Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Der Prinz und die Baderstochter
Sie musste sterben, weil sie ihre Liebe leben wollte – was sich liest wie ein Drama der Weltliteratur, hat sich 1428 bis 1435 zwischen Augsburg, München und Straubing tatsächlich zugetragen.
»Auf fröhlicher Welle«, einem Ausflugsschiff, kreuzen Touristen auf der Donau. Gestartet sind sie an der Schlossbrücke in Straubing, und die Fahrgäste mag ein leichtes Schaudern überkommen angesichts der grauenvollen Geschichte, die sich vor mehr als 500 Jahren in dieser Gegend abgespielt hat: Auf einer Brücke über einen Nebenarm der Donau, den frühherbstlichen Dunst des Flusses ein-atmend, wendet eine schöne junge Frau mit langen blonden Haaren ihren Blick ein letztes Mal gen Himmel und denkt an ihren geliebten Mann und an das, was ihr bevorsteht.
Allein ist sie, die Bernauerin, von allen verlassen und doch angestarrt von einer Menschenmenge, die sich das Spektakel einer Hinrichtung, zu der die Trommler der Stadt mit düsteren Schlägen gerufen haben, nicht entgehen lassen will. Gefesselt an Händen und Füßen wird sie vom Henker in die Fluten geworfen. Jedoch, ein Raunen geht durch die Menge, die Fesseln haben sich gelöst, der Henker hat sein Werk schlecht gemacht, ein Strick ist gerissen; zum Ufer schwimmt die Schöne und fleht um Hilfe, doch niemand rettet sie. Im Gegenteil, mit einer Stange stößt sie der Folterknecht zurück und taucht sie unter, bis der Fluss sie verschlingt.
So könnte es sich damals abgespielt haben. Doch je ferner das tragische Ereignis rückte, umso ausführlicher schmück-ten es die Chronisten aus. Fest steht, dass Agnes Bernauer, die Geliebte, höchstwahrscheinlich sogar die Ehefrau Herzog Albrechts III., am 12. Oktober 1435 auf Befehl seines Vaters, Herzog Ernst, ertränkt wurde. Das war eine typische Strafe für »Zauberinnen« oder untreue Gattinnen. Reißende Stricke waren kein gutes Zeichen, denn sie deuteten darauf hin, dass Gott mit dem Urteil nicht einverstanden war. In diesem Fall ging es ohnehin nicht um ein Verbrechen. Die junge Frau musste sterben, weil sie vom falschen Mann zur falschen Zeit so sehr geliebt worden war, dass er sie nicht nur als seine Mätresse haben wollte, sondern als Gefährtin fürs Leben.
Was wissen wir wirklich über diese Frau, deren Leben die Künstler bis in die heutige Zeit inspiriert, nach der drei ICEs benannt werden, Schiffe und sogar Torten? Wie könnte sie gelebt haben in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als einfaches Mädchen, als Frau eines Herzogs, aufgetaucht in einem Badehaus, untergegangen in der Donau? Die Fakten zum Leben der »realen« Bernauerin sind rar. Stadtkammerrechnungen, Briefe und Chroniken ermöglichen kurze Einblicke in ihr Leben und in die Motive, die zu ihrem Tod geführt haben.
Wir wissen nicht, wann und wo Agnes Bernauer geboren wurde. Etwa zwischen 1400 und 1410 muss es gewesen sein, wahrscheinlich in Augsburg, als Tochter eines Badestubenbesitzers. Die meisten Chronisten sind sich einig, dass die erste Begegnung zwischen dem 27-jährigen Herzogssohn und der attraktiven Frau im Februar 1428 in einer der vielen Augsburger Badestuben stattgefunden hat. In der feuchtwarmen Atmosphäre dieser beliebten Einrichtungen war Agnes vermutlich aufgewachsen, hier arbeitete sie, holte Wasser aus dem Lech, erhitzte es in dem rauchigen, nur von Kerzen erhellten Raum über dem Feuer und füllte damit die Zuber für Schwitz- und Wannenbäder auf.
