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Das zweite Gesicht: Was ist das? Wer hat es?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Die Bilder kommen unerwartet, ungebeten und mit einer Klarheit, der sich »Sehende« nicht entziehen können. Oft scheinen solche »Gesichte« wichtige Botschaften zu enthalten. Was steckt hinter diesem unheimlichen Phänomen?
Der Junge wird in einem Pariser Krankenhaus wegen einer schweren Infektionskrankheit behandelt. Als sich die junge Ärztin Elisabeth Laborde-Nottale für ein paar Minuten zu ihm ans Bett setzt, sagt das Kind völlig unvermittelt: »Jetzt haben wir´s. Michel ist auf die Schnauze gefallen.« Die mysteriöse Aussage erweist sich schon wenig später als wahr. Michel, ein Zimmergenosse des Jungen, stürzt auf dem Weg zu einer Untersuchung und verletzt sich dabei am Kopf.
Auf Nachfragen, woher er von dem Unfall wusste, kann der Junge nur wenig sagen. Er habe es einfach gesehen. Das Erlebnis beeindruckt Dr. Laborde-Nottale so sehr, dass sie viele Jahre später damit beginnt – sie hat sich inzwischen als Psychoanalytikerin in Paris niedergelassen –, nach möglichen psychischen Hintergründen für das »zweite Gesicht« zu forschen. Eine mutige Entscheidung, wie sie bald feststellt. Denn alles, was mit so genannten paranormalen Erscheinungen zu tun hat, ist heikles Terrain – zumindest für jemanden, der seinen wissenschaftlichen Ruf nicht aufs Spiel setzen möchte. Weshalb das bereits seit der Antike bekannte Phänomen des »Sehens« bis heute zu den am wenigsten erforschten psychischen Phänomenen gehört.
Was ist das »zweite Gesicht?«
Der isländische Pfarrer Hallgrimur Sveinsson kann es sich später selbst nicht erklären: Als ein Freund zu Besuch kommt, sieht er ihn völlig durchnässt ins Zimmer treten. Ein Trugbild? Der Anzug des Mannes ist in Wirklichkeit völlig trocken. Doch einen Tag später wird seine Leiche – tropfnass – aus dem Meer gezogen, er ist mit seinem Fischerboot gekentert und ertrunken. Ein typisches Beispiel für das »zweite Gesicht«, neben vielen anderen steht es in Wilhelm Tenhaeffs Standardwerk über unheimliche Erscheinungen (»Das zweite Gesicht«, 1979).
Der 1981 verstorbene niederländische Psychologe und Völkerkundler definiert darin »Gesichte« (von mittelhochdeutsch: Erscheinungen) als Bilder, die hinter geschlossenen Augen auftauchen oder sich, wie beim isländischen Pfarrer, für kurze oder auch längere Momente vor das Gesichtsfeld schieben. Sie kommen unerwartet, ungebeten, oft genug auch unerwünscht. Dabei sind sie so intensiv und werden als so »ich-fremd« erlebt, dass sie sich klar von selbst gesponnenen Fantasien und Tagträumen unterscheiden.
Über dieses Phänomen wurde schon im antiken Griechenland spekuliert, die Bezeichnung »zweites Gesicht« ist seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich. Manchmal sind die geheimnisvollen Bilder auch von Geräuschen oder Worten begleitet. Das Phänomen des »zweiten Gehörs« ist aber selten, weil – wie Tenhaeff vermutet – Menschen schon seit Langem eher visuelle als hörende Wesen sind.
Was sehen die Menschen mit dem »zweiten Gesicht«?
Fast immer unangenehme Dinge wie Todes- und Unglücksfälle, Leichenzüge, sehr häufig Brandkatastrophen, manchmal Kriege. Seltener handelt es sich um glückliche Ereignisse, wie etwa eine Schwangerschaft. Das ist sicher ein Grund, warum das »zweite Gesicht« als so unheimlich empfunden wird. Wilhelm Tenhaeff berichtet, dass Menschen, die bekannt waren für die Gabe des Sehens, nicht nur bewundert, sondern auch ängstlich gemieden wurden. Man hielt sie für Unglücksbringer.
