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Unterhaltung

Das Kreuz mit den Wörtern

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Das Kreuz mit den WörternDas Kreuz mit den Wörtern

Seit der Antike haben die Menschen Spaß daran, Wörter miteinander zu kreuzen. Aber erst 1913 schuf ein Amerikaner das erste Kreuzworträtsel – und löste damit einweltweites Phänomen aus, das bis heute anhält.

Komisch, dass nicht schon früher jemand auf die Idee mit dem Kreuzworträtsel gekommen ist. Schließlich experimentierten schon die alten Griechen mit Buchstabenquadraten, die senkrecht und waagerecht gelesen die gleichen Wörter enthielten. Ihrer Legende nach gab die Sphinx allen, die die Stadt Theben betreten wollten, ein Rätsel auf. Später versteckten Goethe und Schiller literarische Knobeleien in ihren Werken. Seit Jahrtausenden geben sich die Menschen sprachliche Rätsel auf. Aber erst im 20. Jahrhundert konnte das Kreuzworträtsel seinen weltweiten Siegeszug antreten.

Am 21. Dezember 1913 saß der junge Journalist Arthur Wynne in New York an seinem Schreibtisch der »New York World« und war im Stress. Sein Chefredakteur hatte ihm den Auftrag gegeben, sich irgendeine nette Kleinigkeit für die Weihnachtsbeilage einfallen zu lassen. Wynne erinnerte sich an eine Spielerei, die er von seinem Großvater kannte. Er dachte sich 31 Suchbegriffe aus und bastelte daraus ein rautenförmiges Wortpuzzle.

Die Folge war ein »versklavtes Amerika«, wie es die Londoner Zeitung »Times« nannte: »Ganz Amerika hat sich dem Kreuzworträtsel unterworfen. Es hat sich inzwischen zu einer Gefahr für die Arbeitskosten quer durch alle sozialen Schichten ausgewachsen. Fünf Millionen Stunden gehen dem amerikanischen Volk täglich dabei verloren – meist wertvolle Stunden Arbeitszeit – für eine sinnlose, läppische Sache.« Die Schreckensmeldung über den volkswirtschaftlichen Schaden, den die »Crosswordmania« in den USA angerichtet hatte, sollte die Briten vor dem Laster mit den Kästchen warnen – vergeblich: Bald führten auch Zeitungen diesseits des Atlantiks das Kreuzworträtsel ein. Millionen europäische Leser stürzten sich mit gespitzten Stiften auf die Rätselseiten.

Eisenbahngesellschaften ließen im Speisewagen Nachschlagewerke auslegen – die schnell reißenden Absatz fanden und darum schließlich angekettet werden mussten. Es soll Mini-Lexika fürs Handgelenk gegeben haben und Agenturen, die sich auf den Verkauf der Lösungen von Kreuzworträtseln spezialisiert hatten. Große Wettbewerbe und Preise für die findigsten Knobelhelden wurden ins Leben gerufen. 1930 musste auch die kritische »Times« auf das Rätselfieber reagieren und druckte zuerst verschämt im Innenteil, dann im Großformat auf der Rückseite der Zeitung regelmäßig ein Kreuzworträtsel. Fünf Jahre vorher hatte die »Berliner Illustrirte« als erste deutsche Zeitung ein Kreuzworträtsel gebracht. Drama von Ibsen, fruchtbare Stelle der Wüste, Teil des Auges, Stimmlage, Nebenfluss der Isar, Geliebte Jupiters: So lauteten damals einige der Fragen, die man teilweise auch noch in unseren Tagen beim Kästchenausfüllen beantworten muss.

Heute ist wohl kein anderes Hobby so weit über den Globus verbreitet: Das Kreuz mit den Wörtern hat sich zu einer Leidenschaft entwickelt, die sich quer durch sämtliche Gesellschaftsschichten zieht, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Staatsoberhaupt. So gestand der frühere Bundespräsident Roman Herzog, dass er sich während seiner Amtszeit schon gern vor dem Frühstück einem Kreuzworträtsel widmete, um seinen Geist auf Touren zu bringen. Als ein Adelsexperte neulich einen Blick in die Handtasche von Queen Elizabeth werfen durfte, fand er darin nicht nur Minzbonbons, Hundekuchen und einen kleinen Spiegel, sondern auch ein Kreuzworträtsel, mit dem die Königin sich lästige Wartezeiten verkürzt.

Wäre Wynne geistesgegenwärtig genug gewesen, sich seine Idee patentieren zu lassen – er hätte reich werden können! Allein in Deutschland – so schätzen Rätselexperten – gibt es heute rund 42 Millionen Gelegenheitstüftler, die sich dann und wann gern in die Kästchen vertiefen. Dazu kommen etwa zwölf Millionen Dauerknobler. Sie sind der harte Kern: Ihnen käme es niemals in den Sinn, Lösungswörter mit dem Bleistift einzutragen, denn das gilt unter Profis als feige. Wer was auf sich hält, kommt gleich mit dem Kugelschreiber zur Sache.

