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Religion & Humor

Bruno Jonas: »Gott lacht über alles«

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Bruno Jonas -  »Gott lacht über alles«Bruno Jonas -  »Gott lacht über alles«

Der Glaube ist auch Gegenstand des Humors, sagt der Kabarettist und Menschenkenner Bruno Jonas. Intensives Bibelstudium führte ihn zu der Überzeugung: Gott selbst spielt Kabarett mit uns.

P.M.: Welches Verhältnis hat ein Kabarettist zu Gott – ein satirisches, ein ironisches, ein humorvolles?

Jonas: Es gibt mit Sicherheit Kabarettisten, die überhaupt kein Verhältnis zu Gott haben – weder satirisch noch ironisch, noch humorvoll. Obwohl gerade auch derjenige, der glaubt, kein Verhältnis zu Gott zu haben, dadurch ja ein Verhältnis zu Gott formuliert. Die Figur Gottes ist allein schon durch die Tatsache, dass darüber geredet wird, in der Welt. So gesehen haben wir alle, ob Kabarettist, Journalist, Atheist, Theologe, ein Verhältnis zu Gott. Und selbst wenn wir sagen, es gibt ihn nicht, so müssen wir immer noch begründen, warum es ihn nicht geben soll, wo doch so viele darüber reden. Interessanter wäre ja die Frage, ob Gott ein Verhältnis zum Kabarett hat.

Und: Hat er?

Manche Kabarettisten sind felsenfest davon überzeugt, dass Gott selber mit kabaret-tistischen Mitteln gearbeitet hat, um sich optimal in Szene zu setzen. Ich denke zum Beispiel an die Hiob-Geschichte, die man durchgängig ironisch auffassen kann. Soweit ich mich erinnere, hat Gott darin zwar nicht gelacht. Aber komisch hat er sich in jedem Fall verhalten. Oder ist es vielleicht nicht komisch, wenn Gott mit dem Teufel eine Wette eingeht, in deren Verlauf sein gläubiger Diener Hiob malträtiert wird?

Ich kenne niemanden, der darüber gelacht hätte. Glauben Sie wirklich, dass Gott Schabernack mit uns treibt?

Die Hiob-Geschichte lässt diese Vermutung zu. Gott wettet mit dem Teufel, und der arme Hiob ist das Opfer. Gott sagt zum Teufel: »Du darfst mit ihm machen, was du willst. Nur umbringen darfst du ihn nicht. Aber ich wette, Hiob wird vom Glauben nicht abfallen. Er ist ein Gläubiger.« Dann treiben Gott und der Teufel wirklich schlimme Sachen mit Hiob: Er wird krank, er verliert Haus und Hof. Er wird zwar am Schluss wieder belohnt, aber allein die Tatsache, dass der Gott der Liebe einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um einen Gläubigen zu quälen – da muss man schon viel Humor haben!

Muss man vom Glauben abfallen, um Kabarettist zu werden?

Ich fürchte, ich muss jetzt ein bisschen gescheit daherreden ...

... satirisch wär mir lieber!

Ist ja wohl kein Gegensatz! Also: Wenn wir den Kabaret-tisten charakterisieren als einen Menschen, der die Wirklichkeit ausschließlich kabarettistisch reflektiert, weil er nicht anders kann, dann wird er neben all den anderen Dingen zwischen Himmel und Erde, die ihn aufregen, auch Gott satirisch aufs Korn nehmen müssen. Wenn er natürlich ein tiefgläubiger Kabarettist ist, dann hat er ein Problem mit Gott. Satire verlangt eine Distanz zum Objekt der Satire. Wenn ich als gläubiger Christ und bekennender Kabarettist meinen Gott zum Gegenstand einer Satire mache, muss ich von meinem Glauben zurücktreten, ihn hintanstellen und versuchen, den Glauben und damit mein Verhältnis zu Gott auch satirisch zu beschreiben.

Und wie weit darf man da gehen?

Na, ein frommes Gebet kann dabei natürlich nicht herauskommen.

Heißt das: Ein tiefgläubiger Kabarettist ist ein Widerspruch in sich selbst?

Der strenggläubige Mensch wird sich mit einem ironischen Verhältnis zu Gott schwertun, weil die Ironie den Glauben stört. Ironie bedeutet ja, dass ich in übertreibender Weise etwas ausspreche, um das Gegenteil des Gesagten auszudrücken. Ironisch sprechen heißt, sich spottend verhalten. Das widerspricht der Grundhaltung eines Gläubigen: Er muss sich damit schwertun, weil die Nähe zu Gott Ironie verbietet.

Das haben Philosophen auch so gesehen.

