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Psychologie

Beine: Warum mögen wir sie am liebsten lang?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Ihre Erotik ist magisch. Und das nicht erst, seit Miniröcke und High Heels ihre Wirkung verstärken. Schöne Beine sind eine Trumpfkarte im Spiel der Geschlechter, haben schon immer die Künstler inspiriert – und die Tugendwächter erregt. Jetzt beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit der Frage: Was ist so sexy an langen Frauenbeinen?

Nackt und sonnengebräunt oder in zarte Nylons gehüllt, anmutig übereinander gelegt oder in ge-schmeidiger Bewegung: Schöne Frauenbeine üben auf Männer eine geradezu magische Wirkung aus. Sie gehören zu den stärksten sexuellen Signalen, mit denen Frauen die Männer aus der Fassung, manchmal fast um den Verstand bringen können.

Ihre erotische Wirkung ist aber keineswegs ein Produkt unserer offenherzigen Gesellschaft mit Miniröcken, Tangaslips und langbeinigen Supermodels. Unabhängig von Kultur, Sexualmoral und von Moden haben Frauenbeine wohl schon immer die Herzen der Männer beflügelt und – ihre Hormone auf Trab gebracht.

Arabische und persische Dichter verglichen im Mittelalter die Beine ihrer Angebeteten schwärmerisch mit den grazilen Läufen einer Wüstengazelle. »Das machen nur die Beine von Dolores«, trällerte man im sexmuffeligen Deutschland der 1950er Jahre. Und in seinem neuen Buch »Die nackte Eva« berichtet der Verhaltensforscher Desmond Morris, dass empfindsame Männer noch Anfang des 20. Jahrhunderts beim Anblick von Frauenbeinen vor Lustschreck in Ohnmacht fielen.

Doch was ist so elektrisierend an Beinen? Genau genommen erfüllen sie ja vor allem eine zwar wichtige, aber eher prosaische Aufgabe: Sie sorgen für stabilen Stand und sind in erster Linie hervorragend gestaltete Fortbewegungs-Werkzeuge. Auch noch im zartesten Frauenbein befindet sich ein kräftiges Gerüst aus Sehnen, Gelenken und Knochen. Und ein Geflecht von Muskeln, die sich zu sportlichen Höchstleistungen trainieren lassen.

Vielleicht, spekuliert Verhaltensforscher Desmond Morris , macht aber schon das fantastische »Laufpotenzial« der Beine einen Teil ihres erotischen Reizes aus. So könnte der Anblick oder auch nur die Vorstellung von »flüchtenden« Frauenbeinen im Mann ja durchaus archaische Jagdinstinkte wecken. Doch als alleinige Erklärung für die Magie schöner Beine reicht diese Spekulation natürlich nicht. Was also ist das Geheimnis? Warum regen ausgerechnet Beine die Begehrlichkeit der Männer so stark an?

Eigentlich muss man nicht lange nach einer ersten Antwort suchen. Erotisch faszinierend sind Frauenbeine, weil sie anders aussehen als die von Männern! Die Knie sind meist zarter, die Fesseln schmaler, die Beine insgesamt runder und im Idealfall von sahniger Glätte. Vor allem aber befindet sich an ihrem oberen Ende der absolute Hot Spot der Sexualität, das Dreieck, das den Blicken im Alltag verborgen bleibt.

Spontan und unbewusst – schreibt Desmond Morris – stellen Männer eine Verbindung von den Schenkeln zu jener Stelle her, wo sie zusammentreffen. Die Vorstellung lässt sich kaum unterdrücken, und manchmal ist der Sog so stark, dass Männer sämtliche Benimmregeln vergessen. Wie hypnotisiert gleiten ihre Blicke am weiblichen Oberschenkel entlang nach oben. Doch nicht allein der Anblick von schönen Beinen erregt männliche Fantasien. Viel aufregender noch kann das Spiel ihrer Bewegungen sein. Schenkel, die sich öffnen und schließen, die sich übereinander legen und dabei für kurze Momente tiefere Einblicke ermöglichen, lassen Männer unweigerlich an Sex denken, wirken wie eine Einladung ins Bett, zumindest in der Vorstellung. In der heißesten Szene im unvergesslichen Erotik-Thriller »Basic Instinct« legt Sharon Stone aufreizend langsam ihre Beine übereinander, und dabei wird – für den Bruchteil einer Sekunde – das (nackte!) Dreieck zwischen den Schenkeln sichtbar. Das ist Fleisch gewordener und auf Film gebannter Männertraum vom Feinsten.

