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Wissens-Transfer
Arabien – wir danken dir!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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»Wer auszieht, um Wissen zu suchen, ist auf Gottes Weg, bis er zurückkehrt«
(Zitat des Propheten Mohammed)
Beim Wort Araber denken viele nur an Islamismus – aber nicht an Wissenschaft. Tatsächlich war die islamische Welt vom 9. bis zum 15. Jahrhundert die erste globale »Wissensgesellschaft«.
Viele hatten wohl ihre erste Begegnung mit dem Islam durch die Bücher von Karl May. Zwölf seiner Bände spielen im Orient und wimmeln nur so von Pauschalurteilen. Da lernt man, dem Araber sei nie zu trauen, er stinke, sei korrupt und verschlagen. Dabei hatte Karl May Menschen wie den Orientreisenden Kara ben Nemsi und seinen Begleiter Hadschi Halef Omar bis dahin nie gesehen.
Karl May ist zugleich ein Beispiel dafür, wie der Westen den Islam lange wahrgenommen hat: aus der Ferne, vorurteilsgeprägt, vom eigenen Überlegenheitsgefühl getragen.
Forscher und Gelehrte der islamischen Welt verfügten jedoch bereits über Kenntnisse, von denen man im christlichen Abendland oftmals noch keine Ahnung hatte: Während man im Europa des 9.Jahrhunderts die Erde noch für eine flache Scheibe hielt, konnten arabische Wissenschaftler schon ihre Krümmung berechnen. Ob Astronomie, Geografie, Mathematik oder Medizin: Die morgenländischen Gelehrten waren den Europäern an Wissen weit voraus. Während im Abendland die Kirchen die Naturwissenschaften verteufelten, nahm man sich in der islamischen Welt die Worte des Propheten Mohammed zu Herzen: »Suche das Wissen, und wenn es in China wäre.«
Kein Wunder, dass einst Karl der Große neidvoll von Aachen nach Bagdad blickte, wo die großen Wissenschaften jener Zeit betrieben wurden und die Menschen gebildeter waren. Denn während in Europa Analphabeten wie Karl der Große regierten, blühten im Reich der Kalifen Wissenschaft und Kunst. Der Kalif al-Mansur z. B. holte im 8.Jahrhundert bedeutende Gelehrte aus aller Welt nach Bagdad. Al-Mamun, der gebildetste unter seinen Nachfolgern, ließ dort das »Haus der Weisheit« errichten, in das auch Bestände aus der berühmten hellenistischen Bibliothek in Alexandria geschafft wurden. In dieser Akademie wurden griechische, syrische, persische und indische Schriften ins Arabische übersetzt. 988 wurde in der al-Azhar-Moschee von Kairo die erste Universität der Welt eröffnet. Die Araber übernahmen nicht nur militärisch, sondern auch bildungspolitisch die Oberhoheit in einem großen Teil der damals bekannten Welt. Der Einflussbereich der Kalifen reichte von Indien bis Spanien und bildete zugleich eine Sprach-Gemeinschaft. Die universelle Weltsprache der Gelehrten im Mittelalter war weder Latein noch Englisch oder Französisch, sondern Arabisch.
Zahlreiche bedeutende arabische Wissenschaftler brachte diese Zeit hervor, und wenn es im Mittelalter schon einen Nobelpreis gegeben hätte, hätten ihn ausschließlich Gelehrte aus dem damaligen islamischen Weltreich bekommen: Bekr Muhammad al-Rhazi (lateinisiert: Rhazes) und Ali al-Hussein ibn Sina (latinisiert: Avicenna) für Medizin, Abu al-Rayhan Muhammad ibn Ahmal al-Biruni für Geografie, Muhammad ibn Musa al-Chwarismi und Abu Raihan Muhammad al-Biruni für Mathematik, Abu musa Dschabir ibn Haiyan für Chemie und Thabit ibn Qurra für Astronomie. Die wichtigsten Erkenntnisse und Erfindungen werden auf den folgenden Seiten vorgestellt.
