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Militär

Bonnland

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Balkan, Afghanistan, Kongo: In den Krisen-gebieten rund um den Globus nehmen immer mehr deutsche Soldaten an internationalen Friedensmissionen teil. Vorher absolvieren sie ein Spezialtraining, das die Verhältnisse vor Ort so realistisch wie möglich simuliert. P.M. war im Übungsdorf Bonnland an vorderster Front dabei.

»Wir müssen jederzeit damit rechnen, in einen Hinterhalt zu geraten!« Es ist die letzte Warnung, die der Zugführer an seine 30 Leute in Kampfuniform richtet. Dann teilen die Männer sich in mehrere Kleingruppen auf und postieren sich zu beiden Seiten der Dorfstraße im fränkischen Bonnland. Zeitweilig wohnten hier fast 600 Menschen, 1965 wurden die letzten Bewohner umgesiedelt und das Dorf der Infanterieschule Hammelburg zugeschlagen. Seitdem dienen die leer stehenden 51 Häuser, 25 Nebengebäude und 30 Scheunen militärischen Übungszwecken.

Für die vorrückenden Soldaten stellt Bonnland an diesem Tag ein ausländisches Dorf in einem der vielen Krisengebiete auf unserem Globus dar. Hier kann der Feind überall lauern – hinter jedem Fenster, in jedem Schuppen. Häuserkampf ist nichts für schwache Nerven. Als die erste Gruppe sich schutzsuchend eng an die Fassade eines hellgrün getünchten Eckhauses drückt, schlagen die perfekt getarnten Gegner zu: Aus einer Gasse fliegen zwei hellblaue Dinger auf die Dorfstraße und rollen klackend über den Asphalt.

»Granate!«, ruft der erste Gruppenführer mit mäßig lauter Stimme, bevor die beiden Übungshandgranaten krachend explodieren. Soldaten geben Schüsse ab. Der Zug fordert über Funk Unterstützung an und nebelt sich ein. Sekunden später hüllt Rauch die Straße ein. Er schlägt auf die Lunge und erschwert das Atmen. Von hinten braust ein Schützenpanzer »Marder« durch die Schwaden heran und stoppt federnd in Höhe der Explosionsstelle.

In diesem Moment unterbricht der in Soldatenkreisen scherzhaft »Bürgermeister von Bonnland« genannte Häuserkampf-Experte Oberstleutnant Helmut Morak die Übung und ruft alle Teilnehmer zu sich. Auf dem Weg zu ihm raunt einer der Gruppenführer seinen Leuten zu: »Wir wären alle tot gewesen.« Morak, der wie alle Ausbilder eine orangefarbene Leuchtweste über der Tarnjacke trägt, beginnt seine Manöverkritik differenziert. Er fragt zunächst in die Runde, zu der auch zwei schwedische Kameraden gehören: »Was ist falsch gelaufen?« Denn er will, dass die Teilnehmer dieser »Erstausbildung im Ortskampf« ihre Fehler möglichst selbst erkennen. Etwa, dass sie soeben einen zu geringen Abstand voneinander gehalten haben – dadurch hätte sich die Zahl der Verletzten bei einer Explosion echter Handgranaten deutlich erhöht.

Das Auswertungsgespräch verläuft sachlich und in ruhigem Ton. Nur einmal hebt Morak die Stimme und macht unmissverständlich klar, wie die Warnung vor einem Sprengsatz zu klingen hat: »Es muss der gellende Ruf kommen – G r a n a t e !«
So wie diesen Zug bildet die 1956 gegründete Infanterieschule Hammelburg jährlich rund 24000 Soldaten aus. Die dafür erforderlichen dreihundert Lehrgänge und Übungen verteilen sich auf die Saaleck-Kaserne, den Truppenübungsplatz Hammelburg mit Wald und Hügeln sowie auf den 30 Kilometer nördlich gelegenen, 40 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz Wildflecken.

Was die Ausbildung so einzigartig macht, ist die Internationalität. Denn hier werden auch Einsätze im Rahmen weltweiter Auslandsmissionen trainiert, geben deutsche und ausländische Ausbilder ihre Einsatzerfahrung weiter. An deutsche und an ausländische Soldaten verbündeter Streitkräfte. 85000 Soldaten wurden hier bisher auf internationale Missionen vorbereitet. Etwa auf die Einsätze in Somalia, auf dem Balkan und in Afghanistan. Und jetzt im Kongo. Nachdem der Bundestag Anfang Juni dieses Jahres beschlossen hatte, deutsche Soldaten in das afrikanische Land zu schicken, versicherte Verteidigungsminister Franz Josef Jung: »Selbstverständlich sind unsere Soldaten darauf gut vorbereitet und auch entsprechend ausgebildet.« Maßgeblich verantwortlich dafür: die Infanterieschule Hammelburg.

