Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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P.M. Interview: Michio Kaku
Der Physiker des Unmöglichen
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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»Wir werden fast alles haben, wovon wir träumen«
Der amerikanische Physiker-Star Michio Kaku glaubt an Tarnumhänge, Telepathie und Zeitreisen.
Niedrig gesteckt hat Michio Kaku seine Ziele noch nie. »Einstein war meinVorbild«, sagt der 61-jährige Physikprofessor. Als sein großer deutscher Kollege im amerikanischen Exil starb, war Kaku acht Jahre alt. Damals sah er im Fernsehen ein Bild von Einsteins Schreibtisch, mit einem unvollendeten Manuskript darauf. Kaku wollte dort weitermachen, wo Einstein aufgehört hatte.
Mit 17 Jahren baute er einen Teilchenbeschleuniger, groß wie ein Kühlschrank, 200 Kilogramm schwer und mit dem Stromverbrauch eines Einfamilienhauses. Der Magnet war stark genug, um Kaku die Plomben aus den Zähnen zu ziehen. Mit dem Beschleuniger machteer solchen Eindruck, dass er ein Stipendium für die Harvard University bekam. Kaku versuchte sich an einer Theorie für alles – und kam nicht weiter als sein Idol Einstein. Mehr Erfolg hatte er bei der Vermittlung von Wissenschaft. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, tritt regelmäßig im Fernsehen auf und hat eine eigene Radiosendung.
Wie Einstein engagiert er sich für Frieden und gegen militärische Aufrüstung. Auch Hollywood hört auf Kaku. Es gibt sogar Studios, die ihren Science-Fiction-Autoren die Bücher Kakus als Pflichtlektüre verordnet haben, um sie auf dem Boden der wissenschaftlichen Tatsachen zuhalten. Sein letztes Buch, das im Frühjahr in Amerika erschienen ist und gleich die Bestsellerlisten erkletterte, handelt von der »Physik des Unmöglichen«.
Ihr neues Buch trägt den rätselhaften Titel »Physik des Unmöglichen«. Was kanninteressant an etwas sein, das physikalisch unmöglich ist?
In der Geschichte der Wissenschaft gab es unzählige Vorhersagen darüber, was möglich ist, die sich als falsch erwiesen haben. Der berühmte Lord Kelvin, der heute gleich neben Isaac Newton in der Westminster Abbey begraben liegt, dachte einst, dass Flugzeuge unmöglich seien und Röntgenstrahlen ein übler Trick, Radio nie eine praktische Anwendung haben werde und die Erde nicht älter alseinige Millionen Jahre alt sein könne.
Wie konnte Kelvin derart danebenliegen?
Er lebte in der viktorianischen Zeit. Damals waren die Naturgesetze noch kaum verstanden.
Verstehen wir sie inzwischen so wesentlich besser?
Ja. Wir haben ein gutes Verständnis der Vorgänge in SchwarzenLöchern und zurück bis zum Urknall. Wir stehen kurz vor der Entdeckung der Weltformel. Jetzt können wir wirklich sagen, was möglich oder unmöglich ist.
Wo also liegen die Grenzen des Möglichen?
Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich erkannt, dass so gut wie alles möglich ist, was man auf der Kinoleinwand sehen kann.
Auch in den wildesten Science-Fiction-Filmen?
Ja. Ich unterscheide drei Kategorien von Unmöglichkeiten. Kategorie I umfasst alle Dinge, die zwar heute unmöglich sind, aber in den nächsten Jahren und Jahrzehnten möglich werden: wie Telepathie, Teleportation und Antimaterie-Triebwerke.Unmöglichkeiten der Kategorie II brauchen noch Jahrhunderte oder Jahrtausende technischer Entwicklung – zum Beispiel Zeitreisen. Nur Unmöglichkeiten der III. Kategorie sind wirklich unmöglich, weil sie gegen die Naturgesetze verstoßen.
Wie können Sie sicher sein, dass man Sie in Zukunft nicht belächeln wird wie wir heute Lord Kelvin?
Weil meine Kollegenbereits Prototypen dieser Dinge im Labor bauen. Nehmen Sie den Tarnumhang von Harry Potter. Bis vor Kurzem stand in jedem Optik-Lehrbuch, dass so etwas physikalisch unmöglich ist: Licht könne nicht um einen Gegenstand herumfließen wie Wasser um einen Stein. Aber vor zwei Jahren haben englische und amerikanische Forscher genau das mit Mikrowellen geschafft. Und inzwischen funktioniert es auch mit sichtbarem Licht.
Wie kann plötzlich möglich sein, was eben noch als unmöglich galt?
Wir haben einen einfachen Denkfehler gemacht: Um ein reines Medium herum kann Licht nicht fließen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie verletzen. Aber wenn man ein Material mit kleinen Unreinheiten versieht, gilt dieses Gesetz nicht.
