von Business-Coach August Höglinger, erschienen 2004. »Inthronisation« heißt er und behandelt die Rituale der Übergabe von Führungsmacht in Firmen. Für Höglinger sind die Manager mit Königen vergleichbar und ihre Nachfolger mit Thronfolgern. »Werden bei der Verabschiedung des alten ›Regenten‹ und bei der Einsetzung des ›Thronfolgers‹ auch nur kleinste Fehler gemacht, so kann das weitreichende negative Folgen für das Unternehmen, die Mitarbeiter und die Führungskraft selbst haben: teure Fehlbesetzungen von Führungspositionen, kostspielige Managementprobleme, Intrigen und Reibungsverluste.«

August Höglinger empfiehlt vier Schritte für den Wechsel auf dem »Thron«:
1. Der scheidende Chef ist emotional bereit, seinen Betrieb loszulassen.
2. Er übergibt seine Mitarbeiter in die Hände seines Nachfolgers: »Kümmere dich um meine Leute!« 3. Der Nachfolger übernimmt die Mitarbeiter: »Ich werde mich um sie sorgen, so wie du es getan hast.« 4. Wenn der scheidende Chef das Gefühl hat, dass dem so ist, verabschiedet er sich und geht.«

Höglinger müsste solche Ratschläge nicht geben, wenn er nicht in der modernen Geschäftswelt einen Mangel empfinden würde bei der immer hektischer vollzogenen Übergabe von Führungsmacht an Heute-hier-morgen-dort-Manager. Haben wir wirklich einen Mangel an feudalem Thronzeremoniell?

Um zu verstehen, welche Rolle der Thron und das Thronzeremoniell heute noch spielen, hilft ein Blick in die Geschichte.

Schon immer haben die Mächtigen ja ein Grundproblem: Könige, Adlige, Kaiser und Päpste sind im Grunde auch nur normale Menschen. Man sieht ihnen das »von Gottes Gnaden« erst einmal nicht an. Deshalb mussten sie es mit allen Mitteln demonstrieren: durch Zeremonien wie Krönungen, Salbungen oder Niederwerfungen; durch Rangmerkmale wie Krone, Zepter oder Prunkgewänder – sowie durch den Ehrenplatz, den sie im Raum und im Verhältnis zu ihren Untertanen einnahmen. Das Sitzen auf dem Thron ist die zentrale Demonstration der Macht. Thronansprüche, Thronfolger und Thronfolgekriege prägten die Geschichte und unsere Sprache bis in die Gegenwart: Gern heißt es zum Beispiel in den Sportnachrichten, dass eine Fußballmannschaft »vom Thron gestoßen« wurde, weil sie Platz eins der Tabelle verloren hat.

Wie wichtig der Thron zum Erhalt der Macht ist, zeigt ein gut dokumentierter Eklat aus dem Jahr 855: Damals wurde Papst Benedikt III. nach seiner Wahl von der Volksmenge in den Lateranpalast in Rom geführt und dort auf den päpstlichen Thron erhoben, wie es der Brauch war. Eine fast irreale Freude erfüllte die Menschen von Rom, wunderbare Heilungen geschahen, Bettler wurden überreich beschenkt. Da aber stürmte einer der Mitbewerber um das Amt, der Kardinalpriester Anastasius, in den Palast. Ein von ihm bestochener Bischof zerrte Benedikt vom päpstlichen Thron, riss ihm die Prunkgewänder vom Leib, beschimpfte und verprügelte ihn.

Anastasius setzte sich als Gegenpapst »auf den Thron, den er nicht einmal mit den Händen hätte berühren dürfen«, wie es heißt. Denn er wusste, nicht die Wahl, sondern erst der Akt der Inthronisation bedeutete die Amtsübernahme als Papst. Danach besaß er die volle und höchste Gewalt über die Christenheit – wenigstens einige Wochen lang, bis man auch ihn mit Gewalt vom Thron herunterholte.

