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Indianer
Der Blut-Mythos der Cahokia
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wo sich heute die Wolkenkratzer von St. Louis (USA) in den Himmel recken, stand im Mittelalter die Metropole der Cahokia. Ihre Bewohner geben den Archäologen noch immer Rätsel auf.
Berauscht von Tabakschwaden erwarten die jungen Frauen ihre Mörder. Ihre Ohren lauschen dem monotonen Gesang der Priester. Ihre Herzen pochen im Takt der dumpfen Trommeln. Ihre Augen schweifen ein letztes Mal über die Menge, die sich zu ihren Füßen versammelt hat. Bald wird der Donnervogel seine Schwingen ausbreiten und sie mitnehmen auf seiner Reise durch die Himmel. Er, der Menschenschädel als Ohrringe trägt, wird aufbrechen zu einer weiteren Runde im ewigen Kreislauf von Leben und Tod, Finsternis und Licht.
Nur makellose, samthäutige Mädchen dürfen ihn begleiten. Die Priester treten vor. Eine hervorschnellende Schlinge, ein fester Griff, ein Röcheln. Reihenweise sinken die Schönheiten leblos dahin.
Hunderte von weiblichen Skeletten in der Nähe der heutigen Stadt St. Louis zeugen von der blutgetränkten Blütezeit Cahokias, der größten Indianerstadt Nordamerikas. Etwa 20 000 Menschen lebten im 11. und 12. Jahrhundert dort – mehr als im London der damaligen Zeit. Zwölf Quadratkilometer umfasste die Siedlung in der Nähe des Zusammenflusses von Missouri und Mississippi. Zum Vergleich: Washington, die Hauptstadt der Vereinigten Staaten, bedeckte um 1800 gerade mal die Hälfte dieser Fläche. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Cahokia mit seinen 120 Pyramiden, den dreidimensionalen Kalendern, den Sportwettkämpfen und seinen farbenprächtigen Opferzeremonien für die Götter längst zum Reich der Mythen und Legenden.
Ein Geschlecht von Riesen habe die bis zu 30 Meter hohen Pyramiden (Mounds) errichtet, mutmaßten Reisende. Henry Marie Brackenridge, ein Freund des früheren US-Präsidenten Thomas Jefferson, notierte 1811: »Als ich den Fuß des größten Hügels erreichte, hätte mein Erstaunen nicht größer sein können als beim Anblick der ägyptischen Pyramiden. Was für ein fantastisches Monument aus Erde!« Kaum jemand hatte den eingeborenen Stämmen solche Bau-werke zugetraut. Nomadische Jäger, die in Zelten hausten, sollten eine Metropole nach einem ausgeklügelten Plan angelegt haben? Undenkbar!
Erst in den 1950er Jahren befassten sich Archäologen systematisch mit Cahokia. Da war es beinahe zu spät: Jahrhundertelang hatten Farmer die Hügel untergepflügt und wertvolle Spuren verwischt. Die rasche Ausdehnung der Stadt St. Louis tat ein Übriges. Wo früher Kultstätten die Landschaft bestimmten, schlängeln sich heute mehrspurige Highways, drängeln sich Motels, Tankstellen, Fabriken. Seit 1979 schützt die Cahokia Mounds Historic Site zumindest einen Teil des Areals.
Unterdessen versuchen Forscher, die verstreuten Puzzleteile über die indianische Hochkultur zu einem stimmigen Bild zusammenzulegen. Den jüngsten Versuch wagt Timothy R. Pauketat in seinem Buch »Cahokia – Ancient America’s Great City on the Mississippi«.
Seine Überlegungen eröffnet der Professor für Anthropologie an der Universität von Illinois gleich mit einem »Big Bang«. Im Sommer 1054 explodiert ein Stern mit der zehnfachen Sonnenmasse im Sternbild Stier. Die Supernova leuchtet zeitweise viermal so hell wie die Venus. 23 Tage lang ist sie weltweit sogar tagsüber zu sehen und bleibt für zwei Jahre ein markanter Fixpunkt am Himmel. Genau in diesem Zeitraum geschieht am Mississippi Merkwürdiges. Ein großes Dorf mit etwa tausend Einwohnern, das die Archäologen Alt-Cahokia nennen, wird dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für die atemberaubend kühne Struktur einer neuen Stadt zu schaffen.
