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Mesopotamien

Das akkadische Rollsiegel

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Das akkadische RollsiegelDas akkadische Rollsiegel

18. Februar 1930: Clyde William Tombaugh (1906–1997), Astronom am Lowell-Observatorium, hat allen Grund, die Sektkorken knallen zu lassen – er hat den »Trans-Neptun« entdeckt, den hinter Neptun verborgenen neunten Planeten unseres Sonnensystems. Am 13. März 1930 wird die Sensation offiziell bestätigt – der Zwergplanet Pluto ist gefunden.

Aber war Tombaugh wirklich der Entdecker? Oder wussten bereits unsere Urururahnen von Plutos Existenz? Kannte man bereits vor Tausenden von Jahren Aufbau, Größe und Beschaffenheit unseres Sonnensystems? Ein archäologisches Fundstück zumindest gibt es, das darauf hindeuten könnte: ein schätzungsweise 4500 Jahre altes akkadisches Rollsiegel, das bei Ausgrabungen in Mesopotamien, Irak, gefunden wurde. Heute liegt es im Archiv des Vorderasiatischen Museums in Berlin.

Auf dem Siegel sieht man eine sitzende Gestalt (Gott) und zwei Figuren, die sich ihr nähern. Doch viel interessanter ist der gestaltete Raum zwischen den Köpfen der beiden stehenden Figuren. Die Archäologen sehen darin eine reine »Nebenszene«, die bloß den Zweck habe, eine freie Fläche auf dem Siegel zu füllen. Doch es könnte die Abbildung eines heliozentrischen Sternensystems sein – 4500 Jahre alt! Im Zentrum steht die Sonne – erkennbar an ihren Strahlen. Und um sie herum verteilen sich elf unterschiedlich große Punkte, die man als Planeten deuten kann.

So tat es jedenfalls Zecharia Sitchin vor über 30 Jahren in den USA. Für ihn wurde das Rollsiegel zu einem der Herzstücke seiner These, der zufolge vor über 430 000 Jahren Außerirdische auf die Erde kamen. Diese Aliens stammten angeblich von einem unentdeckten Planeten unseres Sonnensystems – Sitchin nannte ihn Nibiru –, der auf einer elliptischen Umlaufbahn in über 3500 Jahren um die Sonne ziehe.

Wenn man den aus Serpentin bestehenden Siegelzylinder in Ton abrollt, sieht man zunächst tatsächlich elf Punkte, die sich um die Sonne herum verteilen: den Mond, alle neun bekannten und einen »Planeten X«, den Nibiru. Sitchin schrieb 1976: »Es ist natürlich eine Darstellung des den Sumerern bekannten Sonnensystems, das aus zwölf Himmelskörpern besteht.« In diesem Punkt irrt Sitchin. Das Rollsiegel stammt keineswegs von den Sumerern. Die Schriftzeichen auf dem Siegel weisen einen gewissen IIli-Illat als Besitzer aus, der einem Gott Dubsiga huldige – und das ist ein semitischer bzw. akkadischer Name.

Eines allerdings muss man einräumen: Auch die Astronomie schließt einen hinter Pluto befindlichen »Planeten X« nicht aus. So jedenfalls John B. Murray (The Open University, Großbritannien) und John Matese (University of Louisiana, Lafayette). Der unbekannte Planet, berichteten sie 1999, könnte bis zu zehnmal so groß wie der Riese Jupiter sein, 32 000-mal weiter von der Sonne entfernt sein als die Erde und aufgrund seiner Masse Kometen sowie andere Objekte im äußeren Sonnensystem ablenken. Einen Beweis gibt es nicht.

Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der mutmaßlichen »Sternenkarte« um ein authentisches archäologisches Fundstück handelt, erregen Sitchins umstrittene Nibiru-Thesen immer wieder Interesse. Im Laufe der Jahre haben sich jedenfalls viele Leser seiner Bücher mit Fragen an die Einrichtung gewandt, in der sich das Rollsiegel befindet. Für Joachim Marzahn vom Vorderasiatischen Museum in Berlin Grund genug, in der angesehenen Astronomiezeitschrift »Sterne und Weltraum« darauf einzugehen. In seinem Artikel verweist er auf den Umstand, dass die zwölf »Planeten-Punkte« (inklusive Sonne) nur auf Fotos zu sehen sind. In Wahrheit seien es jedoch fünfzehn, wie eine genaue Analyse ergeben habe. Die drei weiteren sind auf Fotografien des Zylinders nicht zu sehen, da sie am oberen Rand im Schatten verschwinden bzw. ein Punkt nicht ausreichend tief ist, um sichtbar zu sein. Aus diesen Erkenntnissen schlussfolgert Wolfgang Siebenhaar in einem Artikel in »Scientific Ancient Skies«:»Es kann sich beim Rollsiegel VA 243 also keinesfalls um eine Darstellung unseres Planetensystems handeln.«

Alle Zweifel sind damit jedoch noch immer nicht ausgeräumt. Marzahn hatte sich Vergrößerungen der Punkte auf dem Siegel-Zylinder anfertigen lassen. Daraus ging hervor, dass die angeblich zusätzlich mit einem Bohrer angebrachten »Planeten-Punkte«, die zusammen die 15 ergeben, möglicherweise doch nicht nachträglich hinzugekommen sind. Es könnte sich auch um Beschädigungen (also Abplatzungen) handeln, die gar nicht beabsichtigt waren.

Was also zeigt das Siegel? Wie viele »Planeten« wurden tatsächlich in den Stein geschnitten? Handelt es sich um ein fremdes Sonnensystem aus den Tiefen des Universums, wie einige Vertreter der Grenzwissenschaften meinen? Oder ist es tatsächlich doch nur eine völlig irrelevante Nebenszene, die allein dem Zweck diente, leeren Raum auf dem Rollsiegel zu füllen, wie die Archäologie mutmaßt? Noch wissen wir es nicht.

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Autor/in: Lars Fischinger


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