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Volkskunde

Auf den Spuren der wandelnden Toten

In den abgelegenen Gegenden Rumäniens gehen bis heute seltsame Dinge vor sich. Immer wieder fühlen sich die Bewohner kleiner Dörfer von Toten belästigt, die einfach nicht tot sein wollen. Von Vampiren. Der Historiker Peter Mario Kreuter untersucht seit zehn Jahren den Vampirglauben in Südosteuropa: Warum sind die Untoten für die Lebenden so wichtig?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Auf den Spuren der wandelnden TotenAuf den Spuren der wandelnden Toten

In den abgelegenen Gegenden Rumäniens gehen bis heute seltsame Dinge vor sich. Immer wieder fühlen sich die Bewohner kleiner Dörfer von Toten belästigt, die einfach nicht tot sein wollen. Von Vampiren. Der Historiker Peter Mario Kreuter untersucht seit zehn Jahren den Vampirglauben in Südosteuropa: Warum sind die Untoten für die Lebenden so wichtig?

Die Bäuerin schlägt die Hände vors Gesicht. Schaudernd wendet sie sich ab von der geöffneten Holztür. »Genau da war sie. Ich will gar nicht hinsehen. Es war schrecklich!«, sagt die alte Frau. Vor zwei Jahren ist ihr in dieser Tür eine Tote erschienen. Leibhaftig, da ist sie sich sicher. Es war die Mutter des Schwiegersohnes. Der gut erhaltene Leichnam habe die Enkelin wochenlang bedroht. Ein Vampir – oder ein »Strigoi«, wie die Leute hier geisterhafte Wiedergänger nennen. »Ich habe sogar mit einem Messer in sie hineingestochen«, erinnert sich die Bäuerin. Erst nach vielen Gebeten habe Gott sich des Vampirs erbarmt, und die Verstorbene sei nie mehr aufgetaucht.

Kaum glaubliche Geschichten wie diese hört man immer wieder in der rumänischen 2600-Seelen-Gemeinde Slatina Timis am Fuße der Banater Berge. Eine abgeschiedene, ländliche Gegend, wo Pferdefuhrwerke nichts Besonderes sind. Geteerte Straßen und Wasserklosetts hingegen schon. Der promovierte Historiker Peter Mario Kreuter hat jedes Wort der alten Frau aufmerksam registriert. Nein, an Vampire oder andere Unheilsgestalten glaubt der seriöse Wissenschaftler »definitiv nicht«. Doch die Lebendigkeit solcher Schilderungen, der unbedingte Glaube an bizarr anmutende Erlebnisse – das alles lässt auch ihn nicht kalt.

Kreuter arbeitet am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. Dort beschäftigt er sich zwar auch mit Hexenglauben oder mit den medizinischen Theorien des Arztes und Laientheologen Paracelsus. Doch bekannt geworden ist der 37-Jährige vor allem als »Vampirjäger«. Seit zehn Jahren ist er dem Vampirglauben in Südosteuropa auf der Spur, sei es im Kosovo, in Bulgarien oder Ungarn. Doch immer wieder zieht es ihn in die Dörfer Rumäniens. Er streift durch die Ebenen der Walachei, die Hügellandschaften des Banats, durch dichte Nadelwälder der transsilvanischen Karpaten. Fast ausschließlich auf eigene Kosten, nur gelegentlich unterstützt von Mini-Stipendien des rumänischen Staates.

Und weil der Mann – neben sechs anderen Sprachen – auch diverse rumänische Dialekte beherrscht, ist er ganz nahe bei den Menschen, lauscht ihren mitunter skurril wirkenden Schilderungen, versucht zu ergründen, warum die Untoten für die Lebenden so wichtig sind. Und warum der Vampirglaube in Rumänien und dem ganzen Balkan bis zum heutigen Tag eine so bemerkenswerte Rolle spielt.

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Autor/in: Wolfgang Gessler


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