Wann wird es die ersten Tarnumhänge zu kaufen geben?
In einigen Jahrzehnten, glaube ich. Aber es werden eher starre Zylinder sein als Umhänge. Einen weichen Stoff unsichtbar zu machen ist technisch zu schwierig.
Verraten Sie uns jetzt schon den Gegentrick?
Werfen Sie einfach etwas Sand auf den Träger desTarnumhangs. Dann wird er sichtbar. Außerdem wird er sowieso nicht ganz unsichtbar sein können, denn er braucht Augenlöcher zum Hinausschauen. Sie werden also immer zwei frei schwebende Augäpfel erkennen können.
Ist also die Grundregel: Alles, was denkbar ist, ist auch möglich?
Mit Ausnahme von Kategorie III. Aber davon sehe ich nur zwei Unmöglichkeiten: das Perpetuum mobile und das Vorhersagen der Zukunft. Sie würden gegen den Energieerhaltungssatz und das Prinzip von Ursache und Wirkung verstoßen.
Kann man denn sicher sagen, dass der Energieerhaltungssatz gilt?
Die deutsche Mathematikerin Emmy Noether hat um 1900 bewiesen, dass die Gesamtenergie immer erhalten bleibt, wenn die Gesetze der Physik sich nicht mit der Zeit ändern. Und aus den Lichtspektren ferner Sterne wissen wir, dass sie sich seit 13 Milliarden Jahren nicht geändert haben. Mindestens so lange gilt also der Energieerhaltungssatz.
Sind das die einzigen echten Unmöglichkeiten?
Ja. Andere Dinge, die Wissenschaftler in der Vergangenheit für unmöglich hielten, sind inzwischen Wirklichkeit geworden. Telepathie zum Beispiel. Wir können schon jetzt die Gedanken anderer Menschen lesen.
Wie das denn?
Auf zwei Wegen: Man kann einen Chip ins Gehirn einsetzen, wie es amerikanische Forscher bei Schlaganfall-Patienten gemacht haben. Der Chip ist mit einem Computer verbunden. Innerhalb eines Tages kann der Patient mittels Gedankenkraft einen Cursor über den Bildschirm bewegen, Kreuzworträtsellösen und im Web surfen. Der zweite Weg ist, mittels Kernspintomografie ins Gehirn zu schauen. Damit können wir zwar nicht einzelnen Gehirnzellen beim Denken zuschauen, aber immerhin die groben Umrisse der Gedanken erkennen. So werden wir ein Wörterbuch der Gedanken bekommen. Auch auf diesem Weg könnten wir direkt mit dem Gehirn ins Internet gehen.
Aber das übliche Verständnis von Telepathie ist, ohne technische Hilfe Gedanken zu übertragen, vielleicht mittels einer bisherunerkannten Naturkraft.
Danach sieht es nicht aus. Wir haben bisher keineexperimentellen Hinweise auf eine weitere Kraft, und unser Gehirn sendet zwar Radiowellen, kann sie aber nicht empfangen.
Also eine Antenne nachrüsten?
Nein, das reicht nicht. Selbst dann könnte das Gehirn die Signale nicht verstehen. Aber wir könnten Chips in zwei Gehirne pflanzen und einen Computer zwischen beiden übersetzen lassen.
Sie haben Zeitreisen erwähnt. Auch die galten als unmöglich.
Mein englischer Kollege Stephen Hawking hat viele Jahre vergeblich versucht zu beweisen, dass Zeitreisenunmöglich sind. Er glaubte, ein kosmisches Grundprinzip müsse sie verbieten. Jetzt glaubt er, dass Zeitreisen prinzipiell möglich sind, aber jenseits unserer technischen Möglichkeiten bleiben werden.
Und Sie sind da zuversichtlicher?
Ja. Aber nur eine weit fortgeschrittene Zivilisation kann Zeitreisen schaffen. Auf der Erde können wir keine Zeitmaschine bauen wie im Film »Zurück in die Zukunft«,dafür reichen die Ressourcen nicht. Wir müssten ein Schwarzes Loch bändigen. Schwarze Löcher verzerren das Raumzeit-Gefüge.
Schwarze Löcher sind also Zeitmaschinen?
Manche. Früher dachte man, das Zentrum eines Schwarzen Lochs sei punktförmig. Aber das stimmt nicht, wenn es rotiert. Dann kollabiert das Schwarze Loch zu einem Ring, den wir Wurmloch nennen.
Punkt oder Ring, welchen Unterschied macht das?
Wenn man durch diesen Ring fällt und es überlebt, dann fällt man heraus, bevor man hineingefallen ist. Das folgt aus Einsteins Gleichungen.
Wie kann man sich das vorstellen?
