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Medien
Das neue Fernsehen– mitmachen statt nur glotzen
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Dank Bits & Bytes können Sie jetzt beim Programm mitmischen
Ein schöner Pass von Ballack auf Pizarro. Der direkt auf Makaay – oh, der Pass wird lang, gaaaanz lang und länger. Der Holländer streckt sich, und volley drischt er die Kugel ins Tor. Tor! Tor! Tor!«, brüllt der Reporter live aus dem Radio. »Live« im Radio bedeutet: Wir bekommen das Tor tatsächlich genau zu dem Zeitpunkt mit, zu dem es im Stadion fällt. Ganz so synchron ist das Fernsehen nicht immer: Wer das gleiche Spiel mit der Satellitenschüssel empfängt, sieht den Torschuss und hört den Schrei des Reporters zeitverzögert – weil Bild und Ton einen 72000 Kilometer langen Umweg zum Nachrichtensatelliten und zurück machen.
Das war beim »alten« Fernsehen so. Beim »neuen«, dem kürzlich gestarteten Digitalfernsehen per Antenne, können zwischen der Ausstrahlung der Sendesignale und der Wiedergabe auf dem Bildschirm sogar Minuten liegen – wenn wir es wollen. Denn beim Digi–TV landen die Signale zwar wie immer in unserem Fernseher – wir müssen aber nicht sofort schauen, wir können warten. Und die Zeit nutzen, um die Bilder unseren Wünschen gemäß zu bearbeiten – beispielsweise einen Spielfilm von lästigen Werbeblöcken zu befreien. Wie dieses Wunder namens »Time shifting« funktioniert, davon später.
Möglich wurde solch technischer Fortschritt jedenfalls erst dadurch, dass die digitale Kette jetzt nicht mehr an den Sendemasten der Rundfunkanstalten endet: Hier wurden die digitalen Signale bisher in analoge verwandelt und in den Äther ausgestrahlt. Beim Digital-TV kommt das Signal bis ins Haus und kann vom Zuschauer bearbeitet werden – etwa durch Time shifting. Fachleute schwärmen von einer neuen Revolution der Unterhaltungselektronik: Das neue digitale Fernsehen werde sich gegen das analoge ebenso durchsetzen wie die CD gegen die Schallplatte oder die DVD gegen die Videokassette – Pantoffelkino, also schlichtes In-die-Röhre-Gucken, das sei passé.
Aber bevor man digitale Bilder über den Äther schicken konnte, war die Frage zu klären: Wie transportiert man große Datenmengen? Antwort: durch »Datenreduktion«. Das Fernsehen sendet in jeder Sekunde 25 Bilder, die sich in unserem Kopf beim Betrachten des Monitors zu einem Bewegungsablauf verbinden. Damit dieser Eindruck entsteht, sind aber nicht 25 Vollbilder einer Szene erforderlich – es reicht im Wesentlichen, wenn man lediglich die Veränderungen zum jeweils vorherigen Bild überträgt. Beispiel Fußballübertragung: Hier ist überwiegend statischer Rasen zu sehen, auf dem sich die Kicker bewegen; immer wieder
neu gesendet werden nur die Bilder der Spieler sowie zusätzlich zwei Vollbilder, damit auch später hinzugekommene Zuschauer die Stadionszene auf den Schirm bekommen. Auf diese Weise lässt sich die Menge der übertragenen Daten um sage und schreibe bis zu 96 Prozent reduzieren. Mit dem Verfahren der Datenreduktion arbeitet übrigens auch der Zeichentrickfilm: Die Figuren bewegen sich vor einem statischen Hintergrund.
Der Ton des digitalen Fernsehens wird ebenfalls mit verringerter Datenmenge übertragen: Nur die wirklich hörbaren Frequenzen gehen auf Sendung – was unser Ohr nicht mehr wahrnimmt, wird nicht ausgestrahlt. Ebenso fallen sehr leise, unter der menschlichen Hörschwelle liegende Töne durch den digitalen Rost, wenn sie von lauteren übertönt werden. Trotz aller Reduktion – man kennt dieses Verfahren bereits vom MP-3-Player – klingen die Aufnahmen fast so, als seien sie von einer CD abgespielt.
