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Kryptologie
Das geheimste Buch der Welt
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Seit neunzig Jahren bewahrt das Voynich-Manuskript sein Geheimnis: Niemand kann die seltsame Schrift lesen, keiner versteht die mystischen Zeichnungen. Dennoch will ein englischer Wissenschaftler das Rätsel jetzt gelöst haben.
Als der polnisch-amerikanische Buchhändler Wilfrid M. Voynich 1912 in der Villa Mondragone in der Nähe von Rom eine Truhe mit alten Manuskripten durchwühlte, wusste er sogleich, dass er einen bedeutenden Schatz entdeckt hatte: ein gebundenes Buch, etwa 240 Seiten dick, über und über mit Zeichnungen verziert – und in einer unverständlichen Geheimsprache geschrieben. Ein Manuskript, das einzigartig ist auf der Welt.
Nicht ahnen konnte Voynich zu diesem Zeitpunkt, dass das Buch ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr loslassen würde, dass er jahrzehntelang vergeblich versuchen würde, den dunklen Sinn der seltsamen Zeichnungen zu erhellen, dass er scheitern würde, die eigenartige Schrift zu enträtseln, und dass mit ihm die besten Kryptologen in dem Buch ihren Meister finden würden. Als Voynich 1930 starb, war das Buch so mysteriös wie zuvor.
Sogar heute noch, fast 100 Jahre nach dem Fund, sind die Schleier über der Handschrift nicht gelüftet. Dabei ist das Manuskript im Gegensatz zu anderen geheimnisumwobenen Funden sogar öffentlich zugänglich: Es ist das prominenteste und meistverlangte Buch der Beinecke-Bibliothek für seltene Schriften in New Haven/USA. Ganze Busladungen von Menschen reisen an, weil sie einen Blick auf die Kostbarkeit werfen wollen. Um den Bedarf zu stillen, hat die Bibliothek sogar hochauflösende Fotos der Buchseiten ins Internet gestellt: Wer auch immer auf der Welt glaubt, das Voynich-Rätsel lösen zu können, hat damit alles zur Hand, was er braucht.
Jedermann kann online die eigenartigen botanischen Zeichnungen besichtigen, die das Werk schmücken, jeder kann versuchen, sich auf die astrologischen Tafeln einen Reim zu machen, jeder kann sich in die kreisrunden Mandalas vertiefen und sich über seltsame, gynäkologisch anmutende Bilder mit Rohrleitungen und nackten Frauen wundern.
Mysteriöser als die farbigen Zeichnungen ist aber die Schrift: Sie basiert auf einem unbekannten Alphabet, ohne Punkt und Komma füllt sie das ganze Buch. In eigenartiger Gleichförmigkeit reiht sich Wort an Wort. Man glaubt beinahe, einen Sinn darin erkennen zu können – und doch hat ihn niemand je enträtselt. Handelt es sich um eine unbekannte Geheimsprache? Verbirgt sich hinter den Zeichen eine bekannte Sprache, äußerst geschickt verschlüsselt? Oder lassen wir uns von bedeutungslosem Unsinn in die Irre führen?
Bis heute sind diese Fragen nicht entschieden. Jede Vermutung hat ihre vehementen Verfechter und ihre ebenso glaubwürdigen Gegner. Dabei hat es in der Geschichte des Buches nicht an Menschen gemangelt, die überzeugt waren, die Lösung gefunden zu haben. An erster Stelle steht der amerikanische Philosophie-Professor William Romaine Newbold, der wenige Jahre nach Voynichs spektakulärem Fund verkündete, er habe das Rätsel geknackt. Im Verlauf unzähliger Stunden hatte er sich immer weiter in die dunklen Tiefen des Manuskripts hineinbegeben, bis er unter dem Mikroskop schließlich Mikrobuchstaben entdeckte, aus denen sich die Schriftzeichen zusammensetzten.
Seiner Meinung nach hat der Franziskaner-Mönch Roger Bacon im 13. Jahrhundert mittels eines komplizierten Verschlüsselungssystems alle seine geheimen Kenntnisse in diesem Werk zu Papier gebracht – äußerst komprimiert. Newbold schloss aus dem Text, dass Bacon heimlich Teleskop und Mikroskop erfunden und damit den Andromeda-Spiralnebel ebenso wie den inneren Aufbau von Eierstöcken, Spermien und Hoden untersucht hatte. Bacon musste danach seiner Zeit mindestens um 250 Jahre voraus gewesen sein.
Leider stellte sich später heraus, dass die vermeintlichen Mikrobuchstaben durch winzige Trocknungsrisse in der Tinte entstanden waren. Zusätzlich war das von Newbold angegebene Verschlüsselungsverfahren so vieldeutig, dass man damit in jeden Text alles hineininterpretieren konnte. Newbolds Ruf war ruiniert, der Lichtschein, der den Sinn des Manuskripts gerade zu erhellen versprach, wieder erloschen.