Viele westliche Orientalisten aber sagen, die arabische Welt habe das Wissen der alten Griechen bloß weitergereicht. Sie sei eine reine »Kellnerkultur« gewesen, deren einziges Verdienst es gewesen sei, das alte Wissen zu kopieren und dann als Plagiat in den Norden zu transportieren.
Doch schon in unserer Alltagssprache zeigt sich, wie sehr das Abendland vom arabischen Erbe lebt: Vom Wort Emir über Zucker bis hin zum Alkohol zehrt das Deutsche von arabischen Begriffen. Auch die Naturwissenschaft kommt nicht ohne arabische Begriffe aus: Alchemie und Algebra, Algorithmus und Alkali verweisen schon durch ihren arabischen Artikel auf ihre Herkunft, arabisch aber sind auch Benzin und Natron, Arsenal und Magazin, Anilin und Soda, Amalgam und Zenit.
Und wer weiss schon, dass selbst die Katholiken ihren berühmten Rosenkranz den Arabern verdanken? Muslime verwandten schon lange vor ihnen die »Sibha« – 33 auf eine Schnur gereihte Perlen. Man dreht die »Sibha« drei Mal, um die 99 Namen Gottes zu preisen. Diese Perlenschnur brachten die christlichen Kreuzfahrer dann als »katholischen« Rosenkranz mit zurück nach Europa ...
Doch wir verdanken den Arabern nicht nur viele Begriffe und den Rosenkranz. Viel prägender für uns ist die Originalität der arabischen Erkenntnisse, geformt aus syrischen, persischen, indischen, mesopotamischen, ägyptischen und griechischen Zutaten. Vor zwölf Jahrhunderten fand in der arabischen Welt eine Entwicklung statt, die die besten Gelehrten und Forscher jedweder Hautfarbe und Religion in ihr versammelte: Juden, Christen und Muslime waren an dieser wissenschaftlichen Blüte gleichermaßen beteiligt, die die Entstehung der modernen Wissenschaft im Westen ganz entscheidend beeinflusste. Und ihre Forschung beschränkte sich keineswegs auf »das Recycling des griechischen Wissens«, sagt Ahmed Djebbar, Professor der Mathematik-Geschichte an der Universität Lille und wissenschaftlicher Kurator der Pariser Ausstellung »Das Goldene Zeitalter der arabischen Wissenschaften«. Die arabischen Gelehrten übersetzten zwar auch die griechischen Texte und verbreiteten sie in der ganzen islamischen Welt. Und ohne ihre Übersetzung ins Arabische (und ihre spätere Rückübersetzung ins Lateinische) würden wir heute z. B. die Texte des griechischen Philosophen Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) nicht kennen.
Doch die Gelehrten – so Djebbar – bewahrten nicht nur das Wissen der Antike, sondern sie machten auch bahnbrechende Entdeckungen in Mathematik, Astronomie, Medizin und Technik. Aufbauend auf den Kenntnissen aus der Welt der Mesopotamier, der Perser und der Griechen, sorgten die Araber für den Übergang zwischen der griechischen und der indischen Wissenschaft. Sie haben die von den Indern erfundene Null verbreitet und die Dezimalrechnung definitiv durchgesetzt. Bereits im 10. Jahrhundert führten Ärzte in komfortablen Krankenhäusern in Kairo, Damaskus oder Bagdad mit fließendem Wasser und Heizung in jedem Zimmer komplizierte chirurgische Eingriffe durch. Patienten wurden bereits auch schon psychiatrisch behandelt und mit Musik therapiert. So kann man in Aleppo (Syrien) heute noch eine mittelalterliche Psychiatrie-Anstalt sehen, in der es von Anfang an neben den Internierungszellen auch ein weites Podium gab, um Konzerte für die Kranken zu veranstalten. Und mithilfe ihrer Instrumente und Karten beherrschten muslimische Seefahrer die Meere von Gibraltar bis Indien. Hinzu kam die bis dahin unerreichte technologische Umsetzung des Wissens in Bewässerungsanlagen, Sonnenuhren, Sternhöhenmessern, nautischen Geräten, Baumaschinen und Waffen.
