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Massenwahn oder Legende?

Der Kreuzzug der unschuldigen Kinder Christi

Im Frühjahr 1212 scharte ein Kölner Knabe namens Nikolaus Jugendliche aus der untersten sozialen Schicht um sich – um Jerusalem von den »Ungläubigen« zu befreien. Der französische Hirtenjunge Stephan hatte ein flammendes Kreuz am Himmel gesehen und ebenfalls den Auftrag erhalten, ins Heilige Land zu ziehen.

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Im Jahr 1212 brachen verschiedenen Chronike zufolge zwei große Trupps von Deutschland und Frankreich aus auf; in der Mehrzahl handelte es sich demnach um Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 15 Jahren. Deren Ziel, das Grab Christi von den Sarazenen zu befreien, kann nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit verstanden werden
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Kinderkreuzzüge? Den Begriff »Kinder« assoziiert man zunächst einmal mit Kindergarten, Spielplatz oder Schule. Bei Kindern im europäischen Mittelalter denkt man vielleicht an Feldarbeit, an Schafehüten, nicht selten auch an kleine Bettelkolonnen. Aber Tausende Kinder auf einem richtigen Kreuzzug?

So etwas soll es gegeben haben: Im Jahr 1212 brachen verschiedenen Chroniken (darunter der Kölner Stadtchronik) zufolge zwei große Trupps von Deutschland und Frankreich aus auf; in der Mehrzahl handelte es sich demnach um Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 15 Jahren, die aus eher armen Verhältnissen stammten. Es waren schwärmerische Pilgerzüge, erfüllt von Wunderglaube und Jenseitshoffnung, die ihr Ziel nie erreichen sollten. Deren Ziel, das Grab Christi von den Sarazenen zu befreien, kann nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit verstanden werden.

Im Mittelalter gab es für Kinder und Jugendliche kein geschütztes Paralleluniversum fernab der Welt der Erwachsenen; sie waren mehr oder weniger überall dabei. Ihre großenteils bäuerliche Welt stellte harte Bedingungen ans Überleben. Die Vorstellungen, die man in dieser Welt hegte, waren voller Mythen und Geheimnisse, trennten aber klar zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, Erlösung und Verdammnis, Gott und Teufel. Der Glaube verlieh dem, was täglich geschah, einen Sinn. Auch der Aberglaube war, nicht weniger als heute, weit verbreitet: Die Menschen hatten von Blutregen gehört, von apokalyptischen Reitern, manche wollten Engel gesehen haben, Stimmen vernommen, Visionen gehabt haben, manche behaupteten, sie hätten den Teufel in die Hölle zurückgeschickt. Man hörte von Kranken, die geheilt wurden, und von Zweiflern, die verdammt wurden, weil sie Gott vergessen hatten.

Die Menschen pilgerten – Mitte des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich jeder mindestens einmal im Leben zu einem Heiligtum in der näheren oder weiteren Umgebung. Sie beteten Reliquien an, Gebeine von Märtyrern oder Christus selbst, in Köln, Rom, Paris, Santiago de Compostela und natürlich in Jerusalem, dem Ort der Grabstätte Jesu. Sie pilgerten, um Buße zu tun und ihre Seelen zu retten, sie pilgerten aus Dank für Gesundheit oder eine gute Ernte oder um darum zu bitten. Die Hoffnung auf eine bessere Welt jenseits des harten Alltags, die Sehnsucht nach Vergebung der Sünden war so groß, dass Reliquien teurer als Gold oder Edelsteine gehandelt wurden. Und natürlich wurden sie auch gefälscht. »Das Pilgerwesen gehörte zu den herausragenden Phänomenen des Mittelalters«, schreibt Thomas Ritter, Autor zweier Bücher über die Kinderkreuzzüge (»Sehnsucht nach dem Paradies« und »Im Namen des Herrn«).

Bis zum Jahr 1212 hatte es vier große Kreuzzüge gegeben, nur der erste war erfolgreich gewesen. Damals wurden Palästina und die Heilige Stadt von den Sarazenen (so wurden die Araber und andere islamische Völker genannt) zurückerobert; allerdings währte die Herrschaft der Christen keine hundert Jahre, dann fiel Jerusalem wieder in die Hand der Moslems. Papst Urban II. hatte zu den kriegerischen Unternehmungen des ersten Kreuzzugs aufgerufen. Nicht nur Ritter, Herrscher, Adlige und hohe Geistliche, sondern jeder konnte sich einem Kreuzzug anschließen, das »Kreuz nehmen«, wie es hieß – ein Gelübde ablegen, das verbindlicher war als ein weltlicher Eid.

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