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Apps

Apps fürs Auto

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Apps fürs AutoApps fürs Auto
iStockphoto

Mit »Apps« sind nicht Apple-Computer gemeint, sondern Kurzprogramme, die das Mobiltelefon zum Universalgenie machen. Jetzt erobern Handys plus Apps auch das Auto.

Schöne vernetzte Welt. Noch vor Antritt der morgendlichen Autofahrt ins Büro ist der Arbeitstag bereits perfekt organisiert. Die zentrale Recheneinheit im Armaturenbrett hat beim ersten Weckerklingeln Kontakt mit dem Handy aufgenommen und auch den Datenserver des Arbeitgebers kontaktiert. Termine sind abgeglichen, E-Mails geladen und die neuesten Nachrichten aktualisiert. Selbst die Aktienkurse ausgewählter Firmen an den asiatischen Börsen liegen schon vor.

Gleichzeitig sind die lokalen Staumeldungen aus dem Internet­radio eingetroffen und neue Routenvorschläge errechnet worden. Haben sich die Fahrzeiten geändert, wird die Abfahrt neu festgelegt. Im Rushhour-Verkehr werden die Meldungen vorgelesen und beantwortet. Der Sprachdialog klappt perfekt, Anrufe laufen ein, neue Termine werden abgestimmt und sofort gespeichert, während das Navigationssystem zielsicher zum freien Parkplatz lotst.

So oder so ähnlich könnte unser Arbeitstag starten. Dank Vernetzung ist alles vorstellbar. Das Internet lebt mit uns, und wir sind mittendrin.

Aber ist das nicht die alte Leier? Immer hieß es, das Internet komme ins Auto. Mal scheiterte es an der fehlenden Senderdichte, dann waren die Übertragungsraten zu langsam, dann wieder zu gering. Mal lösten überfrachtete Internetseiten Datenstau aus, die Megabytes waren zu gewaltig, zu teuer, während das schnelle Fahrzeug die Sendezellen durcheilte. Vertröstend hieß es dann immer, der kommende neue Mobilfunkstandard werde dies alles ändern. UMTS hat es nicht geschafft. GRPS könnte es. Mittlerweile warten die Konsumenten auf die vierte Mobilfunkgeneration, die superschnellen LTE-Netze, deren Lizenzen in diesem Frühjahr versteigert wurden.

Aber ist damit das Problem gelöst, liegen die Ursachen nicht viel tiefer? Passen beide Technologien, Automobil und Internet, überhaupt zueinander?

Schon kurz nach der Jahrtausendwende hatten BMW und Mercedes in ihren Oberklasse-Limousinen den Internetzugang ermöglicht. In den – inklusive der Entwicklungszeiten – deutlich über zehn Jahre alten Luxusfahrzeugen wirkt das Angebot heute allerdings total von vorgestern. Die Unterhaltungselektronik bringt ihre Produkte dreimal so schnell auf den Markt, wie Automobilfirmen ihre Modelle wechseln.

Aber niemandem würde es einfallen, sein Gefährt mit den 4000 Euro teuren, fest eingebauten Komponenten wegen besserer Elektronik, leistungsfähigerer Übertragungsstandards oder geänderter elektronischer Komponenten abzustoßen und einen Neuwagen anzuschaffen. Es erscheint lukrativer, das Internet nicht fest zu installieren, sondern beim Einsteigen mit ins Auto zu nehmen. Kein Gerät eignet sich dafür besser als die multimedialen Handys, die Smartphones. Sie dienen bereits als Navigationssystem, Morgenwecker, Fernbedienung, Brieftasche, USB-Stick und Autoschlüssel. Mit ihnen wird bezahlt und bei einer Flugreise am Gate eingecheckt. In ihnen sind alle notwendigen Funktionen und Programme untergebracht, die der Autofahrer so schätzt, um bequem nach draußen zu kommunizieren und sein Büro wie seine Musikbox, Videoarchiv und Bilder­album dabeizuhaben.