Ständig war sie umgeben von halb nackten Menschen, die sich reinigen, amüsieren und von ihren Gebrechen befreien lassen wollten. Sie lief hin und her, um Wein und Speisen zu servieren, wäh-rend Spielleute musizierten und ihre Scherze trieben. Nebenbei ließ der Bader seine Patienten zur Ader, bereitete Salben und stutzte Bärte. Als angenehme Zugabe massierte die schöne Magd gelegentlich einem Kunden den Rücken. Der Vorwurf, dass Agnes eine Metze, eine Hure gewesen sei, wird aus dieser Zeit stammen. Badehäuser waren zwar keine Bordelle, aber im Nebenerwerb wird die eine oder andere Bedienstete nicht nur zum Schwamm gegriffen haben.
Ob Agnes Bernauer die Tochter eines Baders oder nur dessen Magd war, weiß man nicht sicher, auf jeden Fall aber gehörte sie der Gesellschaftsschicht unterhalb des Bürgertums an. Eine Frau wie sie war in Albrechts Kreisen einzig als Gespielin für kurze Zeit gern gesehen, als Mätresse geduldet, als Landesmutter aber völlig undenkbar. Das hätte der junge Adlige wissen müssen. Doch vielleicht war es für alle rationalen Erwägungen von Anfang an zu spät, wollten die Liebenden nur mehr miteinander leben, koste es, was es wolle. Den Preis dafür zahlte die Frau. Sieben gemeinsame Jahre verbrachten beide, ehe sich das Märchen vom Aufstieg der Badersmagd endgültig in eine Tragödie verwandeln sollte.
Zurück zum Beginn. Albrecht kam Ende Februar 1428, da er anlässlich eines Turniers in Augsburg weilte, die Ablenkung nicht ungelegen, denn gerade hatte seine eigentliche Heiratskandidatin, Eli-sabeth von Württemberg, heimlich einen anderen geehelicht.
Wer war dieser junge Adlige, mit dem Agnes ihr Glück suchte und das Unglück fand? Herzog Albrecht, Pfalzgraf bei Rhein und Graf von Vohburg, wurde am 27. März 1401 als Sohn des Wittelsbacher Herzogs Ernst von Bayern-München (1373–1438) und seiner Frau Elisabeth (um 1374–1432) wahrscheinlich auf Burg Wolfratshausen bei München geboren. Abbildungen zeigen einen zierlichen Mann mit großen Augen, langen gelockten Haaren, einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck und schlanken Händen. Weich wirkt er, nachgiebig. Später nannte man ihn »den Frommen«, das war nach der Geschichte mit Agnes, als er sich mit Nikolaus von Cues, dem großen Theologen, für eine Klosterreform und für den Ausbau des Klosters Andechs einsetzte, in dem er 1460 auch begraben wurde.
Von Frömmigkeit war bei dem am Hof König Wenzels in Prag aufgewachsenen Jüngling, dessen Lieblingsgetränk der Wein war, wenig zu spüren. Er galt als Liebhaber schöner Frauen, als passionierter Jäger und als musisch begabt, ein Lebemann eher als ein Verwalter. Dass der einzige Nachfolger der Linie Bayern-München Stammhalter hervorzubringen hatte, und zwar ebenbürtige, stand außer Frage. Jugendliche Freuden gönnte ihm der alte Herzog, der selbst mehrere uneheliche Kinder zu versorgen hatte, aber wahre Liebe war nicht vorgesehen.
Zur Geschichte der Wittelsbacher nur so viel: Es existierten vier Linien, Herzog Heinrich gehörte Bayern-Landshut. Bayern-Ingolstadt war im Besitz von Ludwig dem Bärtigen, während sich die Brüder Wilhelm und Ernst Bayern-München teilten. Der Zweig Straubing-Holland starb bereits 1425 mit Herzog Johann aus. Das einst mächtige Land war zersplittert, die Nachfahren Ludwigs des Bayern stritten sich um Territorien und Einfluss.
