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Vatikan

Der Code des Michelangelo

Die Fresken des genialen Renaissance-Künstlers in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans beschäftigen Kunsthistoriker seit Jahrhunderten. Michelangelo versteckte in seinen Bildern Symbole aus der jüdischen Mystik – mit dem Ziel, Christentum und Judentum miteinander zu versöhnen. Was ist dran an dieser Deutung?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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MichelangeloMichelangelo
300 Figuren finden sich in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Fast ausschließlich jüdische Figuren und Themen. Steckt in der Darstellung von Michelangelo eine Botschaft zur Versöhnung der Religionen?
Wikimedia Commons

Frank L. Meshberger hat den ganzen Tag Gehirne seziert. Nun steht ihm der Sinn nach Schönem. Gedankenverloren blättert der Medizinstudent in einem Buch über den Renaissance-Maler und Bildhauer Michelangelo. An einer ausfaltbaren Farbreproduktion bleibt sein Blick hängen. Es ist »Die Erschaffung Adams« aus den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle in Rom. Darin fliegt Gott, gehüllt in einen Mantel und von Engeln gehalten, auf den nackten Adam zu und haucht ihm Leben ein. Da fällt Meshberger etwas Eigenartiges auf. Das abgewinkelte Bein eines Engels ähnelt der Hirnanhangdrüse, die er aus dem Labor kennt. Und der grüne Schal, der unter dem Mantel weht – entspricht der nicht jener Schlagader, die das Gehirn mit Blut versorgt? Meshberger dämmert es: Die berühmte Szene gleicht einem Längsschnitt durch das menschliche Gehirn!

Erst Jahre später forscht Meshberger, mittlerweile Gynäkologe, weiter nach. Er findet immer mehr anatomische Einzelheiten in dem Bild – und publiziert sein verblüffendes Ergebnis 1990 in einer Fachzeitschrift. Michelangelo habe das menschliche Gehirn mit dem göttlichen Geist in Verbindung bringen wollen, glaubt Meshberger – und daher als »Code« in der Szene versteckt. Aus gutem Grund: Anatomische Darstellungen des menschlichen Körpers galten zur Zeit Michelangelos als Blasphemie. Meshbergers Enthüllung löst wilde Spekulationen aus. Wenige Jahre später wollen brasilianische Ärzte weitere verschlüsselte anatomische Abbildungen gefunden haben – darunter Niere, Lunge und Herz.

Doch all diese Entdeckungen sind womöglich nur Mosaiksteine in einem gewaltigen Puzzle aus verbotenen Botschaften in den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle, mitten in der heiligsten Kirche der Chris­tenheit. Sicher scheint: Michel­angelos Fresken sind in ihrer Bedeutung für Glauben und Geistesgeschichte kaum zu überschätzen. Womöglich stehen sie im Rang den 95 Thesen Luthers nicht nach. In einer künstlerisch verschlüsselten Form beschäftigt sich Michelangelo mit grundlegenden Themen der menschlichen Existenz – und mit der fundamentalen Frage nach dem
»richtigen« Glauben.

Immer wieder gab das komplexe Werk Michelangelos Anlass zu neuen Interpretationen – von anatomischen über theologische bis hin zu psychoanalytischen Deutungen. Der aktuellste und bislang ungewöhnlichste Versuch stammt von dem New Yorker Rabbi und Talmud-Professor Benjamin Blech und seinem Co-Autor Roy Doliner. Nach ihrer Deutung wollte Michelangelo den christlichen und den jüdischen Glauben miteinander versöhnen – denn der eine ist aus dem anderen hervorgegangen. Sie sehen in den Fresken eine »verlorene Botschaft der universellen Liebe, die in gefährlichem Gegensatz zur Kirchendoktrin seiner Zeit stand«.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch »The Sistine Secrets« begründen Blech und Doliner diese These damit, dass in den Bildern angeblich mystische Symbole aus der jüdischen Kabbala versteckt sind. Die Theorie klingt zunächst verdächtig nach Dan Browns umstrittenem Bestseller »The Da Vinci Code«. Darin wird behauptet, ein Gemälde von Michelangelos Zeit­genossen Leonardo da Vinci biete den Schlüssel zu einem
Geheimnis, das die Kirche jahrhundertelang verborgen hielt – eine These, die Wissenschaftler und Theologen für abstrus halten. Auch über Michelangelo kursieren die wildesten Verschwörungstheorien. Während ihn die einen mit satanistischen Umtrieben in Verbindung bringen, behaupten die anderen, er habe verschlüsselt die Ankunft von Aliens vorausgesagt.

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