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Religion
Der grausige Handel mit Reliquien
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Viele der heiligen Überreste sind Fälschungen, mit denen sich vortreffliche Geschäfte im Namen des Herrn machen lassen. Aber was zählen Echtheit und Wahrheit, wenn es eigentlich um etwas völlig anderes geht: um die Nützlichkeit der Reliquien für den Herrschaftsanspruch der Kirche.
Wo ist die heilige Vorhaut, das Sanctum Praeputium? Wer hat die verehrte Reliquie gestohlen? Bis 1983 wurde das ringförmige Stückchen vom Körper des Gottessohnes alljährlich bei einer festlichen Prozession in Italien den Gläubigen gezeigt. Wie üblich nach jüdischer Religionsvorschrift war dem kleinen Jesus, Söhnchen des Zimmermanns Josef von Nazareth/Judäa, acht Tage nach seiner Geburt die Vorhaut vom Penis geschnitten worden. Dieser Knabe aber war Gottes Sohn, wie sich herausstellte; sein Körperteil wurde zur kostbaren, Segen spendenden Reliquie (lat. für Überbleibsel). Als solche hatte die Vorhaut fast zweitausend Jahre lang ihren festen Platz im christlichen Ritus. Noch bis 1962 stand der 1. Januar im Kirchenkalender als »Tag der Beschneidung des Herrn«.
Doch dann wurde dieser Feiertag plötzlich abgeschafft. Der Vatikan wollte es so. Warum das auf einmal, fragten sich verwirrte Katholiken, doch der größere Schock sollte erst noch kommen. Gut 20 Jahre später, im Sommer 1983, tritt Dario Magnoni, Dorfpfarrer in Carcata nördlich von Rom, vor die gläubige Menge, welche auf die alljährliche Prozession wartet. Bedaure, sagt Monsignore Magnoni. Das Sanctum Praeputium ist verschwunden. Die Reliquie war bei ihm im Pfarrhaus verwahrt, nun ist sie weg. Die Menschen sind fassungslos. Wer war das? Gewöhnliche Diebe, geldgeile Reliquienhändler — der Pfarrer selbst? Ungläubige Gotteslästerer, Satanisten, die das Requisit nun bei Schwarzen Messen entweihen? Oder steckt der Vatikan dahinter, gibt es ein kirchenpolitisches Interesse, diese spezielle Reliquie verschwinden zu lassen? Das Rätsel ist bis heute ungelöst. Aus dem Vatikan werden alle diesbezüglichen Fragen mit vielsagendem Schweigen beantwortet — und mit einer Drohung: Wer über das heilige Praeputium unerlaubt spricht oder schreibt, kann mit Exkommunikation bestraft, also aus der Kirche ausgeschlossen werden.
Die seltsame Geschichte von der Vorhaut Jesu führt mitten hinein in die mysteriöse Welt der religiösen Reliquien. Diese Welt ist geprägt von tiefer Volksfrömmigkeit und ebenso tiefen Widersprüchen, von Glaube und Geschäft, Wundern und Voyeurismus. Schon beim ersten Blick auf berühmte Reliquien drängen sich Zweifel auf: Wie kommt’s, dass das Hautstückchen jenes Arbeiterkindes aus Nazareth nach der Routineprozedur überhaupt aufgehoben wurde? Wie kann sich Marias Brustmilch als Reliquie viele Jahrhunderte lang erhalten haben? Wie echt können Abertausende Holzstückchen vom Kreuz Christi sein, wenn sie zusammengesetzt ein ganzes Mittelmeerschiff ergeben würden?
Derlei Fragen des »gesunden Menschenverstands« sind mehr als berechtigt. Aber es sind die falschen Fragen. Allein mit skeptischer Vernunft sind Reliquien und ihre Wirkungsmacht nicht zu begreifen. Darin ähneln sie den Placebos, jenen Scheinmedikamenten ohne jeden pharmazeutischen Wirkstoff, aber mit vielfach erwiesenem Heileffekt. Wer das Reliquienwesen erfassen will, sollte nicht nach Wahrheit suchen. Sondern nach Nützlichkeit: fürs gläubige Volk, für die Herrschaft der Kirche. Dann finden sich Antworten — auch im Fall des kleinen, schrumpeligen, zweitausendjährigen Praeputiums.
