Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur liegt darin, daß du in der Demokratie wählen darfst, bevor du den Befehlen gehorchst.
Ausgabe
03/2012
Ausgabe
03/2012
Ausgabe
01/2011
Ausgabe
04/2011
Ausgabe
02/2012
Vorsicht, Ansteckungsgefahr!
Charismatische Persönlichkeiten
Biografie eines Cafés
Grand Café Odeon Zürich
Ausgabe
04/2011
Ausgabe
01/2012
Ausgabe
02/2012
Ausgabe
01/2012
Ausgabe
01/2012
98 qualitativ hochwertige Sudokus – für Anfänger, Fortgeschrittene, Experten und Champions
Zu gewinnen: drei Netbooks!
Ausgabe
02/2012
Noch mehr Rätselspaß:
P.M. Logicals bringt Ihre grauen Zellen auf Hochtouren. Mit 45 anspruchsvollen Logik-Puzzles
Ausgabe
01/2011
Totale Vernetzung
Das Überall-Web
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Vom funkenden Haustürschlüssel bis zur sprechenden Brille – in der Welt von morgen wird fast alles vernetzt sein. Das vereinfacht die Kommunikation, macht sie aber auch anfällig für Missbrauch.
Die Brillengläser sind zwar nur aus Fensterglas, das Gestell der Brille aber hat es in sich. Lucas K., selbstständiger Unternehmensberater, probiert sie heute zum ersten Mal aus – beim Neujahrsempfang 2020 seines besten Kunden, eines internationalen Großkonzerns. Kaum hat er die Brille aufgesetzt, erscheint über dem Kopf seiner Gesprächspartnerin ihr Name sowie Datum und Anlass der letzten Begegnung. Als er wenig später auf einen ehemaligen Arbeitskollegen trifft, blinkt kurz ein rotes Warn-Feld auf: »Heute Geburtstag!« Und nach einigen Gläsern Prosecco murmelt Lucas K. leise »WC finden«, woraufhin ihn Richtungspfeile an den erlösenden Ort geleiten. Möglich machen das eine Kamera mit Objekterkennungs-Software, ein drahtloser Anschluss an einen Internet-Dienst, GPS, ein Mikrofon mit Spracherkennung sowie ein Laser, der die ganzen Informationen diskret auf die Netzhaut von Herrn K. projiziert. Alles in Mikro-Bauweise ins Brillen-
gestell integriert.
»Das Ding wäre nicht nur sehr nützlich, sondern es ist als Zukunftsvision durchaus realistisch«, sagt Friedemann Mattern. Er ist Professor für Informatik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und hat sich intensiv mit der Zukunft der Kommunikationstechnik befasst. Außer ihm versuchen noch viele andere Experten, die Entwicklung der Informationstechnologien (IT) vorauszusehen – denn dahinter steckt ein milliardenschwerer Markt. »Wer hier richtig liegt, kann als Erster Standards setzen und sehr viel Geld verdienen«, sagt etwa Stefan Jenzowsky vom IT-Beratungsunternehmen Trommsdorff und Drüner. Doch die Forscher entwerfen auch ganz andere Zukunfts-Szenarien als das von Lucas K. In ihren so genannten »Dark scenarios« malen sie die Dinge bewusst schwarz, um negative Entwicklungen vorauszusehen und schon heute gegensteuern zu können. Und schließlich stellen sie sich die Frage, was wir überhaupt von der Zukunft wissen können.
»Viele denken, dass wir uns in Zukunft immer mehr in virtuellen Welten verlieren werden«, sagt Mattern. »Das halte ich aber für einen großen Irrtum.« Statt als künstliche Figur – zum Beispiel als Avatar der Cyber-City »Second Life« – nur noch im Internet zu leben und dort Beziehungen zu knüpfen, werde es genau andersherum kommen: Das Internet dringt in praktisch alle realen Lebensbereiche vor. Und zwar auch in solche, in denen wir es uns überhaupt noch nicht vorstellen können. Dabei unterscheiden die IT-Wissenschaftler zwei große Felder: das Internet der Dienste und das Internet der Dinge.
Das Erstgenannte wird bereits 2008 einen neuen Baustein bekommen, meint Jenzowsky. Eine so genannte Set-Top-Box, die Digitalfernsehen über Antenne mit einem schnellen Internet-Anschluss verbindet. Über den ließen sich dann nicht nur große Online-Videotheken erreichen, sondern auch Inhalte aus dem Netz mit dem laufenden Fernsehprogramm verknüpfen. »Während eines Fußballspiels können Sie dann mit einem Tastendruck auf der Fernbedienung eine Wette im Internet über das Endergebnis abschließen«, sagt Jenzowsky.
