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Tierschutz

Der Krieg um die Gorillas

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Der Krieg um die GorillasDer Krieg um die Gorillas

Gangster versuchen im Kongo die letzten Berggorillas auszurotten. Ein schwer bewaffneter Trupp von Öko-Kriegern stellt sich ihnen entgegen. P.M.-Autor Michael Kneissler war dabei.

Der Konvoi besteht aus vier geländegängigen Fahrzeugen. Mit eingeschaltetem Allrad-Antrieb kämpfen sie sich die steilen Pisten am Mikeno-Vulkan hinauf bis in fast 2500 Meter Höhe, wo das Ranger-Camp Bukima auf einer Lichtung im Urwald liegt. Ich sitze im ersten Fahrzeug, einem Toyota Landcruiser, neben Paulin Ngobobo (43). Paulin trägt Uniform und eine verspiegelte Sonnenbrille. Seine Kalaschnikow hat er nach hinten gelegt, wo die Mannschaft sitzt. Er ist der Kommandant der Naturschutz-Einheiten in diesem Gebiet des Kongo. Insgesamt 16 schwer bewaffnete Ranger der nationalen Naturschutzbehörde ICCN begleiten mich zu den letzten überlebenden Berggorillas der Welt.

Die Heimat dieser imposanten Tiere sind die Nebelwälder der bis zu 5199 Meter hohen Virunga-Vulkane am Äquator – kein wirklich guter Platz zum Überleben. Die Vulkane liegen zwar in einem Naturschutzgebiet, das von der UNESCO sogar zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Aber seit den Bürgerkriegen im Kongo und im Nachbarland Ruanda streifen Rebellentrupps, organisierte Wilderer, versprengte Armee-Einheiten und Flüchtlinge auf der Suche nach Land durch die Urwälder. Alle sind bewaffnet, alle sind hungrig, und alle schrecken nicht davor zurück, Menschenaffen zu töten, um das Land zu besiedeln.

In weiten Teilen der Demokratischen Republik Kongo herrscht noch immer Anarchie. Gerade erst sind zwei Silberrücken, die mächtigen Herrscher der Gorilla-Familien, genau hier in Bukima ermordet worden. Die Leichen der großen Affen fand man im Wald und in einer Latrinengrube. Und auch die Ranger, die die seltenen Tiere schützen sollen, sind vor Attacken nicht sicher. 125 von ihnen wurden in den letzten zehn Jahren von Wilderern und Rebellen getötet. Sie waren weder ausreichend ausgerüstet noch gut genug ausgebildet, um sich erfolgreich zu wehren.

Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die sich für die Rettung der Berggorillas einsetzt, beschloss deshalb vor zwei Jahren, die 50 besten der etwa 750 Ranger im Virunga-Gebiet zu einer paramilitärischen Spezialeinheit ausbilden zu lassen. Seit Mitte 2006 ist diese »Advanced Force« gefechtsbereit. Und seit etwa dieser Zeit versuche ich, die Truppe zu besuchen und über ihren Kampf für die großen Affen zu berichten.
Aber erst im Frühsommer 2007 war die Sicherheitslage im Nordosten des Kongo so, dass ZGF-Projektleiter Rob Muir grünes Licht für meine Reise geben konnte. Rob ist sowohl Biologe als auch Anthropologe. Er stammt aus einer uralten schottischen Kriegerfamilie und hat beste Kontakte zu den Geheimdiensten in Zent-ralafrika: Sein Vater ist Offizier beim britischen »Intelligence Service«, der mit dem militärischen Abschirmdienst (MAD) Deutschlands vergleichbar ist. Rob kann ziemlich gut beurteilen, wie gefährlich die Lage ist.

Jetzt sitzt er im Fahrzeug hinter mir. Auf der Ladefläche vier Ranger, das Sturmgewehr im Arm. Wir sind auf dem Weg in eine der gefährlichsten Regionen auf dem Globus, in der eine Blauhelmtruppe der Vereinten Nationen vergeblich versucht, Frieden zu schaffen. Vor ein paar Tagen musste Rob sein ganzes Team über die Grenze nach Ruanda evakuieren. Seine Informanten hatten einen Rebellenangriff auf die Provinzhauptstadt Goma vorhergesagt. Aber mittlerweile ist es wieder einigermaßen ruhig geworden.