Viele dieser Erfindungen sind schlicht den Erfordernissen der Religion zu verdanken: Sie schreibt täglich fünf Gebete zu bestimmten Zeiten vor und gebietet die Ausrichtung der Gläubigen nach Mekka. Außerdem galt es, den Fastenmonat Ramadan mithilfe der Mondphasen zu ermitteln, und von jedem Gläubigen wurde eine Reise nach Mekka verlangt. Kurzum: Muslime mussten sich orientieren können. Und das taten sie insbesondere in der Wüste und auf dem Meer anhand des Sternenhimmels. Für das Rezitieren der fünf Tagesgebete musste man den Sonnenstand auf die Minute genau kennen. Und wer sich nach Mekka drehen wollte, musste auch die genaue Richtung kennen. Dazu brauchte er Wissen über die Größe und die Gestalt der Erde. Die Religion förderte so von Anbeginn die mathematisch orientierte Astronomie und Kartografie und damit Kalender und Kompass. »Das Messen von Zeit und Raum gewann wesentliche Bedeutung. Die Rechenwissenschaften brachten Anwendungen in der Astronomie, der Geometrie, der Trigonometrie, der Topografie, der Mechanik, der Optik und der Architektur. Und sogar in der Musik«, betont Professor Djebbar stolz.
Doch spätestens ab dem 16. Jahrhundert fiel die islamische Welt in Stagnation.Warum?
Fuat Sezgin, der gebürtige Istanbuler, der Professor für die Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Frankfurt war und dort das Institut für die Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften gegründet hat, sucht die Gründe dafür außerhalb der Religion. Er glaubt, dass ein Zusammenspiel von Kriegen, politischer und wirtschaftlicher Schwäche die Ursache für den Niedergang gewesen sei. Tatsächlich haben die Araber ihre Wissenschaftszentren verloren, im Osten Bagdad an die Mongolen (1258), im Westen Andalusien an die Christen (1492). Gleichzeitig wurden in Europa die Arbeitsbedingungen für eine von der Kirche unabhängige Wissenschaft immer besser.
Atta-al-Rahman, der pakistanische Forschungsminister, hingegen sieht die Gründe für das Ende des »Goldenen Zeitalters« der islamischen Wissenschaften auch innerhalb des Islams. Dessen Meinungsführer nämlich begannen, ihn konservativer auszulegen. Ihr Dogma: Alles Wissenswerte steht im Koran. Folglich begegnete man Neuerungen mit Skepsis. Eine Aufklärung blieb aus. »Die engstirnigen Auslegungen des Korans bereiten uns Probleme«, sagt Atta-al-Rahman.