Doch bevor sich die Stellvertreter Gottes um den Thron streiten konnten, gebührte das Prunkmöbel erst einmal den Göttern selbst. Der Thron scheint so alt zu sein wie die menschliche Zivilisation: Auf die Zeit um 5500 v. Chr. datieren Archäologen jene steinzeitliche Tonfigur, die man im südanatolischen Çatal Hüyük gefunden hat und die als die älteste Darstellung eines Throns gilt: Eine Priesterin oder Fruchtbarkeitsgöttin sitzt mit überproportionierter Beckenpartie zwischen zwei Leoparden, die ihr als Armlehnen dienen und mit ihren Schwänzen die Rückenlehne bilden.

Später nahmen auch die ägyptischen Götter Isis und Sachmet auf einem Thron Platz, ebenso Zeus und Artemis bei den Griechen. Von Allah heißt es im Vers 2:255 des Korans: »Sein Thron umfasst die Himmel und die Erde, und es fällt Ihm nicht schwer, sie zu bewahren.« Auch im Christentum thronen Christus und seine Mutter Maria auf dem göttlichen Sitz. Selbst bei dem animistischen Stammesvolk der Iatmul auf Neuguinea thronen die Ahnen des Stammes auf einem Zeremonialstuhl neben dem Mittelpfosten des Männerhauses.

Den Griechen verdanken wir den Namen »thronos« für den Göttersitz, und die Ägypter zeigten, wie man ihn aus der himmlischen in die weltliche Sphäre hinunterbringt: Für die Götter gab es einen verzierten steinernen Blockthron, für die Pharaonen einen Thronsessel. Die Bibel schließlich setzte die Design-Standards. Dort heißt es über den Thron des Königs Salomon: »Der König schuf einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit edelstem Gold. Und der Thron hatte sechs Stufen, und hinten am Thron waren Stierköpfe, und es waren Lehnen auf beiden Seiten am Sitz, und zwei Löwen standen an den Lehnen. Und zwölf Löwen standen auf den sechs Stufen zu beiden Seiten. Dergleichen ist nie gemacht worden in allen Königreichen.«

An diesem Prototyp orientiert, thronten nun die Bischöfe und Päpste und natürlich die Kaiser, Könige und anderen Herrscher. Allerdings: In der katholischen Kirche begann der Thron alsbald ein Eigenleben zu führen und wurde als »der Heilige Stuhl« zum Sinnbild der päpstlichen Amtsgewalt. Das heißt, ein Möbelstück ist im Sprachgebrauch zum Stellvertreter Gottes auf Erden geworden, gänzlich unabhängig von den wechselnden Personen, die als Pontifex für die Dauer ihrer Amtszeit auf ihm Platz nahmen.

Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten Karlsthron auf der Westempore des Aachener Doms: Bis weit ins 16. Jahrhundert galt er als eine Art Reichsreliquie, als »Erzstuhl des ganzen Reiches«. Denn der in den Rahmen aus Marmorplatten eingebaute hölzerne Sitz soll aus Stücken jenes legendären Throns bestehen, auf dem Karl der Große sitzend im Jahr 814
beerdigt worden ist.

Der Thron von England in Westminster Abbey, auf dem von 1299 bis heute fast alle Herrscher Englands inthronisiert wurden, weist ebenfalls eine weltweit einzigartige Sonderausstattung auf. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen eher normalen gotischen Kastensitz aus Eichenholzbrettern. Unter dem Sitz aber ist der »Stone of Scone« eingebaut, die roh behauene steinerne Sitzplatte des von den Engländern im Jahr 1296 zerstörten Throns der schottischen Könige. Seit Edward I. besitzen die Engländer auch Schottland.