Genau. Kierkegaard hat gesagt, Humor schaffe Distanz, und Distanz sei nicht angebracht im Verhältnis zu Gott. Das glaube ich auch. Der Gläubige sucht ja nicht Distanz, sondern Nähe zu Gott und will sich in der Kommunion geistig, seelisch und auch körperlich mit seinem Schöpfer vereinen.

Sie haben sich intensiv mit der Bibel auseinandergesetzt. War das kabarettistische Exegese?

Ich habe mich seit Beginn meiner Kabarettlaufbahn damit beschäftigen dürfen. Gleich zu Anfang meiner Karriere hatte ich in Passau ein Verfahren wegen Religionsbeschimpfung ...

... und Sie waren stolz drauf?

Wie man’s nimmt. Ich spüre noch heute die Angst, die mir in die Glieder fuhr, als die Vorladung kam. Und meine Mutter sagte: »Ham mir denn ois foisch g’macht?« Das war 1975. Da haben der Sigi Zimmerschied und ich ein Stück aufgeführt, das »Die Himmelskonferenz« hieß. Wir spielten das in Passau vor etwa 250 Personen, die lauthals lachten. Wir waren glücklich. Aber dann kam die Ernüchterung: Wir wurden angezeigt wegen Religionsbeschimpfung und Verunglimpfung religiöser Gefühle! Der Staatsanwalt hatte damals Humor und konnte das Verfahren einstellen. Seitdem frage ich mich aber, warum der gläubige Katholik sich so schwertut, wenn er über sich und seine Glaubenspraxis lachen soll. Vielleicht liegt es daran, dass sich der Gläubige immer im Zustand der »dramatischen Ironie« befindet ...

... wie bitte?

Das ist ein Begriff aus der Dramentheorie, den man am besten mit dem Kasperltheater erklären kann. Die Kinder halten das, was sich vor ihren Augen abspielt, für wahr. Wenn das Krokodil von hinten naht, dann schreien sie: »Kasperl, pass auf!« Der halbwegs normale Theaterzuschauer würde das nicht tun, er weiß, was gespielt wird. Abstrakter formuliert: Hier haben wir das äußere Kommunikationssystem. Das heißt, der Zuschauer weiß, dass er sich im Theater befindet und zum Beispiel Mackie Messer ...

... nicht wirklich aufgehängt wird.

Richtig. Daneben gibt es das innere Kommunikationssystem: Die handelnden Figuren wissen zwar, dass sie spielen, müssen aber, damit das Stück echt wirkt, so tun, als wüssten sie nicht immer über die Gesamtheit und den Fortgang des Dramas Bescheid. Da gibt es Intrigen, da wird hintenrum geredet, da treten Figuren früher oder später auf, da wird über andere gesprochen. Das heißt, die Schauspieler gehören zwar auch zum äußeren Kommunikationssystem, müssen aber so tun, als wüssten sie nicht, wie das Stück endet. Durch die Überschneidung dieser beiden Kommunikationssysteme ergeben sich für den Zuschauer natürlich dramatisch-ironische Sequenzen. Wenn wir jetzt das System der dramatischen Ironie auf die Bibel beziehen, dann kann man sagen: Der Gläubige ist Teil des Stückes, er kann nicht aus seinem Glauben herausgehen wie aus einem Theaterstück. Das Ende des Stückes betrifft ihn direkt. Alles, was in diesem Stück gespielt wird, erkennt der Gläubige nicht als Stück, sondern als Wahrheit. Wenn man etwas als Wahrheit erkannt hat, dann wird es schwer, sich humorvoll davon zu distanzieren, weil die humorvolle Distanz das Stück als Ganzes infrage stellt. Dann kann man nicht darüber lachen.

Sind Glaube und Humor also auf ewig unvereinbar?

Es sollte möglich sein, zu einer humorvollen Glaubenausübung zu kommen – im Sinne Papst Johannes’ XXIII., der gesagt hat: »Mensch, nimm dich nicht so wichtig.« Nehmen wir unseren Glauben mit Humor, dann kann er zu einer Quelle der Versöhnung werden, weil der Humor ein versöhnliches Wesen hat. Er versöhnt in der Distanz zum Geschehen, weil er es dem Gläubigen ermöglicht, sich selbst in seinem Glauben nicht ganz ernst nehmen zu müssen. Das kann allerdings mit einem strengen Glauben kollidieren: In einem direkten Blick auf Gott kann der Humor Irritationen auslösen.

Der Schmerzensmann Jesus als Sohn eines ironischen Gottes – eigentlich nicht vorstellbar ...