Im Sommer 1432 wurde Agnes erst-mals aktenkundig: »Ein halbes Pfund Pfennige haben wir dem Mossmair für Zehrung gegeben, der mit Briefen nach Straubing zur Herrschaft ritt, weil der Münnhauser in die alte Festung kam und darin blieb. Darüber wurde die Bernauerin sehr zornig, doch brachte der Moss-mair einen Brief von der Herrschaft zurück, mit dem Befehl, den Münnhauser ins Gefängnis zu werfen.«
Diese karge Notiz aus den Kammerrechnungen der Stadt München – an heutiges Deutsch angepasst –, wurde wie alle weiteren Einträge notiert vom scharfsichtigen Stadtschreiber und Arzt Hans Rosenbusch und sagt einiges über die Unbekannte am Hof aus: Agnes war in München in der Alten Veste, während Albrecht in Straubing seinen Geschäften nachging. Es erzürnte sie, dass ein Räuber sich in den herzoglichen Räumen verschanzt hatte, und Albrecht unterstützte sie, indem er den Raubritter Münnhauser einsperren ließ. Die Bernauerin war demnach eine Frau, die wusste, was sie wollte. Kein graues Mäuschen an der Seite des Herzogs, sondern eine, die mitdachte und sich durchsetzte. Wohl auch deswegen war sie der Familie ein Dorn im Auge.
Eine weitere Kammerrechnung berichtet vom Zorn der Schwester Albrechts, Beatrix, »wegen der hoch- und grosfais-ten« Bernauerin. Ob »hoch- und gros-faist« hochschwanger oder hochmütig bedeutet, ist umstritten. In der Literatur wird häufig eine Sibilla als Tochter von Agnes genannt, und manchmal ist auch von zwei Kindern die Rede; jedoch dürfte es sich bei ihnen um uneheliche Kinder Albrechts handeln, als deren Mutter die Bernauerin aber nicht in Frage kommt. Überlebende Nachfahren von ihr sind nach derzeitigem Forschungsstand nicht nachweisbar.
Zweifellos war die Frau aus dem Bade-haus für Albrechts Schwester ein Prob-lem. Ein dunkler Schatten im Leben des edlen Bruders. Noch einmal tauchen Schwester und Geliebte in den Kammerrechnungen vor dem 13. Dezember 1434 auf: »Ebenso haben wir 31 Pfennig bezahlt für 24 Kannen Schankwein, Muskateller, rheinischen und italienischen Wein, für die Frau des Herzogs Johann, Beatrix, als sie im Advent hier war und unsere gnädige Frau, die Gemahlin Herzog Wilhelms besuchte, was den Zorn über ihren Bruder, Herzog Albrecht, besänftigte, weil der nicht auch eine schöne Frau hat.«
Der Verbrauch von Wein war hoch an den Herzogshöfen – betrunkene Frauen, die sich gegenseitig beschimpften, keine Seltenheit. Ihr Bruder habe keine schöne Frau, schimpfte Beatrix. Keine schöne Frau? Die, von der berichtet wurde, »dass sie so hübsch gewesen sei, wenn sie Rotwein getrunken hatte«, nicht schön? Nein, es ging nicht um Schönheit im heutigen Sinn. Eine schöne Frau war eine standesgemäße, eine aus dem richtigen Haus. Eine wie Margarethe von Cleve, die Frau des Onkels. Beatrix und der Stadtschreiber waren sich einig: Herzog und Baderin gehörten nicht zusammen. Da musste man zornig werden.
Zwischen dieser und der ersten Eintragung lagen zwei Jahre, in denen die Familie zunehmend ungeduldiger wurde mit dem 33-Jährigen, der nicht einsehen wollte, dass es an der Zeit war, sich eine anständige Gattin zu suchen. Vielleicht des-wegen, weil er längst verheiratet war?