In der höfischen Gesellschaft entwickelt sich um den Thron herum ein kompliziertes Zeremoniell. So werden mit der Einführung des Hofzeremoniells an den deutschen Höfen nach dem Vorbild der spanischen Habsburger bereits die einzelnen Räume in den Residenzen so angelegt, dass sie sich in der sogenannten »Enfilade« mit ständig wachsender Pracht zum eigentlichen Thronsaal hin öffnen. Und der ist das politische Zentrum des Staates. Umfangreiche Literatur entsteht. So heißt es etwa im »Europäischen Hoff-Ceremoniel« des Gottfried Stieve von 1723: »Der Thron stehet unter einem Baldachin und ist dem Souverain alleine vorbehalten. Ausser der Audienz stehet er verkehrt gegen die Mauer, damit diejenigen, welche solches Zimmer betrachten, nicht irgends aus Curiosität oder Indolentz sich darauf setzen und diesen Sedem Sacram profanieren.« Damit sie also nicht aus Neugier oder Dummheit den heiligen Sitz entweihen. Das waren noch Zeiten!

Heute sind die Bestimmungen deutlich laxer geworden, zumindest im Kabinettssaal des Bundeskanzleramtes. Hier darf immerhin der Vizekanzler auf dem Kanzlersessel Platz nehmen und Sitzungen leiten – solange sein Chef nicht
da ist.

Hauptstadtkorrespondenten erinnern sich, dass etwa Jürgen Möllemann im Kabinett Kohl oder Joschka Fischer unter Gerhard Schröder mit so viel Eifer Kanzler gespielt haben, dass sie sich bissige Bemerkungen der anderen Minister gefallen lassen mussten. Als im Juli 2008 zum ersten Mal Frank-Walter Steinmeier als Vizekanzler und Herausforderer von Angela Merkel auf dem Stuhl mit der hohen Lehne Platz nahm, weil die Kanzlerin im Urlaub weilte, lautete prompt die erste Frage in der Bundespressekonferenz nach der Kabinettssitzung, wie Steinmeier das Thronen auf den Polstern des Kanzlerstuhls empfunden habe.

Es gab sogar einen verfassungsrechtlich ausgetragenen Thronkonflikt. Der Bundesrat beklagte sich, dass sein Präsident als Länderkammerchef auf einem kleineren Sessel sitzend regieren musste als der Kanzler als Regierungschef. Also forderte der Bundesrat einen Amtssessel mit den gleichen Ausmaßen – und erhielt ihn.

»Stühle dienen uns als Statussymbol und zum Anzeigen der gesellschaftlich-hierarchischen Position. Im Büro erkennen wir den Chefsessel sofort an Umfang, Größe, Exklusivität der Armlehnen, der suggerierten Aura von Schwere, Unverrückbarkeit usw. Selbst bei gepflegtem Understatement des Mobiliars ist so ein Chefsessel imaginär vorhanden.« So oder ähnlich heißt es in den Katalogen der Büromöbelanbieter.

Statt von Chefsesseln spricht man heute auch von Managementsesseln. Was sie auszeichnet, lässt sich sogar in Zahlen angeben: Chefsessel haben Sitzflächen von meist 56 Zentimeter Breite und Tiefe sowie Lehnen mit bis zu 77 Zentimeter Höhe. Normale Bürostühle kommen auf zehn Zentimeter weniger bei den Sitzmaßen und bis zu 30 Zentimeter weniger Lehnenhöhe. Oft fehlen ihnen auch noch die Armlehnen.

Mögen die Throne der modernen Sitzrepräsentanten den augenfälligen Prunk der vergangenen Jahrhunderte verloren haben, eine Qualität haben sie hinzugewonnen – sie verfügen über alle denkbaren ergonomischen Annehmlichkeiten: Lendenwirbel-Unterstützung, Sitztiefen- und Sitzneigungs-Verstellung, variable Armlehnen sowie Kopf- oder Nackenstützen. So viel gesunde Bequemlichkeit hat die Bibel nicht einmal für König Salomon vorgesehen.

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Autor/in: Matthias Weigold


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