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Serie: Sternstunden der Wissenschaft

Der Krieg um den »richtigen« Strom

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Der Krieg um den »richtigen« StromDer Krieg um den »richtigen« Strom

Am 21. Oktober 1879 kam der Durchbruch: 13,5 Stunden lang brachte Thomas Alva Edison eine von ihm selbst gebaute Glühbirne zum Leuchten – Vergleichbares hatte noch niemand geschafft. Damit sah er seine vor einem Jahr gegründete Edison Light Company in Menlo Park, New Jersey, fast am Ziel: Jetzt schien es möglich, nachhaltig Licht aus Strom zu erzeugen.

Der 1847 geborene Erfinder war zwar nicht der Erste, der einen Kohlefadendraht in einem luftleeren Glaskolben zum Leuchten brachte. Doch seine Glühbirne war die mit Abstand leistungsstärkste. Zu seinen Förderern zählte sogar der steinreiche Finanzier J. P. Morgan – die Banken vertrauten der Weitsicht Edisons. 1876 hatte er bereits das Mikrofon und zwei Jahre später den Phonografen erfunden. Nachdem Edison an Silvester 1879 seine Glühbirne der Presse vorgestellt hatte, war überall die Rede von einem Aufbruch in ein fortschrittliches, helles Zeitalter. Die Begeisterung wuchs sogar noch, als Edison eine Glühbirne präsentierte, die sage und schreibe 1200 Stunden zu leuchten vermochte.

Aber wie sollte er sein Produkt an den Mann bringen? Kraftwerke, die Lampen flächendeckend mit Strom speisen konnten, existierten noch nicht. Alles, was es gab, war der von dem Engländer Michael Faraday 1831 erfundene Wechselstromgenerator. Doch der lieferte Starkstrom, der Glühbirnen zum Platzen gebracht hätte. Nach kurzer Zeit gelang es Edison und seinen Mitarbeitern, ein Schaltgerät zu entwickeln, das die Spannung des Faraday-Generators auf 110 Volt herabsetzte und aus dem Wechselstrom Gleichstrom machte. Jetzt konnte Edison sein erstes Elektrizitätskraftwerk bauen: Es entstand in den Jahren 1880 bis 1882 in der Pearl Street in New York. Die von hier mit Strom versorgten Straßenlaternen machten zwar die Nacht zum Tag – aber nur in einem Umkreis von wenigen hundert Metern. Darüber hinaus wurde der Widerstand der Kupferleitungen für den Gleichstrom zu groß. Trotzdem gelang es Edison, seine Kraftwerke an verschiedene Städte zu verkaufen.

1884 tauchte der junge serbische Ingenieur Nikola Tesla, der gerade mit vier Cent in der Tasche in New York angekommen war, bei Edison auf. Der Erfinder stellte ihn ein und versprach ihm 50000 Dollar, wenn er es schaffen würde, die Leistung des Gleichstromschaltgeräts zu erhöhen. Nach einem Jahr Arbeit machte Tesla seinem Arbeitgeber einen Verbesserungsvorschlag, den Edison auch annahm. Als der junge Ingenieur seine Belohnung verlangte, erwiderte Edison jedoch, Tesla verstehe wohl den amerikanischen Humor nicht – er werde nicht 50000 Dollar bekommen, sondern eine Gehaltserhöhung von zehn Dollar die Woche. Tesla kündigte.

Um die gleiche Zeit begann der Industrielle George Westinghouse, mit Strom zu experimentieren. Im Gegensatz zu Edison bevorzugte er jedoch Wechselstrom, wie ihn Fahradays Generator lieferte: Bei Wechselstrom war der Leistungsverlust geringer als bei Gleichstrom. Nachdem ein Mitarbeiter von Westinghouse einen Wechselstromtransformator entworfen hatte, um die Spannung des Fahraday’schen Starkstromgenerators herabzusetzen, errichtete auch Westinghouse 1886 ein eigenes Kraftwerk: Von Barrington, Massachusetts, aus machte er jetzt seinem Konkurrenten Edison die Vormachtstellung auf dem jungen Strommarkt streitig.

Zwei Jahre später lernte Westinghouse den von Edison gedemütigten Nikola Tesla kennen und erfuhr, dass der Serbe inzwischen einen Wechselstromdynamo erfunden hatte: einen Generator, der ohne mechanische Reibung funktionierte. Tesla schloss sich Westinghouse an und baute für ihn weitere Kraftwerke: Mit dem Tesla-Dynamo konnte Westinghouse jetzt ohne jeglichen Spannungsverlust Strom über Hunderte von Kilometern liefern. Der Industrielle träumte da-von, ganze industrielle Anlagen mit Strom zu betreiben.

Edison spürte den Druck seines Konkurrenten – und griff jetzt zu perfiden Methoden. So behauptete er, der Wechselstrom von Westinghouse sei gefährlicher als sein eigener Gleichstrom – mit Wechselstrom könne man sogar töten. Um das zu beweisen, ließ Edison vor den Augen und Ohren der Presse grausame Spektakel vorführen: Hunde, Kälber und Pferde wurden mal mit der einen, mal mit der anderen Stromart getötet – und immer ging es mit Wechselstrom schneller. Als Edison erfuhr, der Bundesstaat New York wolle den Strom zum Zweck einer »humanen« Hinrichtung von Mördern einsetzen, witterte er eine günstige Gelegenheit, seinem Konkurrenten entscheidend zu schaden. Ein schnelles, humanes Töten könne nur mit Westinghouse’ Wechselstrom gelingen, behauptete er – und um das zu beweisen, baute die Firma Edison den ersten elektrischen Stuhl der Geschichte. Er lief – natürlich – mit Wechselstrom und wurde 1890 erstmals für die Vollstreckung eines Todesurteils eingesetzt. Westinghouse hatte vergeblich dagegen prozessiert.

Edison glaubte, mit der Hinrichtung sei die »Gefährlichkeit« des Wechselstroms ein für alle Mal bewiesen. Aber er fand kein Gehör mehr – die technische Überlegenheit des Wechselstroms war unübersehbar. Westinghouse erhielt 1893 den Auftrag, die Weltausstellung in Chicago mit Strom zu versorgen. Sein genialer Ingenieur Tesla entwarf dafür eine mit Wechselstrom betriebene Beleuchtungsanlage, die die Besucher in grenzenloses Staunen versetzte. Schon 1900 hatte der Gleichstrom das Rennen verloren.

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Autor/in: P.J. Blumenthal


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