Auch den Betroffenen selbst oder ihren Angehörigen ist das Phänomen unheimlich. Kinder, die »sehen« können, werden meist zum Stillschweigen verdonnert oder sogar beschimpft. Die Münchner Malerin Martina Geesen (Name von der Red. geändert) hatte als kleines Mädchen mehrmals Menschen aus ihrem Umfeld im Sarg liegend gesehen – wenige Tage bevor sie tatsächlich, zum Teil überraschend, starben. Für die Eltern waren die »Gesichte« der Tochter der pure Horror.
Wer hat das »zweite Gesicht«?
Ein besonders spektakuläres Beispiel für einen Menschen mit dem »zweiten Gesicht« war der 1980 verstorbene Niederländer Gerard Croiset. Seine erste Erfahrung mit der sonderbaren Begabung machte er als Lehrling bei einem Uhrmacher. Als er die Uhr eines Kunden reparieren sollte, überfielen ihn Bilder aus dem Leben dieses ihm völlig unbekannten Mannes, bei einer Überprüfung erwiesen sie sich allesamt als korrekt. Im Leben von Gerard Croiset gab es eine einzige Auffälligkeit: Mit acht Jahren wäre er fast ertrunken.
Auch in den Biografien der Menschen, welche die französische Ärztin Elisabeth Laborde-Nottale für ihre Recherchen durchforstete, fand sie auffällig oft traumatische Kindheitserlebnisse, zum Beispiel Trennungen von der Mutter oder lange Krankenhausaufenthalte. (Dieser Zusammenhang scheint auch moderne Filmemacher zu inspirieren: In der kürzlich ausgestrahlten Polizeiruf 110–Folge »Mit anderen Augen« hat der Profiler Zermahlen das »zweite Gesicht«, nachdem er als Kind lange im Koma lag.)
Elisabeth Laborde-Nottale hält es daher für möglich, dass Menschen durch seelische Erschütterungen wieder Zugang bekommen zu einer frühkindlichen Bewusstseinsstufe, in der das Ich noch mit allem verbunden ist und »telepathisch« mit der Welt kommuniziert. – Sehr häufig wurde auch schon ein Zusammenhang zwischen einem Leben als Einzelgänger und der Gabe des Sehens vermutet – weshalb im Volksglauben bevorzugt Schäfern das »zweite Gesicht« nachgesagt wird.
Eine andere Spur entdeckte der deutsche Psychologe Karl Schmeing bei Untersuchungen in den 1950er-Jahren: Er stellte bei Menschen mit dem »zweiten Gesicht« eine ausgeprägte »eidetische Veranlagung« fest. (Von Eidetismus spricht man bei Menschen mit geradezu fotografischem Gedächtnis; bei ihnen sind die normalerweise eher verschwommenen inneren Erinnerungsbilder gestochen scharf. Diese Fähigkeit ist bei Kindern sehr verbreitet, lässt ab dem zehnten Lebensjahr meist nach.)
Alle diese Einzelstudien und -aussagen können das Phänomen des »zweiten Gesichts« allerdings nicht befriedigend erklären. Dafür ist es viel zu breit gestreut: Kinder und alte Menschen, Gesunde und Kranke, Männer und Frauen können es haben. Eines ist allerdings auffällig: In einigen Regionen Europas gab es immer besonders viele »Sehende« – allen voran Island und Schottland. Die Gabe der »second sight« war in Schottland früher sogar so verbreitet, dass man die Bewohner für »besessen« hielt. Bei uns galten bis ins 20. Jahrhundert hinein das Münsterland und Nordfriesland als klassische Domänen der »Spökenkieker«.
Haben auch heute viele menschen das »Zweite Gesicht«?
In Island hat das »Sehen« bis heute Tradition, gilt dort als erblich. Der isländische Filmemacher Fridrik Thor Fridriksson (bekannt vor allem durch »Kinder der Natur«, 1991) hat nach eigenen Angaben selbst eine »sehende« Tochter und schätzt, dass es in allen isländischen Familien Mitglieder gibt, die »skyggn« (sehend) sind. Man hat schon die wunderlichsten Theorien über diese Tatsache angestellt, etwa die Nähe Islands zum Nordpol mache die Menschen hellsichtig. Doch ein entscheidender Grund könnte sein, dass das »zweite Gesicht« dort kulturell eingebunden ist, also weniger Angst erzeugt, und daher auch nicht totgeschwiegen oder unterdrückt wird.