Der eigentliche Schritt hin zu einem wirklichen Internet der Dienste, das inzwischen auch unter dem Schlagwort Web 3.0 firmiert, wird aber erst mit dem so genannten semantischen Internet kommen. Designer von Webseiten können schon heute zu seinem Aufbau beitragen, indem sie die neue Programmiersprache OWL verwenden. Mit dieser »Ontology Web Language« lassen sich einzelnen Wörtern auf einer Seite Oberbegriffe zuweisen – also zum Beispiel dem Wort »Stoiber« die Bedeutung »Politiker«. Oder »Bruno« die Bedeutung »Tier«. Eine Suchmaschine mit OWL-Fähigkeit wird dann auf die Frage »Wie stehen Politiker zum Tierschutz?« auch die Geschichte mit dem Problembären aus dem Netz fischen, ohne dass die Schlagwörter in dem Artikel selbst vorkommen müssen. »Diese Verschlagwortung ist natürlich recht aufwendig«, sagt Wolfgang Wahlster, Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. »Deshalb sind 99 Prozent aller Webseiten noch nicht semantisch.«
Das Bundeswirtschaftsministerium hat daher im Oktober zusammen mit Unternehmen und Forschungsinstituten das Projekt »Theseus« gestartet. Mit einem Budget von 180 Millionen Euro sollen in den nächs-ten fünf Jahren zwei Wege beschritten werden, um die Internet-Recherche zu revolutionieren: Zum einen werden die Benutzer von Internet-Datenbanken (wie Flickr oder YouTube) mit leicht zu bedienenden Menüs angeregt, ihre Materialien mit standardisierten Schlagwörtern zu versehen – und nicht mit selbst ausgedachten. Zum anderen sollen auch die Suchmaschinen schlauer werden und zumindest Straßen, Maßeinheiten und Personen-namen erkennen sowie eine Basis-Grammatik beherrschen.
»Das sind dann keine Such-, sondern echte Findemaschinen, die zu einer Frage nicht Hunderte von Webseiten ausspucken, sondern einfach die richtige Antwort geben«, schwärmt Wahlster. Bei aller Begeisterung ist er sich allerdings auch der Probleme bewusst: »Als ich unsere Projekte bei Google in den USA vorgestellt habe, war man dort sehr interessiert und besorgt zugleich«, berichtet er. Denn wie man verhindern soll, dass zum Beispiel eine Porno-Seite sich einfach mit dem kompletten Brockhaus verschlagwortet, um bei jeder Suche aufzutauchen, ist noch nicht klar.
Auch bei der anderen digitalen Revolution, dem Internet der Dinge, gibt es Zukunftsszenarien, die den Experten Bauchschmerzen bereiten. Dabei spielt vor allem die zunehmende Vernetzung von alltäglichen Gegenständen eine Rolle: Was passiert, wenn sich die Dinge unseres Alltags gegenseitig und mit dem Internet austauschen können, ohne dass wir eine direkte Kontrolle darüber haben? Ausgangspunkt dieser Entwicklung sind die so genannten RFID-Chips: Die Abkürzung steht für »Radio Frequency Identification«; die Chips haben eine kleine Antenne für Radiowellen und können so von einem Sender angeregt werden, den Inhalt ihres Datenspeichers auszustrahlen. Da sie dafür keine eigene Batterie brauchen, lassen sich die Chips kostengünstig und platzsparend zum Beispiel auf jedem Artikel im Supermarkt anbringen. Lange Warteschlangen an der Kasse sind damit passé, denn eine Sende- und Empfangsantenne am Ausgang kann alle RFID-Chips im Einkaufswagen auf einmal auslesen und den Kaufpreis von einer Kundenkarte abbuchen. Wirklich sehr praktisch, findet im Jahr 2010 auch Lena C ...
Als Frau C. einige Wochen nach ihrem Einkauf ein Strafzettel ins Haus flattert, ist sie schon nicht mehr so begeistert. Ein Beamter der Stadt München hat eine von ihr gekaufte Bonbonpackung im Englischen Garten aufgelesen; sie soll nun zehn Euro Bußgeld zahlen. Nach längerem Nachdenken fällt Lena C. ein, dass sie die Bonbons vor ein paar Tagen einem Kind beim Martins-Singen geschenkt hat. Doch es kommt noch schlimmer: Als sie krank im Bett liegt und ihr Nachbar ein paar Einkäufe für sie besorgt, stellen beide fest, dass Lena C. für die gleichen Toilettenartikel viel mehr bezahlen muss als er. Ein Anruf bei der Verbraucherberatung bestätigt, dass diese Preis-Diskriminierung von Frauen weit verbreitet ist. Da aber sowieso für jeden Kunden andere Preise gelten – was als »persönlicher Rabatt« hingestellt wird –, sei eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts nur schwer nachzuweisen.
Schon 2003 hat die Handelsgruppe Metro in ihrem »Future Store« in Rheinberg bei Duisburg erstmals RFID-Technik eingesetzt. Verschiedene Datenschutz-Organisationen hatten daraufhin mit Szenarien ähnlich dem von Lena C. auf die Probleme aufmerksam gemacht und Metro noch im selben Jahr den »Big-Brother-Award« verliehen. »Eigentlich sind es eher viele kleine neugierige Geschwister«, sagt Michael Friedewald vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Er war Koordinator eines EU-Projekts, das ganz bewusst düstere Szenarien über die Zukunft der Kommunikation erstellt hat, um negativen Entwicklungen schon heute entgegenwirken zu können. Im Dezember kommen die Ergebnisse als Buch heraus.