Am Rand der Bergpiste liegen sorgsam gepflegte Mais- und Gemüsefelder. Der Boden ist extrem fruchtbar, und wenn es genug regnet, gibt es bis zu vier Ernten jährlich. Die Äcker grenzen allerdings unmittelbar an den Nationalpark, hier beginnt der Urwald. Das ist eines der Probleme im Osten des Kongo: Es gibt keine Pufferzonen zwischen den Menschen in ihren Hütten und den großen wilden Tieren wie Gorillas, Bergelefanten und Büffel in den Wäldern. Deshalb kommt es immer wieder zu Konflikten: Die Tiere dringen in die Anbaugebiete der Menschen ein und zerstören die Pflanzungen. Die Menschen leiten illegal Trinkwasser aus dem Naturschutzgebiet, jagen dort und schlagen Holz für das Herdfeuer.

Ich bin hier, um zu verstehen, worum es geht. Das ist keine leichte Aufgabe. Wir Europäer haben auf unserem Kontinent alle Urwälder abgeholzt, Felder angelegt, Städte und Straßen gebaut und die wilden Tiere ausgerottet. Aber in Afrika verlangen wir den Erhalt der Urwälder und den Schutz der Fauna, obwohl die Menschen dort vor Gorilla, Elefant und Flusspferd genauso viel Angst haben wie unsere Vorfahren vor Braunbär, Mammut und Wolf. Sind unsere Forderungen unter diesen Umständen berechtigt?

Und ist es richtig, dass es eine »Advanced Force« zum Schutz der Natur, aber keine Spezialeinheit zum Schutz der Menschen gibt? Ist es fair, dass wir von den Menschen in Afrika verlangen, keine Holzkohle aus Urwaldbäumen zu brennen, weil Urwälder die Lunge der Erde sind? Holz ist ihre einzige Energiequelle und Holzfeuer die einzige Möglichkeit, das Trinkwasser abzukochen. Ist es nachvollziehbar, dass es kaum Ärzte für die Menschen in dieser Region gibt – aber eine mobile »Gorilla-Vet«-Einheit? Diese Veterinärmediziner aus Amerika und Europa sind mit teuren Geländefahrzeugen, Funkgeräten und Medikamenten zur Stelle, wenn einer der Gorillas kränkelt. »Von den Berggorillas gibt es halt nur noch 750 auf der ganzen Welt«, sagt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck dazu, »da sollte jede Anstrengung gerechtfertigt sein.«

Einer der Vet-Trupps begegnet uns auf dem Weg in die Berge. Er hat ein Gorilla-Kind besucht, das in den letzten Tagen etwas fiebrig wirkte. »Es geht ihm schon besser«, ruft einer der Tierärzte Paulin im Vorbeifahren aus seinem Landrover zu.

Am frühen Abend erreichen wir das Lager. Es handelt sich um ein so genanntes Monitoring-Camp, von dem aus die Menschenaffen beobachtet werden. Zurzeit machen sich jeden Tag Spurensucher (»Tracker«) und Ranger auf den Weg, um die sechs letzten Berggorilla-Familien im Kongo zu überwachen. Später, wenn die Situation nach dem Bürgerkrieg sich beruhigt hat, sollen auch Touristen die Möglichkeit haben, die großen Primaten in ihrem natürlichen Umfeld zu sehen.

Dafür werden die Tiere schon jetzt »habituiert«: Durch die täglichen Besuche der Ranger gewöhnen sie sich an die Anwesenheit von Menschen. Wie in Ruanda werden auch im Kongo die »Besichtigungstermine« bei den Gorillas beschränkt. Pro Tag darf sich nach internationaler Übereinkunft nur eine einzige Besuchergruppe von maximal acht Personen unter Führung von Rangern für höchstens 60 Minuten in der Nähe der Gorillas aufhalten. Die Distanz zu den Tieren muss mindestens sieben Meter betragen – damit keine Krankheiten vom Menschen auf die empfindlichen Urwaldbewohner übertragen werden.

Pro Stunde und Person kassiert die kongolesische Naturschutzbehörde 400 Euro. Macht 3600 Euro pro Gruppe und Tag, also bis zu 1,3 Millionen Euro pro Jahr und Gorilla-Familie. »Es gibt kein anderes Tier auf der Welt, mit dem es so leicht ist, in so kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen«, sagt Chris-tof Schenck. »Wenn hier endlich Frieden herrscht und die Touristen zurückkommen, könnten die Gorillas die wichtigste Einnahmequelle dieser Region werden.« Mit diesem Argument wirbt die ZGf auch bei der Armee und den Rebellen darum, die Menschenaffen zu schützen – als Investition in die Zukunft.