1943 behauptete dann der amerikanische Rechtsanwalt Joseph Martin Feely, das Rätsel gelöst zu haben. Er hatte die Buchstabenhäufigkeiten in alten Handschriften von Roger Bacon ausgezählt und mit denen im Manuskript verglichen. So erhielt er einen Schlüssel, mit dem er die seltsamen Lettern des Manuskripts in normale Buchstaben überführen und anschließend als verkürztes Latein identifizieren konnte. Mit einiger Fantasie rekonstruierte er daraus einen lateinischen Text – der dummerweise von Wiederholungen und sinnlosen Wortfolgen wimmelte. Feely schloss daraus, der mittelalterliche Forscher habe im Manuskript Beobachtungen eines unfertigen Experiments festgehalten. Leider konnte er nicht erklären, wieso sich dann im gesamten Buch weder Korrekturen noch Durchstreichungen finden: Seine Lösung überzeugte niemanden außer ihm selbst.
Wesentlich professioneller machte sich im selben Jahr der berühmteste Kryptologe seiner Zeit an die Arbeit: William F. Friedman, Chefentschlüssler des amerikanischen Geheimdienstes NSA. Er hatte 1937 zusammen mit seiner Frau Elizabeth den Code chinesischer Opiumdealer entschlüsselt (ohne die Sprache zu sprechen!) und begann als Erstes, Buchstabenhäufigkeiten im Voynich-Manuskript zu ermitteln. Die Statistiken, die er erhielt, ähnelten keiner bekannten Sprache, und so vermutete der Kryptologe, es handele sich vielleicht um eine synthetische Sprache, in der Wörter nach formalen Bildungsgesetzen hergestellt werden. War dann das Voynich-Manuskript ein früher Versuch, eine künstliche Universalsprache zu schaffen? Friedman starb, ehe er eine überzeugende Lösung präsentieren konnte.
In seinem Scheitern blieb Friedman nicht allein. Nach ihm versagten der amerikanische Geschichtsprofessor Robert Brumbaugh (»Abhandlung über das Elixier des Lebens«), der Philologe John Stojko (»Kopie ukrainischer Briefe«), der Arzt Leo Levitov (»Liturgisches Dokument der Cathari-Sekte«) und unzählige andere. Keiner von ihnen schaffte es, das Manuskript zu entschlüsseln – und das ist wirklich höchst merkwürdig.
Die Verschlüsselungsmethoden des Mittelalters beruhten nämlich im Wesentlichen darauf, einzelne Buchstaben des Textes durch andere Buchstaben oder Zeichen zu ersetzen – zum Teil nach sehr einfachen Regeln. Was im 16. Jahrhundert als sichere Verschlüsselung galt, ist mit heutigen Methoden in Stunden geknackt. Wieso widersetzt sich das geheimnisvolle Manuskript den Angriffen? Welche Informationen bedürfen solch gewaltiger Geheimhaltung? Es wäre ja sogar denkbar, dass der Text ganz andere Dinge behandelt, als die Zeichnungen vermuten lassen ...
Eines der Probleme ist, dass man keine weiteren Schriftstücke in Voynich-Schrift kennt. Daher ist es schwierig, die Buchstaben klar zuzuordnen. Die Forscher sehen sich mit ähnlichen Hürden konfrontiert wie Marsmännchen, die ein deutsches Buch entschlüsseln sollten: Sind »m« und »n« wirklich unterschiedliche Buchstaben? Was ist mit »m« und »m« – ist die Schrägstellung relevant? Spielen unterschiedliche Strichlängen eine Rolle, wie bei »h« und »n«? Und sind nicht »N« und »n« eindeutig unterschiedliche Zeichen?
Viele Jahre hat es gedauert, bis die Forscher durch geduldiges Studium der Handschrift die Buchstaben einigermaßen verlässlich identifizieren lernten – und so wenigstens eine Umschrift in lateinischen Buchstaben herstellen konnten. Diese Umschrift hat den Vorteil, dass man sie in Computern speichern und nach allen Regeln der Statistik auswerten kann.
Dabei zeigt sich Erstaunliches: Das Manuskript besitzt viele Anzeichen eines echten Textes. So sind manche Buchstaben häufiger als andere; einige Buchstaben tauchen in jedem Wort auf (als wären es Vokale), andere nicht. Manche Buchstabenpaarungen sind häufig, andere inexistent. Manche Buchstaben erscheinen nur am Wortanfang (wie die Großbuchstaben), manche eher in der Mitte, andere eher am Ende – ebenso wie in jeder natürlichen Sprache. Auch die Worthäufigkeiten verteilen sich so, wie man es von normalen Sprachen gewohnt ist.