Das Zentrum der neuen Metropole bildet ein riesiger Versammlungsplatz – 480 Meter lang, 270 Meter breit. Außerdem entstehen mehrere von Baumstämmen definierte Kreise mit bis zu 125 Meter Durchmesser. Mithilfe dieser Observatorien lassen sich die Daten der Sommer- und Wintersonnenwende präzise berechnen. »Woodhenge« taufen die Forscher so einen Zirkel, in Anlehnung an das englische Stonehenge. Auch die Hauptachsen von Cahokia folgen prägnanten Himmelskonstellationen.
Der kosmische Knall muss das Weltbild der damaligen Bewohner nachhaltig erschüttert haben. Wie die Herrscher den radikalen Neuanfang im großen Stil rechtfertigten, wird man nie erfahren. Schriftliche Zeugnisse aus Cahokia existieren nicht. Selbst ihren Namen bekam die Stadt erst Jahrhunderte nach ihrem Untergang. Als Pate diente eine benachbarte Sippe, die aber erst um 1600 in die Gegend einwanderte. Doch die Funde der Archäologen – Knochen, Steine, Scherben – sprechen eine deutliche Sprache.
Die Relikte verweisen auf den breiten Strom von Schöpfungsgeschichten, aus dem sich die Legenden vieler Eingeborenenstämme Nord- und Mittelamerikas speisen. Strahlende Helden kommen darin vor, die Anthropologen als Personifizierungen des Morgen- und Abendsterns deuten. Ebenso sieben Söhne – mögliche Verkörperungen des Siebengestirns der Plejaden.
Im Mittelpunkt aber steht ein rivalisierendes Brüderpaar: die Kinder der Sonne. Ein Knabe eilt in wechselnder Gestalt als gefiederter Pfeil, Donnervogel oder Blitz dahin. Der andere gilt als launischer Geist und hat die Angewohnheit, Schmuckmuscheln zu spucken. Ihr Vater wird in manchen Überlieferungen »der Menschenschädel als Ohrringe trägt« genannt oder »Rotes Horn« wegen seiner beeindruckenden Stirnlocke. Die Mutter hat die Züge einer Fruchtbarkeits- oder Maisgöttin.
Diese gottgleichen Wesen sind die Hauptdarsteller eines gigantischen Dramas vom Werden und Vergehen, das auf den Pyramiden-Plateaus aufgeführt wird. Die blutrünstigen Festspiele tragen den Ruhm Cahokias Hunderte von Meilen in die Wälder des Nordens und die Prärien des Westens. Und sie beschäftigen die Wissenschaft bis heute.
In einem der Hügel, der exakt nach der Sommer- und Wintersonnenwende ausgerichtet ist, finden Archäologen 1967 das Grabmal zweier Männer. Einer von ihnen ist in ein Fellcape gehüllt, das den Umrissen eines Falken oder Donnervogels mit ausgebreiteten Schwingen gleicht. Der zweite liegt in einem Bett von 20 000 Schmuckmuscheln. Im Umkreis befinden sich sorgfältig arrangierte Skelette. Darunter sieben Tote unter einem Berg von Opfergaben. Spielten sie die Rolle der Plejaden-Brüder?
Ebenfalls außergewöhnlich erscheinen vier Männer mit untergehakten Armen, ohne Köpfe und Hände. Nach Meinung von Experten bildet das Quartett eine Art makabren Kompass mit Bezug zu den vier Himmelsrichtungen. An anderer Stelle sind 18 Skelette
zu einem Stern arrangiert. Hinzu kommen Pfeilbündel aus dunklem Stein, die nach Südosten weisen, und Pfeilspitzen aus hellem Stein, die nach Nordwesten zeigen – in die Richtungen der Sonnenauf- und -untergänge zu den Tages-undNachtgleichen. Eine Abfallgrube enthält die Überreste üppiger Gelage: die Gerippe von 4000 Rehen und Hirschen und Millionen Tabaksamen.