Wilhelm und Ernst, die beiden Brüder, planten die Zukunft des Hauses Bayern-München gemeinsam. Albrecht sollte endlich heiraten, und zwar Jakobäa von Bayern, letztes Kind aus dem Hause Straubing-Holland, eine Frau mit 300000 Gulden Mitgift. Er stimmte einer Hochzeit mit ihr im Herbst 1432 unter Aufstellung eines langen Bedingungskataloges zu. Doch der gut ausgeheckte Plan der alten Herzöge scheiterte. Jakobäa hatte sich bereits im Sommer heimlich vermählt. Die Töchter und Söhne dieser Genera-tion waren nicht sehr gehorsam, Albrecht und Agnes keine Ausnahme.
Ein Indiz dafür, dass Herzog und Bade-rin nicht nur zusammenlebten, sondern verheiratet waren, liefert eine Urkunde vom 7. Januar 1433. Der Pfarrer von Aubing und die beiden Kirchenpröbste zu Laim verkauften eine Hofstatt in Niedermenzing für 25 Pfund Münchner Pfennige an die ehrsame Jungfrau Agnes Bernauer und alle ihre Erben. Es handelte sich um eineinhalb bewirtschaftete Güter, deren Einkünfte ausreichten, um eine Frau zu unterhalten. Blutenburg, das seit 1431 systematisch von Albrecht ausgebaute Jagdschloss, befand sich in nächster Nähe. Eine Morgengabe?
Dies wäre gerade in einer nicht standesgemäßen Ehe die einzige Absicherung für die Gattin, die nicht auf ein Erbe hoffen konnte. Um verheiratet zu sein, hätten Agnes und Albrecht einander nur die Ehe versprechen müssen, und schon wäre sie gültig vor Gott und unauflösbar gewesen. Zeugen, Priester oder das Einverständnis der Eltern waren nicht notwendig. Eine »ordentliche« Heirat, wie sie sich für einen Adligen geziemte, wäre dieses heim-liche Versprechen aber nicht gewesen, und der Vater hätte jedes Recht gehabt, Albrecht deswegen zu enterben. Doch so einfach war es nicht, denn er war der einzige Sohn.
Als Albrechts Herrschaftssitz hatte der Vater Straubing bestimmt. Damit war der Sohn zwar fern von München, aber keineswegs frei. »So geloben wir, dass wir im Niederland sitzen, und wesentlich dort sein wollen, und seinen Landesteil getreu regieren bis auf seinen Widerruf; und wenn unserem Vater etwas zustößt, wollen wir ihm mit allen unseren Landen helfen«, versicherte er dem alten Herzog, dessen Hofhaltung auf Zuschüsse aus Niederbayern angewiesen war.
Das Straubinger Schloss war mit je einem Eckturm für Herzog und Herzogin ein idealer Repräsentationsort. Konnte die Bernauerin hier leben, in einem eigenen Flügel? Oder direkt bei Albrecht, verborgen, nicht als die Gattin?
1434 gab es einen Skandal: In München wurde eine Frau namens »Aicherin« festgenommen, weil sie in einem Schriftstück bei den Handwerkern und kleinen Leuten der Stadt Werbung für die Bernauerin gemacht hatte. Agnes war bei der Bevölkerung demnach bekannt, man traute ihr Einfluss am Hof zu, und sie wurde von Teilen der niederen Schichten geschätzt. Bei den Patriziern und am Hof wird man durch diesen Vorfall bitter daran erinnert worden sein, wer sich da Zutritt zu den eigenen Reihen verschafft hatte.
Die Bedenken wurden nicht geringer, als Albrecht sich beim Vater für die Verschonung der armen Bauern vor der Besteuerung durch die adligen Landstände einsetzte. Es galt, die eigenen Pfründe zu sichern. Dem jungen Herzog sollte ein Denkzettel verpasst werden. Andreas von Regensburg berichtet von einem Turnier, das 1434 stattgefunden hatte: »Bei diesem Turnier wurde ein an Vorzügen aus-gestatteter Fürst wegen seiner Geliebten, wegen der er, wie man meinte, es aufschob, eine rechtmäßige Gemahlin zu nehmen, angegriffen und verhauen.« Albrecht hatte die Normen seines Standes verletzt und wurde zurechtgewiesen: Agnes musste ihm sehr viel bedeutet haben.
