Den meisten Lärm machen die Demokraten, wenn sie auf ihr Recht pochen.
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Würdigung im Jahr der Geisteswissenschaften 2007
Der Bürger ist zum Co-Forscher geworden
Die Sozialwissenschaften als Anverwandte der Geisteswissenschaften haben in Deutschland in den letzten beiden Dekaden eine stille Revolution vollbracht. In Fragen ihrer Gesundheit weitgehend unmündige Menschen reiften zu aufgeklärten und verantwortungsvollen Bürgern. Das brachte der Sozialpsychologe Professor Heiner Keupp anlässlich des 20. Jubiläums des Münchner Selbsthilfezentrums zum Ausdruck. Von Angehörigen Alzheimerkranker über depressive türkische Frauen, Angstgestörte und Inzestopfer bis zu Zeckenbissinfizierten und Getreideallergikern: In der Isarmetropole gibt es 1500 verschiedene Selbsthilfegruppen mit 50 000 Aktiven, die gemeinsam nach Lösungen ihrer Beschwerden suchen und so das Gesundheitssystem erheblich entlasten.
Erfolg der Zivilgesellschaft
Eine Gesundheitsreform von unten
Das würdigte auch Münchens Zweite Bürgermeisterin Christine Strobl, die die Pionierrolle der Stadt in der Selbsthilfebewegung unterstrich. Deutschlandweit gibt es mittlerweile 100 000 dieser Organisationen mit drei Millionen Teilnehmerinnen – das ist mehr als die Parteien Mitglieder haben. Was die Politiker bisher nicht zustande brachten, haben die Bürger realisiert: eine große Gesundheitsreform, von unten. Selbsthilfe fußt auf dem Empowermentansatz, der Betroffene als Experten in eigener Sache anerkennt, während sie im herkömmlichen Gesundheits- und Fürsorgewesen eher als hilflos angesehen und bevormundet werden. Die Aktivierungsstrategie setzt große Selbstheilpotenziale, die wiederum die Medizin und Sozialforschung befruchten.
Thesen für die Debatte
„Demokratie-Cent“ und eine „Zivil-Kammer“?
Im Folgenden stellen wir entscheidende Passagen aus einem zu diesem Ereignis herausgegebenen Buch vor: „20 Jahre Selbsthilfeunterstützung in München – Jubiläumspublikation für Interessierte, Engagierte und Professionelle“ kann beim Selbsthilfezentrum München (info@shz-muenchen.de) bestellt werden. Aus dem Inhalt lassen sich drei Thesen ableiten, die hier wie auch im P.M. Open-Science-Blog zur Diskussion gestellt werden, nicht zuletzt auch als ein Beitrag zum Jahr der Geisteswissenschaften 2007 :
1. Die strenge Abschottung von Wissenschaft und Zivilleben ist hinfällig, die Grenze ist aufgehoben, in der Selbsthilfe ist der Bürger zum wichtigen Partner und Co-Forscher der Wissenschaft und des Gesundheitssystems geworden. Das ist ein wichtiger neuer Punkt in der Debatte um die Zivilgesellschaft. Sie ist kein „Pudding, den man an die Wand zu nageln versucht“ - so ein polemisches Bonmot des Soziologen Ulrich Beck, sondern konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit mit großem volkswirtschaftlichen Nutzen.
2. Daraus folgt, dass Zivilgesellschaft und Selbsthilfe als Motor der sozialen Entwicklung und Problemlöser viel mehr gefördert werden müssen. Wie regelmäßig beklagt, der Zuschuss der Krankenkassen an die Selbsthilfe ist viel zu gering und sollte erhöht werden, des weiteren sind die Rentenversicherer gefordert. Überlegenswert wäre auch eine Forderung von Staatsministerin a.D. Hildegard Hamm-Brücher nach einem „Demokratie-Cent“: ein Prozent der staatlichen Zuwendungen an die Parteien an zivilgesellschaftliche Organisationen abführen.