Obwohl die politische und militärische Führung derartige Einsätze häufig als »Friedensmissionen« bezeichnen, ist allen Beteiligten klar, dass die Soldaten dabei ihr Leben riskieren. Um das Risiko eigener Verluste so gering wie möglich zu halten, bemüht sich die Infanterieschule um Realitätsnähe durch einen hohen Praxisanteil. Das Übungsdorf Bonnland etwa sei »europaweit einmalig«, schwärmt Oberst Jörg Udo Keck, Stellvertretender Kommandeur und Leiter des Schulstabs: »Es ist ein gewachsenes Dorf – als Ortskampfanlage unersetzlich.« Zudem werde die Ausbildung für Auslandseinsätze ständig den »veränderten Rahmenbedingungen« in den Krisengebieten angepasst. Zu denen zählt der Führungsstab: »Keine klaren Fronten, Bedrohung durch irreguläre, asymmetrisch kämpfende Gegner, urbanes Umfeld, ständige Präsenz der Bevölkerung.« Zu Deutsch: Der Feind ist keine geordnete Truppe, und ständig können Zivilisten im Weg stehen.

Einführung, Aufgabenstellung, Versuch, Auswertung, neuer Versuch – bis das vorgegebene Ziel erreicht ist und die Ausbilder zufrieden sind: Immer wieder laufen die Auslandsvorbereitungen nach diesem Schema ab. Etwa in einem mobilen, 720000 Euro teuren Schießsimulator für Handfeuer- und Panzerabwehrwaffen. »Drei davon sind schon im Einsatz, in Prizren, in Sarajewo und in Kabul«, sagt Stabsfeldwebel Andreas Lach. »Dieser hier geht demnächst nach Kunduz in Nordafghanistan.«

Herzstück der in einem Container untergebrachten Schießanlage für bis zu vier Schützen sind ein Zwei-Gigahertz-Rechner und eine gewölbte, in Japan hergestellte Projektionsfolie, die verschiedene Gelände dreidimensional abbildet. Darin sind auch virtuelle feindliche Kämpfer verschanzt. Wenn die Soldaten im Simulator auf sie feuern, registrieren Sensoren an Kolben, Abzug und Zieloptik der Waffen Schulterdruck, Fingerzittern und jede noch so geringe Abweichung beim Zielen – das Ergebnis landet auf dem Kontrollmonitor von Ausbilder Lach. Er erkennt sofort: Treffer – oder daneben. In der Schießanlage werden die Soldaten auch darauf getrimmt, die einheimische Bevölkerung zu verschonen. Um das zu üben, kann Lach unbeteiligte Zivilisten, auf die Patrouillen im Ausland ja ständig stoßen, in die Schusslinie laufen lassen. Selbst die im Einsatzland vorherrschende Witterung – vom gleißenden Sonnenschein im Sudan bis zu Schneeböen in den afghanischen Bergen – lässt sich digital simulieren.

Wie eng sich die Ausbildung der Infanterieschule an den Bedingungen in den Krisengebieten orientiert, zeigt sich beispielsweise nordöstlich von Bonnland im Lager Felschental. Es wurde 1993 eingerichtet, als die Schule erstmals Beobachter der Vereinten Nationen (UN) auf ihren Einsatz in Somalia vorbereitete. Mit Wachtürmen, Schlagbäumen, Sandsäcken, Ölfässern, Stacheldraht und Wohncontainern ist die Anlage einem echten UN-Lager bis ins Detail nachempfunden. Und: »Wir schicken ständig jemanden nach Afghanistan, ins Kosovo und nach Bosnien-Herzegowina. Ändert sich dort die Lage, gibt man uns durch, was wir hier wie verändern müssen, um weiterhin realitätsnah zu üben«, erläutert ein Ausbilder. Dann wendet er sich seinen vier Schützlingen – drei Männer und eine Frau – zu und zeigt auf ein Pappmodell: »Heute haben wir die Zufahrt zum Lager wie in Kunduz aufgebaut. Hier sind Sie für die Personen- und Fahrzeugkontrolle verantwortlich.«

Kaum haben die Vier Position bezogen, als ein Lastwagen auf sie zubraust. Einer der drei Männer stoppt den LKW mit einer roten Kelle und kontrolliert den Fahrer, die beiden anderen untersuchen die Ladung auf versteckte Bomben. Ihre Kameradin behält derweil mit entsicherter Waffe das gesamte Geschehen im Auge. Immer wieder setzt der LKW-Fahrer zurück und steuert erneut auf den Schlagbaum zu – so lange, bis der Ablauf der Kontrolle stimmt.