Timothy R. Pakutat vermutet aufgrund der Funde, dass der Mythos um die Sonnenkinder in ausschweifenden Zeremonien aufgeführt wurde. Und er schließt nicht aus, dass ein anderes, bei manchen Stämmen übliches Ritual hier seinen Ursprung nahm: die vermeintliche Wiederauferstehung toter Häuptlinge. Diese magische Show sollte die Nachfolge legitimieren. Zunächst wurden die sterblichen Überreste des Herrschers den Zuschauern präsentiert. Unter allgemeiner Verblüffung nahm dann der neue Herrscher im Dunst von Rauchschwaden oder mithilfe anderer Bühnentricks den Platz seines verstorbenen Vorgängers ein.
Wie ein Spiegelbild anderer Hochzivilisationen muten die wichtigsten Elemente des Cahokia-Kults an: gefiederte Götter, Pyramiden, blutige Rituale. Die Parallelen zu Azteken und Maya sind unübersehbar. Zwar existierten pyramidale Erdaufschüttungen in Nordamerika schon länger als bei den südlichen Nachbarn. Feinde zu opfern war ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Dennoch spekulieren Experten, dass es nach dem Auftauchen der Supernova zu einem Austausch mit den mittelamerikanischen Völkern kam. Möglich, dass sich eine Expedition von Cahokia aufmachte, um bei den angesehenen Astrologen im Süden Aufschluss über das Himmelsphänomen zu erhalten. Bei ihrer Rückkehr verschmolzen die Abgesandten dann eigene Erkenntnisse und Traditionen mit den fremden.
Dabei boten sie ihren Untertanen weit mehr als Blut und Schauspiele. Mit der Erfindung von sportlichen Wettkämpfen schufen sie eine Möglichkeit, Konflikte zwischen Stämmen oder Kriegern friedlich beizulegen. Der ebene große Platz im Zentrum der Stadt diente als Austragungsort für Chunkey. Die Regeln dieses Spiels waren simpel: Die Teilnehmer versuchten, mit dem gleichzeitigen Wurf ihrer mit Lederfransen verzierten Speere den Haltepunkt einer rollenden Scheibe von etwa sieben Zentimeter Durchmesser zu bestimmen. Zuschauer schlossen Wetten auf den möglichen Sieger ab. Dabei gab es jede Menge Chunkey-Junkies. Manche verspielten ihren kompletten Besitz, gelegentlich sogar ihr Leben.
Über die Jahrhunderte verbreitete sich die Champions League der rollenden Steine in alle Richtungen bis nach Minnesota und Florida. Die Vorliebe für Chunkey blieb neben besonders geformten Dolchen im mittelamerikanischen Stil nicht der einzige erfolgreiche Exportartikel. Auch modisch setzte Cahokia Trends. Kreisrunder Ohrschmuck mit eingeritzten Gesichtern machte aus jedem Krieger eine Mini-Version von »der Menschenschädel als Ohrringe trägt«.
Doch nach zwei bis drei Jahrhunderten schien die Faszination der mächtigen Indianerstadt am Mississippi aufgebraucht. Und beim Rüstungsrennen gegen die Nachbarn zog man möglicherweise den Kürzeren. Lange galten die Cahokianer mit ihren Schilden, Streitäxten und Rüstungen aus dick wattiertem Stoff als kaum verwundbar. Doch irgendwann verschanzten sie sich lieber furchtsam hinter Palisadenwällen.
Vielleicht kapitulierten Cahokias Häuptlinge auch vor der Aufgabe, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Ausgelaugte Böden oder die Vorboten einer »kleinen Eiszeit« dürften die Getreideproduktion vermindert haben. Ebenso rätselhaft wie der plötzliche Aufstieg des Indianer-Imperiums ist jedenfalls um 1200 sein Ende – nach zweihundert Jahren.
Für die Wissenschaft gibt es also noch einige Lücken des Cahokia-Puzzles zu füllen. Während die Archäologen in der Gegend um St. Louis nach weiteren Relikten fahnden, erfüllen wieder Gesänge und Trommelklänge das Gelände, das einst vom Blut unzähliger Opfer getränkt war.
Regelmäßig treffen sich hier Native Americans zu ihren Powwows. Vor jeder Feier verbrennen sie eine Mischung aus Zederspänen, Kiefernsamen und Salbei und fächeln den Rauch mit einer Adlerfeder in alle Richtungen. Nur so lassen sich die Geister der kriegerischen Ahnen beschwichtigen.
- Serie Gesellschaft im Wandel: Teil 6
- Kultur & Gesellschaft
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