Die Verbindung von Smartphone ins Auto ist kabellos, Bluetooth stellt sie her. Wer je an den im Armaturenbrett untergebrachten Knöpfchen genervt gedreht und nach den passenden Schaltern gesucht hat, weiß simple Finger­menüs zu schätzen. Mit dem iPhone haben die kalifornischen Computerbauer von Apple die Maßstäbe für eine neue, bisher nicht gekannte benutzerfreundliche Bedienung gesetzt.

Neben der berührungsempfindlichen Oberfläche, dem Touchscreen, bei dem die abgebildeten Objekte mit Fingergesten wie Berühren, Wischen oder Tippen bedient werden, bieten die angebotenen Apps weiteren Mehrwert. Für alles Mögliche gibt es kleine iPhone-Anwendungsprogramme. Über 150 000 solcher Helfer stehen im virtuellen App-Kaufhaus. Mehr als drei Milliarden Mal sind sie weltweit abgerufen worden, teils kostenlos, teils für wenig Geld. Massenhaftes Herunterladen lässt bei manchem Softwareentwickler den Traum vom Millionär reifen.

Solche Apps fürs Auto müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen, immer spezialisiertere Programme sein, den Fahrer begeistern oder ihm nützen. Marketingexperte Marc Mielau von BMW kann so ein erfolgreiches Nutzwert-App präsentieren: »Wir haben mit dem ersten Schneefall unseren Kunden per MMS eine Winterreifen-Aktion angeboten und mit einem Link verknüpft. So konnte er mit diesem App direkt per Handy oder zu Hause ins Internet gehen und den für ihn passenden Reifentyp, die Felge, den nächsten Händler sowie den Preis erfahren. Eine weitere Verknüpfung erlaubte ihm, sich Montagezeiten beim Händler seiner Wahl geben zu lassen.« Diese App habe auch deshalb so eingeschlagen, »weil BMW weiß, wo wann welches Auto an wen verkauft wurde«. Ausgesiebt wurden vor allem die Kunden, die ihr Auto im Frühjahr und Sommer gekauft hatten und jetzt zum ersten Mal die gesetzlich vorgeschriebenen Winterreifen kaufen mussten.

Nach diesem Muster lassen sich unzählige Apps generieren. Ergebnisse von Motorsportereignissen oder frisch »abgeschossene« Erlkönige bedienen das Bedürfnis nach Unterhaltung und überbrücken die Langeweile. Das M-Meter misst die G-Kräfte im Auto beim Beschleunigen oder Durchfahren von Kurven: So lassen sich spielerisch fremde Autos testen oder das eigene Fahrkönnen messen. Die Parkscheinverlängerung via Telefon bietet dem Fahrer ebenfalls einen praktischen Nutzwert, wie die Blitzmelder von fest installierten Radaranlagen oder die Stau­melder.

Dabei gewinnt die Kombination von Apps mit GPS immer mehr an Bedeutung. Neuester Trend der App-Entwickler ist »die letzte Meile«. Nachdem die Satellitennavigation via Smartphone das Auto bis zum Parkhaus am Rand der Fußgängerzone geführt hat, lässt man sich vom Handy den Fußweg zu Sehenswürdigkeiten oder Geschäften mit ihren eingespielten Sonderangeboten weisen. Ganz so, wie es die Evolutionsforscherin Linda Stone meinte, wenn sie von einer Gesellschaft »on demand« sprach.

Wenn auch Apple den Boom ausgelöst hat: Die Apps sind nicht auf das Betriebssystem OS beschränkt. Auch die Blackberry-Gemeinde ist auf diesen Zug gesprungen. Vor allem aber wachsen die Anwendungen auf Smartphones rasant, die über das konkurrierende Android-Betriebssystem von Google laufen. Täglich werden mehr als 100 Mini-Programme zum Herunterladen ins Netz gestellt, über 30 000 sind es bereits. Der Vorteil von Android: Es ist auf Geräten unterschiedlicher Hersteller wie Sony Ericsson, Motorola oder HTC verfügbar und ebenfalls intuitiv zu bedienen, sei es mit dem Touchscreen oder der Tastatur. Noch ist der Vorsprung der Apple-Apps gewaltig. Ob er eingeholt werden kann und ob die Kultfirma sich wegen ihrer rigiden Politik nicht selbst ein Bein stellt, bleibt abzuwarten. Zumal Windows von Microsoft ebenfalls mitspielt: Unzählige Programme laufen nach einigen Anpassungen auch in Fahrzeugen.