Die von Beinbewegungen und -positionen übermittelten sexuellen Signale sind so stark, schreibt Desmond Morris, »dass es eigentlich kaum eine Haltung gibt, mit der eine Frau nicht Aufmerksamkeit erregt oder stimulierend wirkt«. Als besonders erotisch und feminin werden zum Beispiel eng umeinander geschlungene Beine empfunden – dabei legt die Frau ein Bein um die Wade des anderen und hält sich mit dem Fuß dort fest. Grund für die starke Attraktivität dieser Haltung: Sie ist tatsächlich urweiblich, die Mehrzahl der Männer könnte sie wegen ihres engeren Beckens gar nicht einnehmen.

Aber auch eine betont »züchtige« Haltung – die Beine werden extrem fest gegeneinander gedrückt – kann männliche Fantasie und Eroberungslust aktivieren. Einigermaßen neutral, meint Desmond Morris, sei lediglich eine »harmonische Mischung« – weder fest geschlossene noch weit geöffnete Beine.

Die aufreizende Nähe der Beine zum sexuellen Zentrum machte (und macht) sie auch immer wieder in der langen Geschichte von Liebe und Erotik zur verdächtigen Tabuzone. Bodenlange Kleider und gerüschte Unterhosen bedeckten zarte und weniger zarte Mädchenschenkel, im 19. Jahrhundert sollten nicht einmal die Knöchel zu sehen sein – sie verschwanden in geschnürten Stiefeln. Jahrhundertelang wurden Beine nicht nur verhüllt, sie durften nicht einmal erwähnt werden. Als die 15-jährige Habsburger Prinzessin Maria Anna 1649 mit König Philipp IV. von Spanien vermählt werden sollte, befanden sich unter den Hochzeitsgeschenken auch Strümpfe. Sie wurden von einem Gesandten brüsk abgelehnt: »Die Königin von Spanien hat keine Beine.« Entsetzt brach die Braut bei diesen Worten in Tränen aus. Sie glaubte, die Spanier würden ihr die Beine amputieren!

Die Angst vor der unberechenbaren Wirkung der Beine nahm manchmal noch groteskere Züge an. Im viktorianischen England umhüllte man sogar Stuhlbeine, um männlicher Fantasie nicht die gerings-te Nahrung zu geben. Auch die Sprache, zumindest in »besseren Kreisen«, wurde zensiert. In England war es zum Beispiel verpönt, von Hühnerschenkeln zu reden, stattdessen sprach man dezent von »dunk-lem Fleisch«. Und im wilhelminischen Preußen, als es für Frauen vorgeschrieben war, heikle Dinge »durch die Blume« zu sagen, hießen Strümpfe und lange Beinkleider schlicht »die Unaussprechlichen«.

Ebenso strenge Anstandsregeln herrschten für die Bewegungen, die Gangart und das Schritttempo. Noch unsere Großmütter durften die Beine nicht kreuzen, geschweige denn mit geöffneten Schenkeln sitzen. Cellospielen galt deshalb für Frauen bis ins 20. Jahrhundert hinein als unschicklich, und reiten mussten sie im Damensitz, mit seitlich herabhängenden Beinen. Sportliche Leistungen waren in dieser Haltung kaum möglich, weshalb Kaiserin Elisabeth von Österreich, nicht nur eine langbeinige Schönheit, sondern auch eine ehrgeizige Reiterin, das Verbot ignorierte: Sie setzte sich mit gespreizten Beinen in den Sattel – wie die Männer.