3. Zivilgesellschaft und Selbsthilfe als eine Säule des Staates müssen auch politisch mehr partizipieren, zum Beispiel durch Einrichtung einer Kammer, in die zivilgesellschaftliche Organisationen Vertreter entsenden und die mit ihrem Knowhow das Parlament berät. Diese Forderung wurde erhoben vom „Bündnis zur Erneuerung der Demokratie“(BED) bei einem von ihr einberufenen Rechenschaftsbericht der Münchner Bundestagsabgeordneten, wie auch bei Empowerhaus berichtet.
Martin Stummbaum, SHZ-Leiter
Selbsthilfe basiert auf Empowerment
Die kommunale Förderung und Unterstützung von Selbsthilfe als bürgerschaftlichen Engagement kann in Deutschland auf eine über zwanzigjährige Tradition zurückblicken. Im Jahre 2004 engagierten sich über drei Millionen Bürger/innen in 70 000 bis 100 000 Selbsthilfegruppen (Robert Koch Institut 2004).
Professionelle Selbsthilfeunterstützung orientiert sich am Empowerment Konzept (vgl. Herriger 2002 u. Stark 1998). Es stammt aus der amerikanischen Gemeindepsychologie und beinhalten die Förderung der Fähigkeit zur Selbsthilfe und Selbstgestaltung.
Selbsthilfegruppen ermöglichen partizipatives Lernen.
Eva Kreling, stellv. SHZ-Leiterin
Wie wirken Selbsthilfegruppen
Es werden Selbstheilpotenziale und individuelle Stärken aktiviert. Der passive Patient wird so zu einem aktiv Handelnden – das "Opfer zum Täter" im Sinne von "Tuendem", jemand, der sich stärker selbst verantwortlich fühlt für sich und für andere.
Diese Gemeinschaft von Menschen, die füreinander da sind und miteinander handeln, hat einen Wert für sich: sie garantiert das Gefühl, nicht länger alleine klarkommen zu müssen und in einer Gruppe aufgehoben zu sein, in der alle ein Thema haben oder unter einer Krankheit leiden und daran aktiv arbeiten. In einer Gesellschaft, in der traditionelle Familienstrukturen immer seltener anzutreffen sind und die Struktur einer Großstadt Anonymität und Vereinsamung fördert, ist ein soziales Netz von unbeschreiblichem Wert.
Es werden Lösungen in der Gruppe entwickelt bis hin zu direkten Unterstützung und Hilfe untereinander. Die Gruppenmitglieder stehen zur Verfügung.
Das Wissen, das in den Gruppen zusammengetragen wird und mit dem sich die Mitglieder untereinander und nach außen befassen und beraten, ist "ganzheitlich". Es umfasst alle Bereiche des Lebens: bei Gesundheitsgruppen zum Beispiel die Medizin, die Psychologie, die Rechtsberatung, die Sozialberatung. Das Wissen besteht aus der persönlichen Erfahrung und aus dem Sachwissen und ist als selbst erlebtes Wissen – sozusagen "getestet und für gut befunden".
Der Gegensatz hierzu ist der asymmetrische, hierachische Beziehung etwa zwischen dem Sozialarbeiter und dem Klient, dem Arzt und dem Patienten, in der die Selbstheilungskräfte der Klienten und Patienten manchmal leider eher geschwächt als gestärkt werden.
Durch diese Faktoren werden die Selbstheilungskräfte und Stärken aufgebaut:
-> Ich werde ernst genommen und verstanden – so, wie ich bin
-> Mein Thema wird ernst genommen
-> Da sind Menschen, denen ich vertrauen kann
-> Gemeinsam stellen wir was auf die Beine
-> Ich bin in einem sozialen Netz, wo ich Unterstützung und Hilfe erfahre
Daraus entsteht:
-> Entspannung, Sich-fallen-lassen
-> Sich-nicht-mehr-allein-fühlen, aus der Isolation treten
-> Freude und Hoffnung wiedergewinnen und aufbauen
-> Fähigkeiten weiterentwickeln
Selbsthilfe ist neben ambulanter, stationärer und rehabilitativer Versorgung eine wichtige vierte Säule im Gesundheitswesen (Zitat: Horst Seehofer).
