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Natur & Reise
Besser leben auf dem Land?
Lärm und schlechte Luft, teure Wohnungen und übervölkerte Parks – das Leben in der Stadt zerrt an den Nerven. Deshalb träumen immer mehr Menschen von einem besseren Leben auf dem Land. Wie passt diese Sehnsucht in die heutige Zeit? Welche Folgen hat sie für unsere Gesellschaft? Und: Ist auf dem Land wirklich alles besser?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Die Wege der Pflanzenwelt sind unergründlich. Selbst versiegelte Großstadt-Schluchten können die Kraft von Wurzeln und Trieben nicht brechen: Zartgrün keimt es zwischen Gehwegplatten, energisch kämpft sich Löwenzahn durch Asphaltschichten zum Sonnenlicht. Doch die grüne Zauberkraft vermag offensichtlich noch mehr: Immer wieder erobert sie sich auch einen Platz in unseren Herzen. Nach einer geheimnisvollen Regel werden Großstädter regelmäßig und geradezu epidemieartig vom Landlust-Virus infiziert und fangen an, von grünen Hügeln und duftenden Heuschobern zu träumen.
Die neue Leidenschaft fürs Grüne: Wie macht sie sich heute bemerkbar?
Zurzeit ist die Sehnsucht nach ländlicher Idylle wohl wieder mal besonders groß. Ein Blick ins Zeitschriften-Regal genügt: Immer mehr Magazine tragen das Wort „Land“ im Titel, die Zeitschrift „Landlust“ hat es in wenigen Jahren vom Nischen-Titel zum Bestseller gebracht. Die Menschen – darunter laut Umfrage sehr viele Stadtbewohner – interessieren sich mehr und mehr für die Qualitäten von Minze und Majoran, studieren Bauanleitungen für Vorratsschränke und frischen ihre Kenntnisse über den Eigenanbau von Tomaten auf. Informationen über die Haltung von Hühnern sind ebenso gefragt wie der neue Blick auf die Bedeutung von Spinnen.
Die Liebe zu allem, was wächst, grünt und gedeiht, vereint Menschen aller Altersklassen und Schichten. Hippe junge Metropolen-Bewohner bepflanzen als „Guerilla-Gärtner“ öde Verkehrsinseln mit bunten Blumen; Vorstadtgärtner betreiben gewissenhafte Rasenpflege nach englischer Art. Sogar die „Generation Facebook“ frönt der bäuerlichen Lebensweise: In den USA gibt es längst mehr Cyber-Farmer als echte. Online-Spiele wie „Farmville“ haben zig Millionen Mitglieder, die jede Minute nutzen, um ihren Spaten in die verpixelte Erdkrume zu rammen oder mit dem Traktor ihre virtuellen Felder abzufahren. Der Wunsch nach bäuerlich-einfacher Lebensweise sitzt tief und verbindet Menschen aller Zeiten und Kontinente.
Die Sehnsucht nach dem Land: Was wird da eigentlich gesucht?
„Ringsum roch es nach Fülle des Sommers und roch nach dem Herbste; Birnen zu unseren Füßen, zu Seiten uns kugelten Äpfel ...“ Schon die Verse der alten Griechen und Römer, hier von Theokrit, der um 300 vor Christus in der damaligen Metropole Alexandria lebte, verklärten das Leben auf dem Land. Dass die bäuerliche Wirklichkeit gerade in ihren Zeiten hart und voller Entbehrungen war, wollte man in diesem Zusammenhang gar nicht so genau wissen.
Damals ebenso wie heute ist diese Sehnsucht nach „Arkadien“ (so hieß in der Antike das Idealbild des ländlichen Paradieses) wohl zuallererst Ausdruck einer sozialen Unlust: einer diffusen Gefühlsmischung aus Politikverdrossenheit, Leistungsmüdigkeit und Ausstiegswünschen aus gesellschaftlichen Zwängen. Vielleicht am besten hat es Goethe mit seinem berühmten Satz aus dem Osterspaziergang ausgedrückt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.“ Auf dem Land, in der Natur, findet der Mensch zu seinen Wurzeln und seiner Natürlichkeit zurück.
„Wir müssen unseren Garten bestellen“ – so fasste auch der große Aufklärer Voltaire (1694–1778) seine Erkenntnisse über ein gutes Leben zusammen. Am Vorabend der industriellen Revolution schwört er seinen Anti-Helden Candide am Ende des gleichnamigen satirischen Romans auf die einfachen Freuden im Grünen ein. Denn „draußen“ in der Welt, wo der Mensch unverbesserlich nach Reichtum und Ruhm giert, gehe alles drunter und drüber. Verlass sei nur auf den eigenen Grund und Boden. Voltaire selbst erwarb übrigens zwei Landgüter in der Nähe von Genf, die er bis zu seinem Tod mit großem Sachverstand bewirtschaftete.
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