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Weltwunder Nr. 3

Der lebendige Gott

Die Zeusstatue des Phidias. Das Heiligtum von Olympia war wegen seiner sportlichen Wettkämpfe bei Griechen und Römern berühmt. Für die antiken Touristen war vor allem der Zeustempel eine besondere Attraktion. Was fühlten sie, wenn sie hier das Kultbild des Gottes sahen?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Die Zeusstatue des Phidias war wegen seiner sportlichen Wettkämpfe bei Griechen und Römern berühmt. Für die antiken Touristen war vor allem der Zeustempel eine besondere AttraktionDie Zeusstatue des Phidias war wegen seiner sportlichen Wettkämpfe bei Griechen und Römern berühmt. Für die antiken Touristen war vor allem der Zeustempel eine besondere Attraktion
Die Zeusstatue des Phidias war wegen seiner sportlichen Wettkämpfe bei Griechen und Römern berühmt. Für die antiken Touristen war vor allem der Zeustempel eine besondere Attraktion
iStockphoto

Auch für einen wohlhabenden Weinhändler aus Korinth ist die Reise nach Elis mühsam. Acht Tage ist Hermogenes, Sohn des Diagoras, mit dem Schiff unterwegs. Den Göttern sei Dank hat es nicht gestürmt, denn Hermogenes wird leicht seekrank. Wir schreiben das Jahr 163 n. Chr. Es ist August, und jeder in Griechenland stöhnt unter der Hitze.

Im Hafen überwacht der Weinhändler die Umladung der empfindlichen Amphoren in einen Transportwagen. Anschließend begleitet er die kostbare Fracht in die Stadt, wo er in einem Gasthaus ein komfortables Zimmer bezieht. Nach der anstrengenden Reise gönnt sich Hermogenes zunächst ein paar geruhsame Tage. Doch dann freut er sich auf einen Ausflug, der ihn an einen ganz besonderen Ort führen soll: Hermogenes hat sich zwei Pferde gemietet und will mit seinem Lieblingssklaven Andronikos nach Olympia ausreiten – um sich an dieser heiligen Pilgerstätte das berühmte Zeusstandbild des Phidias anzusehen.

Alle reden von diesem Kunstwerk. Seit Jahrhunderten wird es sogar als eine der sieben großen Sehenswürdigkeiten der Welt gefeiert. Kunstliebhaber aus ganz Griechenland – und mittlerweile aus dem gesamten Römischen Kaiserreich – brechen nach Olympia auf, nur um dort das Standbild zu bewundern.

Besonders stark ist der Andrang während der heiligen Spiele, die alle vier Jahre stattfinden, nächstes Jahr ist es wieder so weit. Doch der Besucherstrom bricht nie ganz ab, und man kann zu jeder Zeit von Glück reden, wenn man in den Tavernen von Olympia noch ein freies Bett findet. Erfreulicherweise hat ein Geschäftskollege von Hermogenes zwei Betten in einem Fünfbettzimmer reserviert. Man muss aber achtgeben: In solchen Räumen wird man sehr oft bestohlen.

Nach mehreren Stunden erreichen Hermogenes und sein Sklave das Ziel. Sie richten sich in der Taverna ein, lassen die Pferde versorgen, und schon betreten sie den heiligen Hain, die »Altis«. Hier steht der bunt bemalte Zeustempel, der das berühmte Standbild beherbergt. Auch die Göttin Hera wird hier mit einem Tempel geehrt, ebenso Pelops, ein Lokalheld. Rundherum stehen wertvolle Statuen; eine zeigt den Gott Hermes, ein Werk des berühmten Bildhauers Praxiteles, eine andere die Siegesgöttin Nike, geschaffen von Paionios.

Die Pracht bezeugt den Wohlstand dieses Orts, der seit Menschengedenken von den Stadtvätern von Elis verwaltet wird. Auch am heutigen Tag sind viele Besucher trotz der beinahe unerträglichen Hitze unterwegs. Vor dem Altar des erhabenen Zeus, im Grunde nur ein Berg aus zusammengepresster Asche, stehen Pilger Schlange, um mitgebrachte Tiere opfern zu lassen. Hermogenes schlendert eine Weile durch das Gelände und schaut sich alles genau an. Das Beste aber hebt er sich freilich für den Schluss auf: einen Besuch im Tempel des Zeus.

Endlich ist es so weit: Hermogenes steht vor der Ostfassade des Gotteshauses – und ist beeindruckt, wie riesig der Tempel ist. Auf sechs wuchtigen Säulen ruht in zwanzig Meter Höhe das Dach des Gebäudes. Am dreieckigen Frontgiebel erkennt man einen Zeus aus Marmor, der von lokalen Berühmtheiten wie Pelops und dem Flussgott Kladeos flankiert ist. Oben auf der Spitze des Giebels strahlt die goldene Siegesgöttin im prallen Sonnenschein. Der Korinther schaut, zunächst aus einigem Abstand, durch die hohen Flügeltüren in den Tempel hinein. Schon hat er ihn erspäht, den großen Zeus. Er thront an der gegenüberliegenden Wand und wirkt so lebendig, als würde er einem zunicken. Man kommt nicht umhin zu glauben, dass er einem mit den Augen folgt.

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Autor/in: P.J. Blumenthal


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