Das Camp besteht aus einem Bürozelt mit Generator und W-Lan-Satelliten-Verbindung, einem überdachten Platz, einer Küchenhütte, einer Latrine, einer Dusche (für die man das Wasser aus der Zisterne am Waldrand in Eimern herbeitragen muss) und Schlafzelten, in denen komfortable Doppelbetten stehen, die täglich frisch bezogen werden. Eigentlich könnten die ersten Touristen schon bald kommen. Aber noch herrscht kein Frieden im Kongo.

Am nächsten Morgen geht es bereits in der Dämmerung zum Gorilla-Monitoring. Zunächst führen noch Trampelpfade durch den Regenwald. Monströse Dunghaufen zeigen, wer sie angelegt hat: Wald-Elefanten – denen möchte man auf den engen Wegen ebenso wenig begegnen wie den meist schlecht gelaunten Büffeln, die sich hier aufhalten. Später müssen die Tracker mit ihren Macheten eine Schneise durch das immer dichter werdende Unterholz schlagen. Das Busch- und Wurzelwerk ist an manchen Stellen so dick, dass man den Boden nicht berührt, sondern sich auf einem Polster aus Zweigen und Blättern vorwärts bewegt.

Plötzlich hören wir ein Summen, dann lautes Knacken: Ehe wir uns versehen, stehen wir mitten in einer Gorilla-Familie. Das Summen kommt von den Millionen Fliegen, die den Gorillas folgen, weil die so lecker nach Kot stinken. Sie kuscheln sich in ihren Schlafnestern nämlich gern in ihre dampfenden Häufchen – natürliche Wärmflaschen in den kühlen Bergnächten. Das Knacken kommt vom Brechen der Äste, wenn sich die großen Affen durch den Urwald bewegen und auf Bäume klettern, um Früchte und Blätter zu ernten.

Es handelt sich um die größte Gorilla-Familie an den Hängen der Virunga-Vulkane. Sie besteht aus 34 Mitgliedern und wird von dem mächtigen Silberrücken Kabirizi angeführt. Er ist 25 Jahre alt, aufgerichtet zwei Meter hoch und etwa 200 Kilogramm schwer. Den größten Anteil an dieser Masse scheinen die Oberarme einzunehmen, jeder ist etwa so breit wie mein Brustkorb. Das graue Haar auf dem Buckel gibt den Silberrücken ihren Namen. Bis zu 30 Kilogramm Grünzeug vertilgt Kabirizi am Tag. Fünf bis zehn Lebensjahre liegen noch vor ihm, älter als 35 wird kaum einer der großen Menschenaffen.

Einige jüngere Gorillas lassen sich von uns nicht stören und mampfen Blätter. Aber der Chef scheint missmutig zu sein. Er trommelt sich allerdings nicht auf den Brustkorb, wie man es von King Kong kennt, sondern hämmert mit seinen gewaltigen Fäusten so machtvoll auf den Waldboden ein, dass der Dschungel bebt. Ziemlich furchterregend! Vielleicht ist er so schlecht gelaunt, weil Gorilla-Jungmann Kayenga (7) gerade im Schutz eines Gebüsches Gorilla-Fräulein Bonane (5) begattet – ein grober Verstoß gegen den Gorilla-Knigge: Für Nachwuchs ist eigentlich der Silberrücken allein zuständig.

Vor Betreten des Dschungels haben die Ranger mir erklärt, was zu tun ist, wenn Gorillas aggressiv werden. Niemals wegrennen, Gorillas sind schneller. Niemals auf Bäume klettern, Gorillas können das besser. Niemals kämpfen, Gorillas sind stärker. Cool bleiben, niederknien, den Kopf demütig senken. Und keinen Blickkontakt!

Demütiger, als ich jetzt mit gesenktem Kopf im Kongo knie, war ich noch nie. Ich hoffe, dass Kabirizi meine Geste zu würdigen weiß und mit dem verdammten Getrommel aufhört. Die Ranger machen räuspernde Geräusche, und ich bin mir nicht sicher, ob sie damit die Affen oder die Menschen beruhigen wollen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie von links ein etwas jüngerer Gorilla auf mich zukommt. Anscheinend hat den Affen niemand die Sieben-Meter-Regel erklärt. Der Gorilla jedenfalls rempelt mich fast aus dem Weg, so nah drängelt er sich an mir vorbei.