Nehmen Sie ein Blatt Papier, falten Sie es in der Mitte, und lassen Sie die Hälften einander an einer Stelle berühren. Das ist ein Wurmloch. Normalerweise ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten auf dem Papier eine Gerade. Jetzt kann es ein Wurmloch sein. Das Wurmloch verbindet Vergangenheit und Zukunft. Es bildet eine sogenannte geschlossene zeitartige Kurve.
Kann man durch das Loch auch zurück in die Gegenwart reisen?
Nicht durch ein Schwarzes Loch, weil man dabei einen Ereignishorizont durchquert. Das ist eine Einbahnstraße. Aber 1987 fanden Physiker am California Institute of Technology eine aufsehenerregende neue Lösung von Einsteins Gleichungen: sogenannte durchquerbare Wurmlöcher. Durch sie kann man auch zurückreisen. Aber man bräuchte negative Materie, um sie zu verwirklichen, also Materie, die nach oben statt nach unten fällt. Soetwas hat noch niemand beobachtet.
Ist es überhaupt zu schaffen?
Ich persönlich glaube, ja. Eine sehr weit fortgeschrittene Zivilisation kann es schaffen. Wir können den Energieaufwand abschätzen, der für den Bau einer Zeitmaschine nötig ist. Physiker unterscheiden drei Typen von Zivilisationen: planetare Zivilisationen, die das Wetter, Vul-kane und Erdbeben kont-rollieren können; stellare Zivilisationen, die einzelne Sterne beherrschen und besiedeln wie in Star Trek; und galaktische Zivilisationen, die eine ganze Galaxis bevölkern wie in Krieg der Sterne. An der Schwelle von der stellaren zur galaktischen Zivilisation könnten wir so weit sein, eine Zeitmaschine zu bauen.
Wann wird das sein?
Heute stehen wir erst kurz davor, eine planetare Zivilisation zu werden. Das Internet ist eine frühe Form eines planetaren Kommunikationssystems, die Europäische Union ist die Vorstufe eines planetaren Wirtschaftssystems. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Zivilisation weiterhin mit ungefähr drei Prozent pro Jahr wächst, dann werden wir in ungefähr100 000 Jahren reif für eine galaktische Zivilisation sein. Wenn also eines Tages jemand an Ihre Tür klopft und sich als Ihre Ururururururenkelin ausgibt, dann schlagen Sie ihr nicht die Tür vor der Nase zu!
Warum hat noch niemand geklopft?
Aus zwei Gründen: Erstens sind sie unsichtbar. Zweitens scheren sie sich nicht um uns. Stellen Sie sich vor, Sie sehen beim Spaziergang einen Ameisenhaufen. Sagen Sie: »Ich bringe euch reiche Geschenke, bringt mich zu eurem Führer.«? Nein, Sie gehen einfach weiter. Der Abstand zwischen Ameisen und uns ist kleiner als zwischen uns und einer galaktischen Zivilisation.
Glauben Sie, dass schon jetzt so weit fortschrittene Zivilisationen da draußen leben?
Wenn ich in den Nachthimmel schaue, dann ist mir klar, dass wahrscheinlichjemand zurückschaut. Nach jeder vernünftigen Rechnung beherbergen allein in unserer Galaxis ungefähr 10 000 Sterne intelligentes Leben.
Werden wir es je erkennen?
Vielleicht schon bald. Noch dieses Jahr startet der Kepler-Satellit. Er wird bis zu 600 erdähnliche Planetenentdecken. Wir werden Sauerstoff und Wasser auf ihnen finden, vielleicht ganze Ozeane. Es wird uns einen existenziellen Schock versetzen. Wir werden den Nachthimmel mit ganz neuen Augen sehen.
Gibt es vielleicht sogar einegalaktische Zivilisation in unserer Milchstraße?
Das kann ich mir gut vorstellen. Sie könnten direktneben uns leben, und wir würden sie nicht bemerken. Wir können nur beginnen, von ihren technischen Möglichkeiten zu träumen. So, wie Ameisen nicht bemerken, dass gleich neben ihrem Haufen eine Autobahn gebaut wird. Sie wissen nicht, was eine Autobahn ist, und können nicht mit den Arbeitern kommunizieren.
Bedeutet das nicht, dass wir die Grenzen des Möglichen gar nicht ermessen können, weil uns diebegrifflichen Mittel fehlen – wie den Ameisen?
Nein. Im Unterschied zu Ameisen verstehen wir die Naturgesetze ziemlich gut. Selbst wenn eine Zivilisation uns 100 000 Jahre voraus ist, benutzt sie dieselben Gleichungen wie wir.
Das Buch
Michio Kaku: Die Physik des Unmöglichen. Beamer, Phaser, Zeitmaschinen. Rowohlt-Verlag, 24,80 Euro. Erscheint im Oktober 2008.
- Teilchenphysik
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- Zeitreise

