Reliquien gibt es nicht erst seit Jesus Christus und nicht nur in seiner Religion. Im antiken Griechenland ebenso wie im Römerreich wurden wundertätige Grabstätten von Helden und Göttersöhnen verehrt, zu denen Kranke in der Hoffnung auf Heilung kamen. Nach dem Tod und der Einäscherung Buddhas teilten mehrere indische Regionalkönige seine Asche, Knochen und Zähne untereinander auf: als überirdischen Beistand und Ausweis ihrer Macht. Auch im Shintoismus, der Hauptreligion Japans, und im Islam sind Reliquien — materielle Reste verstorbener Heiliger — Teil des religiösen Kults.
Genau daran, an Ritualen, kultischen Inszenierungen, an Dekor und Spektakel mangelte es dem Christentum zunächst. In den ersten 250 Jahren kam die neue Erlösungslehre gleichsam in Sandalen und schmucklosem Gewand daher wie ihr Gründer, der besitzlose Wanderprediger aus Judäa. Verglichen mit den kultreichen Nachbarn rund ums Mittelmeer, hatte die Jesus-Religion »zu wenig Religion« in ihrem Angebot ans Volk, schreibt der deutsche Reliquienexperte Arnold Angenendt — zu wenig zum Anschauen und Anfassen, zu wenig irdische Sinnlichkeit.
Das änderte sich auf makabre Weise: mit den Märtyrern. Die Jünger Jesu wurden wie ihr Meister von den römischen Herrschern verfolgt, gefoltert und getötet, zuerst seine Apostel, die den neuen Glauben missionierend verbreiteten, dann die Bekehrten, sofern sie nicht abschworen. Die ausgeklügelten Körperqualen dieser Männer und Frauen waren grauenhaft, faszinierend anschaulich, und ebenso leuchtete dem frommen Volk der Lohn dafür ein: die Erlösung, das Ende aller irdischen Plagerei, das ewige Wohlleben im Himmelreich.
Damit hatte der neue Glaube seine Kultfiguren gefunden, seine Heiligen. Wie schon zu »heidnischen« Zeiten wurden ihre Überbleibsel zu Kultobjekten. Schon um das Jahr 150 schrieb ein Zeitzeuge nach der Bestattung des Märtyrers Polykarp von Smyrna: »So sammelten wir später seine Gebeine auf, die wertvoller sind als kostbare Steine und besser als Gold.«
Die massenhafte Christenverfolgung endete im Jahr 313, als Kaiser Konstantin religiöse Toleranz befahl. 380 wurde das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich, und 398 trafen die Leiter der explosiv gewachsenen Erfolgskirche einen folgenschweren Beschluss: Neue christliche Altäre durften nur noch über Reliquien von Heiligen errichtet werden. Die Nachfrage wurde riesig, das Angebot immer knapper; denn ohne Verfolgung gab es keine Märtyrer mehr, ohne Märtyrer keine neuen Reliquien. Die Kirche hatte ein klassisches Marktproblem. Sie reagierte darauf weltlich klug und theologisch flexibel, mit den Eigenschaften, die ihr bis heute helfen, gesellschaftliche Umbrüche und politische Systemwechsel zu überstehen. Folgende Maßnahmen sicherten den Reliquiennachschub:
• Als Heilige galten nun auch unblutige »weiße Märtyrer«. Das waren Asketen, Eremiten, sich selbst quälende Gottsucher, aber auch mildtätige, Wunder wirkende Bischöfe. Zu den Ersten am Ende des 4. Jahrhunderts gehörten der heilige Nikolaus aus Myra in der heutigen Türkei (seine Reliquien wurden dort gestohlen und werden im süditalienischen Bari verehrt) und der heilige Martin aus Tours/Frankreich (über seinem Reliquiengrab steht eine populäre Wallfahrtskirche).
• Das seit Urzeiten geltende sakrale Gebot, die Verstorbenen ruhen, ihre Gräber ungeöffnet und ihre Gebeine intakt zu lassen, wurde aufgehoben. Pietät und Totenruhe galten für Heilige nicht mehr, als Kirchenführer dem Volk erklärten: »Virtus«, die wundertätige Kraft des Heiligen, bleibt erhalten »in jeder unscheinbaren und winzigen Reliquie, auch wenn die Leiber zerteilt sind« (Theodoret von Kyros/Türkei um 430). Es begann ein Ausgraben, Skelettezerlegen, Knochenzertrümmern, das viele Jahrhunderte lang anhielt.