Ibn Khaldun (1322 – 1406), der letzte große Philosoph des Islam, witterte den Verfall schon im 14. Jahrhundert. In seinem epochalen Werk »al-Muqadimma« stellte er den Begriff Zivilisation in den Mittelpunkt der von ihm begründeten »Wissenschaft der Zivilisationen« (»Ilm al-Umram«). Eigentliche Ursache für den Verfall einer »Zivilisation« sei das Schwinden des Bewusstseins der sozialen Solidarität unter den Mitgliedern der Gemeinschaft – der »asabiya« –, und zwar als Folge der »Verweichlichung« der urban und luxuriös lebenden Eliten. Klar ist nur, was 600 Jahre später der amerikanische Islamhistoriker Bernard Lewis festgestellt hat: »Gemessen an allen Maßstäben, die in der Welt von heute eine Bedeutung haben – wirtschaftliche Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen, die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben, Errungenschaften in Wissenschaft und Bildung, politische Freiheit und Achtung von Menschenrechten – hat diese ehemals große Kultur einen tragischen Niedergang erlebt.«
Die Folgen spürt man noch heute: Die aktuelle Frage, ob der Islam kompatibel mit der Moderne sei, beantwortet der amerikanische Harvard-Professor Samual P. Huntington eindeutig negativ, denn die Zukunft sei bestimmt von einem »Zusammenprall der Kulturen« (Clash of Civilizations). In Huntingtons umstrittenem Buch findet sich übrigens noch nicht einmal ein Hinweis auf Ibn Khaldun. »Zivilisationen prallen jedoch nicht einfach aufeinander« sagt dagegen Dr. Abdelhamid Sabra, ein ehemaliger Professor der arabischen Wissenschaftsgeschichte, der auch in Harvard lehrte. »Sie können voneinander lernen. Und der Islam ist ein gutes Beispiel dafür. Die intellektuelle Begegnung von Arabien und Griechenland war eines der wichtigsten Ereignisse in der gesamten Geschichte«, sagt Sabra.
Von dieser »Begegnung« ist wenig geblieben: Heute hinkt die arabische Welt im Hinblick auf wissenschaftliche und technologische Leistungen im Vergleich zu anderen Regionen der Welt hinterher: Gerade einmal 0,2 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts geben die arabischen Staaten im Schnitt für Forschung und Entwicklung (Arab Human Development Report 2003) aus. In den USA ist der entsprechende Prozentsatz etwa zehnmal so hoch, der Weltdurchschnitt liegt bei 1,4 Prozent. Die Folge des geringen arabischen Investments in Bildung: Nur einer von 20 Studenten in arabischen Ländern studiert Naturwissenschaften. Und 50 Prozent aller Medizinabsolventen zwischen 1996 und 2000 emigrierten ins Ausland. Auch der Ägypter Ahmet H. Zewail, der einzige Nobelpreisträger in einer Naturwissenschaft aus dem arabischen Raum (für Chemie 1999), forscht seit Langem in den USA. Und nur etwa 100000 Bücher wurden seit dem 9. Jahrhundert ins Arabische übersetzt, etwa so viele, wie heute jedes Jahr ins Spanische übersetzt werden. Angesichts dieser Fakten kann man sich nur schwer vorstellen, dass Arabisch für sechs Jahrhunderte so selbstverständlich die Lingua franca in Wissenschaft und Technik war, wie es heute das Englische ist.
»Heute ist Ohnmacht unbestreitbar der Inbegriff des arabischen Unglücks«, sagt der libanesische Journalist und Historiker Samir Kassir. »Und die Ohnmacht der Araber ist wohl noch schmerzlicher, weil sie nicht immer vorhanden war.« Ein Wundermittel gegen dieses Leiden kennt auch er nicht. Aber es gebe Möglichkeiten, dem Unglück zu entrinnen: Man müsse den selbstzweifelnden Blick zurück auf das Goldene Zeitalter der Araber durch einen anderen Impetus ersetzen: Nichts und niemand dürfe die Araber daran hindern, aufs Neue ihre eigene Geschichte zu thematisieren – das reiche kulturelle Erbe müsse produktiv nutzbar gemacht werden.
Dafür hat Kassir gearbeitet. Doch erleben wird er es nicht mehr. Als er am Morgen des 2. Juni 2005 in seinen Alfa Romeo stieg, um sich auf den Weg zu seiner Redaktion der libanesischen Tageszeitung An-Nahar zu machen, explodierte unter seinem Sitz eine Bombe, die ihn sofort tötete. Er bezahlte mit dem Leben für seine Leitartikel, in denen er sich für Freiheit und die Trennung von Staat und Religion einsetzte – seiner Meinung nach ist dies die Voraussetzung für eine demokratische Perspektive nicht nur für den Libanon, sondern für die ganze arabische Welt.
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