Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Nur werden die Ämter leider nicht von Gott vergeben.
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Gerüche
Auf der Suche nach den verlorenen Düften
Wie hat die Vergangenheit gerochen? Das interessiert nicht nur Historiker, sondern auch Parfümeure: In alten, fast vergessenen Düften finden sie Anregungen für neue Kreationen
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sie nennen ihn liebevoll »Ali Babas Höhle«. Der Raum ist nur ungefähr 15 Quadratmeter groß und liegt tief im Keller der einzigen internationalen Akademie für Parfümeure in Versailles vor den Toren von Paris. Bei einer konstant gehaltenen Temperatur von 12 Grad Celsius lagern in den Regalen 2500 Düfte, in Fläschchen abgefüllt, mit einem Code versehen, der die Verwendung für ein bestimmtes Markenparfüm und die Duftfamilie angibt. »400 dieser Riechstoffe und Aromen sind von dieser Welt verschwunden oder nur noch in ganz geringer Anzahl vorhanden«, sagt Yves Tanguy, der Hüter der »Osmothèque« (von griechisch osme= Duft) genannten Schatzkammer, zu der nur eine Handvoll Menschen Zugang erhalten. Das unterirdische Verlies ist bewusst gewählt: Denn Wärme, Licht und Luft sind die größten Bedrohungen für duftende Kreationen von Lagerfeld, Joop & Co. »Man muss verstehen, dass bei uns hochempfindliche und äußerst seltene Substanzen gelagert werden. Nur die Osmo-Kuratoren, die unseren Ehrenkodex respektieren, dürfen hier rein.« In diesem Ehrenkodex haben sich die Parfümeure der Osmothèque zu Stillschweigen und Geheimhaltung der Duftrezepturen verpflichtet. Zu groß wäre die Gefahr, dass beispielsweise Parfümgigant Chanel an Geheimrezepte von Duftkonkurrent Yves Saint Laurent gerät. Osmothèque-Gründer Jean Kerléo: »Wir haben eine Vereinbarung mit allen, die uns ihre Formeln für diese außergewöhnlichen Düfte anvertrauen: Wir garantieren absolute Geheimhaltung!« Kerléo ist der geistige Vater von Ali Babas Höhle. Der Parfümeur schuf 33 Jahre lang für Jean Patou neue Duftkombinationen. Immer wenn Kerléo neue Kreationen vorführte, fühlten sich seine Kollegen an Parfüms erinnert, die schon in Vergessenheit geraten waren. Immer häufiger stellte er sich deshalb die Frage: Warum gibt es kein Archiv, das sammelt und festhält, was von Superspürnasen einst so genial komponiert wurde?
1991 gründete Kerléo das lange Zeit in der Welt einzigartige Duftarchiv Osmothèque. Seit Kurzem ist nun Christophe Laudamiel, Ex-Parfümeur von Estée Lauder, dabei, ein Pendant an der »Academy of Perfumery & Aromatics« in New York aufzubauen. Während die großen Parfümproduzenten Kerléos Vorhaben zunächst mit Vorsicht begegneten, fand er bei seinen Kollegen große Unterstützung. So konnte er inzwischen 170 Parfüms, die schon verschwunden waren, wieder aufleben lassen. Erst kürzlich gelang es ihm, so atemberaubende Parfüms aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wie das 1925 erschienene »Eau de Verveine« und das 1947 auf den Markt gebrachte »Mariage d'Amour« zu rekonstruieren. »Die Rezepturen wurden mir von einem ehemaligen Parfümeur übergeben, der anonym bleiben möchte«, verrät der heutige Ehrenpräsident der Osmothèque. Oft sind die verwendeten Ingredienzien auf dem Markt nicht mehr erhältlich. Mit ein bisschen Glück ist aber vielleicht noch ein Fläschchen im Depot des Archivs vorhanden. Im Zweifelsfall verlässt sich Kerléo auf sein historisches Wissen und verwendet nur Basisstoffe, die früher üblich waren.
Das älteste Parfüm der Versailler Osmothèque stammt auf dem 1. Jahrhundert nach Christus. Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere hat in seinem Werk »Naturalis Historia« (Geschichte der Natur) die genaue Zusammensetzung des die Frauen umwolkenden Duftwassers hinterlassen. Dieses sogenannte Parfum Royal besteht aus 24 Ingredienzien, darunter Zimt, Akazienhonig und Wein. Kerléo hat es rezeptgenau rekonstruiert, Duftproben lassen die Besucher seiner Osmothèque eine Zeitreise in die Wellnesskultur des Alten Roms machen. Ein anderes Highlight in Versailles ist das »Wasser der Königin von Ungarn«. Das aus Blumenblüten, Rosmarin und Weingeist gebraute Parfüm stammt aus dem 14. Jahrhundert und hat wesentlich zur Bekämpfung übler Gerüche selbst an Königshöfen beigetragen. Denn es herrschte damals Waschverbot, aus Angst davor, dass sich die Pest durch Übertragung von Badewasser noch weiter ausbreiten könnte. Um die mangelnde Körperhygiene zu übertünchen, wurde übermäßig Duftwasser verwendet. Auch wonach Parfüm-Fan Napoleon Bonaparte roch, kann man in der Osmothèque erschnuppern.
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