• Trotz allen Zerkleinerns wurden die Originalteile — die Körperreliquien — knapp. Da installierten die guten Hirten der Kirche in den Köpfen ihrer Schäflein die geniale Idee der »Berührungsreliquie«. Alles, was je mit dem Körper des oder der Heiligen Kontakt gehabt hatte, galt nun als Reliquie: Kleidung, Schuhe, Becher, Wanderstab, besonders Werkzeuge, mit denen Märtyrer gefoltert worden waren, aber auch Gegenstände aus Heiligengräbern wie Lampenöl und Wachs, bis hin zu Staub und Erdkrumen. Selbst nachträglich auf einen Heiligenknochen gelegtes Material wurde zum Segensträger. Als Beweis diente ein Experiment mit den Knochen des heiligen Nikolaus in Tours: Auf sein Skelett gelegte Tücher wurden über Nacht deutlich schwerer. Erklärung der mittelalterlichen Theologen: Die Stoffe hatten sich vollgesaugt mit »virtus«.
So entstand eine Rangordnung, die den geistigen und marktwirtschaftlichen Wert der heiligen Überbleibsel regelte. Auf die Körperreliquien folgten die Berührungsreliquien erster und zweiter Klasse, über allem aber standen die Herrenreliquien: der materielle Nachlass des Herrn Jesus Christus. Körperliche Überbleibsel konnte es nicht viele geben: Der Sohn Gottes war ja nach christlicher Lehre vom Grab auferstanden und zu seinem Vater im Himmel aufgefahren, real und leiblich. Was kam infrage?
Einst abgeschnittene Haare Jesu, Finger- und Zehennägel, sogar seine Nabelschnur — all dies wurde wundersamerweise aufgefunden. Den höchsten Rang hatte die heilige Vorhaut. Eingebettet in ein goldenes Kreuz gehörte sie jahrhundertelang zum Kirchenschatz des Vatikans. Karl der Große hatte sie anläßlich seiner Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom Papst Leo III. geschenkt; Karl selbst hatte sie von einem Engel bekommen, nach anderer Darstellung von Kaiserin Irene von Byzanz. 1527, bei der Plünderung Roms, stahl ein deutscher Söldner die Reliquie und versteckte sie nach seiner Gefangennahme in seiner Zelle im Dorf Carcata, wo sie 1557 wiedergefunden wurde. Carcata entwickelte sich daraufhin zum wohlhabenden Wallfahrtsort.
Im Lauf der Zeiten behaupteten nicht weniger als 14 Städte, das Sanctum Praeputium zu besitzen, darunter Chartres und Santiago de Compostela sowie Kloster Andechs in Oberbayern. Und überall wirkten die heiligen Vorhäute Wunder. Zumal bei Frauen, in Angelegenheiten wie Fruchtbarkeit und Schwangerschaft.
Weniger rar als die Reliquien vom Körper des Herrn sind die heiligen Requisiten seines Alltagslebens. Es gibt die Sandalen Jesu (verehrt in Prüm/Eifel), Windel und Lendenschurz (in Aachen), den heiligen Rock (in Trier), ein Stück vom Tischtuch des letzten Abendmahls (in Mönchengladbach). Zum Reliquienschatz des Vatikans gehörten auch Krümel und Gräten vom Brot und den Fischen, die Jesus vermehrt hatte, sowie die Treppe, auf der er zu Pontius Pilatus geführt worden war. Den größten Teil der Herren-Kategorie bilden die Passions- oder Blutreliquien: Dinge, die mit Jesu Blut in Berührung kamen, etwa die Dornenkrone (in Notre-Dame, Paris), die Lanze, mit der ein römischer Hauptmann dem Gekreuzigten den Todesstoß gab (in der Wiener Hofburg), das Schweißtuch der Veronika (eingemauert in die Veronika-Säule des Petersdoms), das Grabtuch von Turin, viele hundert Nägel und viele tausend Holzsplitter vom Kreuz Jesu.
Die spöttische Bemerkung, man könne aus all dem ein hochseetüchtiges Schiff bauen, stammt von Erasmus von Rotterdam, dem papsttreuen, aber kirchenkritischen Gelehrten des 15./16. Jahrhunderts. Erasmus war ein Zeitgenosse und Diskussionspartner Luthers: Der grassierende Reliquienwahn war eine der Fehlentwicklungen des römischen Katholizismus, gegen die Luther protestierte und die zur Spaltung der Christenheit führten. Bis heute lehnt die protestantische Kirche Reliquienverehrung weitgehend ab.
