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Spionage
Der Geheimdienst des Vatikans
Die oberste Behörde der katholischen Kirche – in geheime Spionage verwickelt? Für viele Gläubige sicher eine unangenehme Vorstellung. Aber hinter den Mythen und Gerüchten steckt ein wahrer Kern der Spionage: Der Heilige Stuhl hat Freunde und Feinde ausspioniert und fremde Agenten abgewehrt.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Offiziell gibt es keinen.
Päpstliche Stellen weisen jede Frage
nach einem Geheimdienst zurück
Kaum jemand kannte das Ziel der unauffällig gestrichenen Maschine, die am frühen Morgen des 15. Januar 1973 zu einer Startbahn des Pariser Flughafens rollte. Und kaum jemand ahnte, welch bedeutende Passagierin sie transportierte: die israelische Premierministerin Golda Meir. Bis die Maschine in der Luft war, glaubten sogar Meirs Mitarbeiter an Bord, dass sie in Afrika landen würden. Aber Meir hatte einen Zwischenstopp in Rom eingeplant. Ausgerechnet Rom, heilige Stadt der Katholiken und Drehscheibe des internationalen Terrorismus. Kein israelischer Politiker reist ohne triftigen Grund dorthin. Papst Paul VI. persönlich hatte Meir zu einem Geheimtreffen gebeten. Es war ein Tête-à-tête unter Feinden: Meir hatte den Papst mit ihrer alttestamentarischen Politik nach dem Motto» Auge um Auge, Zahn um Zahn« verärgert. Der Papst hatte daraufhin die Nähe der Todfeinde der Israelis gesucht, der Palästinenser, und deren Führer Jassir Arafat sogar Grüße zum Geburtstag Mohammeds geschickt.
Die Heimlichtuerei um Golda Meir war vergebens. Irgendwer muss das Treffen an die Palästinenser verraten haben. Ein mörderisches Empfangskomitee erwartete die Maschine an jenem kalten, regnerischen Januarmorgen in Rom: fünf Männer mit russischen Boden-Luft-Raketen in zwei Fiat-Kombis – entschlossen, die Maschine aus Paris abzuschießen. Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe »Schwarzer September«, die Monate zuvor in München elf Athleten der israelischen Olympiamannschaft als Geiseln genommen und getötet hatte.
Die Tötung der Premierministerin hätte das in München begonnene Schreckenswerk vollendet. Aber kurz vor Meirs Landung wurden Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad per Funkruf gewarnt: Wache Augen hatten die Terroristen nahe der Landebahn erspäht. Es waren die Augen des Vatikans: Der Warnruf kam von Pater Angelo Casoni, einem Geheimagenten des Papstes. Die Agenten lieferten sich eine Schießerei mit den Terroristen im ersten Kombi, rammten den zweiten. Als sie den Palästinensern Handschellen anlegten, war das Flugzeug aus Paris schon in Sichtweite. Der Papst und die Premierministerin sprachen eine halbe Stunde lang, tauschten Geschenke aus, dann flog sie weiter nach Afrika. Für die Öffentlichkeit war sie niemals in Rom gelandet.
Die gemeinsame Terrorabwehr war der Beginn einer langen Freundschaft zwischen den jüdischen und christlichen Geheimdiensten. Während sich die Repräsentanten Israels und des Vatikans in der Öffentlichkeit Wortgefechte lieferten, arbeiteten ihre Agenten hinter den Kulissen zusammen. Zum Beispiel im Mai dieses Jahres bei der Operation »Weiße Soutane«, die Benedikt XVI. schützte, als er unter islamistischen Attentatsdrohungen in den Nahen Osten reiste.
Ein päpstlicher Geheimdienst? Offiziell gibt es keinen. Päpstliche Stellen weisen jede Frage nach einem Geheimdienst zurück. Die Apostolische Nuntiatur in Deutschland ließ vor ein paar Jahren verlauten: »Der Heilige Stuhl verfügt über keinerlei Nachrichtendienst.« Tatsächlich findet man kein Klingelschild »Geheimdienst« im Vatikan, keine Kurienbehörde hat diese Funktion. Doch immer wieder hat sich in einzelnen Vorfällen offenbart, dass der Vatikan Spione beschäftigt: Wenn eine verdeckte Operation aufflog, wenn ein Agent enttarnt wurde oder wenn plötzlich jemand tot war.
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