Und sie? Hatte sie Angst? Hatte sie je erwogen, Albrecht zu verlassen? Oder ins Kloster einzutreten? Ein Leben zu führen ohne ständige Anfeindungen?
Wenigstens gelegentlich muss Agnes in Straubing gewesen sein, denn sie hatte Kontakte zu den Karmelitern, deren Kloster gleich neben dem herzoglichen Schloss lag. Dort wollte sie einen Altar stiften und später ihre letzte Ruhe finden. Das muss nicht bedeuten, dass sie sich bedroht fühlte. In einer Zeit, in der viele mit 30, 35 starben, in der jede Geburt Lebensgefahr bedeutete und in der jede Infektion das Ende sein konnte, waren die Menschen dem Tod näher. »Ein bürgerliches Mädchen macht sich das Totenhemd gleich nach dem Hochzeitskleid«, schrieb Friedrich Hebbel. Agnes lebte mit dem Tod. Wie alle. Aber anders als die meisten war sie isoliert. Keine Familie trös-tete sie. Sie hatte nur Albrecht. Und der hatte eine Menge eigener Probleme.
Die Situation in Straubing spitzte sich 1435 zu. Die Auseinandersetzungen mit der Ritterschaft eskalierten. Ernst sah mit Besorgnis, wie dem Jüngeren die Zügel aus der Hand glitten – nicht unwahrscheinlich, dass er den Sohn als Statthalter absetzte.
Als Ernst und Wilhelm am 15. August ihre Erbfragen endgültig klärten, wurde Albrecht nicht mehr konsultiert. Ende August schrieb der verzweifelte Sohn an seinen Vater: »Aber wir vertrauen auf Eure väterliche Treue, dass Ihr uns nicht fallen lasst und uns deshalb auch anhört. ... Lieber Herr und Vater, wegen jenes ungerechten Schlechtmachens, das man uns täglich bei Euch antut, sollt Ihr wissen, dass uns das gewiss hart kränkt. Und wir müssen vielleicht vor unserer Zeit sterben, so sehr fressen wir es täglich in uns hinein.« Albrecht hätte für den Vater beinah alles getan.
Derweil reiste Ernst nach Kehlheim, »wo die Fürsten und Herren eine Unterredung miteinander hatten, wegen Herzog Ludwig und der Bernauerin«. Nicht klar ist, wer die Fürsten waren. Wilhelm? Dann müsste die Unterredung vor dem 13. September stattgefunden haben, denn an diesem Tag ist er gestorben. Oder Heinrich? Ernst wollte endlich das Nachfolgeproblem lösen, umso mehr, nachdem sein Bruder gestorben war und sich dessen 1434 geborener Sohn als schwach erwies. Die Bernauerin musste verschwinden. Gab es noch einen letzten Versuch, sie zur Flucht zu bewegen? Wenn, dann wollte Agnes Albrecht nicht verlassen, auch nicht, um ihr Leben zu retten. Eine Märtyrerin für die Liebe? Eine Gläubige, der der Tod weniger bedeutete als der Bruch ihres Versprechens vor Gott? Oder eine, die nicht glauben konnte, was man ihr androhte?
In Vohburg erging an Albrecht eine Einladung von Heinrich aus Landshut: Er solle zur Jagd kommen und zu einer Besprechung. Albrecht hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Trotzdem sagte er zu. Am 16. Oktober, dem St.-Gallus-Tag, wollte er in Straubing sein, zur Gedächtnisfeier für Wilhelm. Am 13. Oktober in Landshut bei Heinrich. Damit war er für den Hinrichtungstermin aus dem Weg geräumt.
