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Städtebau

Das Bergwerk kommt. Die Stadt muss gehen!

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Das Bergwerk kommt. Die Stadt muss gehen!Das Bergwerk kommt. Die Stadt muss gehen!

Schwedens nördlichste Gemeinde droht zu versinken. Schuld ist der Bergbau. Nun wird Kiruna verlegt – und wieder neu aufgebaut. Ein in Europa einmaliges Jahrhundert-Projekt. Wie fühlen sich die Bewohner?

Sogar die Kirche muss umziehen. Genauso wie das Rathaus – und der Rest der Stadt. Ein in Europa einmaliges Großunternehmen, das 25 Jahre dauern und einige Milliarden Euro kosten wird. Eine Stadt der Zukunft soll es werden, in der sich die alten Traditionen der Ureinwohner Lapplands mit den Visionen von Hightech und moderner Lebensqualität verbinden.

Die schwedische Bergbau- und Weltraumstadt Kiruna liegt 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Über sanfte, von eiszeitlichen Gletschern geschliffene Hügel breitet sie sich in die weite Tundra hinein aus. Im Zentrum der 20000 Quadratkilometer großen Gemeinde, in der ganz Slowenien Platz hätte, versammeln sich in einem weiten Tal mehrstöckige Wohnhauskästen neben kleinen, hundert Jahre alten Holzhäusern entlang einem Netz geschwungener Straßen. Rund 26000 Einwohner zählt Kiruna – für schwedische Verhältnisse eine passable Mittelstadt. Doch in 30 Jahren droht sie zu versinken. Dann nämlich wird die Mine des größten und modernsten Eisenerzbergwerks der Welt im Kirunavaara-Berg dem Marktplatz so nahe sein, dass die Häuser einzustürzen drohen. Also muss die Polarstadt weichen – sieben Kilometer nach Nordwesten an den Hang des Berges Luossavaara, mit weitem Blick über den See Luossajärvi.

Bis Anfang der 1960er Jahre konnte die Grubengesellschaft das Erz der beiden »Hausberge« Kirunas billig im Tagebau abbauen. Klaffende, kilometerlange Wunden blieben zurück. Während die Mine im Luossavaara erschöpft ist, reicht die Erzader im Kirunavaara noch heute tief in den Untergrund. Sie besteht aus hochreinem Magnetit-Erz, das hier zu 60 bis 80 Prozent aus Eisen besteht. Der Zugangsstollen verläuft bereits mehr als 1000 Meter unter der Erdoberfläche, und inzwischen haben sich um den ganzen Berg herum Risse aufgetan. Es werden immer mehr, je tiefer Bohrer und Bagger vorstoßen. 2033 werden zwei Kilometer erreicht sein – dann würde sich die Zone der Verwerfungen genau bis zur architektonisch einzigartigen Holzkirche im Stadtzentrum erstrecken.

Zu den Verwerfungen kommt es, weil die Erzader schräg in die Tiefe reicht. Über seitliche Zugangsschächte, die von einem senkrechten Förderschacht ausgehen, räumen modernste Bergbaumaschinen die Ader aus. Geröll und Erdschichten rutschen im Lauf der Zeit von oben nach, füllen das Minenloch und verursachen an der Oberfläche tiefe Erdrisse.

Die Grubengesellschaft, die für einen Großteil der Umzugskosten aufkommen muss, schätzt allein ihren Anteil auf fünf bis sechs Milliarden Euro – die Profite aus dem Eisenhunger der Welt machen es möglich. Alles muss neu gebaut werden: Wasser- und Abwasserleitungen, Strom- und Breitbandnetz, Straßen und Bahnschienen. Eine neue Umformstation für die Stromversorgung ist bereits im Bau, und demnächst beginnen die Arbeiten an der Ringleitung, dem Rückgrat des künftigen Abwassernetzes.

Stararchitekt Anders Wilhelmson legte im Auftrag der Grubengesellschaft einen kompletten Stadtplan vor. »Der Plan, den wir vorschlagen, ist ein Straßennetz, das sich in Windungen nahtlos in die Landschaft einfügt«, erklärt Björn Andersson, der Projektarchitekt Wilhelmsons. »Er soll den heutigen und zukünftigen Einwohnern Kirunas die Freiheit lassen, ihre Zukunft in einer nachhaltigen Stadt zu gestalten.«

Die Planer knüpfen dabei an die visionären Ideen von Hjalmar Lundbohm an, dem ersten Disponenten der Minengesellschaft, der die Stadt 1900 gründete. Er engagierte die Architekten Per-Olof Hallman und Gustav Wikman, nach deren Plänen eine klimatisch angepasste Musterstadt für die Zukunft in der unberührten Wildnis Lapplands entstand. Die geschwungenen Straßen, die sie entwarfen, sollten die unangenehm kalten Winterstürme beruhigen. Der Luxus einer Straßenbahn (der nördlichsten der Welt), die bis 1958 fuhr, erleichterte den Arbeitern das Leben im rauen Norden. Schwedens erste Berufsschule, die eine vierjährige Ausbildung ermöglichte, hob das Bildungsniveau in Kiruna weit über den damaligen Landesdurchschnitt.