Der Schaulust und Erregung der Männer haben alle früheren oder noch existierenden Verbote übrigens nie und nirgendwo Abbruch getan. Im Gegenteil. Wo mit dem direkten Anblick weiblicher Reize gegeizt wird, entfaltet dafür schon ein Minimum ungeahnte Wirkung. Das Aufblitzen eines Knöchels oder die unter Rock und langer Hose nur erahnten Konturen der Beine waren und sind in sittenstrengen Kulturen mächtige Katalysatoren für männliche Träume. Ebenso wie in unserer Zeit der Anblick junger Schönheiten, die im Frühling ihre nackten langen Beine von den ersten Sonnenstrahlen bräunen lassen.

Das bringt uns zu einem weiteren Geheimnis der Erotik von Mädchenbeinen: Warum haben vor allem lange Beine und speziell in unserer Zeit sogar überlange Beine so viel Sex-Appeal? Warum untersuchte kürzlich ein Psycho-Institut (die Gesellschaft für rationelle Psychologie) ernsthaft die Frage, in welcher deutschen Stadt die meisten langbeinigen Frauen zu finden sind? (In München!) Und ab welcher Länge ist ein Bein lang?

Das deutsche Topmodel Nadja Auermann hat zurzeit angeblich die längsten Beine, mit einer Länge (gemessen von Hüfte zu Fuß) von 1,12 Metern. Diesen Rekord will ihr aber nun ein englischer Teenager namens Lisa Hall streitig machen mit 1,24 Meter langen Stelzen bei einer Gesamtgröße von 1,90.

Doch eigentlich sagen solche absoluten Werte allein noch nicht alles aus. Ob ein Bein kürzer, lang oder sogar überlang ist, hängt von den Gesamtproportionen ab. Als natürliche Proportionen geben Anatomiebücher für Künstler an: Die Länge der Beine sollte unwesentlich länger sein als die des Rumpfs. Das sind in etwa die Maße antiker Venusstatuen, die das westliche Schönheitsempfinden über Jahrhunderte prägten. Doch so schön geformt die schlanken Schenkel der griechischen Marmor-Göttinnen auch sein mögen – eine Karriere als Supermodel wäre mit dieser »normalen« Beinlänge nicht drin!

Tatsächlich hat sich im 20. Jahrhundert bei uns eine neue Beinästhetik entwickelt. Schon die Künstler des Jugendstils zeichneten die Beine ihrer Schönen überproportional lang. In den 1940er Jahren tauchten in französischen Cartoons und amerikanischen Pin-up-Bildern Sex-Ikonen mit Beinen »bis zu den Ohren« auf. 1959 wurde die erste Barbiepuppe auf der Spielwarenmesse in New York vorgestellt – mit Beinen, doppelt so lang wie der Rumpf! Inzwischen hat sich der Zeitgeschmack, zumindest in der Glitzerwelt der Catwalks und Schönheitswettbewerbe, vollkommen auf überlange Beine eingestellt.

Die Norm sind diese Super-Beine aber nicht, eher eine schöne Laune der Natur. Ein US-Modeunternehmen beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass eine echte Frau Beine wie Barbie hat, mit weniger als 1 zu 100000. Eine Untersuchung über deutsche Durchschnittsgrößen (2004) ergab, dass deutsche Frauenbeine im statistischen Durchschnitt zwar geringfügig länger sind als Männerbeine, aber keineswegs Überlänge haben. 50 Prozent der Frauen zwischen 16 und 60 Jahren sind nach dieser Untersuchung mit einer Beinlänge von weniger als 1,04 Meter ausgestattet (Männer: 1,035).

Sind superlange Beine vielleicht so attraktiv, weil nur die wenigsten Frauen sie haben? Wissenschaftler haben andere Erklärungen für das Phänomen gefunden. Eine davon: Langbeinigkeit ist ein Zeichen von Gesundheit – und die gilt generell als Trumpfkarte im Geschlechterspiel. Denn, behaupten Evolutionsbiologen, Männer wollen ihre genetischen Anlagen instinktiv in die allerbesten Kandidatinnen »investieren«. Langbeinige Menschen sind zwar nicht immer, aber doch häufig eher groß als klein, und Körpergröße ist ein Hinweis auf ein gutes Immunsystem. Darüber hinaus haben Forscher an der englischen Universität Bristol jetzt auch festgestellt, dass Frauen mit Beinen länger als 74 Zentimeter ein gesünderes Herz und ein niedrigeres Herzinfarktrisiko haben als kurzbeinigere Frauen.

