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Freizeitsport
Der mit dem Wind tanzt
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Drachen fliegen statt Drachen steigen lassen. Aus einem einst mässig spannenden Freizeitvergnügen für Kinder entwickelte sich dank technisch ausgeklügeltem Fluggerät ein neuer Trendsport: Kiting.
Wie es nicht funktioniert: dem nervösen Drachen nachlaufen, ihm mit dem rechten Arm folgen, wenn er nach links zieht, und mit dem linken, wenn er nach rechts abbiegt. Denn mit überkreuzten Armen lassen sich die filigranen Segler nicht mehr steuern, der Absturz ist nicht zu verhindern. Der Trick ist: selber ziehen, nicht ziehen lassen. Die Arme möglichst parallel halten. Und den Drachen nicht zur Seite wegdriften lassen, an die Ränder des Windfensters, wo der Wind nachlässt und die Erdanziehung zunimmt. Im dritten Anlauf klappt es schließlich besser: Mit einem leichten Ruck an den Schnüren starten, und schon zeichne ich anmutige Kurven in den Himmel, von links nach rechts, von rechts nach links.
Früher ließ man Drachen steigen, heute fliegt man sie. Und moderne Lenkdrachen – auch Kites genannt – sind dank ausgefeilter Technik echte Kunstflieger. Das wird spätestens klar, wenn man Könnern wie den amtierenden deutschen Meistern (in verschiedenen Klassen) Marcel Mehler und Christian Stahl zusieht. Die Kites folgen ihnen auf jedes Kommando, legen sich auf den Rücken, drehen sich nach Belieben um ihre horizontalen und vertikalen Achsen, fliegen kreuz und quer über den Himmel, scheinen kurz zu trudeln und abzustürzen, um sich knapp vor der Bruchlandung zu fangen und mit hoher Geschwindigkeit wieder aufzusteigen, setzen für einen Moment mit einer Flügelspitze auf den Boden auf und starten wieder hoch: Es rauscht und zischt in der Luft, ein Spektakel, das noch schöner anzusehen ist, wenn es zu zweit oder im Team veranstaltet wird. Die Figuren heißen Pancake, Cascade, Yoyo, Slotmachine oder Flap-Jack. Und wenn man als Beobachter die Details im Handling auch kaum mitverfolgen kann, weil alles viel zu schnell abläuft: Es braucht gute Beinarbeit, flinke Hände und ein genaues Auge für die hohe Schule des Drachenfliegens – die Qualitäten eines Boxers, könnte man fast sagen.
Fliegen per Lenkdrachen liegt im Trend. »Die Szene wird größer und wächst kontinuierlich«, weiß Thomas Schick, der seit 1991 einen Kiteshop in Heilbronn führt. »Weil es unendlich viele Tricks gibt und daher für Einsteiger wie Fortgeschrittene nie langweilig wird.« Inzwischen hat auch die Werbebranche den Trend für sich entdeckt: Im jüngsten Spot von Audi gehört neben dem neuen A5 ein Lenkdrachen zu den Hauptdarstellern.
Das Tolle an diesem Sport ist, sagt Lenkdrachen-Meister Christian Stahl, »dass man draußen in der Natur ist, dass man immer neue Menschen kennenlernt, dass man komplett abschaltet. Nach zwei Stunden auf der Wiese sieht die Welt anders aus.« Ähnlich wie Golf spielen, nur wesentlich günstiger. Einen guten Lenkdrachen für Einsteiger gibt es schon um die 150 Euro, selbst die echten Profigeräte kosten nicht mehr als 350. Allerdings sollte man mit einer Grundausstattung von mindestens drei Drachen kalkulieren, will man bei allen Windverhältnissen aufsteigen, von leichtem Wind mit 4 km/h bis Windgeschwindigkeiten von 45 km/h. Auch wenn Profis schon bei 78 km/h geflogen sind: Bei heftigeren Windgeschwindigkeiten sollten Hobbyflieger ihren Drachen besser einpacken.