Wolfgang C. Goede, Gerhard Schick, MASH-Gründer und Leiter
Ein mutiges Modell macht in ganz Deutschland Schule
Goede_MASH.pdf
Hier wird beschrieben, wie die Angsthilfe und Angstselbsthilfe in München entstand und wie sie funktioniert.
Ulrike Seegers, Dr. Sergej Saizew, Kassen-Vertreter
Warum die Krankenkassen die Selbsthilfe fördern
Es ist unbestritten, dass ohne die Selbsthilfe in ihrer heutigen Erscheinungsform die Situation vieler chronisch Kranker schwieriger wäre: Sie macht Betroffene zu Beteiligten, zu "Experten in eigener Sache". Die Struktur der Selbsthilfe ist zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil des medizinischen Versorgungssystems in Deutschland geworden.
Joachim Lorenz, Gesundheitsreferent der Stadt München
Wie die Öffentlichkeit an der Selbsthilfe verdient
Für jeden Euro, den die Kommune für die Selbsthilfe einsetzt, kommen ca. Drei weitere Euro durch das Engagement der Betroffenen hinzu. Die Selbsthilfe deckt Versorgungslücken des professionellen Versorgungssystems auf und schafft neue Strukturen. Diese entlasten und stützen die kommunale Arbeit im Gesundheitsbereich.
Inzwischen registriert das Selbsthilfezentrum München etwa 1500 Selbsthilfegruppen, davon zählen ungefähr 75 Prozent zu Gesundheitshilfegruppen und ca. 470 Gruppen fallen unter soziale Gruppen.
Die Krankenkassen stellten für die Münchner Selbsthilfegruppen 2004 ca. 170 000 Euro zur Verfügung. Ob diese Ausschüttung den Richtwert (0,53 Euro pro Versicherte/n9) für München erfüllt, ist nicht bekannt (bundesweit wurden 2004 nur ca. 60 % des Richtwertes durch die Krankenkassen ausgeschüttet)
Johannes Wiedemann, Prof. f. Gesundheitsförderung FH München
Teilnahme an Selbsthilfegruppen hilft schneller gesund werden
Vor 20 Jahren war es eine emanzipatorische Tat, sich die Anerkennung der eigenen Selbsthilfeaktivitäten gegen ein wohlfahrtsstaatliches, aber autoritär bevormundendes Gesundheitssystem zu erkämpfen. Der "mündige", der "aufgeklärte" Patient, das waren damals die wichtigsten Schlagworte.
Rudi Merod, Diplompsychologe
Jeder ist Fachmann seiner selbst
Gesundheit und Krankheit sind zwei unabhängige Faktoren. Dieses Modell legt die Erwartung nahe, dass Patienten gesunde Anteile haben und führt notwendigerweise dazu, dass diese gesunden Anteile gesehen und therapeutisch gefördert werden. Dies relativiert gleichzeitig die Sichtweise, dass Gesundheit "nur" das Gegenteil von Krankheit ist bzw. Gesundheit dadurch erreicht werden kann, dass Krankheit beseitigt wird.
Jeder Patient sollte der Fachmann seiner Störung sein, der maximal informiert ist. Dadurch wird er auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit und Zugang zu subjektiven Ressourcen haben.
Die Therapeuten sind Dienstleister, die die Aufträge ihrer "Kunden" zu erfüllen haben. Und in diesem Auftragsverhältnis hat Selbsthilfe eine wichtige Bedeutung.
Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu mehr Unabhängigkeit zu führen – Abhängigkeiten von Therapeuten/innen stehen dem diametral entgegen.
Heiner Keupp, Prof. für Sozialpsychologie LMU München
Selbsthilfe und zivilgesellschaftliches Engagement
Was ist Selbsthilfe? Für mich ist sie eine Lernwerkstatt für die Zivilgesellschaft.