Als sich Kabirizi und ich wieder ein wenig entspannt haben, bricht hinter mir das Gorilla-Weibchen Rubiga mit Baby aus dem Gebüsch. Der kleine Ndakasi ist erst zwei Tage alt; fest umklammert er seine Mutter, während er mich mit großen Augen beobachtet. Drei Tage nach meiner Abreise aus dem Kongo werden Wilderer Rubiga töten. Wie man mir berichtet, hörten die Ranger Schüsse und suchten daraufhin den Urwald ab. Als sie Rubigas Leiche fanden, lebte Ndakasi noch. Seine kleinen Hände waren in ihrem Fell verhakt und kaum zu lösen. Eine Ranger-Familie päppelt das Baby nun mit dem Fläschchen auf. Kabirizi ist mit seiner Familie tiefer in den Wald hinein geflohen und greift die Ranger an, wenn sie sich nähern. Erst seit Anfang Juli lässt er wieder Kontakte zu.

Manchmal ist nicht ganz klar, warum die Gorillas getötet werden. Es scheint nicht immer nur um ihr Fleisch oder die Abwehr eines Angriffes zu gehen. Offenbar sind die Morde an den Menschenaffen auch Teil einer Art »Säuberungsaktion«. Insbesondere ein ultranationalistischer Rebellentrupp, der sich »Mai-Mai« nennt, scheint zu versuchen, alle Wildtiere im Naturschutzgebiet auszurotten. Wahllos massakrieren die Mai-Mai-Krieger Flusspferde, Nashörner, Elefanten und Gorillas. Sie glauben, dass die Bevölkerung ein Recht hat, die geschützten Gebiete zu besiedeln, Urwälder zu roden und Felder anzulegen – und sie behaupten, dass dies leichter geht, wenn Wildtiere und Ranger verschwunden sind. Ein Teil der Menschen im Kongo sieht das ebenso und unterstützt die Rebellen, während die Ranger abgelehnt werden. Die Mai-Mai sind gut ausgerüstet, im Gegensatz zu den Rangern verfügen sie über Maschinengewehre und sogar Raketenwerfer. Wenn sie eine pflanzliche Droge namens Gris-Gris eingenommen haben, neigen sie dazu, in einen Blutrausch zu verfallen und splitterfasernackt anzugreifen. Dann töten sie alles, was sich ihnen in den Weg stellt.

Hundert Kilometer nördlich von Bukima, in Ishango auf dem Steilufer an der Mündung des Semliki-Flusses in den Edward-See, liegt das Ausbildungscamp der Ranger-Elite-Einheiten. Vom Flughafen der Provinzhauptstadt Goma aus fliegen wir mit dem Observations-Flugzeug der Zoologischen Gesellschaft dorthin. Die Maschine zieht auf 5000 Meter hoch und überquert den Nyiragongo-Vulkan (3400 Meter), in dessen Krater ein gewaltiger Lavasee brodelt. Am südwestlichen Ufer des Edward-Sees fliegen wir über einige Camps der Mai-Mai hinweg. Ihre Ansiedlungen sind illegal, die kongolesische Armee unternimmt aber nichts dagegen, weil sie die Rebellen als Speerspitze gegen das feindliche Ruanda schätzt.

Aus der Luft wirkt das Ranger-Camp winzig: Ein paar Häuschen, drei Zelte, ein altersschwacher Landrover sind zu sehen. Die Piste besteht aus einem staubigen Streifen Gras. Im Moment ist sie von Antilopen besetzt, die sich auch im Tiefflug nicht vertreiben lassen. Wir müssen warten, bis die Ranger ihren Landrover angeschoben und die Piste geräumt haben, so lange kreisen wir über dem Semliki. Hunderte von Flusspferden und Elefanten nehmen gerade ihr Nachmittagsbad darin, einige Krokodile suhlen sich im Uferschlamm, Fischadler sitzen auf den Bäumen.

