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Globale Erwärmung
Churchill ist begeistert!
Für die kleine Stadt im Norden Kanadas eröffnet die globale Erwärmung ungeahnte Chancen: Wenn die Hudson Bay eisfrei wird, könnte aus dem 1000-Seelen-Nest ein bedeutender Frachthafen werden. Das Nachsehen haben die Eisbären.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Seit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 11 000 Jahren ist es Jahr für Jahr dasselbe Schauspiel: Im November, wenn der Winter hereinbricht, kommen die Eisbären nach Churchill. Das kanadische 1000-Einwohner-Nest am Rand der Arktis, wo der Churchill River in die Hudson Bay mündet, ist die »Polar Bear Capital of the World« – die Welthauptstadt der Eisbären. Nirgendwo sonst friert das Nordpolarmeer früher zu – und nirgendwo sonst können die Raubtiere auf dem Packeis ihre Lieblingsbeute, die Ringelrobbe, früher jagen als hier.
Doch seit ein paar Jahren ist alles anders. Die Bären kommen wie immer – aber außer ein paar Treibeisschollen ist noch kein Eis da. Immer häufiger dringen hungrige Bären auf der Suche nach Essbarem in die Häuser der Menschen ein, plündern Kühlschränke und Mülleimer. Taucht ein Bär innerhalb der Stadtgrenzen auf, kann man eine Eisbären-Hotline anrufen. Dann rücken Ranger aus, um das Tier mit einem Schuss aus dem Betäubungsgewehr außer Gefecht zu setzen und in ein »Eisbärgefängnis« zu bringen. 40 Bären können in den Wellblechbaracken gehalten werden, bis die Hudson Bay endlich zugefroren ist und der König der Arktis in seine Robben-Jagdgründe entlassen werden kann.
Churchills weltweit einmaliges Eisbärgefängnis ist das wohl augenfälligste Symbol für den fortschreitenden Klimawandel in der Arktis. Nirgendwo auf der Erde zeigt die globale Erwärmung so weitreichende Folgen wie hier. Experten sind
sich einig, dass die Arktis noch schneller schmilzt als lange angenommen. Am Ende dieses Jahrhunderts werde sie jeden Spätsommer eisfrei sein, prognostiziert der Klimabeirat der Vereinten Nationen. Was für den Eisbären existenzbedrohend ist, könnte sich für die Einwohner von Churchill als Segen erweisen. Die Anzeichen mehren sich, dass die globale Erwärmung ausgerechnet diesem weltabge-schiedenen Flecken eine große Zukunft bescheren wird.
Der Grund dafür ist Port Churchill, der bis vor Kurzem reichlich heruntergekommene Hafen des Ortes. Er ist Kanadas einziger arktischer Tiefseehafen – aber wen interessierte das schon, solange er nur wenige Monate im Jahr schiffbar war? Seit über 1000 Jahren war die Hudson Bay neun Monate im Jahr komplett zugefroren, der Zugang zum Atlantik damit versperrt. Anfang der 1990er Jahre war die schon immer spärliche Frachtschifffahrt fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die kanadische Regierung sah null Potenzial für Churchill. Das beweist die Tatsache, dass man den Hafen von Churchill 1997 an die amerikanische Privateisenbahn Omnitrax verkaufte – für die symbolische Summe von sieben Dollar. Kurze Zeit später begannen die Temperaturen zu steigen. Heute prognostizieren Experten, dass Port Churchill schon bald einen größeren Teil des Jahres über per Schiff erreichbar sein könnte. Bereits heute ist die Hudson Bay vier statt wie bisher drei Monate im Jahr schiffbar.
Roy Lemieux, Transportminister der kanadischen Provinz Manitoba, in der Churchill liegt, spekuliert sogar auf einen zwölf Monate schiffbaren Hafen: »Wir rüsten uns an allen Fronten für die Zukunft«, sagt er. »Wir werden das Tor und der logistische Anlaufpunkt für die zirkumpolare Schifffahrt sein.« Am liebsten würde der Minister schon heute nukleare Eisbrecher einsetzen, um die Bucht rund um das Jahr vom Eis zu befreien.
Die Vorstellung, dass sich eine Ansammlung heruntergekommener Hütten zu einem bedeutenden Frachthafen entwickeln könnte, scheint unwiderstehlich. Tatsächlich wären die Folgen weitreichend: Während heute Frachtschiffe aus Europa und dem nordöstlichen Asien auf jahrhundertealten Routen quer über den Atlantik viel Zeit verlieren, könnten sie auf der sogenannten »arktischen Brücke« mit Zielort Churchill bis zu 40 Prozent Zeit gewinnen. Nicht nur die Kanadier, sondern auch die Russen träumen von dieser arktischen Brücke, dem Seeweg zwischen Churchill und Murmansk, einer wesentlich größeren, aber derzeit ähnlich heruntergekommenen Hafenstadt an Russlands Nordküste. Heute muss ein Schiff von Murmansk aus den Atlantik, den St.-Lorenz-Strom und die Großen Seen passieren, bevor es die Thunder Bay in Ontario erreicht. Durchschnittliche Dauer: 17 Tage.
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