Die Automobilindustrie hat die Brisanz der Apps erkannt. Mit Argwohn beobachtet sie das massenhafte Abwandern von fest eingebauten Navigationssystemen hin zu preisgünstigen Geräten aus den Filialen der Discounter. Auf das hochprofitable Geschäft mit dem Internet im Pkw will sie aber nicht kampflos verzichten. Ihre Argumente klingen schlüssig: Autofahrer können bei Tempo 130 nicht im Web surfen und sich gleichzeitig auf den Verkehr konzentrieren. Auch die Fülle des Angebots trage hier zur Verwirrung bei, meint der App-Experte Marc Mielau von BMW. »Im Auto suchen Fahrer ganz spezielle Informationen, die ihre aktuelle Route betreffen oder das Fahrzeug selbst.«

Hinzu kommt, dass der Internetbetrieb in einem Fahrzeug höhere Anforderungen an die Betriebssicherheit stellt als beim Einsatz in Wohnräumen. Die Techniker fordern: Die Systeme müssen absolut stabil laufen, die Software darf nicht abstürzen. Auch muss auf jeden Fall vermieden werden, dass der Fahrer durch das Surfen im Internet zu sehr vom Straßenverkehr abgelenkt wird. Die Entwickler von Continental erreichen dieses Ziel unter dem Motto »Simp­lify your Drive« durch gesprochene Befehle: Viele Testergebnisse belegen, dass dies die sicherste Form der Kommunikation ist. Nach einer kurzen Zeit der Eingewöhnung gehen die Befehle ganz leicht von den Lippen.

Mithilfe der Apps möchten die Hersteller ganz nah beim Kunden sein. So könnten sie ihm nachts, wenn der Wagen parkt, aktualisierte Versionen der neuesten Motorsoftware aufspielen, Inhalte der zentralen Speichereinheit auslesen, Verschleißteile wie zum Beispiel Bremsen checken, auf den notwendigen Ölwechsel hinweisen, Service und Wartung per Ferndiagnose übers weltweite Internet anregen.

Aber auch der Fahrzeugbesitzer kann profitieren. Über sein Handy kontrolliert er sein Auto: Sind die Scheinwerfer abgeschaltet, die Fens­ter geschlossen, die Türen verriegelt? Ist ein Rücklicht defekt, kann die Standheizung abgestellt werden, weil der Wagen morgen früh nicht benutzt wird? Der Trackfinder zeigt dem Fahrer an, wo der Wagen gerade steht, ob er wegen aufziehenden Regens das Schiebedach schließen sollte oder ob der Wagen gerade von einem anderen Familienmitglied genutzt wird. Wahlweise können die Informationen über den heimischen Rechner oder das Smartphone laufen. Damit die Vernetzung reibungslos funktioniert, haben sich beim »Simplify your Drive«-Konzept Continental und die Telekom zusammengetan. Das Mobilfunkunternehmen gewährleistet den Transport der Daten, Continental liefert.

Was die Kunden wirklich wollen, darüber erfährt man in der Internet-Community mehr als in Expertengremien. Auto- wie Handyhersteller rufen im Netz zu Wettbewerben um die besten Apps auf. Nokia sucht ein App, das sehr armen Menschen in Entwicklungsländern helfen kann. Volkswagen lässt Designer, Programmierer und Entwickler neue Apps für die Informations- und Unterhaltungstechnik im Automobil entwerfen: Auf der Seite www.app-my-ride.com werden die neuesten Kreationen dieser Community vorgestellt. Wenn auch der Wettbewerb abgeschlossen ist und die Sieger seit Mitte August feststehen, lohnt es sich immer noch, diese anregende Seite zu besuchen.

Wer über weiteren eigenen Ideen brütet und sie im App-Store verkaufen möchte, sollte sich aber nicht von jenem Video auf You­Tube inspirieren lassen, bei dem ein Mini sich übers iPhone steuern lässt. Das ist kein App. Das ist pure Veräppelung.

 

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