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Zeitforschung

Der rätselhafte Moment, in dem sich unser ganzes Leben abspielt: Jetzt

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Was ist wirklich los in dem winzigen Augenblick, in dem sich unser ganzes Leben abspielt?Was ist wirklich los in dem winzigen Augenblick, in dem sich unser ganzes Leben abspielt?
Was ist wirklich los in dem winzigen Augenblick, in dem sich unser ganzes Leben abspielt?
iStockphoto

Seltsam: Physiker sagen, dass das Jetzt nicht existiert. Sportler sagen, sie könnten es nach Belieben ausdehnen. Zen-Meister sagen, das Jetzt dauere ewig und Zeit sei eine Illusion. Was ist wirklich los in dem winzigen Augenblick, in dem sich unser ganzes Leben abspielt?

Vor diesem Artikel müssen wir Sie warnen: Das Weiterlesen kann Ihre geistige Gesundheit gefährden! Sie werden Ihre Welt mit anderen Augen sehen und sich im Widerspruch zu allen physikalischen Theorien wiederfinden. Sie werden zu der seltsamen Überzeugung gelangen, dass Vergangenheit und Zukunft nicht existieren, dass die Ewigkeit real ist und dass in einem einzigen Moment das ganze Weltall enthalten sein kann. Möglicherweise werden sich Schwierigkeiten, denen Sie gegenüberstehen, auflösen, und Sie werden erleben, wie sich ein ganzes Universum an Lebensfreude entfalten kann – aus einem winzigen, kaum vorhandenen Augenblick: dem Jetzt.

Dabei scheint doch auf den ersten Blick die Gegenwart keinerlei Mysterium zu enthalten: Genau jetzt, in diesem Moment, lesen Sie diese Buchstaben hier. Der Zeitpunkt, als Sie das P.M.-Heft aufgeschlagen haben, liegt inzwischen in der Vergangenheit, ein paar Sekunden oder Stunden zurück. In der Zukunft hingegen wartet der Augenblick, wenn Sie das Heft wieder beiseite legen werden. Alles ist klar geordnet, so klar wie unsere Sprache, die zwischen »ich las«, »ich lese« und »ich werde lesen« unterscheidet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen säuberlich gereiht wie die Perlen auf einer Schnur.

Doch so einfach ist es nicht. Andere Kulturen haben eine ganz andere Zeitauffassung. Würden wir Hopi-Indianer aus Nordamerika fragen, stießen wir mit unserer Zeitreihung auf Unverständnis: »Vergangenheit« und »Zukunft« kommen in ihrer Sprache nicht vor. Wie viele andere Bauernkulturen leben die Hopi in einer praktisch zeitlosen Welt. Ihr Tageslauf ist an die natürlichen Erscheinungen ge-koppelt, und so wie die Jahreszeiten sich wiederholen, wiederholt sich auch die Zeit. Jahreszahlen sind unbekannt und natürlich auch Bezeichnungen für kleinere Intervalle wie Minuten oder Sekunden. Erstaunt hat der Hopi-Forscher Benjamin Lee Whorf festgestellt: »Die Sprache der Hopi enthält keinen Verweis auf die Zeit, weder explizit noch implizit.« Die Hopi leben in ei-nem Zustand des immer währenden Jetzt.

Ganz ähnlich ein anderes Indianervolk: die Saulteaux in Amerika. Forscher, die dieses Volk besuchten, mussten zähneknirschend akzeptieren, dass es nicht möglich war, sich mit den Indianern zu verabreden. Diese fanden, dass Treffen nicht stattfinden sollten, wenn eine bestimmte Zeit erreicht ist, sondern wenn die beteiligten Personen dafür bereit sind. Das Jetzt ist bei ihnen kein äußerlich festgelegter Zeitpunkt, sondern eine soziale Übereinstimmung. Übrigens waren sie ganz begeistert, als die Forscher ihnen zum Abschied Wecker schenkten: Sie benutzten sie als Spielzeug und freuten sich am Klingeln. Kaum etwas könnte ihre Freude am jetzigen Moment im Unterschied zu unserer Auffassung von einer planbaren Zeit besser kennzeichnen.

Doch auch im Westen gibt es Menschen, die ganz in den jetzigen Moment eintauchen. Manchen von ihnen gelingt es sogar, das Jetzt zu dehnen: Sie schaffen es, die Zeit stillstehen zu lassen. Tennisstar Jimmy Connors meinte solche Zustände, wenn er beschrieb, dass er im Spiel eine »transzendente Zone« erreichte. Er sah dann den Ball riesig vor sich, der in Zeitlupe über das Netz schwebte. Er fühlte sich, als habe er alle Zeit der Welt, um zu entscheiden, wie und von wo er den Ball zurückschlagen solle. In Wirklichkeit dauerten diese Momente natürlich nur Sekundenbruchteile.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.5 (61 Bewertungen)
Autor/in: Nicolai Schirawski


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