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Überwachung

Der Diebstahl der Privatsphäre

Verstecken unmöglich: Computerprogramme identifizieren Gesichter in wenigen Sekunden. Steht uns die totale Überwachung bevor? Ist dieser Albtraum womöglich schon Wirklichkeit?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Winkel zwischen Augen, Nase, Wangen und Stirn machen ein Gesicht einzigartig – und biometrisch identifizierbarWinkel zwischen Augen, Nase, Wangen und Stirn machen ein Gesicht einzigartig – und biometrisch identifizierbar
Winkel zwischen Augen, Nase, Wangen und Stirn machen ein Gesicht einzigartig – und biometrisch identifizierbar
iStockphoto

Die Zukunft des Flirtens ist reichlich unromantisch: Lächeln, einen netten Spruch ausdenken, ein charmantes Gespräch führen und letztlich doch einen Korb bekommen - das war einmal. Künftig zückt der Mann von Welt stattdessen sein Handy. Er schießt heimlich ein Foto vom Nebentisch und schickt es an eine Bildsuchmaschine im Internet. Innerhalb von Sekunden stellt das System alle Informationen zusammen, die die ahnungslose Angebetete in den Weiten des Netzes veröffentlicht hat: Name, Adresse, Alter – aber auch private Details (»Kettenraucherin«, »Katzenliebhaberin«) und bei allzu sorglosen Zeitgenossinnen sogar den Beziehungsstatus der Facebook-Seite (»verlobt«). Vergebene Liebesmühe also. Weiter zum nächsten Opfer. Science-Fiction? Nein, vielmehr Ergebnis des rasanten Fortschritts bei der Erkennung von Gesichtern. Er habe in seiner Karriere als Informatiker vieles erlebt, sagte der langjährige Google-Chef Eric Schmidt Mitte Mai 2011 bei einer Konferenz in Großbritannien. Kaum etwas habe ihn aber derart überrascht wie die aktuellen Entwicklungen bei der Bild-Erkennung. Für Google, so Schmidts Botschaft, wäre es technisch kein Problem, zu jedem Gesicht die passenden Informationen zusammenzusuchen. Schmidt sagt aber auch, dass Google solch ein System vorerst nicht anbieten werde. Zu beunruhigend, zu gruselig sei die Vorstellung. Polizisten könnten mit einer funktionierenden Bildersuche zum Beispiel im Nu ermitteln, wer auf Blitzerfotos hinterm Steuer gesessen hat. Einbrecherbanden würde ein Schnappschuss am Ferienort genügen, um die Heimatadresse der Urlauber herauszubekommen; zu Hause könnten Komplizen dann in Ruhe die verwaiste Wohnung ausräumen.

 

Und für totalitäre Staaten wie Libyen oder Syrien wäre es ein Leichtes, die Aufnahmen ihrer Überwachungskameras mit der Google-Datenbank abzugleichen - ein Albtraum für jeden Demonstranten. Einzige Voraussetzung für all diese Szenarien: Irgendjemand muss irgendwann einmal ein Bild der Person ins Internet gestellt und mit ihrem Namen verknüpft haben. Im Zeitalter von Blogs und sozialen Netzwerken ist das ein alltäglicher Vorgang. Kein Wunder also, dass selbst ein Konzern wie Google, nicht unbedingt ein Vorkämpfer beim Datenschutz, kalte Füße bekommt. Dabei braucht es Google nicht einmal: Schon heute dringt die Gesichtserkennung schleichend in den Alltag der Menschen vor. Das soziale Netzwerk Facebook hat im Mai eine Software aktiviert, die auf hochgeladenen Fotos automatisch Gesichter von Freunden erkennt - ob der Nutzer es will oder nicht. Aktuelle Bildverwaltungsprogramme für die eigene Festplatte liefern auf Knopfdruck alle Fotos, die die Oma zusammen mit ihrem Enkel zeigen. Und auch die Werbewirtschaft unternimmt erste Schritte, um Kunden am Gesicht zu erkennen und gezielt anzusprechen. Der Schritt zur totalen Überwachung ist da nicht mehr weit – zumal die grundlegenden Funktionen überall dieselben sind: »Ein Algorithmus zur Gesichtserkennung ist darauf trainiert, die wesentlichen Merkmale eines Gesichts zu erkennen und zu analysieren«, sagt Alexander Nouak, Biometrie-Experte beim Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt. Dazu suchen sich die Programme bevorzugt jene Ecken und Kanten eines Gesichts aus, die sich im Laufe der Zeit am wenigsten verändern: die Position der Nasenwurzel, die Stirnpartie, die Höhe der Wangenknochen, den Winkel und den Abstand der Augen.

 

Die Wangen selbst, deren Formen stark von Alter und Gewicht abhängen, werden dagegen kaum beachtet. Einfache Systeme zur Gesichtserkennung, zum Beispiel bei der Grenzkontrolle, analysieren mithilfe dieses Algorithmus die Aufnahme der Person, die vor ihnen steht. Das gleiche Programm läuft anschließend auch über das biometrische Bild, das auf dem Reisepass gespeichert ist. Die Ergebnisse werden verglichen, am Ende errechnet die Software die Wahrscheinlichkeit, dass beide Bilder zur selben Person gehören. »Anders als bei Passwörtern wird man bei biometrischen Systemen nie eine hundertprozentige Übereinstimmung bekommen«, sagt Alexander Nouak. Die aktuellen Programme sind – zumindest in kontrollierten Situationen – allerdings schon nahe dran. Alle paar Jahre veranstaltet das Nationale Institut für Standards und Technologie (NIST) der USA einen Wettbewerb, in dem sich die besten Algorithmen zur Gesichtserkennung messen können. Mitte der 1990er Jahre scheiterten sie noch in vier von fünf Fällen; beim Wettbewerb 2007 wurde nur noch eine von 100 Personen nicht erkannt. »Die besten Programme arbeiten mittlerweile zuverlässiger als der Mensch«, sagen die Experten des NIST. Vergangenes Jahr haben sie die Algorithmen vor eine neue Aufgabe gestellt: Die Programme sollten nicht nur Gesichter miteinander vergleichen, sondern in einer Datenbank mit 1,6 Millionen Aufnahmen zudem einen Kriminellen ausfindig machen. In 92 Prozent aller Fälle setzte die Software den richtigen Verbrecher auf Platz eins ihrer Verdächtigenliste. Die schnellsten Programme brauchten dazu nicht einmal 0,4 Sekunden.

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.8 (19 Bewertungen)
Autor/in: Alexander Stirn


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