Ansonsten scheint sich die sonderbare Begabung in Europa aber tatsächlich rarer zu machen. Viele Gründe sind denkbar, zum Beispiel die zunehmende Reizüberflutung mit Bildern und die dichtere Besiedlung. Manche Wissenschaftler haben auch schon spekuliert, dass es sich beim »zweiten Gesicht« sowieso nur um einen Atavismus handelt – also das sporadische Auftauchen einer Fähigkeit aus einem früheren Entwicklungsstadium des Menschen; in Urzeiten war sie möglicherweise Teil eines überlebenswichtigen Frühwarnsystems, das aber mit der Zeit an Notwendigkeit einbüßte, sodass auch die Fähigkeit zum »zweiten Gesicht« immer seltener wurde.
Und die Tiere? Warnt sie das »zweite Gesicht« noch immer?
Über die paranormalen Fähigkeiten von Tieren ist schon viel und mit verblüffenden Ergebnissen geforscht worden. Doch meist vermuten Wissenschaftler bei ihnen eher so etwas wie »Vorgefühle« als innere Bilder. Ein gruseliges Experiment wurde in der parapsychologischen Abteilung der Universität Edinburgh unternommen: Die Forscher untersuchten die Aktivitätsmuster von 16 gesunden Ratten, dazu wurden die Bewegungen der Tiere auf einer in Quadrate unterteilten Fläche gemessen.
Vor dem zweiten Durchlauf wurden acht Ratten ausgewählt, die nach dem Experiment getötet werden sollten. Während sich die verschonten Ratten annähernd so verhielten wie bei der ersten Runde, waren die Todeskandidaten wie versteinert, bewegten sich kaum noch vom Fleck.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem »zweiten Gesicht« und dem Hellsehen?
Hellseher arbeiten professionell mit »Gesichten« und Intuitionen. Die meisten von ihnen haben wohl tatsächlich die Gabe des Sehens. Das Problem ist aber: Die Bilder lassen sich nicht auf Knopfdruck herbeirufen, sie kommen, wann sie wollen. (Die Unmöglichkeit, paranormale Wahrnehmungen willentlich zu produzieren, macht die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens ja gerade so schwierig.)
Wie problematisch professionelles Arbeiten mit dem »zweiten Gesicht« ist, zeigt auch der Fall des schon erwähnten hellsichtigen Gerard Croiset. Er wurde weltweit berühmt, weil er in mehreren Fällen den Fundort von Mordopfern exakt gesehen hatte, einmal auch eine detaillierte (und richtige) Beschreibung eines Täters geben konnte. 1966 forderte ihn die australische Polizei an zur Aufklärung im Fall der »Beaumont-Kinder«: Die drei Kinder einer Milliardärsfamilie waren im Januar spurlos von einem Strand bei Adelaide verschwunden. Doch Croiset konnte nicht helfen. Die Gabe des Sehens schien ihn weitgehend verlassen zu haben.
Lässt sich das »zweite Gesicht« also nicht trainieren?
Das wurde schon immer versucht, in der magischen Kultur Südamerikas zum Beispiel mit halluzinogenen Drogen oder – wie in manchen afrikanischen Ländern – mit komplizierten Zähltechniken, die Trancezustände erzeugen. Der zu seiner Zeit (18. Jahrhundert) sehr bekannte Dorfprophet Benedikt Kunz aus dem badischen Eichstetten ging in »heiligen Nächten« an bestimmte Wegkreuzungen, um dort Gesichte zu empfangen.