Zweite Erklärung: Lange bis überlange Beine senden tatsächlich ein ganz besonderes sexuelles Signal aus. Sie weisen, sagt Desmond Morris, auf ein Mädchen hin, das gerade erwachsen geworden ist. Kurze Beine gehören zur Babyzeit und Kindheit, Beine, die sich strecken und lang werden, sind ein typisches Zeichen für Pubertät, für den Beginn sexueller Reife. Dabei wirken die Mädchen, die gerade ihren Babyspeck ablegen und in die Höhe schießen, oft auch überproportional langbeinig. So steckt in den langen »Stelzen« ein spezieller Sex-Appeal: der Reiz der Kindfrauen.

Weltweit hat inzwischen das westliche Schönheitsideal, geprägt von langbeinigen, überschlanken und gut über 1,70 Meter großen Models, einen Siegeszug angetreten. Mit der Folge, dass inzwischen überall Schönheits-Chirurgen der Natur nachhelfen. Auch in Sachen Beine. In China sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Schönheitskliniken entstanden, die sich darauf spezialisiert haben, Beine um bis zu zehn Zentimeter zu verlängern. Seit der Kapitalismus ins Reich der Mitte eingezogen ist, herrscht dort ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb um Arbeits- und Studienplätze. Gutes Aussehen hilft. Und das bedeutet in China vor allem eine möglichst westliche Erscheinung. Runde Augen, hoher Nasenrücken gehören ebenso dazu wie lange Beine.

Um grösser zu werden als wenigstens 160 Zentimeter, lassen sich in Shanghai und Peking zahllose junge Frauen operativ »strecken«. Die Methode wurde vor gut fünfzig Jahren von dem russischen Orthopäden Gavriel Ilizarov enwickelt – allerdings ausschließlich, um damit durch Krankheiten und Unfälle missgebildete Beine zu verlängern. Der Eingriff ähnelt mehr einer Foltermethode als einer modernen Operation: Nach Durchtrennung der Knochen unterhalb des Knies wird mithilfe einer Konstruktion aus Spindeln, Gelenken und Stangen ein kontinuierlicher Zug auf die Knochenenden ausgeübt. So bildet sich an den durchtrennten Stellen millimeterweise neuer Knochen. Der Eingriff ist schmerzhaft, birgt ein hohes Infektionsrisiko und zwingt die Patientinnen zu oft monatelanger Untätigkeit.

Inzwischen gibt es bei uns schonendere Methoden der so genannten »Extremitätenverlängerung«. Dabei müssen die Patienten keine äußeren »Fixateure« tragen, haben weniger Schmerzen. Der Zug auf die durchtrennten Knochen erfolgt über ein Implantat, das von außen über einen Mik-rocomputer gesteuert wird. In Deutschland führen die meisten Chirurgen diesen Eingriff ausschließlich aus medizinischen Gründen durch.

Zur Routine für Frauen, die schönere Beine haben wollen, wird er also wohl kaum. Das verbieten schon die Kosten von bei uns über 70000 Euro. Aber ist Chirurgie überhaupt nötig? »Meine Beine sind nicht lang genug«, hat einmal die Schauspielerin Juliette Binoche in einem Interview geklagt – eine Frau, die viele Männer als unwiderstehlich erotisch empfinden. Wieder einmal ein Beweis dafür: Erotik hat viel mehr Facetten und Geheimnisse, als dass sie auf ein Einzelmerkmal reduziert werden könnte. Angemerkt sei auch noch, dass – laut einer weltweiten Umfrage im Auftrag der Rasierklingen-Firma Gillette – die Beine von Kylie Minogue zurzeit als »die besten im ganzen Showbiz« gelten. Das Überraschende an diesem Ergebnis: Die australische Sängerin ist gerade mal 1,54 Meter groß.

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