»Alltägliche Dinge mithilfe von kleinsten Sensoren fühlen, mithilfe von Mikrochips denken und erinnern und über drahtlose Kommunikation auch miteinander reden können« – all das sagt Friedewald voraus. Die Technik dafür ist fast schon fertig: Nur wenige Millimeter groß sind heute Sensoren für Temperatur, Druck, Beschleunigung oder bestimmte chemische Stoffe. Kürzlich wurde ein Kameraobjektiv entwickelt, das nach dem Prinzip der Facettenaugen von Insekten funktioniert und nur 0,2 Millimeter dick ist. Der kleinste GPS-Empfänger passt bereits auf ein 1-Cent-Stück. Einzig die Bereitstellung von genügend Energie auf kleinstem Raum zum ständigen Senden von Daten ist noch ein größeres Problem.
Verknüpft man nun die Miniaturisierung aus dem Internet der Dinge mit den Möglichkeiten der Informations-Beschaffung aus dem Internet der Dienste, kann nicht nur die Zauber-Brille von Lucas K. Wirklichkeit werden: Schlüssel würden kaum mehr verloren gehen, da sie jederzeit selbst wissen, wo sie sich befinden, und diese Information bei Bedarf an ein Mobiltelefon funken. Autos melden das Fahrverhalten ihres Besitzers an die Versicherung, um zu überprüfen, ob der wie vereinbart besonders umsichtig fährt und üble Gegenden meidet. Zudem können sich die Fahrzeuge gegenseitig vor Gefahren wie Aquaplaning warnen und ihr Bremsverhalten aufeinander abstimmen. »Aufgrund der drahtlosen Kommunikation sind solche Systeme aber auch leicht angreifbar«, sagt Friedewald. Zu seinen schwarzen Szenarien zählen deshalb sogar Anschläge, bei denen Terroristen per Funk Bordcomputer manipulieren und so Unfälle auslösen.
»Gefährlich wird es auch, wenn smarte Gegenstände, für die sich niemand mehr richtig verantwortlich fühlt, selbsttätig Daten sammeln und irgendwo im Internet ablegen«, warnt Friedewald. Ein weiteres Horror-Szenario: Je mehr Informationen man über einen Menschen zusammenträgt, umso eher ergeben sich zufällige Zusammenhänge – und damit auch falsche Verdächtigungen bei polizeilichen Ermittlungen. Als Gegenmaßnahmen fordert Friedewald eine obligatorische Verschlüsselung der Kommunikation, größtmögliche Transparenz für den Nutzer und vor allen Dingen Aufklärung der Verbraucher über die möglichen Risiken neuer Dienste und Produkte.
Nach Ansicht von Wolfgang Wahlster vom DFKI in Saarbrücken könnte das Netz der Dienste und Dinge in rund zehn Jahren Wirklichkeit sein. Für Friedemann Mattern von der ETH in Zürich ist dieser Zeitraum auch ungefähr die Grenze, bis zu der Zukunfts-Vorhersagen überhaupt sinnvoll sind. Als Beispiel führt er eine Sammlung von Aufsätzen führender IT-Experten aus dem Jahr 1997 an. Im Auftrag der »Association for Computing Machinery« in den USA hatten sie die Zukunft der Kommunikation skizziert – und dabei den Zugriff auf das Internet von mobilen Geräten wie Handys oder Notebooks aus überhaupt nicht erwähnt.
»Man muss nur einen Blick auf die Technik-Utopien der Vergangenheit werfen, um zu erkennen, wie wenig wir heute von der Zukunft wissen können«, sagt Mattern und verweist auf Unterwasser-Städte oder selbstreinigende Wohnungen, auf die wir immer noch warten. Dabei dürfe man sich auch nicht täuschen lassen von scheinbar hellseherischen Zufallstreffern wie einem Aufsatz in dem Buch »Die Welt in 100 Jahren« von 1910: »Es wird jedermann sein eigenes Taschentelefon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist. Liebespaare und Ehepaare werden nie voneinander getrennt sein, selbst wenn sie Hunderte und Tausende Meilen voneinander entfernt sind. Sie werden sich immer sehen, immer sprechen, kurzum, es wird die Glückszeit der Liebe angebrochen sein.«
Abgesehen von der allerletzten Voraussage, die man wohl kritisch sehen kann, spiegelt die Passage das heutige Handy-Zeitalter erstaunlich gut wider. Doch selbst dieser Autor habe nicht alles vorhersehen können, sagt Mattern: »Dass sich heute Schulkinder über zwei Meter Entfernung eine SMS zusenden, war damals doch jenseits des Vorstellbaren.«
- Ist da jemand?
- Connect
- Internet
