Sollte dem Manuskript also eine bekannte Sprache zugrunde liegen, kann die Verschlüsselung nicht sehr kompliziert sein – sonst wären die Zeichen »zufälliger« angeordnet. Sollte das Manuskript eine Fälschung sein, wurde es jedenfalls mit beträchtlichem Aufwand hergestellt.
Dennoch besitzt die Voynich-Sprache Merkwürdigkeiten, die sie von jeder existierenden Sprache unterscheiden. So sind die Wortlängen begrenzt: ein- oder zweibuchstabige Wörter sind ebenso selten wie solche mit mehr als zehn Buchstaben. Auch finden sich – anders als in normalen Sprachen – auffallend oft Wörter, die sich nur in einzelnen hinteren Buchstaben unterscheiden. Noch merkwürdiger: So viel Struktur sich in der Konstruktion der Wörter findet, so wenig findet sich in der Konstruktion der Sätze. Die Voynich-Sprache kennt anscheinend keine Grammatik: Jedes Wort kann auf jedes andere folgen.
Eigentümlich ist ebenfalls, dass die Interpunktion fehlt. Kein Punkt, kein Komma, kein Gedankenstrich gliedert den Text in Sinneinheiten. Dafür aber – höchst merkwürdig – hat der Zeilenfall große Bedeutung: Manche Buchstaben erscheinen nur am Zeilenanfang, andere tauchen dort nie auf. Extrem niedrig ist außerdem die »Entropie« des Textes (siehe Kasten Seite 60). Nur einige polynesische Dialekte haben eine so geringe Entropie – aber was das Manuskript mit Polynesisch zu tun haben könnte, vermögen sich nicht einmal die fantasievollsten Geister vorzustellen.
Dass sich die Forscher so schwer tun, liegt auch daran, dass sich das Schriftstück geschichtlich kaum einordnen lässt. Aus Abbildungen von Burgen im Text schließt man, dass es zwischen 1450 und 1520 irgendwo in Europa entstanden ist – vielleicht in Italien oder Deutschland. Es gibt auch Hinweise, dass Kaiser Rudolf II. (1552 – 1612) es besessen hat, ehe es über verschiedene Besitzer zu den Jesuiten überging, bei denen Voynich es schließlich entdeckte.
Wenn man bloss wüsste, wo das Buch geschrieben wurde und wer der Autor ist! Dann käme man vielleicht mit jener Hartnäckigkeit weiter, mit der die Hieroglyphen oder Linear B geknackt wurden. Beide Schriften galten als unentzifferbar – und beide wurden entschlüsselt durch eine Mischung aus geduldigem Faktensammeln, intensiver Beschäftigung mit den Zeichen und menschlicher Genialität.
Bei den Hieroglyphen schaffte der französische Sprachforscher Jean François Champollion 1822 den Durchbruch. Ihm kam zur Hilfe, dass er elf alte Sprachen beherrschte, davon Koptisch (die jüngste der alten ägyptischen Sprachen) sogar fließend wie seine Muttersprache. Zudem waren französische Soldaten in Ägypten auf einen Sensationsfund gestoßen: den Stein von Rosette, der denselben Text in drei Varianten enthielt – in Hieroglyphen, in Demotisch und in Griechisch. Dennoch brauchte selbst das Genie Champollion 13 Jahre, bis es ihm gelang, den Namen »Ptolemäus« eindeutig zu identifizieren. Von da an konnte er die Bedeutung aller anderen Hieroglyphen innerhalb weniger Jahre entschlüsseln.
Ähnlich verlief die Entwicklung bei Linear B, einer seltsamen Strich-Schrift, die sich auf Tausenden von Tontäfelchen in Kreta fand. Jahrzehntelang sammelten die Forscher Material, ordneten Funde, sortierten Wörter nach Anfängen und Endungen und fanden so zumindest heraus, dass die Sprache einer Grammatik folgt. Doch erst dem Sprachentalent Michael Ventris gelang der Druchbruch. Zusammen mit dem Linguisten John Chadwick gelang es ihm 1952, das komplette Alphabet zu rekonstruieren – und sogar die Aussprache der Zeichen! Überraschenderweise stellte sich heraus, dass er mit Linear B die älteste Form des Griechischen entschlüsselt hatte.