Zu den größten Herausforderungen der Ausbildung in der Infanterieschule gehören die Speziallehrgänge für die unbewaffneten UN-Beobachter. Allein was die geografische Dimension betrifft: Die Blauhelme müssen bei ihren Übungen wie in der Realität ganze Landstriche observieren. Das UN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr befindet sich seit 1999 auf dem Gelände der Schule. Ein Bereich ist allein für die Einsatzkontingente der Bundeswehr zuständig; hier lernen die Soldaten mithilfe von Psychologen auch, wie sie Stress bewältigen und wie sie sich in Geiselhaft verhalten sollten. Ein weiterer Bereich bietet internationale Lehrgänge für UN-Blauhelme an. »Alle Ausbilder«, berichtet Bereichsleiter Oberstleutnant Radostin Mutafoff, »haben Einsatzerfahrung als Beobachter, zum Beispiel auf Haiti, im Kongo und in Kambodscha.« Er selbst war als UN-Militärbeobachter in Georgien.

Die heutige Aufgabe für die Blauhelme stellt sich in einer Gegend, die während der Übung »Rhönland« heißt. Zwei verfeindete Warlords kämpfen um die Macht über ein großes Gebiet, das ungefähr von Würzburg bis Karlstadt reicht. Der inszenierte Konflikt sieht vor, dass der Warlord, der das südliche Rhönland beherrscht, den Waffenstillstand bricht und den Nordteil angreift.

Mutafoff und der Lehrgangs-Verantwortliche Major Michael Reinwald stehen auf einer Anhöhe, von der aus sie die Waffenstillstandslinie überblicken: die Hauptstraße der echten Stadt Birkenfeld. Die Bevölkerung sei informiert, aber nicht instruiert, sagt Reinwald. Punkt 13 Uhr lässt der Warlord-Süd mit Mörser-Übungsgranaten auf Stellungen der Nord-Truppen außerhalb der Stadt feuern. Der Kontrahent reagiert sofort. Bald zucken in weitem Umkreis Lichtblitze, steigen Rauchwolken auf, explodieren farbige Raketen am Himmel, rattern Maschinengewehre, setzen sich zwischen Kornfeldern wartende Panzerwagen in Bewegung, steigt ein UN-Hubschrauber auf, um das Kampfgebiet abzufliegen. Am Boden beobachten sechs Blauhelm-Teams aus Europa, Afrika, Asien und Südamerika das Kampfgeschehen. Sie müssen den UN Bericht erstatten: Was passiert, wo passiert es, und wer hat zuerst geschossen?

Gegen Nachmittag stellen die Kriegsparteien ihren Kampf vorläufig wieder ein und ziehen sich in ihre Hochburgen Erlenbach und Sendelbach zurück. Nach und nach treffen die UN-Beobachter des südlichen Rhönlands etwas erschöpft in einem zum Quartier umfunktionierten Sportheim ein. Der heiße Kaffee tut allen gut. »Bei einem echten Einsatz haben Blauhelme keine Freizeit«, meint dagegen Mutafoff und gibt draußen auf dem Vorplatz dem Warlord-Süd über Funk heimlich eine Anweisung.

Wenig später überrollt ein Panzerfahrzeug der Südfraktion den Stacheldraht und rammt eine der weißen Tonnen, mit denen die UN-Beobachter die Einfahrt zu ihrem Quartier gesichert haben. Bevor die Blauhelme registrieren, was los ist, haben die mit schwarzer Gesichtsfarbe getarnten Kämpfer bereits drei Schwerverletzte herangebracht und fordern medizinische Versorgung. Die überraschten Beobachter laufen zunächst wild durcheinander, lassen sich von den Kämpfern umherschubsen – und Befehle erteilen. Unter dem Druck der Situation bestätigen sie sogar die Vorwürfe des Warlords gegen die Kriegspartei Nord. »Dazu sind sie nicht berechtigt, weil sie in jeder Situation neutral bleiben müssen«, kommentiert ein finnischer Ausbilder. Dennoch: »Hier sollen die Teilnehmer ruhig Fehler machen«, sagt Übungsleiter Reinwald, »dann machen sie die Fehler im realen Einsatz nicht.«