In der vor wenigen Wochen ausgestrahlten Tatort-Folge »Das zweite Gesicht« bedient sich die Seherin Roswitha Brehm einer magischen Kette, die sie wie einen Rosenkranz durch die Finger gleiten lässt. Deren visionäre Kraft geht dann sogar auf den ungläubigen Kommissar Thiel über. (Das Thema »zweites Gesicht« hat übrigens nicht nur in deutschen Fernsehkrimis Konjunktur, auch im US-Fernsehen gibt es inzwischen viele Profiler und Kommissare mit paranormalen Fähigkeiten.)
Doch die einzige Verhaltensweise, die anscheinend wirklich unterstützend wirkt: Die »Gesichte« werden vom Seher selbst und seiner Umwelt ernst genommen. Erzwingen lassen sie sich trotzdem nicht. Bemerkenswert übrigens, dass manche Betroffene ihre Gabe eher loswerden als verstärken wollen. Berühmtes Beispiel: die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), die vom »gequälten Geschlecht« der Seher sprach. Sie empfand ihre eigenen Visionen als so belastend, dass sie beschloss, ihnen keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken. Auf diese Weise wurden sie tatsächlich mit der Zeit weniger intensiv.
Lässt sich mit dem »zweiten Gesicht« in andere Dimensionen schauen?
Die Visionen der »Seher« scheinen sich völlig frei auf der Zeitachse zu bewegen. Sie ermöglichen das Erkennen längst vergangener Ereignisse. Im äußersten Nordwesten Kanadas sollen relativ viele Menschen leben, die längst Verstorbene sehen können. Oft betreffen die Visionen aber auch Vorgänge, die fast zeitgleich passieren oder unmittelbar bevorstehen, wie etwa im Fall des Jungen im Krankenhausbett. Und sie können auch zukünftige Ereignisse zeigen, wobei völlig unklar bleibt, ob in naher oder ferner Zukunft.
Ein berühmter Fall passierte in Ahausen in der Lüneburger Heide: Dort sah Anfang des 20. Jahrhunderts eine Magd namens Gret bis in kleinste Einzelheiten eine Brandkatastrophe voraus – dass ein Feuer während des Gottesdienstes in einem Haus gegenüber der Kirche ausbrechen, sich nach Norden ausbreiten und beim Hof Soundso zum Stehen kommen würde. Deutlich sah die Frau auch Männer »in fremden Uniformen« zu Hilfe kommen, einer von ihnen falle dabei vom Pferd. Weil sie als »sehend« bekannt war, wurde ihre Vision ernst genommen.
Jahrelang stellte die Dorfgemeinschaft an Kirchtagen Brandwachen auf. Weil nichts geschah, gab man es irgendwann auf. Doch 1933 kam das Feuer – genauso wie es die inzwischen verstorbene Gret vorausgesehen hatte. Die Männer in fremden Uniformen gehörten zu einer zufällig anwesenden Reiterstaffel der SA.
Solche »Zufälle« bringen auch Skeptiker in große Erklärungsnot. Ihnen gegenüber stehen aber viele bekannt gewordene Visionen und Voraussagen, die (noch?) nicht eingetroffen sind. Der US-Professor Dean Radin, ein renommierter Psychologe, der schon riesige Datenmengen über Phänomene wie das »zweite Gesicht« gesammelt hat, bringt das Dilemma auf den Punkt: »Die Realität so genannter übersinnlicher Phänomene ist nicht mehr eine Glaubenssache oder eine Sammlung kurioser Anekdoten, sondern inzwischen statistisch einwandfrei nachgewiesen.
Doch was bis jetzt fehlt, sind überzeugende Erklärungsmodelle.« Dass diese überhaupt gefunden werden können, setzt – so Robert Morris, bis 2004 Lehrstuhlinhaber für Parapsychologie an der Universität Edinburgh – einen Paradigmenwechsel, also ein völliges Umdenken, in der Wissenschaft voraus. Schließlich werfen Fähigkeiten wie das »zweite Gesicht« unter anderem die brisante Frage auf: Ist Zeit nur eine Illusion? Gibt es eine Wirklichkeit außerhalb von Zeit und Raum, zu welcher der menschliche Geist Zugang finden kann? Auf diese Fragen haben bisher nur Mystiker eine Antwort.

























