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Tiefseeforschung

Angriff aus der Tiefe

Die Tiefseeforschung steht noch vor gewaltigen Rätseln. Und ihre bisherigen Erkenntnisse verheißen nicht nur Gutes.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Rätsel der Tiefseeforschung

Wie eine Bombe schlug das Buch »Der Schwarm« ein. Es macht auf eine kaum beachtete Gefahr aufmerksam: Unbekannte Lebewesen in den Tiefen der Ozeane könnten sich zusammenrotten und für die Eingriffe der Menschen in ihre Lebensräume brutal rächen. Nur eine Fiktion? Oder eine reale Gefahr der Tiefseeforschung?

Was Frank Schätzing, Autor des Bestsellers »Der Schwarm«, auf seiner Homepage formuliert, verheißt nichts Gutes: »In den Tiefen der Meere hat die Jagd begonnen. Die Jagd auf das gefährlichste Lebewesen, das die Erde je bewohnt hat. Auf uns.« Noch gar nicht entdeckte Tiefseeorganismen sowie Quallen, Krabben und Co. schließen sich in Schätzings Wissenschafts-Thriller zu riesigen Schwärmen zusammen, die uns Menschen vernichten wollen, weil wir das Ökosystem Meer zerstören. Es gibt Todesopfer, die Schifffahrt muss eingestellt werden. Unsere Existenz ist bedroht.

Aber ist das realistisch? Gibt es unbekannte, intelligente Lebensformen in den Tiefen der Ozeane? Können Meeresorganismen sich zu strategisch denkenden Wesen vereinen? Sind sie wirklich eine Gefahr für die Menschen? Steht die Tiefseeforschung vor einem Rätsel?

Die Forscher wissen nur wenig über die Tiefsee: Die Welt dort unten ist uns ferner als der Mond. Gut 70 Prozent der Erdoberfläche liegen unter Wasser, 62 Prozent sogar in über 1000 Meter Tiefe – eine Meeresregion, die niemals vom Licht der Sonne erreicht wird und deren tiefste Schluchten 11000 Meter hinabreichen. Auf einer Fläche von vielleicht hundert Quadratkilometern haben U-Boote und Tauchroboter Fauna und Flora am Boden der Tiefsee analysiert – und auf gerade mal ein paar hundert Quadratmetern wurden Kleinstorganismen systematisch untersucht. Die Gesamtfläche der Ozeane misst aber 361 Millionen Quadratkilometer.

In ihren Tiefen gibt es bis zu zehn Millionen bisher unbekannte Arten, schätzen die Experten des internationalen Forschungsverbunds »Census of Marine Life« (CoML), an dem 300 Wissenschaftler aus über 50 Nationen beteiligt sind. Zwar werden jede Woche durchschnittlich drei neue Arten entdeckt und analysiert. Aber die Geheimnisse der Tiefseeforschung sind noch lange nicht entschlüsselt. »CoML ist erst der Beginn der größten und abenteuerlichsten Entdeckungsreise des 21. Jahrhunderts«, sagt sein Vorsitzender J. Frederick Grassle von der amerikanischen Rutgers University.

Anfänge der Tiefseeforschung

Diese Reise wird die Forscher durch alle Etagen der Tiefsee führen. Etwa 1000 Meter unter der Wasseroberfläche beginnt die lichtlose »Sprungschicht«, in der die Wassertemperatur schlagartig auf zwei Grad über Null fällt. Darunter liegt in ewiger Nacht das »Abyssal« (lat. abyssus = Abgrund), das die Zone bis 4000 Meter umfasst. Das »Kellergeschoss« heißt »Hadal« (griech. hades = Unterwelt): Es reicht 11034 Meter hinab – bis zum absoluten Tiefpunkt der Meere im ostpazifischen Marianen-Graben nahe der Insel Guam.

Im Abyssal und Hadal herrschen aus menschlicher Sicht nicht gerade günstige Lebensbedingungen. Es ist kalt und dunkel, und es gibt kaum Nahrung – wenn man davon absieht, dass ständig Pflanzenreste, Müll, Exkremente und Kadaver verendeter Meeresbewohner aus den oberen Schichten der Ozeane wie ein Schneeregen herabrieseln und auf dem Grund meterhohe schlammige Sedimentschichten  bilden. Dazu kommt das Gewicht der Wassermassen. Im Hadal herrschen die höchsten Drücke der Erde: bis zu einer Tonne pro Quadratzentimeter. Das entspricht etwa 30 voll beladenen Lastzügen.

Bis vor kurzem ging die Tiefseeforschung deshalb davon aus, dass in der Tiefsee wenig los ist: eine totenstille, verwaiste Wasser- und Schlammwüste ohne eine Spur von Leben. Aber die Expeditionen in den letzten zehn Jahren beweisen: In der Tiefsee wimmelt es geradezu vor Leben. Millionen unterschiedliche Würmer wühlen sich durch jeden Quadratkilometer Sediment; augenlose Krebse staksen durch den Schlamm; Vipernfische mit überdimensionalen Zähnen lauern auf Beute; über allen schweben wohnblockgroße Quallen, die zu über 90 Prozent aus Wasser bestehen, um dem enormen Druck standhalten zu können.

Und jede weitere Forschungsreise bringt neue Überraschungen. Zwar gibt es in der ewigen Nacht keine Pflanzen mehr – dafür eine vielfältige Tierwelt mit geschickten Überlebensstrategien: Die Ausbildung extremer Körperformen und gigantischer Ausmaße gehört ebenso dazu wie raffinierte Arbeitsteilung oder komplexe Organisation. Natürlich ist keines der einzelnen Wesen dort unten in unserem Verständnis »intelligent«. Trotzdem haben sie es zusammen geschafft, einen Lebensraum zu besiedeln, der für uns Menschen unzugänglich ist.

Das spricht für eine kollektive Intelligenz. Und dieses Kollektiv ist beunruhigend groß. Als die Besatzung des Hamburger Forschungsschiffs »Meteor« im Juli 2000 bei Windstärke acht und sechs Meter hohen Wellen vor Angola Sedimentproben aus 5,5 Kilometer Tiefe holte, erwartete man sich vor allem Auskunft über die Beschaffenheit des Bodens. Drei Stunden dauerte es, bis man die Bodengreifer, Schleppnetze und Tiefseeschlitten mit den Proben aus dem zwei Grad Celsius kalten Grundwasser an die 20 Grad warme Wasseroberfläche gehievt hatte. Zunächst fanden die Geologen schneeweißen, fast sterilen Ton, darunter eine durch Eiseneinlagerung grün gefärbte Sedimentschicht, die seit mindestens 15.000 Jahren dort unten lagerte.

 

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Autor/in: Michael Kneissler

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