Die zweistöckigen Holz-Doppelhäuser mit ihren verzierten Eingängen verliehen der Stadt etwas Anheimelndes. In den geräumigen Erdgeschosswohnungen lebten Familien, während im Obergeschoss Junggesellen ihre Appartements hatten. So waren die ledigen jungen Kerle unter sozialer Kontrolle, und die Familien verdienten sich ein paar Kronen durch kleine Dienstleistungen wie Wäschewaschen hinzu. Standesunterschiede verschwammen weitgehend, denn Arbeiter, Büroangestellte und Chef lebten unter einem Dach.

Wie damals herrscht auch heute Aufbruchstimmung. Der Umzug ist Thema Nummer eins, wenn sich Nachbarn und Arbeitskollegen in den kleinen Cafés und Restaurants entlang der beschaulichen Einkaufsstraße treffen. Von Zeit zu Zeit lädt die Gemeindeverwaltung zu Bürgerversammlungen ein, die in der beeindruckend gestalteten Halle des imposanten Rathauses, dem »Wohnzimmer« Kirunas, stattfinden und gut besucht sind. Schwedische Gelassenheit und Pragmatismus prägen den Gedankenaustausch zwischen den Einwohnern und ihrer Verwaltung.

Eine spannende Zeit auch für Kinder und Jugendliche, denn es geht ja in erster Linie um ihre Zukunft. In Kindergärten und Schulen malen, zeichnen und beschreiben sie eifrig ihre eigenen Visionen, die sich die Stadtplaner durchaus zu Herzen nehmen. »Ich habe den Eindruck, dass die Einwohner der Umsiedlung positiv gegenüberstehen«, meint Mats Persson, der Informationschef der Gemeinde.

Noch haben die Arbeiten nicht begonnen, nur der Zeitplan steht fest. Der Startschuss für den Umzug fiel im vergangenen Januar; bis 2012 muss die für Kiruna lebenswichtige Bahn eine neue Trasse haben, weil sie den Verwerfungen im Boden am nächsten kommt. Täglich rollen hier elf bis 13 Züge mit je 52 Waggons gen Narvik, dem dauernd eisfreien Erzhafen jenseits der norwegischen Bergkette. Mit jeder Zugladung sind das 4200 Tonnen Eisenerz im Wert von rund 100000 Euro. Damit das Geschäft auch im neuen Kiruna weiterläuft, müssen etwa 200 bis 300 Millionen Euro investiert werden.

Doch eine neue Trasse zu finden ist schwierig. Zum einen soll der Bahnhof mitten im neuen Zentrum stehen, zum anderen müssen die Bewohner vor Lärm geschützt werden. Und: Die Wanderwege der Rentierherden dürfen nicht gekreuzt werden. Seit Jahrhunderten ziehen nämlich die Rentiere der Samen durch die Gemeinde, wenn sie zwischen Sommer- und Winterweiden wechseln. Doch die Tiere scheuen vor der Bahnlinie zurück. Ein Problem, für das man jetzt Lösungen finden will.

»Die Rentiere sind ein besonders wichtiger Teil unserer Geschichte«, betont denn auch Christer Vinsa. »Überall um uns herum liegen uralte Weidegründe.« Für Kiruna ist die Rentierhaltung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In den Tundrawäldern der Gemeinde leben 2500 Samen, die sich um 56000 Rentiere kümmern und geschützte Landrechte genießen, die sie mit guten Argumenten auch zu verteidigen wissen.

Wenn die Konflikte um die Bahntrasse schließlich ausgeräumt sind und der neue Bahnhof steht, sollen 2013 die ersten 450 Einwohner aus 160 Wohnungen ausziehen, die am Rande der Bruchzone liegen. Mindestens zehn Prozent der Bürger Kirunas werden umziehen müssen, mehr als 2000 Menschen. Viele davon können allerdings zurück in ihre vertrauten, oft hundert Jahre alten Holzhäuser: Mit gewaltigem logistischen Aufwand will man nämlich die historischen Gebäude auf Schwerlastern ins neue Kiruna hinüberrollen.

Die größte technische Herausforderung aber dürfte 2020 auf die Stadt zukommen: der Umzug des Backstein-Rathauses mit seinem berühmten Glockenspiel und dem filigranen Turm aus Eisen und Bronze. Es hat für die selbstbewusste schwedische Arbeiterbewegung einen hohen Symbolwert und erhielt 1964, ein Jahr nach seiner Fertigstellung, den Kaspar-Salin-Preis für das schönste öffentliche Gebäude Schwedens. Schätzungsweise 5,5 Millionen Euro werden Ab- und Wiederaufbau kosten.