Das Sortiment von Reliquien wurde in der Tat grotesk. Alles konnten geschickte Händler verhökern, was spezialisierte Fälscherwerkstätten sich einfallen ließen: den Bart von Noah, den Geldbeutel von Judas, das Menstruationsblut Marias, ihr Schwangerschaftskleid, die Brustmilch. Das Heu aus der Krippe, die Krippe selbst. Das abgeschlagene Ohr des Petrus, einzelne Lederriemen von der Geißel Christi, Federn vom Hahn, der dreimal gekräht hatte, Steine vom Berg Golgatha, auf die Christi Blut gefallen war.
Einfallsreich: Schwanzfedern und ein Ei des Heiligen Geistes, der sich den ersten Christen als Taube gezeigt hatte. Das Ei gehörte um 1520 zur genau 18 970 Stück zählenden Reliquiensammlung Friedrichs des Weisen von Wittenberg — eben dort lebte Luther zu jener Zeit und regte sich auf.
Zweifel am Reliquienglauben konnten gefährlich werden. Ungläubige hatten mehr zu fürchten als Fälscher. Das analphabetische Volk war unwissend und fromm, die gelehrten Mönche waren schweigsam und gehorsam, und grundsätzlich galt der logische Zirkelschluss: Je größer das Wunderbare an einer Grabauffindung, einer Reliquienentdeckung, desto mehr offenbarte sich darin der göttliche Wille.
Zwei Beispiele: Zum Märtyrergrab des Apostels Jakob, der im Jahr 44 in Judäa hingerichtet worden war, wurde der spanische Einsiedler Pelagus 800 Jahre später von himmlischen Klängen auf einem Feld beim heutigen Santiago de Compostela geleitet; er fand dort Reste einer römischen Grabstätte mit Knochen. Reliquienhandel und -verehrung waren auf einem ersten Höhepunkt; eine passende Legende zur wundersamen Verbringung der Apostelleiche von Palästina nach Nordspanien tauchte auf — binnen wenigen Jahrzehnten wurde das Jakobsgrab zu einem der wichtigsten Pilgerziele der Christenheit und Santiago zu einer reichen Stadt.
Zweites Beispiel: Das Kreuz Jesu Christi wurde von Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, im Jahr 328 gefunden, als sie auf einer Reise nach Jerusalem auf dem Berg Golgatha graben ließ. Drei Kreuze kamen zum Vorschein, eine tote Frau wurde daraufgelegt, beim richtigen wurde die Leiche lebendig. Der massenhafte Vertrieb von Heiligkreuz-Reliquien begann. Ein 17 mal acht Zentimeter großes Stück ist bis heute die Attraktion im Dom von Hildesheim.
Für Klöster, Kirchen und Städte bedeutete der Besitz hochrangiger Reliquien wirtschaftlichen Reichtum, vor allem durch den Pilgertourismus, für Fürstenhäuser bedeutete er politischen Machtzuwachs. »Herrenreliquien« signalisierten die Gottgewolltheit eines Königs und halfen ihm, Schlachten zu gewinnen. Bei derart hohem Wert einer Handelsware, materiell und ideell, konnten neben Fälschung auch Diebstahl und Raub nicht ausbleiben.
Nach dem Tod der schon im Ruf der Heiligkeit stehenden Elisabeth von Thüringen um 1200, so eine Chronik, »rissen viele Leute Teile von den Tüchern, um Reliquien zu haben, schnitten ihr Haupthaar und Nägel ab, einige stutzten ihr die Ohren, andere schnitten ihr die Brustwarzen weg«. Das Verlangen der Menschen nach Segen spendenden Teilen war hysterisch geworden. Noch lebende Personen, die im Verdacht künftiger Heiligkeit standen, mussten um ihr Leben fürchten, unter ihnen Romuald von Camaldoli und Franz von Assisi. Wenn Hochgestellte zu Reliquienräubern wurden, beschönigte die Kirche das als »Sacra rapina«: lobwürdigen Diebstahl aus frommem Verlangen. Also brach Bischof Otwin von Hildesheim in Pavia Altäre auf und stahl die Gebeine der Heiligen Epiphanius und Speciosa. Erzbischof Anno von Köln klaute im Kloster Saint-Maurice d’Agaune Überbleibsel der Heiligen Innocentius und Vitalis, und Kaiser Barbarossa entführte mit Waffengewalt die Gebeine der Heiligen Drei Könige aus Mailand nach Köln. In aller Frömmigkeit.
