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Das Geheimnis des Tango Argentino

Der argentinische Tango ist eine Sammlung scheinbarer Widersprüche - etwas, das die Logiker auch "Paradoxien" nennen und für die ein Österreicher ein besonderes Faible hat (siehe den Artikel "Die besondere Begabung der Völker" in PM 10/95). Hier einige davon:
- Der argentinische Tango ist ein spezifisch argentinischer Tanz, der ausschließlich in Buenos Aires (und zum Teil in Montevideo, gegenüber am Rio de la Plata) getanzt wird. Und dennoch ist am Tango nichts Argentinisches:
- Das wichtigste Instrument des Tango, das Bandoneon, stammt aus Krefeld (Deutschland).
- Der bekannteste Tango-Sänger, Carlos Gardel, wurde in Toulouse (Frankreich) geboren.
- Der bekannteste Tango, "La Cumparsita", stammt aus Uruguay.
- Der Tango-Rhytmhus leitet sich von der Habanera ab, und die kommt aus Spanien. Der Milonga-Rhythmus stammt von der Candombe, die kommt aus Kuba. Der Vals schließlich ist die Tango-Form des Musette-Walzers. Der kommt bekanntlich aus Paris. Und die besten Tango-CDs stammen aus Japan.

- Der Tango wird durch ein Instrument charakterisiert: durch das Bandoneon. Und dennoch gibt es viele Tangos, in denen es fehlt und durch völlig andere Instrumente ersetzt wird, durch Klarinetten, Gitarren und sogar Tubas.
- Der Tango ist ein rhythmischer Tanz, und dennoch gibt es in einem Tango-Orchester kein Rhythmus-Instrument! Diesen Teil übernimmt abwechselnd ein Instrument - Klavier, Bandoneon, Geige, Gitarre, Bass, was auch immer.
- Der Tango ist ein rhythmischer Tanz mit komplexen Figuren und musikalischen Strukturen. Und dennoch sind das Schönste am Tango die Pausen!
- Der Tango ist eine reine Illusion, die gerade mal drei Minuten dauert. Und dennoch lautet eine berühmter Tango von Astor Piazzolla "Drei Minuten mit der Realität". So erleben es auch viele TänzerInnen: Dieser Tanz ist das einzig Reale, trotz oder gerade wegen seiner Illusionen!
- Für einen Außenstehenden sieht der Tango so aus, als ob die vertikalen Bewegungen nachher auf horizontaler Ebene fortgesetzt werden. Doch das ist nicht so. Der Tango-Historiker Raimund Allebrand drückt das sarkastisch so aus: "Es gibt keinerlei Hinweis, dass die Latexindustrie an der Tangoszene gesteigertes Interesse fände - im Gegensatz zur Pfefferminzbranche."
- Nirgendwo kommen die Menschen so schnell und so dicht einander nahe wie im Tango. Und dennoch ist dieser Tanz extrem unverbindlich - nach drei Minuten (oder nach drei Tänzen, oder nach drei Stunden) - trennen Mann/Frau sich wieder und gehen ihrer einsamen Wege.
- Der Tango ist der sinnlichste aller Tänze, und dennoch findet niemand etwas daran, wenn zwei Frauen oder zwei Männer miteinander tanzen, was durchaus geschieht und über die sexuellen Vorlieben der TänzerInnen nichts aussagt.
- Für Außenstehende sieht es so aus, als ob alle Paare seit Jahren miteinander tanzen, so perfekt verschlingen sich die Beine. Und dennoch kann es sein, dass ein solches Paar zum ersten Mal miteinander tanzt!
Mehr über diese angenehme Sucht in dem Artikel "Tango, Dialog der Herzen" in PM 2/2004.

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