Die Vorteile der Datenreduktion liegen auf der Hand: Weil die Trägerwellen nur vergleichsweise geringe Datenmengen transportieren müssen, ist auf ihnen noch Platz für zusätzliche Angebote, die das Fernsehen zum interaktiven TV machen. Besonders Erfolg versprechend sind Mitmachprogramme bei Quizshows, in denen es etwas zu gewinnen gibt: Man fiebert nicht nur mit den Kandidaten mit, sondern testet gleichzeitig das eigene Wissen. Wer die Quizfragen per Fernbedienung beantwortet, sieht im Fernsehbild seinen persönlichen Punktestand eingeblendet. Versuche in dieser Richtung gab es bereits bei »Verstehen Sie Spaß?«: Unter den Teilnehmern am Bildschirm wurden Eintrittskarten für die nächste Show verlost. Auch Krimiserien werden durch interaktives Fernsehen noch spannender: Der »Kommissar« im Sessel kann via Fernbedienung aus der mitlaufenden Kartei der Verdächtigen seinen »Favoriten« auswählen – am Ende weiß er über seine kriminalistischen Fähigkeiten bestens Bescheid. Umgekehrt kann der Zuschauer auch in die Rolle des Verbrechers schlüpfen und ihm beispielsweise Vorschläge zum Vertuschen von Motiven oder für fingierte Alibis machen.
Auch für weniger verspielte Naturen bietet das neue digitale Fernsehen zwei entscheidende Vorteile, von denen man früher nur träumen konnte – beide hängen mit dem eingangs erwähnten Time shifting zusammen: Dieses Verfahren erlaubt es, Livesendungen zu speichern und zeitverzögert auf dem Bildschirm wiederzugeben. Der Zuschauer kommt damit stets in den Genuss der kompletten Sendung, selbst wenn er nicht ununterbrochen gucken kann. Und er kann jene Werbeblöcke, die rücksichtslos die rührseligsten Schmusefilme unterbrechen, aus dem Programm kicken – eine Möglichkeit, von der sich vor allem die werbefinanzierten Privatsender fürchten.
Was man für Time shifting braucht, ist entweder ein Fernseher neuerer Bauart, der eine Festplatte enthält – oder ein separates Festplattengerät (Preis: etwa 1000 Euro), das man an seinen Bildschirm anschließt. Alle digitalen Sendesignale laufen zuerst auf der internen bzw. externen Platte ein, werden hier gespeichert und erzeugen danach erst das Bild auf dem Monitor. Die Kapazität der Festplatte beträgt 40 Gibabyte – Platz für bis zu 38 Stunden Spielfilm.
Weil das aktuelle Sendesignal gespeichert ist, muss man Fernsehen nicht unbedingt dann gucken, wenn es gesendet wird – und kriegt trotzdem alles mit. Beispiel: Die Sportschau läuft, Ihre Mutter ruft an – ob man am Sonntag zum Mittagessen kommt. Sie unterbrechen, schalten mit der Fernbedienung auf Speichern und telefonieren gemütlich. Ab dem Beginn der Unterbrechung zeichnet das Gerät alles auf, was in der Sportschau weiter passiert. Wenn mit Mutter alles klar ist, holen Sie sich die Fortsetzung der Sendung aus dem Speicher auf den Schirm – nichts ist verloren gegangen, die Sportschau endet für Sie nur um jene Minuten später, in denen Sie mit Ihrer Mutter telefoniert haben.
Unangemeldeter Besuch, Ablenkung durch quengelnde Kinder, gelegentliche »Pinkelpausen« – mit Time shifting alles kein Problem. Die zeitversetzte Wiedergabe bei gleichzeitiger Aufzeichnung befriedigt auch Cineasten, die sich von den Werbeblöcken in Spielfilmen gestört fühlen: Zum Sendetermin startet man die Aufzeichnung des Streifens – mit der Wiedergabe auf dem Bildschirm beginnt man aber erst etwa eine halbe Stunde später; da auch die Werbeblöcke gespeichert sind, kann man sie per Fernbedienung einfach überspringen und den Film fortsetzen. Wer dann die Werbung löscht, kann den »gereinigten« Film auf Video, DVD oder CD-R überspielen und ihn für alle Ewigkeit speichern – im digitalen Modus ohne Übertragungsverluste, denn hier wird eins zu eins kopiert.