Das Angebot an Kites ist so groß wie vielfältig. Neben den klassischen Zweileiner-Lenkdrachen gibt es Vierleiner mit zusätzlichen Bremsleinen, die auch rückwärts geflogen werden können, spezielle Speeddrachen für Geschwindigkeiten jenseits der 50 km/h und Zug- beziehungsweise Mattendrachen für das Kiten mit Anhang. Ob dreirädrige Buggys, Snow-, Surf- oder Skateboards: Fast alles, was fährt, rollt oder schwimmt, lässt sich an einen entsprechend dimensionierten Drachen hängen. In noch einmal anderen Dimensionen denkt das Hamburger Unternehmen SkySails, das auf diese Weise nicht nur elegante Yachten, sondern ganze Frachtschiffe antreiben will – mit mächtigen, bis zu 300 Meter hoch fliegenden Zugdrachen, deren Segelflächen bis zu 5000 Quadratmeter groß sein können und vollautomatisch gesteuert werden. Derzeit ist ein 800 Tonnen schweres Forschungsschiff auf Testfahrt unterwegs, erste Ergebnisse werden für Mitte des Jahres erwartet. 2008 soll das System auf den Markt kommen, das bis zu fünfzig Prozent Treibstoff sparen und damit auch einen merkbaren Beitrag zur Kohlendioxid-Reduktion leisten könnte.
Zurück zur vergleichsweise eleganten Fingerübung, den Lenk- und Trickdrachen. Im Normalfall handelt es sich um Zweileiner, deren Grundaufbau immer ähnlich ist: ein Delta mit Kielstab in der Mitte, mit Spannweiten zwischen 1,80 und 2,50 Metern, mit einer Standhöhe von rund einem Meter, mit einem Gewicht, das je nach Windklasse von 120 bis maximal 400 Gramm reicht. Die größeren Präzisionsdrachen lassen sich sauberer fliegen, liegen spurtreu in der Luft, die kleineren Trickdrachen sind wendiger, agiler, schneller, aber auch nervöser.
Ein Qualitätsmerkmal jedes Drachens ist das verwendete Material, besonders das der Stäbe: je leichter und steifer, umso besser und teurer. Für die Hightech-Flieger werden konische, gewickelte Kohlefaserrohre verwendet, die nicht nur das Gewicht reduzieren, sondern durch ihr Schwingungsverhalten auch die Flugeigenschaften positiv beeinflussen. »Steife Stäbe federn nicht nach und lassen sich daher exakter, sicherer fliegen«, so Stahl. Entscheidend für die kontrollierte Luftfahrt ist aber das Trimmen der Waage, der Verbindung von Segeltuch und Leine: Mit ihr bestimmt man die Stellung zum Wind, wie viel Druck in die Segel kommt, ob der Kite präziser oder eher trickreicher zu fliegen ist.
Für die Meister gehört es sich aber, ihre eigenen Werke zu fliegen. Sowohl Christian Stahl als auch Marcel Mehler haben sich ihr Fluggerät selbst gebaut. Weil es so viele Variable im Aufbau gibt, sind Entwurf und Abstimmung eines Kites in jedem Fall eine langwierige Tüftelarbeit. Stahl hat zwei Jahre lang an seinem »Cosmic TC« gearbeitet, an die dreißig Prototypen getes-tet, denn jede Änderung muss in der Praxis überprüft werden: »Die größte Schwierigkeit war, Position und Länge der Stand-offs zu bestimmen. Mit nur fünf Millimeter kürzeren Abständen sind manche Tricks nicht mehr zu fliegen gewesen. Versetzt man die Standoffs aber um einen Zentimeter, funktionieren plötzlich wieder alle Manöver perfekt.« Das Ziel sei immer, so Marcel Mehler über das von ihm gemeinsam mit seinem Vater Thomas entworfene Modell LTM, »einen Drachen zu konstruieren, der ebenso präzise wie tricky zu fliegen ist«. Beide Modelle, Cosmic TC und LTM, sind übrigens auch im Handel erhältlich.
Für den Einsteiger empfiehlt sich aber, eher robustes, weniger empfindliches Gerät zu wählen, denn mit dem einen oder anderen Absturz sollte man schon rechnen. »Um die ersten Tricks zu lernen, braucht es vielleicht drei Wochen«, schätzt Stahl und fügt hinzu: »Sofern man fleißig trainiert.« Auf den einschlägigen Wiesen würden sich außerdem immer hilfsbereite Kiter finden, die den einen oder andern guten Tipp geben können.
Der Axel wäre zum Beispiel ein guter Anfang, der Drachen soll dabei auf dem Bauch liegend eine Drehung machen. Ungefähr so: rechte Leine etwas nachlassen und dann ruckartig zu sich ziehen, gleichzeitig die linke Leine lockern. Jetzt sollte sich der Drachen auf den Bauch legen und sich zu drehen beginnen. Beide Leinen freigeben und wieder zu sich ziehen, sobald die Nase des Drachens zum Piloten zeigt. Und nicht vergessen: immer gegen den Wind fliegen! Zum Trost, falls es nicht gleich klappen sollte: Auch Christian Stahl muss zehn bis zwanzig Prozent seiner Trickrepertoires »noch richtig trainieren«.
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