Fünf Tage dauert das Kriegsspiel im Rhönland – der praktische Teil des insgesamt dreiwöchigen Beobachterlehrgangs. »Wir haben«, so Oberst Reinhard Barz, der das UN-Ausbildungszentrum leitet, »viele Anfragen von nationalen Armeen aus dem Ausland, die unsere Ausbildung übernehmen wollen.« Barz, im vergangenen Jahr noch Kommandeur im afghanischen Kunduz, hat einen Anschlag auf seinen Jeep überlebt, ein anderes Mal – mit Splittern im Rücken – einen Raketenangriff auf seinen Leitstand. Er betont, dass man die Übungsteilnehmer »grundsätzlich auf den worst case« vorbereite, auf den schlimmsten anzunehmenden Fall. Man glaubt es sofort, wenn man den Krieg ums Rhönland gesehen hat.

Szenenwechsel in das Übungsdorf Wildflecken, das im Gegensatz zu Bonnland speziell für Manöverzwecke erbaut worden ist. Für das heutige Szenario liegt es in Afghanistan und heißt »Bagrami«. In der Dorfschule hat es eine Gasexplosion gegeben, das Gebäude ist einsturzgefährdet. »Bergen Sie die Eingeschlossenen«, lautet der Einsatzbefehl an einen Zug deutscher Soldaten.

Während die Männer sich an einem Modell mit den Besonderheiten des aus acht einstöckigen Häusern bestehenden Dorfes vertraut machen, bereiten sich 30 von einer Zeitarbeitsfirma vermittelte Schauspieler auf ihren Einsatz vor – in einem Haus, vor dem das Hinweisschild hängt: »Zutritt nur für militärische Rollenspieler«. Zu ihnen gehören heute ein »Malik« genannter Bürgermeister, außerdem Übersetzer, Polizisten, Dorfbewohner und Verletzte mit echt aussehenden Fleisch- und Brandwunden. Nach gut zwei Stunden sind die Darsteller für einen »Massenanfall von Verwundeten« verkleidet und haben ihre Plätze eingenommen.

Aus der rauchenden Schule dringen die Schreie der Verwundeten. In einem Graben liegt ein brennender PKW mit einem Schwerverletzten, Frauen in wehenden Burkas mit Babypuppen auf dem Arm laufen verzweifelt hin und her, Polizisten in afghanischen Uniformen haben einen flüchtenden Mann gestellt und prügeln auf ihn ein. Ein deutscher Soldat steht unter Schock und verschlimmert das Chaos noch. Dazu dröhnt überlaut afghanische Volksmusik aus einem öffentlichen Lautsprecher. In dem Durcheinander behält der Kolonnenführer dennoch die Übersicht und lässt zunächst alle Zufahrtsstraßen ins Zentrum von Bagrami sperren. Umringt von Männern, Frauen und Jugendlichen, die an seiner Uniform zerren und in einer ihm unverständlichen Sprache auf ihn einreden, sucht er dann den landestypisch mit beigefarbener Mütze und Umhang gekleideten Malik auf. Mithilfe eines Übersetzers bittet er den Bürgermeister um Unterstützung: Die afghanischen Polizisten sollen die aufgeregte Menschenmenge zurückdrängen, damit die Soldaten und die Sanitäter in der Schule unbehindert ihren Einsatz durchziehen können. Den leitet »mit großer Umsicht«, wie die Ausbilder anerkennend betonen, eine Kameradin: »Frau Major«, so die korrekte Ansprache, verteilt die Aufgaben, weist die Bergungsteams ein und muss laufend neue Entscheidungen treffen.

In weniger als einer Stunde ist der brennende PKW gelöscht, der umherirrende deutsche Soldat abgedrängt und beruhigt, sind sämtliche eingeschlossenen Lehrer und Schüler geborgen, alle Verletzten im Lazarett. Das übereinstimmende Lob der Ausbilder folgt auf dem Fuße: »Wir haben heute einen vorbildlichen Einsatz erlebt.«

In der Realität würden die deutschen Soldaten anschließend Hilfe zur Selbsthilfe anbieten und die Sanierung der Schule betreuen, meint einer der Ausbilder nach der Übung. Und: »Das Image von Schwarz-Rot-Gold in den Einsatzländern ist schon jetzt gut. Mit dieser Hilfsaktion würde es sich noch weiter verbessern.«

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Autor/in: Frank Hartmann


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