Für die außergewöhnliche Holzkirche Kirunas dürfte die Hälfte reichen. Sie folgt als letztes Gebäude im Jahre 2033 und erhält einen Platz am Luossajärvi-See gegenüber dem Stadtzentrum, weithin sichtbar für alle. Die Grubengesellschaft ließ sie 1912 in Form eines Lappenzeltes bauen. 2001 wurde sie zum schönsten schwedischen Bauwerk vor 1950 erkoren.

Vom alten Zentrum wird dann bald nichts mehr zu sehen sein. Die zurückgebliebenen Gebäude werden abgerissen, Wasserleitungen ausgegraben und die Straßen abgetragen. Der Tundra sollen keine Altlasten aufgebürdet werden.

Eine ganz andere Frage ist, wie es nach dem Umzug mit Kiruna als Weltraumstadt weitergeht. 1957 entstand hier das schwedische Institut für Weltraumphysik, das die Rätsel des Nordlichts lüften sollte. Inzwischen prägt die Hochtechnologie der Weltraum- und Atmosphärenforschung die Gemeinde. Zahlreiche kleine Hightech- Unternehmen und große Forschungseinrichtungen haben sich einen Namen beim Bau robuster Satelliteninstrumente gemacht, die auch schon zu Venus und Mars geschickt wurden. »Die Raumfahrt wird eine noch größere Bedeutung für uns bekommen«, ist Stadtplaner Vinsa überzeugt. Das beweist das jüngste Kind der Erfolgsgeschichte: die Gründung des Firmenverbands Spaceport Sweden. Schon 2012 sollen in Kiruna Touristen in den Weltraum starten.

Die künftigen Flüge ab Kiruna werden beeindruckend sein, denn es geht mitten durch die geheimnisvollen Nordlichter, mit atemberaubenden Ausblicken auf den Nordpol, auf Skandinavien, Sibirien und die Nordsee. 200000 US-Dollar kostet der Flug von zweieinhalb Stunden, inklusive zweimal acht Minuten Schwerelosigkeit. 200 Tickets sind bereits verkauft, 80000 weitere Interessenten hoffen auf den Ausflug ihres Lebens (siehe den P.M.-Artikel zum Weltraumtourismus).

Solch beeindruckende Panoramen sind nur möglich, weil die Erdoberfläche in der Nähe der Pole weniger gekrümmt ist als in Äquatornähe. Die Weltraumtechnik macht sich das schon lange zunutze. Denn von hier aus können die Wissenschaftler sehr viel länger Kontakt zu Satelliten halten. Aber das allein macht Kiruna noch nicht zum Mekka für Ingenieure und Forscher aus Raumfahrt- und Satellitenindustrie. Vielmehr ist keine Stadt so weit im Norden so leicht erreichbar und virtuell so gut mit der Welt vernetzt. Hinzu kommt die hohe Lebensqualität: Die pulsierende Gemeinde weist von allen schwedischen Städten das höchste Wirtschaftswachstum auf, und direkt vor der Tür liegt die Wildnis mit ihren lichten Wäldern und glitzernden Seen.

Forschung und Technik haben hier Menschen aus aller Herren Länder zusammengeführt. Alle großen Weltraumagenturen haben hier inzwischen ihre Zweigstellen. Doch Forschung, Technik, Bergbau und Rentierzucht sind zum Leidwesen der Stadtplaner typisch männliche Betätigungsfelder. Viel zu viele der 20- bis 30-Jährigen gehen zum Studium gen Süden. »Wenn Kiruna die neu ausgebildeten Frauen zurücklocken will«, sagt Architekt Wilhelmson, »muss es in neuen Bahnen denken.« So entwarf er auch gleich die Vision eines einzigartigen Freizeit- und Ökoparks. Die tiefe, kilometerlange Wunde, die der Tagebau zurückließ, will er mit Glas überdachen. Darunter sollen die Besucher dann durch 28 Grad warme Regenwälder wandern, vorbei an rauschenden Wasserfällen bis hinauf zu den Rändern der Grube, wo sie ganzjährig Ski laufen können.

Die Stadtplaner aber bleiben solchen Visionen gegenüber sehr zurückhaltend. Wenn Kiruna sich neu erfindet, heißt das für sie: »Eine hochtechnologische Musterstadt, eine ökologische Gemeinschaft im arktischen Milieu, in der uns auch das zukünftige Stadtbild an unsere besondere Geschichte erinnert.« Spätestens 2033 wissen wir, ob das Ziel erreicht wurde.

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