2006 wurden hier die ersten Ranger ausgebildet, finanziert von der ZGF, dem amerikanischen Fish & Wildlife-Service, der Europäischen Union und der UNESCO. ZGF-Projektleiter Rob Muir heuerte Spezialisten an: den englischen Anti-Terror-Experten Leutnant Conrad Thorpe von den Royal Marines, der gerade erst von einem Spezialeinsatz in Afghanistan zurückgekommen war; dessen Landsmann Mike Roberts vom 1. Fallspringer-Regiment; außerdem den Südafrikaner Paul Naish, einen Experten für Aufklärungs-Operationen. Die Ranger, die zur Ausbildung ins Camp kamen, trugen zerlumpte Uniformen, Badelatschen oder Gummistiefel und waren halb verhungert. Thorpe sorgte für alte Kalaschnikows vom Typ AK-47 aus dem Entwaffnungsprogramm der Vereinten Nationen, für neue Uniformen und Stiefel aus dem Spendenetat der ZGF – und für Proteine in Form von Fisch, der bei illegalen Fischern konfisziert wurde.

Dann begann der Drill. Heute gilt die Advanced Force als eine der effektivsten Kampfeinheiten im Osten Kongos. »Wir sind gut ernährt, wir sind gut trainiert, und wir sind bereit, die Wilderer zu töten, bevor sie uns töten«, sagt Eli Mudima, der Kommandeur der Einheit, die offiziell eine Abteilung der Naturschutzbehörde ist. Das Monatsgehalt der Ranger beträgt fünf Euro. Vor ein paar Monaten vertrieb eine Einheit im Nordosten des Kongo berittene sudanesische Wilderer, die es auf Elfenbein abgesehen und innerhalb eines Monates 25 Elefanten abgeschlachtet hatten. Die Ranger mussten noch nicht einmal kämpfen: Kaum hatten sie ihr Einsatzgebiet erreicht, verschwanden die Sudanesen auf Nimmerwiedersehen. »Der Ruf unserer Truppe ist exzellent«, sagt Rob Muir. »Alle hier wissen, dass die Advanced Force nach britischen Militärstandards ausgebildet wurde. Das reicht für viele Kriminelle, um sofort die Flucht zu ergreifen, wenn wir kommen.«

Die nächtlichen Wachtposten in Ishango gelten weniger den Mai-Mai als den Fluss-pferden – die sind zurzeit gefährlicher als die Rebellen. Wenn sie abends das Hochufer
erklimmen, um zu grasen, werden sie nicht gern gestört, weder von Löwen noch von Menschen. Und wer jemals ein aufgescheuchtes Flusspferd erlebt hat, wird niemals wieder behaupten, es handle sich um friedfertige und schwerfällige Tiere. Wenn Hippos angreifen, glaubt man, ein Panzer ohne Bremsen rast mit Vollgas auf einen zu.

Am letzten Tag der Kongo-Expedition übernachten wir in einem edlen Hotel am Kivu-See bei Goma. Es kostet pro Nacht etwa 25-mal so viel, wie ein Ranger pro Monat verdient. Abends in meinem Zimmer bewegen mich noch immer die Fragen: Welches Recht haben wir Europäer, den Menschen in Zentralafrika zu sagen, wo sie siedeln dürfen und wo Naturschutzgebiete sind? Und was hat Vorrang: die Unversehrtheit der Natur oder die Bedürfnisse der Menschen? Ich finde immer noch keine klare, allgemeingültige Antwort.

Zurück in Deutschland, erreichen mich schreckliche Nachrichten aus dem Kongo. 50 Mai-Mai haben zwei Stationen der Ranger überfallen: alle nicht weit von Ishango entfernt, wo wir mehrere Tage verbracht hatten. Die Rebellen zerschossen die Hütten, nachdem sie alle Wertgegenstände, Funkgeräte und Waffen herausgeholt hatten. Drei Ranger wurden verletzt, einer getötet. Die hochschwangere Frau eines Rangers verlor vor Schreck ihr Baby, einige Tage später starb sie an den Folgen der Fehlgeburt. Wenig später wurden ein weiterer Gorilla aus Kabrizis Familie und vier Affen einer Nachbargruppe massakriert. »Seit Jahresbeginn wurden sieben Berggorillas getötet, das ist ein Prozent der gesamten Weltpopulation dieser seltenen Tiere«, sagt Robert Muir. »Vier sind vermisst. Das ist eine dramatische Zuspitzung der Situation.«

Jetzt sollen neue Ranger-Spezialeinheiten rekrutiert und zum Schutz der Menschenaffen abgeordnet werden. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt fordert sogar den Einsatz von UN-Blauhelm-Truppen.

Der Kampf um die Berggorillas geht in die nächste Runde.

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Autor/in: Michael Kneissler


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