Sacra rapina, heiliger Raub: In dieser paradoxen theologischen Konstruktion wird wieder das Nützlichkeitsdenken der Kirche deutlich. Seit Urzeiten brauchen die Menschen Amulette und Fetische, von denen sie Schutz, Glück, Heilung erhoffen — und häufig, wie von Placebo-Medikamenten, auch bekommen. Es ist magisches Denken, eine anthropologische Konstante. »Eine Reliquie ist wie ein Telefonhörer zum Himmel«, sagte ein wohlhabender Franzose, der eine große Privatsammlung besitzt: »Ich nehme ein Knochenteil in die Hand und sage, heiliger Josef, bitte mach, dass es mir gut geht.«
Die Kirche lenkte vormals »heidnische« Kultbräuche ins Christliche um und ließ das Volk im guten Glauben auch bei Reliquien, deren Echtheit Gebildete wie Erasmus von Rotterdam belächelten. Allerdings wurden mit dem Wandel der Zeiten, dem Fortschritt von Aufklärung und Naturwissenschaft, bestimmte Reliquien immer wieder ganz einfach zu peinlich — womit wir zurück sind bei der heiligen Vorhaut und ihrem Verschwinden 1983 im Dorf Carcata. Seit den 1970er Jahren hatten sich viele Hippies dort angesiedelt, nicht weit von Rom, der Ewigen Stadt. Die sexuelle Revolution hatte Italien überschwemmt, junge Leute handelten und sprachen tabulos freizügig auch über horribile dictu, den Penis des Herrn.
Dazu kam, dass ein neuer Wissenschaftszweig die Fachleute im Vatikan beunruhigte: Durch Klonen sollte es möglich werden, Lebewesen aus wenigen Zellkernen zu reproduzieren. Was, wenn jemand aus dem Sanctum Praeputium einen neuen Jesus erschaffen wollte? Wenige Tage bevor Dorfpfarrer Magnoni 1983 das Verschwinden der Reliquie verkündete, war er nach Augenzeugenberichten von einer schwarzen Limousine abgeholt worden und Richtung Rom gefahren. Vermutlich ist das die Lösung des Rätsels: Die problematisch gewordene Vorhaut war mit im Wagen und wird nun im Vatikan verwahrt — still und heimlich wie so viele Geheimnisse der Römischen Kirche.
Abermals gut 20 Jahre später kniet der neue Papst Benedikt, Josef Ratzinger aus Marktl am Inn, im August 2006 in der kleinen Wallfahrtskirche des Abruzzendorfs Manopello und betet vor einer besonders schönen, besonders oft angezweifelten Reliquie. Es ist ein Seidentuch, das beim Begräbnis Jesu auf seinem Antlitz gelegen haben soll, was sich im Stoff abgedrückt hat. Auf Zeitungsbildern wirkt die Szene fast so, als knie der Papst vor dem Foto-T-Shirt eines bärtigen Männergesichts. Was wird Benedikt über die Echtheit der Reliquie wohl sagen?
Er ist der erste Papst seit Menschengedenken, der nach Manopello kommt, dieser Besuch ist ein Statement. Doch der Theologe ist viel zu klug, um sich auf die Echtheits-Debatte einzulassen. Auch modernste wissenschaftliche Methoden — wie DNA-Untersuchungen von Leichenteilen, Radiokarbonmessungen zur Altersbestimmung von Kreuz-Reliquien — werden Fragen nach Sinn und Unsinn von Reliquien nie beantworten können. Ihr religiöser Wert bemisst sich anders, und dazu sagt Papst Benedikt zwei ebenso fromme wie menschenfreundliche Sätze. Zum Sinn speziell dieses mysteriösen Tuches: »Das Antlitz Jesu zu suchen muss das Streben von uns Christen sein.« Zum Sinn der Reliquienverehrung allgemein, also der Überbleibsel von Heiligen: »Nach dem Vorbild der Heiligen sollen wir Gott besonders in den Armen und Notleidenden erkennen.« Wer möchte dem widersprechen.
- Beruf »Heiliger Vater«
- Vatikan
- Gesellschaft