Im Fall des Voynich-Manuskripts sehen die Dinge leider schlechter aus: Das Genie, das den Durchbruch schaffen könnte, ist noch nicht aufgetaucht. Selbst nach knapp 100 Jahren Forschung enden alle Fährten im Nirgendwo: Es ist unwahrscheinlich, dass das Manuskript die Verschlüsselung einer bekannten Sprache ist – dann sollte sie längst geknackt sein. Es ist ebenso unwahrscheinlich, dass es in einer unbekannten Kunstsprache geschrieben wurde – denn was taugt eine Sprache, die niemand kennt? Unwahrscheinlich ist auch, dass es sich um eine bedeutungslose Fälschung handelt – denn wie hätte jemand mit den Methoden des 15. Jahrhunderts all die vertrackten statistischen Eigenheiten des Textes produzieren sollen?
»Doch halt!«, ruft an dieser Stelle der britische Computerwissenschaftler Gordon Rugg. Er glaubt, das Rätsel gelöst zu haben. Seiner Meinung nach hätte ein genügend motivierter Fälscher des 15. Jahrhunderts das Voynich-Manuskript sehr wohl herstellen können – mit allen statistischen Finessen. Zum Beweis bedient sich Rugg eines Hilfsmittels, das damals benutzt wurde, um Geheimtexte herzustellen: des Cardan-Gitters, einer Art Lochmaske.
Wollte man geheime Botschaften übermitteln, so legte man eine vorbereitete Schablone mit Aussparungen auf ein leeres Stück Papier, schrieb in die Löcher die Botschaft und ergänzte sie um bedeutungslosen Text. Nur wer im Besitz der richtigen Lochmaske war, konnte die Geheimbotschaft anschließend entziffern. Rugg benutzte eine Variante dieser Maske, um große Mengen sinnlosen, Voynich-ähnlichen Text zu produzieren. Dazu zeichnete er große Tabellen mit 39 mal 39 Feldern, füllte sie mit bedeutungslosen Voynich-Silben und fischte anschließend mithilfe einer Lochmaske zufällige Silbenzusammenstellungen aus der Tabelle heraus (siehe Kasten oben). Immer neue Zufallswörter generierte der Forscher auf diese Weise – mühelos, so schnell er schreiben konnte und mit genau den statistischen Eigenschaften, die auch das Voynich-Manuskript besitzt.
Sieben bis neun solcher Tabellen hätte der Fälscher wohl herstellen müssen, schätzt Rugg, dazu pro Buchseite eine neue Lochmaske. Auf diese Weise könnte die Produktion des gesamten Manuskripts in drei bis vier Monaten beendet gewesen sein – inklusive aller Zeichnungen.
Doch warum sollte jemand diesen Aufwand treiben? Rugg hat auch darauf eine Antwort: Geldgier. Sein Verdacht fällt auf den Fälscher Edward Kelley, der im 16. Jahrhundert eng mit dem Gelehrten John Dee zusammenarbeitete. Dee verkehrte in Prag am Hof von Rudolf II., und der sammelwütige Herrscher mit einer Vorliebe für esoterische Publikationen zahlte allem Anschein nach 600 Golddukaten für das Manuskript. Nach heutigem Wert sind das ungefähr 50000 Euro: Dafür kann man schon mal vier Monte lang irgendwelche Buchstaben auf Pergament pinseln, um Rudolf hinters Licht zu führen.
Ist damit bewiesen, dass es sich um eine Fälschung handelt? »Natürlich nicht«, gibt Rugg zu. »Ich habe nur gezeigt, dass es möglich ist, so etwas Komplexes wie das Voynich-Manuskript in einigen Monaten zu fälschen. Es ist natürlich weiterhin denkbar, dass das Manuskript verschlüsselten Text enthält, vielleicht versteckt unter einer großen Menge bedeutungslosem Buchstabensalat.« Aber darauf gibt es bisher keine Hinweise.
Rugg hat mit seiner Deutung keineswegs alle überzeugt. Viele mögen angesichts der Kompliziertheit des Werkes einfach nicht an einen bedeutungslosen Scherz glauben. Andere sind sogar handfest daran interessiert, das Voynich-Rätsel ungelöst zu halten. So behauptet zum Beispiel die »Energietrainerin« Ursula Papke, das Manuskript enthalte eine spirituelle Anleitung zur inneren Entwicklung des Menschen, und sie könne die Schrift lesen. Wer das von ihr lernen will, braucht nur ein Drei-Tage-Seminar zu buchen – für stolze 490 Euro.
Eine chemische Analyse des Pergaments könnte vielleicht mehr Licht ins Dunkel bringen – aber die Beinecke-Bibliothek verweigert die Erlaubnis. Sie fürchtet wohl, dass die Analyse den mystischen Schleier um ihr prominentestes Stück zerstören könnte. Das Rätsel Voynich wird uns deshalb noch lange begleiten.
- Doch keine Fälschung?
- Voynich-Manuskript
- Teufelsbibel
