Auch wenn es inzwischen viele verschiedene Rätselformen gibt – Kreuzgitter, Silbenrätsel, Zahlenrätsel oder Wortsuchrätsel –, die Königsdisziplin ist immer noch das Kreuzworträtsel. Es ist ja auch ein geniales Spiel: Die Regeln sind einfach, zum Lösen braucht man nur den eigenen Kopf und einen Stift. Sudokus – klar, auch spannend, aber ihnen ist mit purer Logik beizukommen, während bei Kreuzworträtseln Wissen gefragt ist. Und wer fühlt sich nicht gern wie ein Oberschlaumeier? Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock haben sogar nachgewiesen, dass Menschen, die Kreuzworträtsel lösen, länger leben, weil sie geistig beweglich bleiben.

So kann man manchmal tagelang über Kreuzworträtseln brüten – gerade, wenn sie nicht nur Lexikonwissen abfragen, sondern eher mit kryptischen Fragestellungen arbeiten. Woche für Woche fordert beispielsweise CUS, der anonyme Rätselautor des Magazins der Süddeutschen Zeitung, seine Fans mit Fragestellungen heraus, die einiges an Um-die-Ecke-Denken erfordern: Was ist die »Spar-Version der großen Liebe«, oder was ist gemeint mit »Was im Kissen ruht, tut der Seele gut«? Manche Rätselrater verzweifeln über solche Wortspielereien. Der »Stern« berichtete von einem 36-jährigen Physiker, der sich derart in ein Rätsel verbiss, dass er in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden musste.

Ein fehlerhaftes Kreuzworträtsel löst bisweilen mehr Protest aus als eine Falschmeldung, wie Rätselredakteure zu berichten wissen. Als zum Beispiel die »Zeit« vor zwei Jahren ein falsches Gitter zu den Fragen ihres Rätselautors Eckstein druckte, waren Sekretärinnen, Empfangsdamen, sogar die Nachtwächter eine ganze Woche lang beschäftigt, Anrufer und Leserbriefschreiber zu beruhigen.

Einer der größten professionellen Kreuzworträtselproduzenten in Deutschland ist Peer-Gunnar Timm. In dritter Generation führt der 44-Jährige die Geschäfte der Lübecker Firma Kanzlit – mit über 100 Kreuzworträtseln versorgt er täglich die Millionenkundschaft von Tageszeitungs-, Magazin- und Rätselheftredaktionen. Auch P.M. bezieht sein Rätsel von Kanzlit. Timms Großvater hat das klassische Schwedenrätsel (der Fragetext steht im Rätselgitter und nicht daneben) in Deutschland bekannt gemacht. »Hochkonzentriert, eingerahmt von Bücherbergen und rauchend saß mein Großvater früher stundenlang an seinem Schreibtisch, um Rätsel zu entwerfen«, erzählt Timm. Eine Handwerkskunst, die auch noch der Enkel beherrscht – und zum Beispiel dann anwendet, wenn er auf Bestellung persönliche Glückwunschrätsel entwerfen soll. Doch das ist selten. Das Tagesgeschäft lässt Timm von Computern erledigen.

Timms Rechner sind mit umfangreichen Wortdateien gefüttert, aus denen er und seine Mitarbeiter nach den Wünschen seiner Kunden Kreuzwortgitter mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad erstellen. »Unsere Dateien müssen ständig aktualisiert werden. Ob durch Anglizismen oder die Rechtschreib­reform – Sprache verändert sich ja laufend, genauso wie das Wissen, das den Rätslern präsent ist«, sagt Timm. Als im September 2008 der große Schauspieler Paul Newman starb, konnte man Rätselfreunde in den Tagen danach ohne Problem nach seinem Namen fragen – New­man war in aller Munde. »Würde man jetzt nach ihm fragen, würde das schon eher in die Kategorie ›schwer‹ fallen«, erklärt Timm. New­man ist schlicht nicht mehr aktuell, genauso wie »Deutschlands drückende Verpflichtung«, nach der die »Berliner Illustrirte« 1925 fragte: Auf »Reparationen« würden die meisten Rätselfreunde von heute wohl nicht mehr kommen. Die Weltgeschichte hinterlässt auch in den Kreuzworträtseln ihre Spuren. Alles Religiöse beispielsweise ist seit der Wiedervereinigung tabu – schließlich wollen die Rätselmacher vermeiden, dass Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, ihre Werke genervt und ungelöst zur Seite legen.

Wer sich in ein Kreuzworträtsel vertieft, ist für eine Weile aus der Welt. Aber das bedeutet keineswegs, dass Kreuzworträtsel unkommunikativ sind. Ein Blogger im Internet hat ihre soziale Funktion so beschrieben: »Als ich noch viel mit der Bahn unterwegs war, gab es ein einfaches Mittel, zu prüfen, ob ein Abteilgenosse ein interessanter Gesprächspartner sein könnte: Man zog Ecksteins Kreuzworträtsel aus der ›Zeit‹ hervor. Wenn der oder die andere darauf reagierte, dann konnte man ziemlich sicher sein, jemanden sich gegenüber zu haben, mit dem ein kleiner Schnack sich lohnen würde oder auch ein ernsthaftes Gespräch.«

Will da noch jemand behaupten, Kreuzworträtsel seien eine sinnlose Selbstbeschäftigung?

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Autor/in: Eva Lehnen


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