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Griechenland

Der Mechanismus von Antikythera

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Der Mechanismus von AntikytheraDer Mechanismus von Antikythera

Die Mittelmeerinsel Antikythera zwischen Kreta und Kythira: Schatzräuber finden Ostern 1900 in rund 40 Meter Tiefe das Wrack eines griechischen Handelsschiffes. In den folgenden Monaten bergen Archäologen diverse Handelsgüter und bringen diese zur Reinigung und Archivierung ins Archäologische Nationalmuseum nach Athen. Aufgrund der Funde wird das Schiff auf 80 v. Chr. datiert. Heute vermutet man, dass es wahrscheinlich um bis zu 70 Jahre älter ist.

Inmitten der Fundstücke entdeckte der Archäologe Valerios Stais (1857–1923) auch vier Metallteile, deren Verwendungszweck unklar war: eine Apparatur mit mehreren Zahnrädern. Was Stais in den Händen hielt, der »Mechanismus von Antikythera«, war ein analoger Rechner – der erste Computer der Welt!

Es blieb dem Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price (1922–1983) von der Yale University in New Haven vorbehalten, den Fund als das zu erkennen, was er war – eine Sensation: An der Vorderseite des Fundes gab es eine Skala, anhand derer der Benutzer mithilfe von Schleifringen das ägyptisch-griechische Kalenderjahr mit zwölf Monaten à 30 Tagen plus fünf zusätzlichen Tagen ablesen konnte, insgesamt also exakt 365 Tage. Weiter zeigte sich, dass bestimmte Einstellungen den Stand von Sonne und Mond wiedergaben.

De Solla Price veröffentlichte seine Erkenntnisse 1959 im »Scientific American« unter der Überschrift »An Ancient Greek Computer«. Demnach konnte man mit dem Gerät die Bewegungen der im ersten Jahrhundert bekannten Planeten berechnen, ferner Sonnenaufgänge, Mondphasen, Tagundnachtgleichen sowie die Mondwenden von etwa 18 Jahren. Außerdem zeigte es die zwölf synodischen Mondjahre an. Am erstaunlichsten ist, dass der Mechanismus bereits auf einem Differenzialgetriebe beruhte, einem der komplexesten mechanischen Systeme, die wir kennen. Erst 1828 wurde es patentiert.

De Solla Price vermutete, der griechische Mathematiker und Astronom Geminos von Rhodos (1. Jh. v. Chr.) habe den Mechanismus erfunden. Fachkollegen widersprachen dieser These. Im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung habe man zwar über das astronomische Wissen verfügt, nicht aber über die technischen Fähigkeiten für den Bau eines solchen Geräts.

Erst 1971 wurde der seltsame Fund von der griechischen Atomenergiekommission mit Röntgen- und Gammastrahlen untersucht. Dabei verdunkelte sich die Herkunft des Mechanismus jedoch noch weiter. Allan Georg Bromley (1947–2002), ein Informatiker aus Australien, und der Uhrenhersteller Frank Percival rekonstruierten Teile des »Vorzeit-Computers«. Dabei wurde klar, dass man das Fundstück erneut genaueren Röntgenanalysen unterziehen musste, die 1993 von Bernhard Gardner, einem Studenten Bromleys, durchgeführt wurden. Zusammen mit Michael Wright, dem Kurator des Wissenschafts-Museums in London, fertigte Gardner 2002 einen Nachbau des Mechanismus an. 2005/06 wurde unter dem Titel »Antikythera Mechanism Research Project« ein weiterer Versuch gestartet, Näheres über den Rechner herauszufinden. Als die beteiligten Wissenschaftler 2006 erste Arbeitsergebnisse veröffentlichten, folgerte der Astrophysiker Xenophon Moussas von der Universität Thessaloniki, nun müssten »große Teile der Mathematik-Geschichte und der Astronomie umgeschrieben werden«.

Unter anderem hatte sich gezeigt, dass mithilfe des Objekts sogar die ziemlich exakte Berechnung von Mond- und Sonnenfinsternissen möglich war. Insgesamt sei der Mechanismus vielschichtiger als alles, was in den folgenden 1000 Jahren erfunden wurde.

Ferner befanden sich auf dem Gerät Schriftzeichen, die man zu 95 Prozent entschlüsseln konnte. Wie sich herausstellte, war das eine Art Bedienungsanleitung, deren Urheber der Astronom, Philosoph und Geschichtsschreiber Poseidonios (135 –51 v. Chr.) gewesen sein könnte, der auf Rhodos lebte. Diese Vermutung wurde allerdings schon Ende Juli 2007 wieder infrage gestellt, als die Forschungsgruppe ihre neuesten Ergebnisse veröffentlichte. Da es inzwischen gelungen war, die zwölf korinthischen Monate auf dem Mechanismus nachzuweisen, verortete man seinen Erfinder nun nicht mehr auf Rhodos, sondern in Korinth. Es bleibt also offenbar auch künftig noch einiges zu entdecken.

1500 Jahre vor der Erfindung der mechanischen Uhr existierte in Griechenland jedenfalls ein erstaunliches Rechengerät, von dem Wolfram Lippe (Universität Münster, Institut für Informatik) meint, es ähnele »einem modernen Analogcomputer, der mechanische Teile benutzt, um Berechnungen zu speichern«. Der Mechanismus von Antikythera beweist, dass die astronomischen und mechanischen Kenntnisse unserer Vorfahren viel größer waren, als wir es uns je hätten vorstellen können.

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Autor/in: Lars Fischinger


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