... weil ein ironischer Gott womöglich das Gegenteil seiner selbst wäre. Er sagt ja von sich: »Ich bin die Wahrheit und das Leben.« Wenn Gott in ironischer Weise von sich selbst spräche, müsste er die Wahrheit und das Leben übertreiben, um das Gegenteil damit zum Ausdruck zu bringen. Da zur Wahrheit immer auch ihr Gegenteil gehört, wie ich bei Martin Wal-ser gelesen habe, kann ich an einen Gott glauben, zu dem auch sein Gegenteil gehört. Gott steht für absolute Liebe und das Gute, ein ironischer Gott stünde demzufolge für das Gegenteil davon. Jetzt müsste man fragen: Führt eine Ironisierung des Gu-ten zum Bösen? Ist die Übertreibung des Guten das Böse? Wer weiß darauf eine Antwort? Der Papst vielleicht. Aber den können wir jetzt nicht fragen.

Ist Ihnen das Christentum zu humorlos?

Ich glaube, Theologen würden auf Ihre Frage antworten, dass der zentrale Aspekt des christlichen Glaubens das Leiden ist und dass Jesus Christus als Sohn Gottes dieses Leiden für uns alle auf sich genommen hat. Und am Jüngsten Tag bei der Auferstehung werden wir alle davon erlöst. Ich frage mich immer wieder: Was haben wir bloß angestellt, dass Gott uns seinen Sohn ans Kreuz nageln lassen musste, damit wir erlöst werden? Wie kam Gott damit zurecht? Hat er den Kreuzestod des eigenen Sohnes mit Humor ertragen?

Ihre Antwort?

Auf Humor konnte Gott verzichten: Schließlich wusste er ja von Anfang an, wie die Geschichte aufhört – nämlich mit einem Happy End. Humor ist ja eine absolut diesseitige Option, um mit dem Leiden zurechtzukommen. Theologisch könnte man den Akzent auf das Lachen legen, in der Gewissheit um das Ende im Paradies. Also eine Humorreligion – lachende Gläubige, die um das Ende wissen. Im Mittelalter gab es ja den »Risus pasquale«, das österliche Lachen. Da haben die Priester vom Altar aus komische Geschichten erzählt, und es wurde in der Kirche tatsächlich gelacht.

In der Werbung des Privatsenders MTV für seine Vatikan-Satire »Popetown« über den Alltag eines Papstes erschien ein lachender Jesus, der mit der Dornenkrone auf dem Kopf fernsieht. Der Text dazu: »Lachen statt rumhängen.« Erlaubt – oder ein Tabubruch?

Grundsätzlich darf man alles. Aber wie Gläubige darauf reagieren, ist individuell verschieden und ungewiss. Es gibt sicher Gläubige, die eine Comedy wie Popetown nicht berührt, weil sie im Glauben nicht zu erschüttern sind. Aber je unsicherer, je zweifelnder einer im Glauben ist, desto größer ist die Gefahr, dass er sich Spott über den Glauben verbietet. Der Zweifel ist der zentrale Impuls des Glaubens – wenn ich etwas weiß, dann muss ich ja nicht mehr glauben. Und etwas Sichereres als den Zweifel gibt es nicht. Nur: Wenn der Zweifel die Basis meines Glaubens ist, dann stehe ich im ständigen Widerspruch zu meinem Glauben und bin ganz schwer dazu zu bewegen, darüber auch noch einen Witz zuzulassen. Ich kann beide Reaktionen verstehen.

Worüber würde Gott selbst lachen – wenn er lacht?

Der lacht über alles! Vielleicht arbeitet er mit versteckter Kamera. Dann wäre aus der Sicht des Allmächtigen alles ein Riesen-Fake, alles inszeniert. Und am Jüngsten Tag kommt er hinter einer grauen Wand hervor, lacht und sagt: »War alles nicht ernst gemeint!«

Was macht Gott in tausend Jahren? Ist er dann in Rente, ist er arbeitslos?

Ich glaube, er ist noch im Amt. Tausend Jahre interessieren den überhaupt nicht. Wenn wir Gott definieren als den, der immer da war und immer da sein wird, der Jahwe, der alte jüdische Gott – dann ist Zeit keine Kategorie, in der Gott denkt.

Und woran glauben die Menschen in 1000 Jahren?

Ich könnte mir vorstellen, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Menschen glauben, dass das Internet das Jenseits ist. Denn das ist ein virtueller Raum, wo sich Leute zum Beispiel im Spiel »Second Life« eine virtuelle Identität schaffen und dort auch Geld verdienen und wirtschaftlich erfolgreich sind. Im Second Life existiert man für die anderen nicht erkennbar ein zweites Mal. Ja, Leut’, das ist das ewige Leben!

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