Es lässt sich mit guten Gründen die These vertreten, dass sich in einem neuen Sozialbewusstsein die Ideen und Energien zeigen, die die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland mindestens im gleichen Umfang herstellen und sichern wie die ökonomischen Standortbedingungen, die aber die öffentlichen Diskurse fast vollständig dominieren. Gerade in den Projekten des Bürgerschaftlichen Engagements und der Selbsthilfe wird dieses neue Sozialbewusstsein besonders greifbar.
In einer zunehmend verbetriebswirtschaftlichten Welt wird man den Wert einer Sache allerdings auch in harter Währung ausdrücken müssen: Das für Selbsthilfe ausgegebene Geld fließt zu einem großen Teil wieder zurück und fördert damit das Bruttosozialprodukt.
Pro 100 DM öffentlicher Zuschüsse werden weiter 50 DM private Ausgaben bei den Selbsthilfe-Initiativen angestoßen. Die somit von den Selbsthilfe-Initiativen ausgegebenen 150 DM führen zu einer Staatsquote am Bruttosozialprodukt von rund 50 %, zu Einnahmen der öffentlichen Hand von 75 %, sodass die Nettoausgaben nur 25 % der Bruttoausgaben betragen (Kandler, 1995).
Hinzu kommen Effekte, die durch Selbsthilfegruppen bei den Teilnehmern selbst bewirkt werden, z.B. Rückgang der Erkrankungen, geringere Medikamenteneinnahme, Verminderung der Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Dienste mit den entsprechenden Nutzen für Krankenkassen und Arbeitgeber. Eine Modellrechnung am Beispiel der Münchner Angst Selbsthilfe (MASH) ergibt Einsparungen in einer geschätzten Höhe von 1,8 Mio DM für die öffentliche Hand und zirka 400 000 DM für die Arbeitgeber. Pro 100 DM Zuschuss ergibt sich ein Effekt für die öffentliche Hand in Höhe von 1500 DM (Kandler).
Es geht um die Frage, ob es im politischen Feld wirklich zu einem Paradigmenwechsel von einem orbigkeitlichen-fürsorglichen zu einem aktivierenden und ermöglichenden Staat kommt.
Selbsthilfe und Bürgerengagement nicht als "Notstromaggregat" des von Haushaltssperre zum Stottern gebrachten Staatsmotors, sondern als gestaltendes und nachhaltig wirksames Prinzip gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung.
Die Stadt München braucht das Selbsthilfezentrum nicht als klassisches soziales Dienstleistungsunternehmen, sondern als "soziale Experimentierbaustelle" und als einen Ort, an dem "emanzipatorische Antworten auf Risiken der aktuellen Modernisierungsprozesse" gesucht werden.
Wolfgang C. Goede, Journalist
Demokratie ist, wenn jeder mitmacht. Auf der ganzen Welt!
Goede_Demokratie.pdf
Dieser Beitrag entstand ursprünglich zum 25. Jubiläum von P.M. und forscht der Selbsthilfe und der Selbstorganisation in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft nach.
Eva Kreling, stellv. SHZ-Leiterin
Kooperationen – Thema der Zukunft
Selbsthilfegruppen informieren sich bei Fachleuten über Diagnosen und Therapien ... So verbessern sie die Qualität der Gruppenarbeit. Umgekehrt informieren sich zunehmend Ärzte und Professionelle bei Selbsthilfegruppen, da hier ganz spezielles Wissen zu jeweils einer Erkrankung gesammelt wird.
Selbsthilfegruppen unterstützen die Betroffenen außer durch Information und Erfahrungsaustausch insbesondere "psychologisch": Sie helfen, die Diagnose zu verkraften, die Krankheit anzunehmen und die Behandlung aktiv zu ergänzen.
Das Wissen zur Bewältigung der Krankheit im Alltag haben die Betroffenen, die täglich Erfahrung sammeln – nicht die Ärzte.