Am 12. Oktober endete das Leben der Bernauerin in der Donau. Sollte es eine Gerichtsverhandlung gegeben haben, dann hätte der Prozess vor einem Hof-gericht stattgefunden, dessen Vorsitzender der Herzog selbst war. Damit wäre das Urteil von vornherein klar gewesen. Wieder einmal erzählen die Kammerrechnungen, was geschah: Sechzig Pfennig hatte man dem Boten gezahlt, der in München die Botschaft überbracht hatte, »dass man die Bernauerin gen Himmel geschickt« habe. Drei Pfennige bekam ein anderer, der in Landsberg »das Begräbnis der Bernauerin an der Donau zu Straubing unterhalb der Brücke zu Sankt Peter im Kirchlein« verkündet hatte.
Die Leiche von Agnes soll in der Nähe dieses Kirchhofes angespült worden sein, wo sie wohl auch begraben wurde. Um 1500 brachte man an der vermuteten Fundstelle in der Giebelwand des Greindlschen Hauses Nr. 779 eine Tonplastik an, die jetzt im Gäubodenmuseum zu besichtigen ist. Eine zarte Frau mit fein gezeichnetem Gesicht wird da in zeitgenössischer Tracht gezeigt. Der Leichnam von Agnes soll später, wie es ihr Wunsch war, ins Karmeliterkloster überführt worden sein.
Ernsts offizielle Rechtfertigung für die Hinrichtung sah so aus: Sein Sohn sei mit einem bösen, harten und strengen Weib beladen gewesen, das zudem den alten Herzog und seinen Neffen habe vergiften wollen. Da es unmöglich war, die Person gütlich vom Sohn zu trennen, habe er sie ertränken lassen. Diese Version ließ er Kaiser Sigmund mitteilen. Dass es um all dies nicht ging, zeigte sich bald: Die tote Bernauerin war kein Hindernis mehr, und jener Respekt für ihre Person, den Ernst ihr zu Lebzeiten verweigert hatte, sollte nun der Schlüssel zur Besänftigung des Erben sein.
Albrechts erste Reaktion auf den Tod der Geliebten war Wut. Er führte mehrere Fehden gegen Heinrich. Ernst agierte geschickt und suchte immer wieder das Gespräch mit dem Sohn. Im April 1436 bestätigte er dessen Stiftung einer ewigen Messe, eines Jahrtages und der Seelen-ämter für Agnes. Die Taktik des Vaters ging auf. Im Sommer wurde Frieden geschlossen. Nun stiftete auch Ernst eine Messe für die Tote. Agnes wird hier Anna Bernauerin genannt, und Anna sollte die nächste, diesmal vom Vater bestimmte, standesgemäße Frau von Albrecht sein. Außerdem ließ Ernst für die Ertränkte eine Kapelle auf dem Friedhof von St. Peter errichten. Darin befindet sich noch immer die Grabplatte mit dem einzigen fast zeitgenössischen Bildnis von Agnes.
Dargestellt ist eine Frau mit einem gleichmäßigen Gesicht, gekleidet wie eine Patriziersgattin. Sie trägt einen am Saum verzierten Schleier und einen pelzverbrämten Mantel mit Gürtel. Die Hände liegen über Kreuz, als seien sie gefesselt. In der rechten Hand hält sie einen Rosenkranz, die Finger sind mit zwei Ringen geschmückt. Zwei Hunde, ein schlafender oder toter und ein springender, befinden sich am Saum ihres Mantels, meist werden sie als Symbole der Treue gedeutet.
Ihr Antlitz wirkt melancholisch, der Kopf ruht sanft auf einem großen Kissen mit vier Quasten – man ist an Marien-abbildungen erinnert. Die Grabplatte, die von einem unbekannten Künstler bald nach dem Tod von Agnes, vielleicht sogar nach ihrer Totenmaske gefertigt wurde, straft alle Vorwürfe Lügen: Wir sehen hier keine Hexe. Wir sehen eine fromme, ehrbare Frau, die sanft dem ewigen Leben entgegenschläft.
- Kultur & Gesellschaft
- Aberglaube
- 1800 bis 1813
























