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Atommüll

Botschaften für die Ewigkeit

Wer warnt unsere Nachkommen vor unserem Atommüll? Er wird noch in Millionen Jahren strahlen, doch dann versteht niemand mehr die heutigen Sprachen. Forscher suchen nach Möglichkeiten, um spätere Generationen auf die radioaktiven Hinterlassenschaften unserer Kernkraftwerke hinzuweisen.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Was passiert, wenn in ferner Zukunft Menschen unwissentlich auf den Atommüll stoßen, den wir über Jahre produziert haben?Was passiert, wenn in ferner Zukunft Menschen unwissentlich auf den Atommüll stoßen, den wir über Jahre produziert haben?
Was passiert, wenn in ferner Zukunft Menschen unwissentlich auf den Atommüll stoßen, den wir über Jahre produziert haben?
iStockphoto

Wir schreiben das Jahr 12013. Nichts auf der Erde ist, wie es mal war. Das Atommüllendlager Gorleben hat sich endgültig als unzuverlässig erwiesen; die humanoiden Wesen, die jenes Gebiet bevölkern, das sich Generationen zuvor Niedersachsen nannte, werden auf unerklärliche Weise krank. Auf der Suche nach der Ursache haben einige von ihnen mysteriöse Katakomben 800 Meter tief unter der Erde erforscht und sind auf ein Meer von Metallbehälterresten mit merkwürdigen Schriftzeichen gestoßen. Zuerst gingen den Mitgliedern der Expedition die Haare aus, bald darauf starben alle. Jürgen Kruse ahnt, dass es irgendwann, in ferner Zukunft, so kommen wird. Er ist Atomi aner. Ein Atompriester, der mit seinem weiß gewandeten und maskierten Gefolge vor den Gefahren nuklearer Strahlung warnt. Eine Mission, die auf ewig angelegt ist: »Atomianer sind Fachkundige, die von Generation zu Generation mit Ritualen das Wissen um die unter der Erde schlummernde Radioaktivität weitertragen«, erklärt Kruse. Denn auf Warntafeln und die Sprache überhaupt ist kein Verlass, wenn man in Zeitspannen von Zehntausenden Jahren denkt. »Wer versteht heute schon das gerade mal 800 Jahre alte Nibelungenlied in Originalfassung?«, fragt Kruse. Das ist das Problem. Die Halbwertszeit unserer Sprache ist im Vergleich mit radioaktiv strahlenden Stoffen extrem kurz: Forscher gehen davon aus, dass die Hälfte unseres heutigen Wortschatzes in 4000 bis 6000 Jahren verschwunden beziehungsweise durch eine völlig andere Sprache ersetzt sein wird. Spätestens in 12 000 Jahren wird niemand mehr ansatzweise verstehen, was heute gesprochen und geschrieben wird. Da hat aber beispielsweise Plutonium- 239 noch weitere 12000 Jahre vor sich, bis seine Strahlung zur Hälfte abgeklungen ist. Andere radioaktive Hinterlassenschaften strahlen noch viel länger. Die Halbwertszeit von Jod-129 beträgt fast 16 Millionen Jahre und die von Thorium- 232 gar 14 Milliarden Jahre.

Gefährlich sind die Stoffe dann immer noch. Wie also Warnbotschaften für alle Ewigkeit verfassen? »Politiker  sehen in dieser Frage ein absurdes Gedankenspiel. Experten hingegen erkennen das Problem«, sagt Roland Posner, Professor für Semiotik, also für die Kommunikation mit Zeichen, der Technischen Universität Berlin. Zusammen mit internationalen Kollegen arbeitet er seit Jahren in der Wissenschafts disziplin »Atomsemiotik«. Sie beschäftigt sich mit der Frage: Wie kann in einer fernen Zukunft, jenseits heutiger Kultur, Sprache und Intelligenz, vor der atomaren Gefahr gewarnt werden? Nur eine wissenschaftliche Fingerübung? Ein Spleen? Was scher t uns, was in 10000, 100 000 oder zehn Millionen Jahren ist? »Im Gegensatz zur bisherigen Geschichte sind wir erstmals für unsere Nachkommen verantwortlich, weil wir auf eine Weise in deren Lebensraum eingegriffen haben, die für sie tödlich sein kann«, entgegnet Posner. Aber wie kann man sie warnen? Atomianer, die das wertvolle Wissen in alle Ewigkeit überliefern wollen, hält Posner für einen brauchbaren Ansatz. Bereits Anfang der 1970er Jahre hatte in Oak Ridge der damalige Leiter des US-Atomlabors über eine »Elite-Priesterschaft« philosophiert. Populär wurde die Idee der »Atompriesterschaft« aber durch den Linguisten Thomas Sebeok (1920–2001). Ähnlich wie die katholische Kirche ihre Botschaft über 2000 Jahre bewahrt, stets in moderne Sprache übersetzt und durch Riten tradiert hat, könnte sich das Wissen um atomare Endlager erhalten. Die Priesterschaft bestünde laut Sebeok aus Anthropologen, Experten für Strahlenerkrankungen, Linguisten, Physikern und Psychologen. Die Anhänger von Sebeoks Idee halten die bewusste Bildung von Mythen und Legenden über die todbringende Gefahr für geeignet, um Neugierige von Endlagerstätten fernzuhalten. Zentrale Botschaft, die ins kollektive Gedächtnis eingebrannt werden soll: Wer die »heiligen Gebiete« betritt, wird mit übernatürlichen Vergeltungsmaßnahmen bestraft! Andere Atomsemiotiker fordern, dass das technische Wissen rund um die Radioaktivität in Geheimlogen tradiert wird. Das sei der beste Garant der Überlieferung, weil elitäres, geheimes Wissen magische Macht ausübe. Schließlich sei es allzu menschlich, nicht von Macht und Privilegien abzulassen.

 

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Autor/in: Chris Löwer


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