Time shifting lässt sich aber auch nutzen, um beispielsweise eine umstrittene Strafraumszene im Fußball zu wiederholen – falls gewünscht, sogar in Zeitlupe. Die Aufzeichnung des restlichen Spiels läuft weiter, und der Zuschauer kann jederzeit wieder in die Echtzeit zurückspringen. Mit herkömmlichen VHS-Bandgeräten ist dies nicht möglich. Eigentlich ist das digitale Fernsehen so neu nicht. So genießt die kleine Gemeinde der Pay-TV-Kunden bei Premiere die Vorteile der Technik namens »DVB-C«: Das Kürzel bedeutet »Digital Video Broadcasting System«; das »C« für »cable« weist darauf hin, dass es hier um die Kabelvariante des digitalen Fernsehens geht. Die Satellitenvariante trägt den Namen »DVB-S«. Fast 90 Prozent aller Haushalte sehen heute schon digital, sei es über Kabel oder Satellit. Der Rest ist dem Analog-TV via Antenne auf dem Dach treu geblieben.
Diese zehn Prozent können weiterhin ihre »Empfangsharfe« nutzen – und trotzdem digital fernsehen. Das macht die neue Technik möglich, mit der zum ersten Mal zur Funkausstellung im Herbst 2003 in Brandenburg gesendet wurde: das »DVB-T«, wobei »T« für terrestrisch steht. Bei diesem Verfahren sind die digitalen Signale einer Trägerwelle aufmoduliert; damit aus ihnen auf dem heimischen Fernseher ein Bild wird, müssen sie wieder demoduliert werden. TV-Geräte der neuesten Bauart sind entsprechend ausgerüstet. Wer noch einen älteren Fernseher besitzt, muss sich eine so genannte Settop-Box kaufen: Sie kostet rund 100 Euro und wird zwischen Antenne und Gerät angeschlossen.
Die Vorteile dieser Investition können sich sehen lassen: Auch bei terrestrischem Empfang stehen dem Fernsehzuschauer jetzt wesentlich mehr Programme zur Verfügung als früher. Denn der Platz, den ein analoges Programm auf der Trägerwelle benötigte, reicht für sechs bis sieben digitale Angebote. Über dreißig digitale Programme sind dadurch mit der herkömmlichen Antenne zu empfangen – der Umstieg auf Kabel oder Satellit wird daher für manchen Zuseher überflüssig sein. Und das umso mehr, als auch die Bilder des terrestrischen Digital-TV absolut klar und gestochen scharf sind, selbst bei schwierigen Empfangsbedingungen.
Und: Das neue Digitalfernsehen kann man sogar unterwegs empfangen – mit einem portablen Gerät im Garten oder auf Reisen. Über die kleine Stabantenne kommen unglaublich rausch- und flimmerfreie Bilder ohne Störungen auf die Mattscheibe – Settop-Box vorausgesetzt. Nach dem ersten Feldversuch mit DVB-T in Brandenburg wird Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2004 nachziehen. In Bayern werden die Fernsehanstalten 2005 terrestrisches Digital-TV anbieten. Ab 2010 soll das Analog-Zeitalter dann bundesweit endgültig beendet sein – bis dahin wird es die analoge und digitale Bild- und Tonübertragung noch parallel geben.
Bis dahin lässt sich auch die Anschaffung eines neuen Fernsehers oder einer Settop-Box noch hinauszögern. Aber wer im Sendebereich des digitalen Fernsehens wohnt und das Geld für die notwendige Investition besitzt, hat eigentlich keinen Grund zu warten: Mehr Programm für die gleiche Rundfunkgebühr – das ist schon jetzt ein attraktives Angebot.
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